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$rei8 tterttiläbrig 1 fl. 12 h. mit Brirrtzerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig ft. 27 ?t.

Gießmer Anzeiger.

Erscheint täglich, mtt Auf­nahme Montags.

Expedition: Lanzleiberg

8it. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsötutt für den Kreis Kiefzen.

2LoI Sonntag den 15. Cctoticr 1871«

werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als au» HAITs $£<1 bei allen Poft-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpe'oition abbolen laffen, erhalten denselben für das IV. Quartal 1871 zu 1 fl.

Amtlicher X b e t L

Bekanntmachung.

Im Kreise Gießen sind in der Zeit vom 1. September 1870 bis dahin 1871 in den einzelnen Gemeinden die nachstehend verzeichneten Beträge in die Waisenbüchsen eingelegt und nunmehr erhoben und im Gesammtbetrag von 65 st. 383/4 fr. an den Rechner der Landeswaisenanstalt zu Darmstadt abge­sendet worden, was man mit herzlichem Dank für die Geber hierdurch zur öffentlichen Kenntniß bringt.

Gießen, den 10. October 1871. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Starck.

Gemeinden des Kreises

Uebertrag . 44

fr.

fi-

8

Uebertrag

fr.'

54 fl.

28y4 fr.

an

1

/ 2

2

29)

1

M

2

6

2

27

Summa . 65 st. 383/4 fr

Zu übertragen . 8 fl. 12

18

12

Albach . Mendorf Lahn .

1

3

2

1

3)

4)

5)

6)

7)

1

25

1

4

41)

42)

1)

2)

Lich . . . .

Lollar . . .

Mainzlar . .

Münster . .

35

51

12 13 30

N/2 19-/4 17-/2 9

7 V4 51 44 21 27

Trohe . . .

Watzenborn mit

Steinberg Wieseck . . . Winnerd . .

23) Lang - Göns

24) Leihgestern . .

39)

40)

46V» 31

43 51-/4 33

22

24

8) Burkhardsfelden

9) Daubringen

10) Dorf-Gill. .

11) Eber stad t . .

Allendorf a. d. Lda.- Alten - Buseck . . 3 Annerod ... Bersrod ...

Beuern .... 1

31) Ober-Hörgern. '32) Oppenrod . .

33) Reiskirchen

ri. i2</2 23i/2 »'/- 25 323/4 48

der in den . l fl. 12 der

e t j e i A ii t |

Gießen eiügegcmgenen Waisenbüchftngelder vom Jahr 1870/71.

29) Rieder-Bessingen . 30) Ober-Bessingen .

25)

26) i 27)

28)

44 fl. 121/z fr.; Zu übertragen. 54 fl. 281/2 fr.

kr. Uebertrag .

f, ,34) Rödgen . . . . 35) Ruttershausen mit i Kirchberg . . . 36) Staufenberg . . 37) Steinbach . . . 38) Treis a. d. Lda. .

12) Ettingshausen . 13) Garbenteich 14) Gießen .

15) Großen - Buseck ,, 116) Großen-Linien '17) Grüningen . . ,, 118) Hattenrod . . |19) Hausen . . . ;20) Heuchelheim 21) Holzheim . . 122) Klein - Linden . fr. ] Zu übertragen

201/2

24

39

Die franzöflfche Diplomatie in Deutschland.

Als nach den ersten Unglücksfällen von 1870 von allen Seiten die Vor­würfe und Anklagen auf den Kaiser Napoleon einstürmten, beantwortete er die­selben wiederholt mit der bittern Klage: daß er getäuscht worden sei!

Man bezog diesen Einwand hauptsächlich auf den Jrrthum, in welchem feer Kaiser bezüglich der Ueberlegenheit und Schlagfettigkeit der französischen Streit­macht versetzt worden sei und es ist ja durch die Thatsachen hinlänglich erwiesen worden, wie schwer sich der Kriegsminister Le Boeuf an Frankreich mit seinem berüchtigten:Wir sind bereit!" versündigte.

Indessen wird man sich mehr und mehr davon überjeugen können, daß die Täuschung, als deren Opfer sich Louis Napoleon bezeichnete, nicht blos auf mili­tärischem Gebiet vorhanden war.

Die Enthüllungen, welche neuerdings durch die französische Presse veranlaßt worden sind und noch weitere Fortsetzungen erwarten lassen, deren pikanteste und lehrreichste wohl dem Grasen Benedetti zu verdanken sein wird, zeigen ein Gewebe wechselseitiger Täuschungen des damaligen Ministers der Auswärtigen und seiner Agenten im Auslände, welche schließlich auch den sonst so kaltblütigen und scharf­sinnigen Kaiser selbst verblenden mußte.

Die französische Diplomatie ist zwar allezeit wegen ihrer Unzuverlässigkeit berüchtigt gewesen, und der Herzog von Gramont insbesondere hat stets nur für einen diplomatischen Rous gegolten, welcher keinen Anspruch auf Treue und Glau­ben erheben könne; die neuesten Enthüllungen ober haben gezeigt, daß, wenn es ihm um Wahrheit zu thun gewesen wäre, er nicht schlechter bedient werden konnte, als durch die französischen Gesandten bei den süddeutschen Höfen. Seine Politik hätte falsch sein müssen, weil sie auf falschen Informationen beruhte.

Aber der Herzog von Gramont kann sich zu seiner Entschuldigung nicht auf Täuschungeu berufen, welche er offenbar selbst veranlaßt hat, die olle diese jetzt von ter öffentlichen Meinung angeklagten diplomatischen Agenten offenbar daraus angewiesen waren, ihre Berichte so einzurichten, daß sie vorgefaßten Auffassungen dienten; wie ihnen ja schon die Berufung Gramont'S an die Spitze ter Geschälte den deutlichsten Fingerzeig darüber gab, welchen Weg die französische Politik ein- schlagen wollte. Die officielle Lüge, mit welcher man die ganze Welt in Ver­wirrung zu bringen gedachte, steifte sich auf ihre eigenen Täuschungen und die betrogenen Betrüger fingen sich in ihren eigenen Netzen. Die GramontS, Olliviers, Benedettis, St. VallierS u. f. w. sind gerichtet, indem sie sich selbst richten.

Aber die Enthüllungen ergeben nicht lediglich diese moralische Nutzanwen­dung, noch wird ihre Bedeutung erschöpft durch den Werth, die ihnen die Ge- scbichte in ihrer Verwendung als schätzbares Material beimessen wird; sic sind auch von großer praktischer Bedeutung für die aktuelle Politik.

Aus den Relationen des Herrn St. Vallier und feiner Eollegcn an den süddeutschen Höfen ergibt sich ja unverkennbar, welche Absichten die französische Diplomatie dort zu verfolgen hatte, Absichten, welche nur auf Kost'» Deutschlands

erreichbar waren, und, wenn sie nicht erreicht wurden, nur zu dessen Schaden und tiefster Schande führen konnten. Ist es aber nach den gemachten Erfahrungen an und für sich undankbar, daß die süddeutschen Cabiuette sich jemals wieder den Anfechtungen der französischen Diplomatie auSzusctzen Lust haben konnten, nach den gemachten Erfahrungen, welche ebenso sehr den Unwerth französischer Lockun­gen, wie die Ungefährlichkeit französischer Drohungen dargelegt und gezeigt haben, daß die am meisten patriotische Politik nicht blos die ehrenvollste, sondern auch die sicherste sei, so wird man auch an den süddeutschen Höfen hoffentlich den Ge­schmack an der Pflege diplomatischer Beziehungen verloren haben, bei welchen ihnen, wie die veröffentlichten Depeschen St. VallierS ausweisen, durchaus keine ihrer Würde angcmessine Rolle gegönnt wird.

Wie die leitenden Staatsmänner ohne Bedenken von diesen französischen Sendlingen verlcumdct u d compromittir! wurden man denke nur an Herrn von Varnbüler, so müssen es sich selbst die Monarchen gefallen laffen, minde­stens in den Relationen sich in einer Position zu zeigen, welche dem französischen Uebermuth schmeichelt und den Gedanken nährt, sie als Marionetten zu behandeln.

Allerdings werden sich die süddeutschen Höfe und Cabinette einer in diplo- matisck Formen gekleidete Spionage auch in Z'.:kunft nicht durchaus eintziehen fbi..: , aber man wird hoffentlich sich entwöhnen, dieser Spionage auch noch die Möglichkeit direct r Einflußnahme zu gestatten, indem man einen regelmäßigen diplomatischen Verkehr wieder herstellt, zu dessen Wiederausrichtung es Frankreich gewiß nicht an Anerbietungen fehlen laffen wird.

Zu der schon signalisirten Nachricht, daß der AppcllationSgerichtShof in Col­mar am 12. d. M. seine Eröffnungssitzung halten werde, schreibt dieStr. Ztg.": Dieses wichtige und erfreuliche Ereigniß bezeichnet den Anfang einer neuen Phase in den Justizverhältniffen Elsaß-LothringcnS, und die Bevölkerung wird es mit um so größerer Befriedigung begrüßen, je unangenehmer sich die Mißstände des Provisoriums fühlbar gemacht haben, das ohne die Schuld der deutschen Regie­rung eingetretcn war und sich ein Jahr hindurch verlängert hat. Aber auch in diesem Zwischenzustande hat die Bevölkerung durch die Thäligkeit der ständigen Kriegsgerichte bereits reichliche Gelegenheit gefunden, die altbewährten Eigenschaften des deutschen Richterstandes kennen und achten zu lernen, und sie wird daher der definitiven Organisation das Vertrauen entgegenbringen, baß die Wahrung ihrer RechtSintereffen in keine besseren Hände gelegt ^werden kann. Auch die Eonsti- tuirung ter Landgerichte ist bereits erfolgt; in Straßburg werden die regelmäßi­gen Sitzungen, wie amtlich angezeigt worben, am 16. d. M. beginnen. So ! werden die Nachwehen des GerichtsstillstandeS, wie wir hoffen, bald verwun­den fein-

Während Bayern in der Angelegenheit seiner Diplomatie die Initiative iim nationalen Sinne ergriffen hat, zttgt es sich in anderen Fragen weniger ent*