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Gießener Anzeiger.

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Expedition: Gang leibet '

Lit. B. Nr. 1. < Z

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Nr. 113. Mittwoch Zm 15. Mai 1872

Deutschland.

Berlin, 11. Mai. Es wird von allen Seiten bestätigt, daß das Verfahren der Regierung gegen den. Bischof von Erwland jetzt seinen Fortgang haben wird. Wie wir hören, wird die Regierung sich nicht darauf einlassen, die casuistischen Erörterungen über die Bedeutung und Tragweite der Exkommunikation weiter auszudehnen. Die Staatsregierung hat eine viel wichtigere und naher liegende Aufgabe, nämlich mit Entschiedenheit einem in dem jüngsten Rechtfertigungsschreiben des Bischofs aufgestellten Princip entgegenzutreten. Die Censurdecrete, heißt es bekanntlich dort, ständen in keinem Widerspruch mit den Staatsgesetzen. Wäre aber auch ein Widerspruch vorhanden, so sei Bischof Krementz nicht im Stande, denselben zu lösen; auch könne er in allen Fällen, wo zwischen den staatlichen und kirchlichen Anordnungen ein Widerspruch zu Tage träte, nur den letzteren Folge geben. Das ist ein Princip, welches der heutigen Auffassung vom Staat schnurstracks zuwiderläuft. Die Regierung hat diesem und jedem ähnlichen Rück­halt gegenüber den Grundsatz zur Geltung zu bringen, daß im Staate jede welt­liche und kirchliche Autorität ausschließlich und in allen Fällen sich den Normen des Landrechts zu fügen hat. Man darf überzeugt sein, daß die Staatsregierung diesen Grundsatz energisch vertreten und mit der nöthigcn Konsequenz zur An erkennung zu bringen wissen wird.

Wie verlautet, hat die Reichsregierung auf Wunsch der französischen Re­gierung sich bereit erklärt, in Verhandlungen über die Zahlung der Kriegsent schädigung einzugehen.

Wie behauptet wird, ist es unwahrscheinlich, daß Fürst Bismarck an den ferneren parlamentarischen Verhandlungen werde theilnehmeu können.

Berlin, 12. Mai. DerN. Pr. Z." wird aus Posen vom 10. dS. Mte. geschrieben:Ich bin in der Lage, Ihnen den Wortlaut der Circularverfügung witzutheilen, welche der Erzbischof Graf Ledochowski an die Geistlichkeit beider Erzdiöcesen zur Unterstützung der Iesuitenpetition an den Reichstag erlassen hat. Dieselbe ist aus dem Städtchen Goqancz vom 7. Mai datirt und lautet also:

Da wir in Erfahrung gebracht, daß viele unserer edelgesinnten .^iöcesanen sich damit beschäftigen, Unterschriften der Gläubigen für eine an das Reichsparla- ment zu richtende Petition zum Schutz der Congregation der Väter Icsu zu sam­meln, für welche das unserer oberhirtlichen Obhut anvertraute Volk eine eben so innige, wie gerechte und wohlbegründete Dankbarkeit und Anhänglichkeit hegt, so erachten wir es für angemessen, unserer ehrwürdigen Geistlichkeit kundzugeben, daß wir es sehr gern sehen werben, wenn sie eine Sache, die wir bereits in einem Immediatgesuch vor Sr. Maj. dem Kaiser zu verlheidigen gesucht haben, auch ihrerseits in kluger und gesetzlicher Weise unterstützen."

Berlin, 13. Mai. In der gestern stattgehabten Generalversammlung der Zimmer- und Maurergesellen Berlins, welche den Ortsvereinen nicht angehören, wurde beschlossen, die von dem provisorischen Einigungsamte der Meister vorge­schlagenen Bedingungen nicht anzunehmen und die partiellen Strikes ausrecht zu erhalten, bis eine Einigung der Meister mit dem durch die Gesellen eingesetzten Einigungsamte erfolgt ist.

Leipzig, 13. Mai. Der deutsche Handelstag ist stark aus ganz Deutsch­land besucht; auch Delegirte aus Straßburg und Mühlhausen erschienen. Zum Präsidenten wurde Delbrück aus Berlin, zum ersten Vicepräsidenten Becker aus Leipzig, zum zweiten Vicepräsibenten Hertel aus Augsburg gewählt.

München, 9. Mai. Von Professor Dr. Sepp ist dieser Tage im Verlage von E. Gummi eine Schrift erschienen unter dem TitelDeutschland und der V^tican", welche sich in der bekannten geistvollen und pikanten Art dieses Autors über die brennende kirchliche Frage ausläßt. Ein eigenthümliches Licht auf die Consequenz und Charakterstärke der Führer der ultramontanen Partei wirft eine interessante Mittheilung, welche Sepp über eine bei Gelegenheit des ZollvarlamentS von katholischen Mitgliedern desselben zu Berlin am 17. Juni 1869 abgehaltene Zusammenkunft macht, welche eine Art vonLaienconcil" bildete, als Opposition gegen das in Rom tagende vatikanische Concil und dessen infallibilistische Ab­sichten. Theilgenommen an dieser Versammlung, welche rm Saale des Rothen Adlers in der Kurftraße stattfand, haben die HH. Obertribunalrath Peter Reichen- sperger, der den Vorsitz führte, Windthorst, Minister v. Mittnacht, Geheimrath Savign», Graf Hompesch, Rath HostuS, Justitiar Probst, der als Protokollführer fungirte, OverhofgerichtSrath Roßhirt, Dr. Bisstng, Dr. Jörg und nebst noch einigen anvern derLaientheolog" Sepp, welcher über den Verlauf und das Re­sultat der Verhandlung diesesLaienconcilS" in seinem Eingangs erwähnten Buche folgendes mittheilt:Auf der Tagesordnung stand der Antrag auf eine Adresse an Deutschlands Bischöfe in Sache der ausgeschriebenen ökumenischen Kirchen- versammlung, nachdem eine solche speciell von Coblenz an Bischof Eberhard von Trier abgegangen war, unter höflicher Verwahrung gegen neue Dogmen, wie die Infallibilitäl des Papstes, die leibliche Himmelfahrt der Madonna, oder wider eigenmächtige Statuten, über das Verhältniß von K'rche und Staat, die Tren- nung der katholischen theologischen Facultäten von den Hochschulen rc. Unsere Annahmen sollten nicht zur Belehrung der Bischöfe, sondern einfach zur Ueber- zeugunq dienen, daß sich bei ihrem in Rom abzugebendcn Proteste das katholische Deutchlanb um sie schaaren werde. Es kam wir dabei als Geheimniß zu Ohren, daß der Hr. Fürstbischof von Breslau, wie der Hochwürdigste von Trier, auf diese Versammlung streng katholisch gesinnter Parlamentsmitglieder ein großes Gewicht legten, und sie bei ihrem Verhalten in der Siebenhügelstavt sich daraus zu stützen

gedächten. Nur die badischen Abgeordneten fürchteten bei den dortigen eigcnthüm- ltchen Staatsverhältnissen eine Schwächung der kirchlichen Autorität. Reichen- sperger und Probst mahnten zu raschem Vorgehen, ohne erst lange bei allen Bi- schofen Umfrage zu halten. Für den Erlaß einer ehrfurchtsvollen Adresse an die deutschen Concilsväter erhoben sich 17 Mitglieder, für vorläufige Anfrage hatten 14 gestimmt. Der Eindruck unserer deutschen Erklärung werde ein wichtiger sein, so hieß es; ich hoffte, sie werde auf die romanischen Enthusiasten jedenfalls cal- mirend wirken,noch habe die Hydra nicht viele Köpfe." Die Sitzung ging erst um Mitternacht zu Ende. Die gefaßten Beschlüsse wurden später lithographisch vervielfältigt, und unter die Mitglieder vertheilt, welche es übernahmen, dieselben einzeln den hochw. Bischöfen vor ihrer Abreise nach Rom zu überreichen, und sie noch persönlich der nachdrücklichen Unterstützung von uns Laien zu vergew'ssern. Die Adresse sollte auch in dem angesehensten politischen Organ des katholischen Deutschlands zur Veröffentlichung gelangen, was die Redaktion auffallend unter­ließ aus Politik ter freien Hand!" Auf der Heimreise von Berlin nahm Pro- fessor Sepp damals seinen Weg über Prag, wo er dem Cardinal-Fürsterzbischof 'Lchwarzenberg die Resolutionen des Berliner kirchenpolitischen Vorparlaments über­leichte. Se. Eminenz erwiderte, wie Sepp erzählt, nach langsamer Lesung und nachdenklicher Ueberlegung:Das ist viel zu schwach, mit Rom muß man eine ganz andere Sprache führen."

München, 12. Mai. In dem Zustand des Prinzen Otto, des einzigen Äruders unteres Königs, der lange Zeit zu den größten Befürchtungen Anlaß gegeben hatte, hat sich eine Aendcrung vollzogen. Von -den ihn behandelnden vier Aerzten, worüntcr Leibarzt v. Gietl und der Director der Irrenanstalt, Soldrig, bat Letzterer, der wegen des Nervenleidens, das den Prinzen befallen hatte, beigezogen wurde, unbedingt den meisten Einfluß auf den Patienten, und seinen ernsten Zureden ist es endlich gelungen, den Prinzen zu überreden, sich einer andauernden und unbequemen Kur zu unterziehen, Den Sommer wird der Prinz wahrscheinlich am Comersee zubringen. Es ist leicht begreiflich, warum die Mit-

^Heilungen über den Gesundheitszustand des Prinzen Otto mehr als persönliches Interesse haben.

Oesterreich.

_ Prag, 10. Mai. Auf der Universität kam es zu Scenen der czechischen Studenten gegen Ionak wegen dessen Votums für die Straßburger Adresse. Ionak erklärte, er sei im Hörsaale Niemanden Rechenschaft schuldig, und setzte seinen Vortrag fort.

Pesth, 10. Mai. Der Kaiser ist heute früh um halb 2 Uhr in Begleitung des Erzherzogs Joseph, der Minister Lonyay, Wenckheim, Toth, Kerkapolyi, Tisza und Szlavy, des Obersthofmeisters Grafen Karolyi und des Grafen Raday hier eingetroffen.

Schweiz.

Zürich, 13. Mai, 7 Uhr Morgens. Das bis jetzt bekannte Resultat der Volksabstimmung über die revidirte Bundesverfassung ergibt 223,187 Ja und 162,434 Nein. Die Voten von fünf Cantonen sind noch unvollständig, von sechs noch unbekannt. Die Volksmehrheit stimmt jedenfalls für die Annahme, die Can- tonsmebrdeit (13) für die Verwerfung.

Bern, 13. Mai, Morgens. Das bisherige Resultat der Volksabstimmung weist auf: 225,436 Ja, 199,472 Nein. Die Stände Bern, Zürich, Glarus, St. Gallen, Schaffhausen, Basel, Thurgau, Aargau, Solothurrl und Neuenburg votirten mit Ja, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Appenzell, Wallis, Genf, Waadt und Freiburg mit Nein. Die Voten von Graudündten und Tessin sind noch unentschieden.

Bern, 13. Mai. Resultat der Volksabstimmung mit unwesentlichen Rück­ständen: Ja: 251,068, Nein: 247,030. Stände: 9 Ja, 13 Nein.

Bern, 14. Mai. Die revidirte Bundesverfassung ist bei der Volksabstimmung mit 257,000 gegen 252,000 Stimmen, bei der Cantonal-Abstimmung von 13 Cantonen gegen 9 abgelehnt worden.

Frankreich.

Paris, 12. Mai. Der Ex-Kaiser Napoleon wird nach dem Rathe seines Leibarztes, des Dr. Conneau, diesen Sommer die Bäder von Wiesbaden gebrauchen. Die Ex-Kaiserin soll ihn begleiten. Eine Anzahl französischer Damen hat für den Papst eine goldene Dornenkrone anfertigen lassen. Ein päpstlicher Ex-Zuave hat dieselbe nach Rom gebracht und wird sie dem Papst an seinem Gebvststage überreichen. Unter der hiesigen Geistlichkeit werden gegenwärtig Geldsammlungen für den Bischof von Metz ongestellt. Man will denselben dafür belohnen, daß er dem Kaiser von Deutschland den Eid der Treue verweigert, und ihm von den erngesammelt'N Geldern eine lebenslängliche Rente schaffen.

Versailles, 13. Mai. Thiers hatte gestern eine Unterrevuntz mit dem deut­schen Botichafter, Grafen Arnrm. Wie aus guter Quelle verlautet, drückte Thiers den lebhaften Wunsch a.uS, daß Verhandlun'gen über die Zahlung de» Kriegs- kostenrestes eingeleitet werden und wenn möglich im Jahreslause zum Ziele ge­führt werden möchten.

Versailles, 13. Mai. Natiöna.lversammlung. DiScusflon über den Post­vertrag mit Deutschland. Mehrere Redner sprechen sich gegen denselben aus Nach den Erwiderungen des Berichterstatters der Commission und des General-