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Gjtßmer Anzeiger.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Hieben.
Nr. 20. Donnerstag den 19. Oktober 1871.
besteürrrrgert auf den Giestener Anzeiger bei allen" Poft-E^>editionen uni dm Land-^oftboten entgegm genommen.
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* Neueste Enthüllungen.
Fürst Bismarck gab einmal in ziemlich spöttischer Weise seine Meinung über den Werth der Sammlungen von diplomatischen Aktenstücken zu erkennen, welche den Parlamenten vorgelegt werden. Diese, nach der Farbe ihres Einbandes als Blau-, Roth-, Grünbücher u. s. w. bezeichneten Collectionen haben in der That selten dazu beigetragen, die öffentliche Meinung über die Politik der Negierungen aufzuklären; am wenigsten zu dem Zeitpunkte, in welchem eine solche Aufklärung am nöthigsten gewesen wäre; im Dienst einer retrospektiven Politik aber waren dieselben wegen ihrer tendenziösen Zusammenstellung eine sehr trübe Quelle.
Gleichwohl ist es der Diplomatie nicht mehr gestattet, sich in die bergenden Falten des Geheimnisses zu begraben, welches allenfalls wohl der schleichenden Jntrigue noch zu Gute kommt. In Momenten großer Eotscheidungeü drängt das Bedürsnlß — die öffentliche Meinung für dieselbe zu gewinnen, zur Offenherzigkeit; denn große Entscheidungen lassen sich nur noch gewinnen, wenn man die Völker selbst dafür interesflrt.
Namentlich seit Fürst Bismarck die Leitung der auswärtigen Politik Preußens resp. Deutschlands in die Hand genommen hat, kann die Welt sich nicht darüber beklagen, bet brennenden Fragen nicht au courant erhalten worden zu sein.
Nur der deutsch-französische Krieg wurde zu einer Thatsache, ohne daß sie ihren diplomatischen Schatten vorausgeworfen hatte; aber man weiß ja, daß das erste und alleinige diplomatische Aktenstück, welches der deutschen Regierung zur Kenntniß kam — die französische Kriegserklärung war.
Es lag im Interesse der damaligen französischen Politik, zu schweigen, um überraschen zu können; nachdem aber diese Politik ihre vernichtende Niederlage gesunden hat, versucht eS jeder ihrer Theilnehmer sich so viel wie möglich von der Mitschuld zu reinigen und die Enthüllungen, welche soeben Gras Benedetti der Welt unterbreitet, dieses Privatblaubuch, aus welchem wir soeben die ersten Mit- theilungm empfangen haben, ist eine Fundgrube geschichtlicher und politischer Bc- lehrung, wie sie selten eine officielle Collection zu bieten sich herbei läßt.
Das persönliche Interesse des ehemaligen französischen Botschafters zu Berlin an diesen Enthüllungen ist klar: er wollte sich gegen den Vorwurf rechtfertigen, daß er durch Uebereifcr oder Ungeschicklichkeit die Katastrophe herbeigesührt habe.
Von diesem Vorwurf wird ihn jetzt Jedermann sreisprechen, welcher die vorliegenden Depeschen des Herzogs von Gramont, die ihm Tag und Nacht keine Ruhe gönnten, die zu immer neuen und schärferen Insulten reizten, mit Aufmerk- samkcit liest; aber in eben dem Maße, in welchem Benedetti durch die Gramont'- schen Depeschen persönlich gerechtfertigt wird, in eben dem Maße wächst die Schuld der französischen Politik; denn diese Gramont'schen Depeschen setzen außer allen Zweifel, daß Frankreich den Krieg wollte und sich aus denselben vorbereitet hatte, als es einen Kriegsvorwand gesunden zu haben glaubte.
Zwar hat kein unbefangener Beobachter der Zeitereignisse daran gezweifelt und die Art und Weise, in welcher die damalige spanische Throncandidakur im französischen Gesetzgebungskörper zur Sprache gebracht wurde, bewies, daß es um eine Verständigung in dieser Beziehung gar nicht, sondern lediglich um eine De- müthigung Preußens in der einen oder der anderen Art, um eine diplomatische oder militärische Niederlage Preußens zu thun war.
Die Depeschen des Herzogs von Gramont aber bekunden actenmäßig, was man bisher nur aus den Thatsachen folgerte.
Um dieses Urtheil zu begründen, braucht man nur die Depesche vom 7. Juli nachzulescn, wie Herr von Gramont es als die höchste Aufgabe Benedcttt's bezeichnet, den König von Preußen dazu zu bewegen, der Frage wegen der Candi- datur nicht länger „fern" zu bleiben und „wenn nicht durch feine Befehle, mindestens durch seine Rathschläge bei dem Prinzen Leopold zu interveniren" — aber auch schon in einer um Mitternacht nachgesandten Depesche erklärt: „Wir haben eS hier sehr eilig, weil wir im Fall einer ungenügenden Antwort, die Initiative ergreifen und von Sonnabend ab die Truppenbewegungen beginnen müssen, um binnen vierzehn Tagen ins Feld zu rücken."
Und als die Verzichtleistung des Herzogs Leopold erfolgt, also die Thron- candidatur beseitigt ist, durch welche Frankreich angeblich so sehr allarmirt wurde — ja, dann handelt es sich nicht mehr darum, daß König Wilhelm mindestens durch seine Rathschlä'ge bei dem Prinzen Leopold interoenire — dann soll er Frank- reich gegenüber auch noch die Verantwortlichkeit für alle künftigen Entschließungen des Prinzen übernehmen; dann soll sich, um eS mit einem Worte auszudrücken, die Rücksicht des Königs auf die Beunruhigung Frankreichs in eine — Demüthi- gung verlaufen.
Man hatte es sehr eilig in Paris!
Um so glänzender tritt dieser gewissenlosen Hast die Gelassenheit König Wilhelms gegenüber, welcher nicht einen Augenblick über seine Stellung im Zwetfel ist, ober den Gegner über seine Entschlüsse im Zweifel läßt, falls man Ungebühr- liches foidern sollte — und es ist ein anderes großes Verdienst der Benevetti'schen Collection, daß, wie sie nach der einen Seite die Verlegenheit, Arglist und Thor-
heit dcr französischen Diplomatie characterisirt, nach der anderen Seite dem Character- bilde des Königs Wilhelm ein so volles ünd strahlendes Licht zuwendet.
In Betreff der jetzt beendigten Unterhandlungen mit dem französischen Minister Pouyer-Quertier wird der „Magdeb. Ztg." aus Berlin geschrieben, daß noch wichtiger, als die Verständigung über ein paar Streitfragen finanzieller und kommerzieller Natur, nach Angabe unterrichteter Personen die beiderseitig gewonnene Ueberzeugung sei, es werde sich das officielle Verhältniß zwischen Berlin und Paris je länger desto besser gestalten. Pouyer-Quertier soll geäußert haben, eS würde ein politischer Fehler sein, wenn nicht eine möglichst gute Beziehung zu Deutschland von Frankreich dauernd unterhalten würde. Den Verhandlungen kam zu statten, daß der Reichskanzler und Pouyer-Quertier genau bekannt von Versailles und Frankfurt her waren. Allem Anscheine nach besorgt man in unseren officiellen Kreisen viel weniger, wie in einigen publicistischen und in Finanzkreisen, baß des Herrn ThierS Gouvernement von nicht allzu langer Dauer sein werde, und es scheint, als haben die Verhandlungen mit Pouyer-Quertier dieser Ueberzeugung von Neuem Nahrung gegeben. Der französische Finanzminister sagte bei einem Diner am vergangenen Donnerstag, es befremdeten ihn die Besorgnisse, wtlche französische und auch deutsche Blätter betreffs der bonapartistischen Agitation hegten. Darüber herzlich zu lachen, hätten diejenigen allen Grund, die über die Stimmung in Frankreich mit Unbefangenheit sich informirt hätten. Wenn alles so wenig, wie die Anläufe des verlorensten Mannes, der Regierung des Präsidenten Thiers Kopfzerbrechen verursachte, so wäre das französische Gouvernement daS sorgloseste von der Welt. Pouyer-Quertier hat sich seinen Ruf, ein gewandter Vermittler und geschickter Finanzier zu sein, durch sein Auftreten in Berlin befestigt und erweitert.
Der dem BundeSrathe vorgelegte Entwurf eines Gesetzes zur Ausprägung von Goldmünzen wird in der Presse als weit hinter den noch in den letzten Tagen gehegten Erwartungen zurückbleibend beurtheilt. Er bietet statt einer Münzreform nur die ersten einleitenden Schritte zu derselben und macht praktisch lediglich den schüchternen Versuch, Goldmünzen in Umlauf zu setzen und die Circulation des Silbers zu beschränken. Die Basis des neuen Münzsystems auf Grund der zehn- theil'.gen Mark wird, so lange das Thaler- und Guldensystem in voller Kraft bleibt, in der Praxis bedeutungslos seien. Die Motive machten daraus auch kein Hehl. Verändert ist vorläufig nur, daß statt der Kronen andere Goldmünze» geprägt wereen sollen, die zu dem Thalerfuße in einem einfacheren Verhältnisse stehen als jenes Stück. So wenig Thaler und Gulden, werden auch die in Bremen und Hamburg herrschenden Systeme beseitigt zu werden brauchen.
Die beiden Männer, die man seit dem Februar dieses Jahres als Gegner bezeichnet, die nicht neben einander bestehen können, die Grafen Beust und Hohenwart, haben am 14. b. M. beim Kaiser von Oesterreich eine Audienz gehabt. Waren schon vorher die Gerüchte vom Rücktritt des Ersteren verstummt, so sind sie jetzt ganz beseitigt. Die Stellung des Grafen Beust gilt in Wien für befestigt. Am 14. d. wird von dort telegraphirt: Die Reichskanzlerfrage ist in ein neueS Stadium getreten; Graf Beust hat seine Demission nicht nachgesucht, und man vermuthet, daß es dem Einflüsse des hier anwesenden Kronprinzen von Sachsen gelungen, einen Ausgleich oder doch wenigstens einen Aufschub dcr Krisis herbei- Mi'lhren. Graf Beust dinirte heute bei Hofe. — Ferner am 15. d. wirb aus Wien telegraphirt: Wie heute gerüchtweise verlautet, werden Graf Beust und Hohenwart ihre Stellungen beibehalten, während die Minister Schäsfle, Jirecek und Habietinek ihre Posten aufgcben.
Aus Pesth wird vom 13. b. M. berichtet: Der Putsch in der Militärgrenze ist als niedergeschlagen zu betrachten. Die Führer beabsichtigten in allen Regiments- cordons an einem Tage eine allgemeine Erhebung, welche aber durch den Uebereifer des oguliner Bezirks mißlang; doch der Funke glimmt fort. — Graf Andraffy leitete von feinem Tusculum TerebeS aus Vie Dispositionen.
Die letzten Nachrichten aus Chicago melden, daß bis jetzt 240 Leichen Süden Trümmern hervorgezogen worden sind, und daß hiermit muthmaßlich die Zahl dcr Opfer noch lange nicht erschöpft ist. Die gezeichneten Unterstützungsgelter belaufen sich bisher auf 3 Millionen Dollars und man befürchtet, daß 70,000 Per- sonenZwährend des ganzen Winters unterhalten werden müssen. In London hat dcr unter dem Schutze des Lord Mayor gebildete Fond für Chicago an den beide» ersten Tagen bereits die Summe von 17,000 Dollars ergeben. Darunter sind die Barings, Rothschilds, Morgans mit je 1000 Pfd. Sterl., Bischof-Herm und Goldschmidt mit 500 Pfo. Sterl. und Baron Reuther mit 50 Guineen; außerdem wird im Gemeinderath der City der Antrag gestellt werden, au- Der Gemeindekasse 1000 Guineen beizusteuern; aus der Versammlung, welche der amerikanische Gesandte cinberufen hatte, wurden beinahe 20,000 Dollar- gezeichnet, und in Birmingham haben die Sammlungen 1000 Pst. Sterl. erreicht.
Eine ganz furchtbare Bestätigung der Schilderungen der Hunger-noth in Persien bringt der officielle Bericht des österreichischen Consuls in Teheran. Der-


