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Urd9 vierteljährig 1 fl. 12 fr. nit Vringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fL 29 fr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit AuS- nahme Sonntags.
Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 214
Donnerstag den 12. September
1872.
Die neueste Wendung der bayerischen Krisis.
Die bayerischen Wirren sind seit einigen Tagen in ein neues Stadium getreten. Nachdem die Bemühungen des Herrn v. Gasser, ein Cabinet von entschieden particularistischer und gemäßigt ultramontaner Richtung zu bilden — denn das ungefähr war die Ansicht, die man in Bayern von seinen Intentionen hotte — an den Punkt des Gelingens angekommen zu sein schienen, wurden wir am Freitag durch die Nachricht überrascht, daß die Versuche des Herrn v. Gasser wegen der Weigerungen der herangezogenen Persönlichkeiten nicht von Erfolg gewesen sind. Es wurde hinzugefügt, baß er bereits dem Könige mitgetheilt habe, daß er auf weitere Versuche verzichten müsse; in Folge dessen, wie gelüchtweis verlautet, Herr v. Pfretzschner mit der Bildung eines neuen CabinetteS beauftragt sei.
Man könnte auf den ersten Blick versucht sein, zu glauben, daß diese an sich ganz natürliche, aber in dem Augenblick, wo fi eintrat, doch unerwartete Wendung unter, dem Eindruck der unmittelbar bevorstehenden Berliner Drei- Kaiser-Zusammenkunft erfolgt sei. Bei näherer Erwägung wird man indessen doch geneigt sein, eine unmittelbare Einwirkung des großen Berliner Ereignisses nicht für grade wahrscheinlich zu halten. Wenn Herr v. Gaffer und diejenigen Elemente, die feine Candidotur auf die ^ggesordrzung gebracht und nach Kräften befördert haben, durch die Rücksicht auf Vie Berliner Eonferenz zum Rückzug ver- onlaßt sein sollen, so begreift man nicht recht, warum diese Wirkung erst am Vorabende der Zusammenkunft hätte eintreten sollen, do ja doch schon seit Wochen die Politik aller europäischen Kabinette von den auf daS mit voller Sicherheit bevorstehende Ereigniß bezüglichen Conjecturen bestimmt wurde. Es war in ter letzten Zeit nichts vorgekowmen, was die allgemeine Auffassung des Charakters und der Wirkungen der Zusammenkunft hätte modificircn können. Hatten also Herr v. Gasser und diejenigen, als deren Organ er handelte, vor einigen Wochen den kühnen Entschluß gefaßt, der natürlichen Entwickelung der Dinge entgegen- zuarbeiten, hatte sie selbst die glänzend hervortretende rcichSfreundliche Gesinnung des überwiegenden TheileS Ver bayerischen Bevölkerung in diesem Entschluß nicht wankend g-macht, sondern vielmehr in demselben bestärkt, warum hätten sie plötzlich, ohne jeden neuen Zwischenfall, sich Eindrücken hingeben sollen, den ffc bis dahin mit einem gewiffcn Trotz weit abgewiesen hatten?
Daran allerdings laßt sich nicht zweifeln, daß diejenigen Männer, an die Herr v. Gasser sich gewandt hat, in höherem Grade als er selbst unter dem Eindruck der allgemeinen Lage der Dinge standen, und nicht ihre Kräfte in einem vergeblichen Kampf wider die Gewalt der Thatsachen abnutzen mochten. Und da die Macht der die Weltlage beherrschenden großen Thatsachen in der Berliner Monarchenzusammenkunst ihren augenfälligsten und schärfsten Ausdruck findet, so läßt sich die mittelbare Einwirkung dieses Ereignisses auf den Verlauf ver Münchener Ministerkrisis natürlich nicht in Abrede stellen. Herr v. Gasser hat Bedenken unb Zweifel gefunden, wo er gewiß auf ein begeistertes und freudiges Entgegenkommen gerechnet hatte. Die Bedenken hatten aber lediglich ihren Grunv in dem geringen Vertrauen der aufgeforderten Persönlichkeiten auf die Lebensfähigkeit eines auf Grundlage der Gasser'schen Bestrebungen gebildeten Cabinets. Wer überhaupt der Ueberlegung fähig war, der urtheilte eben, daß eine bayerische JsolirvngSpolitik den Thalsachen gegenüber, denen in Berlin eine so glänzende Anerkennung zu Theil wird, auf die Dauer nicht durchzuführen l werde.
I Vielleicht würden die Fanatiker' des ParttculanSmuS, die die nationale Entwickelung nicht etwa bloS hemmen und zügeln wollen, sondern die offen bekennen, daß ihre Bestrebungen darauf gerichtet sind, die Ergebniffe derselben im Anschluß an die äußerste ultrawontane Partei und mit Unterstützung des Auslandes rückgängig zu machen, größere Entschlossenheit gezeigt haben; denn ver FanatiS- wuS überlegt nicht, er handelt blindlings. Aber diese Partei zählt nur Demagogen, denen schlechterdings die Zügel der Regierung nicht onvertraut werden können, wenn man Bayern nicht in den Augen der ganzen Welt lächerlich machen will; ganz abgesehen davon, daß die Bundestreue und der vaterländische Sinn des Königs nimmermehr Bestrebungen, die auf Vie Zertrümmerung VeS Werkes aus- gehen, an vessen Zustandekommen er selbst einen so ruhmvollen Antheil genommen hat, je ne Sanktion erhalten würde.
Die extreme particularistisch-ultramontane Partei ist denn auch wahrend der ganzen Krisis nicht einen Augenblick in Frage gekommen. Alle Bestrebungen liefen darauf hinaus, ein Ministerium der kühlen Reserve in Reichstagsangelegen- heiten zu bilden. Die norddeutsche Presse hat sich diesen Bestrebungen gegenüber selbst sehr reservirt gehalten, weil sie dteselcen wohl Bayerns wegen bedauert, eine ernstliche Bedrohung ter Reichsinteressen von denselben aber nicht gefürchtet hat. Sie Hot in der Kritik dieser Bestrebungen mit richtigem Tacte, um auch den Schein einer Einmischung in die bayerischen Verhältnisse zu vermeiden, den bayerischen Blättern ganz entschieden den Vortritt gelassen. Und daran hat sie wohlgethan; denn wenn z. B. „Augsburger Allgem. Ztg." die Gefahren, welche Bayern aus einer verdrossenen Politik der Zurückhaltung erwachsen muffen, wiederholt in gründlicher Weise erörtert hat, so mußte bas in den leitenden bayerischen Kreisen einen ganz andern Eindruck machen, als wenn die norddeutschen Organe in dieser Angelegenheit Partei ergriffen hätten, als es eben zur Wahrung des Standpunktes unbedingt erforderlich war.
Man kann also mit Recht behaupten, daß Deutschland in dieser Krisis
Bayern ganz sich selbst überlassen hat, und diese taktvolle Zurückhaltung wird gute Frucht bringen. Denn indem die Entwickelung der Dinge ganz ihren eigenen Impulsen anheimgegeben ist, ist durch das Scheitern der Gasser'schen Bemühungen mit überzeugender Klarheit die Haltlosigkeit, der Mangel an innerer Berechtigung dieser Bestrebungen dargethan. Eine verfassungswidrige Reaktion würbe allerdings nicht nur die öffentliche Meinung des ganzen Deutschlands, sondern dos Reich sechst in die Schranken gerufen haben. Eine solche war ja aber nickt beabsichtigt, sondern t6* handelte sich eben nur um die Inangriffnahme einer Politik de- WkderstandeZ, nicht um die Reaktion, sondern nur uw die Negation des Fortschritts, nicht um einen Angriff gegen das Reich, sondern um die mögliche Isolirung Bayerns innerhalb des ReichSverbandeS.
Diese Tendenzen ließen sich von außen gar nicht bekämpfen, sie mußten sich selbst, so zu sagen, ad absurdum führen. Und das ist durch die Gaffer'sche Episode geschehen. Wenn Herr von Gaffer, ohne daß ihm von deutscher Seite das geringste Hinderniß in den Weg gelegt wird, scheitert, so läßt sich nicht länger bestreiten, daß die Politik der Isolirung weder den Verhältnisse, noch den bayerischen Jntereffen entspricht; denn sie hat nicht einmal die Organe jfinden können, um eine ernstliche Probe ihrer Lebensfähigkeit abzulegen.
Wir wollen uns nicht auf Vermuthungen einlassen über die Phasen, welche die bayerische Ministerkrisis möglicher Weise noch durchlaufen wird. Möglich ist cs immerhin, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß man in der Verlegenheit nochmals auf die Gasser'schen Tendenzen zurückgreift; die meisten Aussichten hat aber offenbar zunächst eine Rückkehr auf den bisher eingenommenen vermittelnden Standpunkt. Ob man auf diesem lange wird beharren können, ob nicht vielmehr der ganze Verlauf der Dinge bald zu einer lebendigeren, freudigeren Erfassung der nationalen Ausgaben drängen wird, muß abgewartet werden. Wir wünschen dies in Bayerns Interesse aufrichtig, und wir sind auch überzeugt, daß früher oder später eine solche Wendung eintreten wird. Der Gedanke aber, vielleicht noch lange darauf warten zu müssen, beunruhigt uns keineswegs: es genügt uns, zu wissen, daß die Macht der Dinge unwiderstehlich zu der Berufung eines ent- schieden nationalen Ministeriums hindrängt.
Deutschland.
Darmstadt, 10. September. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 40 enthält:
1) Bekanntmachung der Großh. Ministerien des Großh. Hauses unb des Aeußern, Abänderungen des Postreglements vom 30. November 1871 betreffend.
2) Bekanntmachung Großherzoglichen Kreisamts Offenbach, die Nicht- erhebung der Communalsteuern der tsraelitischen^NeligionSgemeinde zu Weiskirchen für 1871 betreffend.
3) Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.
4) Namensveränderung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnävigst geruht: am 14. August dem Elias Liebmann von Oppenheim zu gestatten, daß derselbe in Zukunft statt des bisherigen den Vornamen Heinrich führe.
5) Ertheilung eines Erfindungspatents. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog hoben allergnävigst geruht: am 21. August vem Maschinenmeister Jakob Heberlein in München aus vessen Nachsuchen ein ErfinvungSpatent aus Vie durch Zeichnung und Beschreibung näher erläuterte Construction einer selbstthätigen Bremse für Eisenbahnfahrzeuge unter vem ausdrücklichen Vorbehalte jedoch, daß durch das verliehene Patent Niemand in der Anwendung bereits früher schon bekannt gewesener Theile der Erfindung gehindert werden soll, während der nächsten fünf Jahre für den Umfang des Großherzogthums zu ertheilen.
6) Dienstnachricht. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben aller- gnädigst geruht: am 23. August den von dem Fürsten zu Isenburg-Birstein auf die evang. Schulstelle zu Götzenhain, im Kreise Offenbach, präsentirten Schullehrer an der evang. Schule zu Burgbracht, im Kr. Büdingen, Wilhelm Döll, für diese Stelle zu bestätigen.
7) Characterertheilungen.
8) Dienstenthebung.
9) Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: die 1. kathol. Schulstelle zu Ober-Wöllstadt, im Kr. Friedberg, mit einem Gehalt von 300 fl. 44 fr.; dem kathol. Pfarrer unv Vem Gemeinderathe zu Ober-Wöllstadt steht Vas Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu; Vie 1. evang. Schulstelle zu Hungen, im Kr. Nidda, mit einem jährlichen Gehalt von 592 fl. 52y2 fr.; dem Herrn Fürsten zu SolmS- BraunfelS steht das PräsentationSrecht zu bleser Stelle zu; die evang. Schul- stelle zu Hemmen, im Kr. Lauterbach, mit einem jährlichen Gehalt von 300 fl.; dem Herrn Grafen Schlitz genannt von Görtz steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu.
Darmstadt, 10. September. Geh. Rath Hofmann hatte heute Morgen eine lange Audienz bei dem Großderzoge. Morgen erwartet man die Publikation Ver Ministerliste. Das jetzige Justizministerium hielt heute Morgen seine letzte Sitzung. Minister v. Lmdelof und Geh. Staatsrath Franck waren zu derselben nicht in Uniform, sondern im schwarzen Frack erschienen und verabschiedeten sich nach Erledigung der dringendsten Geschäfte durch eine Ansprache von ven Secretairen und dem Kanzleipersonal..
Darmstadt, 11. September. Wie man hört, wird der Großherzog sofort nach der Besetzung der erledigten Stellen in dem Ministerium die schon früher


