d Gießemr Anzeiger.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nk. 299. Samstag dm 23. Dccembcr 1871.
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Brodpreife vom 23. bis 29. December 1871,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
4 Pfund gemischtes Brod 22 fr. 2 Pfund gemischtes Brod 1 ’ fr. 4 Pfund Roggenbrod 19 fr. 2 Pfund Roggenbrov 9j/2 fr.
Die Orleans
vertreten in Frankreich ein dynastisches, ein politisches und ein gesellschaftliches Princip. Die Dynastie der Orleans war zwar nicht durch ein förmliches Plebiscit, aber doch nach einer stegreichen Revolution durch den Volkswillen auf den Thron berufen worden: aber diese Berufung war nicht erfolgt wegen der Verdienste Ludwig Philipps, sondern weil er, nachdem die ältere Linie der Bourbons sich unmöglich gemacht hatte, der Nächste am Thron war; er war also zur Hällte König von Gottes Gnaden, zur Hälfte König kraft feines Erbrechts, so daß in Folge dieser abschwächenden Vermischung zweier Principien das Königthum der Orleans im Gegensatz steht sowohl gegen den reinen Legitimismus der Bourbons älterer Linie, wie gegen das demokratische Kaiserthum, welches in der allgemeinen Volkswahl die einzige Quelle seines Rechts steht.
Das politische Princip der Orleans'schen Monarchie ist der Constitutionsli.S- mus. Formell ist der Grundsatz des abstrakten französischen Parlamentarismus: „Der König herrscht, aber er regiert nicht" unter Ludwig Philipp stets zur Geltung gekommen, und daß Ludwig Philipp als ein kluger Mann cs verstand, trotz alles doctrinären Formalismus in wichtigen Dingen seinen Willen durchzufetzrn. Eines jeden Verstoßes gegen den konstitutionellen Katechismus enthielt er sich aber auf's sorgfältigste, was freilich die leichtsinnige dynastische Opposition nicht hindcne, sich von den Republikanern in'S Schlepptau nehmen zu lassen und ihnen Hanr» langerdienstc bei der Zertrümmerung des JulithroneS zu leisten.
In socialer Beziehung vertritt der Organismus das Bürgerthum im schärfsten Gegensätze gegen das ehemalige Regime, wie gegen den vierten Stand. Das französische Bürgerrhum verhält sich entschieden feindlich gegen das aristokratische GcburtSprincip und exclusiv bis zur rücksichtslosesten und ^orniricstkn Undl^' s. - feit gegen das demokratische Element, was gerade deshalb in den vierziger Jahren um so aufregender und zugleich zersetzender wirkte, weil eine feste Grenzlinie zwischen den beiden auf Tod und Leben sich bekämpfenden Gesellschaftsklassen gar nicht bestand.
Der Sieg der Demokratie im Jahre 1848 führte mit Raturnothwendigkeit zur kaiserlichen Diktatur. Denn ohne Diktator kann die französische Demokratie schlechterdings nicht existiren; die demokratische Republik ist in Frankreich ein wesenloses Phantom. Wohl mag, so lange ein Robespierre oder Gambetta eine revolutionäre Diktatur ausübt, der Name Republik sich erhalten. Eine feste Organisation wird die Demokratie immer erst in einer monarchischen Diktatur finden.
Die gegenwärtige Nationalversammlung nun, wenn auch aus dem allge- meinen Wahlrecht hervorgegangen, ist in ihrer Mehrheit keineswegs demokratisch, und sie würde, wenn sie cs wagen könnte, eben dies allgemeine Wahlrecht, dem sie ihren Ursprung verdankt, ohne Weiteres beschränken, oder wie man es 1849 nannte, moralisinn. Sie hat ihre Kraftprobe in dem Kampfe gegen die äußere Demokratie abgelegt, und so wenig wie sie den Communistenaufstand vergessen kann, eben so wenig können die Ultrademokraten ihr die blutige Unterdrückung dieses Ausstandes vergessen. Durch die Bestrafung der Insurgenten, an der übrigens weniger die Strenge, als die Ungleichmäßigkeit, sowie die Langsamkeit des Verfahrens zu tadeln ist, sind überdies auch noch die gemäßigt demokratischen Elemente gereizt und mit Rachegedanken erfüllt worden.
Die Versammlung ist also durch ihre Geschichte, durch ihre Kämpfe und Thaten zu der Vertreterin der höheren und gebildeten Klassen gestempelt worden, der Klassen, deren Inkarnation Herr Thiers ist, für deren politisches Symbol aber der Orleantsmus gilt. Freilich ist in der Versammlung auch das lcgittmistische Element stark vertreten. Indessen der Legitimismus ist von dem Gefühl seiner Schwäche so durchdrungen, daß, wenige starrsinnige Männer deS PrincipS auSge- nommen, die Legitimisten ihr Heil in der Verschmelzung der beiden Dynastien und in einer Ausgleichung der von denselben vertretenen Principien suchten.
Diese Verschmelzungsversuche sind zunächst und wahrscheinlich für immer gescheitert. Damit sind denn, natürlich von Napoleon abgesehen, die Orleans als einzig ernstliche Throncandtdaten auf dem Platze zurückgeblieben.
Die Majorität der Versammlung nun ist vielleicht nicht durchweg monarchisch, wohl aber, ausgenommen natürlich die nicht sehr zahlreichen Fanatiker des Legitimismus, parlamentarisch gesinnt. Ein großer Theil der Mehrheit würde sich auch eine Republik, in der die gebildeten Klassen durch das Parlament die Herrschaft ausübten, gefallen lassen. Aber sie fürchtet, daß in der Republik die höheren Klassen ihr Uebergewicht gegen das Andrängen des Proletariats nicht würden behaupten können. Sie steht hinter der Republik des Herrn Thiers bereits die Republik des Herrn Gambetta sich organiflren; ste macht es Thiers zum Vorwurf, daß er durch seine Vermittlungspolitik dieser Organisation selbst Vorschub leiste. Sie steht sich nach einem kräftigen Vertreter um, und glaubt diesen unter den Prinzen des Hauses Orleans zu finden.
Und es ist einleuchtend: glaubt die Majorität nicht an die Möglichkeit einer gemäßigten, parlamentarischen Republik, so liegt es in ihrem Interesse, eine Lage der Dinge zu schaffen, aus der sich die Orleans'sche Monarchie, als Hort der gebildeten Klaffen und des konstitutionellen PrincipS, nach ihrer Meinung gleichsam von selbst entwickeln würde.
Die Frage ist nur, ob diese Entwicklung sich wirklich in so ruhiger Weise ohne Erschütterungen vollziehen würde, wie die Mehrheit es voraussrtzt. Und hier steht offenbar Thiers schärfer, wie die Mehrheit, indem er diese Frage verneint und sich daher vielleicht nicht immer mit der nöthigen Klugheit jedem Schritte widersetzt, der als Einleitung zu einer monarchischen Restauration betrachtet werden muß.
Denn so willkommen die Prinzen der Versammlung sind, so unpopulär sind sie im Lande, nicht nur bei den Gegnern ihrer Principien, sondern auch bei dem Bürgerthum, als dessen Vertreter sie gelten. Denn das Bürgerthum, soweit es nicht von chauvinistischen Rachegedanken beherrscht wird, verlangt vor Allem Ruhe und verabscheut jede Maßregel, die möglicherweise einen neuen Bürgerkrieg zur Folge haben könnte. Wenn sich die Monarchie wirklich in friedlicher Weise, wie die Mitglieder der parlamentarischen Majorität es sich einbilden, Herstellen ließe, dann würden die soliden bürgerlichen Klassen sich dieselbe gern gefallen lassen. Aber an eine so friedliche Herstellung glauben sie eben so wenig, wie ThierS. Und deshalb sichen ste auf Seiten der Republik und sind erbittert gegen Jeden, der dieselbe in Frage stellt. Sie werden schwerlich für die Republik kämpfen, aber sie würden im Fall eines Kampfes mit ihren Sympathien auf Selten der Republikaner und nicht auf Seiten der Gegner der'Republik stehen. Denn in den letzteren würden ste die Friedensstörer sehen.
Man darf eben nicht vergessen, daß warme Anhänglichkeit, sei es für die ältere, sei es für die jüngere Linie, in keiner Klaffe der Gesellschaft herrscht. Heinrich V. und die Orleans haben ihre persönlichen Anhänger, aber in der Seele, im Gemüthe des Volkcs selbst hat die Monarchie jeden Boden verloren. Ob Monarchie oder Republik, das ist eine Zweckmäßigkcitsfrage, über die man nach französtscher Art gelegentlich mit großer Leidenschast, aber nimmermehr mit be- geisterter Wärme streitet. Eine Monarchie, die nicht von der Anhänglichkeit an die Dynastie getragen wird, die man fich blos gefallen läßt, weil man nicht weiß, wie man mit der Republik auskommen wird, kann aber keine Wurzeln im Volke schlagen.
Dazu kommt nun noch, daß die Orleans, durch ihr wenig würdiges Verhalten es darauf anzulegen scheinen, den Rest von Sympathien, den sie im Volke vielleicht noch haben, zu verscherzen. Für das äußere Auftreten hat der Franzose ein empfindliches Gefühl. Der schlecht verhüllte, und dabei doch aller Großartig, fett, jedes kräftigen und stolzen Selbstbewußtsein- entbehrende Ehrgeiz der Orleans berührt ihn unangenehm. Ihre Zurückforderung der confiscirten Güter gerade in diesem Augenblicke scheint ihm vollends einer Prätendentenfamtlie unwürdig; und durch ihr unbeholfenes Haschen nach Popularität machen sie sich lächerlich.
Die Majorität der Nationalversammlung wird sich dadurch nicht abhalten lassen, sie nach Möglichkeit in den Vordergrund zu schieben, und die Candidatur Orleans wird in den parlamentarischen Clubs bald eine große Rolle spielen. Ob man es wagen wird sie offen aufzustellen, muß abgewartet werden. Daß viele Umstände zur Entscheidung drängen, läßt sich nicht läugnen. Es muß sich ja bald zeigen, ob Thiers, halb abgenutzt wie er ist, im Stande sein wird, den drohenden Zusammenstoß noch lange zu verzögern.
t 3n keinem deutschen Staate hat die nationale Entwickelung während des zu Rüste gehenden Jahres so enorme Fortschritte gemacht, als in Bayern, das mit gerechtem und gerechtfertigtem Stolz auf seine jüngste Dergangenhert zurückbltcken Darf. Einen nicht unwesentlichen Antheil an diesen Fortschritten muß unzweifelhaft den Verhandlungeu der letzten Reichstagssession zugeschricben werden, zumal denjenigen über den Strafartikel gegen die geistliche Agitation, die auf die Läuterung der öffentlichen Meinung in Bayern und auf die Stellung der bayerischen Regierung zum deutschen Reiche einen entscheidenden Einfluß übten, denn nach den Erklärungen des Ministers v. Lutz im Reichstage ist für die bayerische Politik jeder Rückweg in de s alte partikularistische und jesuitische Fahrwasser abgeschnitten. Der Bruch mit den Ultramontanen bat im Reichstage eine feierliche und definitive Bestätigung erfahren und wird in Zukunft zur Basis aller Verhandlungen des bayerischen Landtags gemacht werden müssen; außerdem haben aber die Diskussionen und Beschlüsse des Reichstages die Ueberzeugung erhöht, daß auch die innersten und eigensten Angelegenheiten Bayerns fürder nicht dem großen Ganzen gegen- über stehen, sondern ihre wahre und richtigste Lösung nur auf dem Boden des Reiches finden. Und auch nach anderen Richtungen hin hat Bayern der Sache des Reiches wesentliche Vortheile geleistet. Eine Reihe von Gesandtschaftsposten, auf welche Bayern noch bei den Versailler Verhandlungen großes Gewicht legte, wurde freiwillig aufgegeben, ohne daß von irgend einer Seite eine Pression obwaltete; die Uebertragung deutscher Gesetze in das bayerische Rechtölebcn wird mit Eifer betrieben, und bei der Feststellung waltet in erfreulicher Weise das Bestreben ob, die möglichste Ucbereinsttmmung mit den norddeutschen Principien zu erreichen. Auch daß Bayern das deutsche Wehrgesetz mit allen seinen Consequenzcn acceptirte, ist ebenfalls ein Zugeständniß, welches weit über das Maß der strengsten Derpflich- tung hinausgeht und um so höhere Anerkennung verdient, je mehr die bayerische


