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Gießener Anzeiger

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiefen

Freitag den 27. Januar

Nr. 23

1S71

Lause der nächsten Woche ttm Ende dieses Widerstandes entgegen.

Preis vierteljährig 1 fl. 12 kr. mit Brtngerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 fr.

ormeen, wenn sie überhaupt sich noch bewerkstelligen läßt, jedenfalls längere Zeit in Anspruch nehmen würde, so bricht in Frankreich, wenn auch langsam, die Ein­sicht sich Bahn, daß der Fall der Hauptstadt unvermeidlich ist.

Aus die KnegSsanatiker haben die erschütternden Ereignisse der letzten Wochen freilich einen anderen Eindruck gemacht. War Gambetta bisher mit Trochu's der Sachlage entsprechendem temporisirendem System ganz zufrieden, so sieht er jetzt, wo er in der Rolle als Earnot der neuen Republik so kläglich Fia-co gemacht tat, die Dinge ganz anders an. Sollte bisher Paris durch bloßes Ausharren den Provinzen Zeit verschaffen, ihm zu Hilfe zu eilen, soll eS jetzt plötzlich activ in die Operationen außerhalb des EernirungSgürtel» ringreifen; das heißt also: da die Provinzen Paris nicht zu Hilfe kommen können, so soll Paris den Pro­vinzen zu Hilfe kommen, um diese in den Stand zu setzen, ihrerseits Paris zu Hilfe zu eilen. Auf diesen Unsinn läuft der neueste Lärm der Gambettisten hin­aus, bei dem es offenbar darauf abgesehen ist, die Verantwortung für die bereits eingerittenen und voraussichtlich noch bevorstehenden Unglückssälle und Niederlagen von Gambetta auf die Pariser Strategen abzuwälzen.

Die Tollheit dieses Drängens ergiebt sich einfach aus der Thatfache, daß es Trochu zu einer Zeit, wo mehrere Entsatzarmeen sich bis auf eine vcrhältniß- mäßig geringe Entfernung der Hauptstadt genähert hatten, nicht gelungen ist, die

Ob Trochu es noch auf einen DerzweiflungScoup ankommen lass.n oder durch eine Eapituiation der Agonie der Hauptstatt ein Ende machen »iio, das dürste sich wohl schon in der nächsten Zukunft entscheiden.

und ihre Positionen in wahre Festungen verwandelt. Und sitzt verlangt man, daß Trochu sich durchschlägt, ohne Rücksicht darauf, daß jedes EorpS, dem es wider alles Erwarten gelingen sollte, unter ungeheuren Verlusten die deutschen Stellun- gen zu durchbrechen, alsbald zwischen zwei Feuer genommen und völlig vern chtet werden würde.

möglichst zähen Widerstand entgegenzusitzen, um dadurch der französsichcn HccrcS- siitung die zur Sammlung und Ausbildung neuer Truppenkörper nothwendigc Zeit zu verschaffen. Zeitgewinn war, zumal bei der lange andauernden Neutra- lisirung der halb.n deutschen Streitmacht durch die Cernirung von M<tz für dir Franzosen von unberechenbarem Werthe. Die Fronte der neu sich bildenden Hcen war natürlich auf den einen Mittelpunct Paris gerichtet; ter Entsetz dir Haupt­stadt war die Aufgabe des Landes, wie es die Aufgabe der Hauptstadt war, durch die Dauer ihres Widerstände- das Land zur Lösung seiner Ausgabe in den Stand 1» sctzen.

Paris fiel also in diesem Plane die Rolle des AuSharrenS, der Verthcidi- gung zu, Gambetta, als dem Leiter und Ordner der Wehrkraft des Landes, die thätige, angrcisende Rolle.

Trochu Hot sich, so weit man darüber gegenwärtig schon urtheilcn kann, seiner Aufgabe insofern gewachsen gezeigt, als er eben das unter den gegebenen Derbältnissen Mögliche geleistet hat, und ullra posse nemo obligalur. Die mi­litärische Schulung ter jeder KriegSzucht leidenschaftlich widerstrebenden, wenn auch momentan muthigen Pariser Bevölkerung ist ihm allerdings nur sehr unvollkommen gelungen, wofür aber doch wohl weniger ihn, als die vom ersten Augenblick ihm entgegenwirkende hauptstädtische Demagogie, mit der er uvauSgksrtzt zu rechnen hatte, und der er, um den Ausbruch des Bürgerkrieges in den Straßen von Paris zu verhindern, bei jeder Gclegenhelt glaubte, Zugeständnisse machen zu müssen, die Verantwortung trifft. Jedem der verschiedenen auf einander eifersüchtigen Element, der Pariser Armee die richtige Stille anzuweisen, war eine außerordentlich schwierige Aufgabe, deren vollständige Lösung nur einem Feldherrn gelingen konnte, ter allcr seiner Untergebenen unbedingt Herr war; und das war Trochu keineswegs. De rücksichtigt man alle diese ihm im Wege stehenden Schwierigkeiten, so wird man ihm dos Zeugniß nicht versagen können, daß er sich als ein einsichtsvoller und kräftiger Organisator bewährt hat.

Auch über seine Befähigung als General wird der unbefangene Beobachte! günstiger urthrilrn, als die Redner der Pariser Clubs. Er hat durch improvisirtc Werke das Besistigungsspflem von Paris zweckmäßig ergänzt. Er hat sich ferner bemüht, die Vertheidigung, soweit der unvollkommene Zustand seiner Trr-pprn es gestattete, aggressiv zu führen, und durch wiederholte Offensivstöße sich Luft zu 1 verschossen. Das Scheitern aller Versuche, den eisernen Gürtel, der sich um Paris gelegt hat, zu lockern, Hot ihn vorsichtig gemacht, und diese Vorsicht zeugt offen- bar von größerem Derständniß der Sachlage, als das Drängen Derjenigen, die alles Heil von unausgesetzten Mcsscnausfällen erwarten.

Gehen wir nun zu den Leistungen der Entfatzarmeen über, so können wir jetzt schon constatiren, daß sie mit ihren Anstrengungen völlig gescheitert sind, und 1 damit das Schicksal der Hauptstadt besiegelt haben. Die Wist- und Nordarmee <

DasIouinal des Dcbats" fährt mit ter Veröffentlichung der Berichte des Obersten Stoffel fort. In einem dieser Berichte stellt der Militärbevollmächtigte in Berlin Betrachtungen an, die dem Kaiser die Eigenschaften der preuß sehen Armee, den Geist, der sie beseelt, kurz, ihren ganzen moralischen Zustand schtldern sollen. Der Bericht schließt mit folgender Darstellung:Um eS kurz zu sagen, das Schauspiel, welche- Preußen dem Beobachter bietet, ist folgende-: Auf der einen Seite eine lebenskräftige, energische, unterrichtete Nation, wie keine andere in Europa es ist, allerdings jeder liebenswürdigen und hochherzigen Eigenschaft bar, aber mit den tüchtigsten Eigenschaften au-gestattet, ehrgeizig bis zum lieber- maß, ohne GewiffenSscrup'l, kühn und seit langer Zeit vollständig für das Mi- litärregiment drcssirt. Aus ter anderen Seite ein Mann, der zwanzig Jahre lang als Prinz und zehn Jahre als Regent und König alle seine Sorgfalt auf die Armee mit einer wahren Leidenschaft verwendet und sich aus derselben ein furcht­bares Werkzeug geschaffen hat. Diese Armee ist es, die bei Königgrätz gesiegt hat." Die Aussicht auf einen Eonflict zwischen Frankreich und Preußen veranlaßte den Verfasser zu folgenden Betrachtungen:Es ist Mode in Frankreich, die öster­reichische Armee über alle Maßen zu loben, und Jene, welche damit nicht voll­ständig übereinstimmen, setzen sich dem Vorwurfe aus, daß sie, indem sie die öster­reichische Armee herabsetzen, den Ruhm der Franzosen abschwächen. Die Frage liegt nicht so. Man findet aus der Geschichte gar leicht die Belege heraus, daß

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Montags.

Expedition : Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

Die . Provinzial - Correspcndenz" bespricht in ihrer Uebersicht der Kriegs- läge die vielfach rer.tilirte Fra^e, w.ßwegen die Beschießung der Pari.er Forts n-.cht schon flüher begonnen nnd die Offensive gegen die französische Loire-Armee im Deeember nicht weiter au-gebeutet werden konnte. Das officlöse Organ sagt: Nachdem im December die frühere große Loire-Armee unter General AurelleS de Paladine bei Orleans geschlagen und nach mehreren Richtungen auseinander gegangen war, nachdem der eine Theil derselben unter General Cbaniy un­ter soitwäbrenden Kämpfen noch W.sten hin bis Ventome und über die Sarthe gedrängt, der andere in südlicher R chtung noch Bourges und Nevers getrieben war, -- erhielt unsere zweite Armee unter Prinz Friedrich Karl, mit welcher die Armee-Attdeilung des Großherzogs von Mecklenburg nunmehr verein gt war, zu- nächst die Ausgabe an d.r Loire und an ter Sarthe W-cht zu halten, daß nicht vom Süden oder vom W.sten her ein muer Verbuch gemacht werden könnte, die nunmehr mit voller Kraft oufgenommenen Vorbereitungzn zu dem letzten entschei­denden Angriffe gegen Paris zu stören. Dann erst, nachdem die wäh­rend des Novembers drohende Gefahr des Vorrückens der

Die Dertheidigung von Paris war von dem Augenblick an, wo blokirende Armee zu durchbrechen und den Befreiern die Hand zu reichen. Seit- daS rasche und entichleffene Vorgehen der deutschen Herre den politisch angreifen- dem aber sind die Entsatzarmeen weit zurückgewichen, zum Theil vernichtet. Die den Tbeil in die militärische Defensive gedrängt hatte, die wich'igste Aufgabe der deutschen Armeen aber haben ihren eisernen Gürtel immer enger zusammengezogen französischen bewaffneten Macht. Paris war das natürliche Ziel des deutschen und ihre Positionen in wahre Festungen verwandelt. *---

Loire-Armee nach Paris beseitigt war, hatte unsere Heeresleitung mit voller Zuversicht an die endliche Ausstellung der schweren Belagerungsbat- terieen gehen können; jetzt, wo auch dies glücklich auSgesührt und der An- griff gegen Pans in allen Beziehungen ersolgreich und stetig fortschreitend iw Gange »st, wird auch in diesem Punkte der Umsicht und Besonnenheit unseres Hauptquartiers überall bereitwillig Anerkennung gezollt. Prinz Fneerich Karl also sollte sül's erste nur in weiter Ausstellung von Orleans (süelich) bis Ven­dome (südwestlich) und Chartres (westlich von Paris) dafür sorgen, daß von jener Seite kein neuer Vorstoß auf Paris versucht wüide, ebenso wie General v. Manteuffel mit d.r 1. Armee die französische Noid-Armee abzuweh.en hatte. Alle weiteren selbstständigen Angriffs-Operationen schienen unsererseits für den Zeitpunkt Vorbehalten, wo wir mit dem Falle von Paris erst völlig freie Hand zur Aussührung neuer Feldzug-pläne erhalten haben würden. Aus ter Abwehr ist jedoch, Dank der Energie der Führer und der Bravour unserer Truppen, eine erfolgreiche An g r i ff S o p e r a t i o n hervoigegangen , durch welche noch jener Seite d n unerwartet schon jetzt eine entscheidende Wendung eingetielen ist."

DerAllg. Ztg." wild geschrieben:Seit einigen Togen ist man mit der Entleerung der G.songenendrpotS von Cöln und Coblenz besckäst'gt, deren Insassen, etwa 24,000 an der Zahl, über Berlin IhcilS nach Hannover und Schleswig - Holstein, theils noch den östlichen Provinzen, Pommern, Ostpreußen und Schlesien besörderl weiden. Der Zw.ck dieser Maßregel ist, möglichst in der Nähe der französischen Grä'nze Räumlichkeiten für die Aufnahme der Kriegs­gefangenen zu schaffen, welche die Capitulation von Paris uns zuführen wird. Jedenfalls will man nicht bloS die Linientruppen, sondern auch die Modilgarden in d>e Gefangenschaft obsühren laffen, da Anordnungen für die Unterbringung von 300,000 Mann getroffen sind. Was die Frage der Beipsiegung von Paris . . anlangt, so wuß man aus dem bekannten Encular des Bundeskanzl«rS, daß

hoben vernichtende Niederlagen erlitten, und Bourbaki, dm die Ausführung des diese sich um so schwieriger gestaltet, je länger diese Riesmstatt ihren sinnlosen geheimnißvollen, von dem Gegner jedoch bald durchschauten großen Planes zufiel, Witerstadt sortsitzt, und jimehr die voihandknin Vorräthe zusammenschmelzen, wird nach dem Scheitern seines kühnen Unternehmens alle Klugheit und Schnellig-! So viel hier verlautet, sieht man im Hauptquartier jedoch mit Sicherheit im keit aufzubieten haben, um einer sehr ernsten Katastrophe zu entgehen, Soweit ist -------------

Paris sich selbst überlassen, und da die Reorganisation der geschlagenen Entsatz-

Angriffs, olle Anstrengungen der französischen Heeresleitung mußten also darauf gerichtet sein, die Hauptstadt vor der sie bedrohenden Gefahr zu beschützen. Mac Mahon versuchte dieser aus den Verhältnissen sich ergebenden Aufgabe indireet durch Ableitung des deutschen Angriffs gerecht zu werden. Als nach Vernichtung der Mac Madon'fchen Armee der Vormarsch der Deutschen nicht mehr auszuhalten war, halten die Französin nur die Wahl zwischen einem raschen Fricdensschluß auf die von dem Sieger gestellten Bedingungen hin oder der direkten Vertheibi- gung ihrer Hauptstadt. Sie wählten das Letztere und von diesem Augenblick cn wurde der dirccte Kampf um Paris der Mittelpunkt oller kriegerischen Operationen von der einen wie von der anderen Seite.

Die allgemkincn Umrisse des sranzösischen Kriegsplans ergaben sich demgemäß mit Noihwrndigkeit aus den Verhältnissen. Paris hatte dem Angreifer einen