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Preis vierteljährig 1 fi. 12 fr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 kr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Montags.
Expedition: Canzleiberg 8lt B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kiefen.
Nr. 38.
Donnerstag den 9. März
1871.
Bestellungen auf »en Gießener Aujeiger
Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Erpedition abbolen lassen, erhalten denselben für den Monat März zu 20 kr.
Amtliche r T h e i I.
Erledigung eines Aiiöschrcibens.
Betreffend: Die Verhaftung des Johann Stein von Niederaula.
Die in unserem Ausschreiben vom 18 v Mts. verzeichmten 11 Coupons spanischer und 2 Coupons türkischer Staatspapiere im Gesammtwerthe von b t Frs. sind wie sich inzwischen e^eben hat fommt 200 fl. m Banknoten — zu Frankfurt gestohlen worden und werden ihrem rechtmäßigen Eiaen- thumer zur"ckg'geben werden was zur Vermeidung von Bedenken beim Vorkommen der W-rthpapiere hiermit bekannt gemacht wird. Einen zwölften spaiü ch n Coupon, 9 r. 15,591 a 36 Pmster hatte der D-eb vor seiner Verhaftung bereits ausgegeben, welcher sich jetzt in unbekannten wänden befindet
®l^en' d°n 7- März 1871. Großherzogliche Poltzeiverwaltnng.
___________________________________ Nover.
Vorladung.
Nachdem gegen den im Bereiche der Königlich Preußischen 31. Infanterie-Brigade für das 3. Rheinische ^nfanterie-Neaiment Wr 29
Rekruten Adolph Simon, geboren am 24. April 1848 zu Butzbach, im Kreise Friedberg, später in Gießen sich aufhaltend, — Schirmmacher vcn Pro- fS1l°n.T±| Contumacral-Lerfahren wegen Desertion emgeleitet worden ist wird derselbe hierdurch aufgefordert, sich spätestens in dem auf den ^ni V nn Mllltatr-Arresthause zu seiner Verantwortung auberaumten Termine einzufinden
wldngelifallv derselbe nach geschlossener Untersuchung in contumaciam für einen Deserteur erklärt und zu einer Geldbuße von 50 bis 1000 Thaler ^rtheilt
Coblenz, den 1. März 1871.
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Königliches Corpsgericht des stellvertretenden General-Commandö's 8. Armee-Corps
Politischer T heil.
Die Zukunft Frankreichs ist in ein tiefes Dunkel gehüllt; der mit schweren Opfern erkaufte Friede hat das Land sich selbst zurückgegeben, aber Niemand weiß, in welcher Weise und durch welche Mittel die Franzosen die Wunden zu heilen suchen werden, die sie durch ihre schwere Verschuldung sich selber geschlagen haben; Niemand weiß, wem von den vielen Rettern, die sich ihnen bereits angeboten haben und noch anbieten werden, sie ihr Geschick in die Hände legen werden. Es ist kein Mittelpunkt vorhanden, um den die ganze Nation sich schaarcn konnte, keine Partei, keine Person, die das volle Vertrauen des Landes genießt. Frankreich befindet sich am Schlüße des furchtbarsten Krieges in einem Zustande völliger innerer Auflösung; seine Regierung ist provisorisch, feine Verfassung ist provisorisch, und die erste schwere Arbeit, die ihm obliegt, ist, sich erst wieder eine geordnete staatliche Existenz zu schaffen: eine Aufgabe, an der die Franzosen während einer achtzigjährigen Periode innerer Kämpfe schon zu oft gescheitert sind, um sich muthig dem Vertrauen hingeben zu können, daß ihnen die Lösung derselben diesmal besser als in früheren kritischen Augen- blicken gelingen werde.
Alle die Elemente, deren Kampf seit dem letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts Frankreich zerrüttet hat, erscheinen von Neuem auf der pol'.tischen Bühne; alle Prätendenten, alle Parteien drängen sich vor, um die traurige Lage des Staates für ihre Zwecke, für ihren Vortheil auszubeuten. Sie geben sich Rendezvous auf Dem Boden der Republik, nicht um ihre Kräfte zur Begründung einer maßvollen und kräftigen Regierung zu vereinigen, sondern um die Consoli- dirung einer starken republikanischen Regierung zu verhindern, und auf den Trüm- mein cer Republik den Grund zu ihrer eigenen Herrschaft zu legen.
In Der Versammlung zu Bordeaux haben die eonservativen wie sie sich nennen, oder die monarchischen Parteien, wie sie im Lande genannt werden, das Ucbergewicht. Aeußerst schwach vertreten sind unter diesen die Imperialisten: ter Imperialismus ist für jetzt todt, und nur die gröbsten Fehler seiner Gegner lvürden ihn in’ö Leben zurücklufen können. Um so kühner erheben die Legitimisten und Orleanisten das Haupt. Ihre Vereinigung würde die Bildung einer Versammlung unbedingt beherrschenden monarchischen Partei zur Folge haben. £b aber die Bemühungen, eine Fusion der beiden Linien zu Stande zu bringen *7 'N der Art, daß der Graf ChamborD von den Orleans als Haupt der Familie und rechtmäßiger König anerkannt würde und dafür seinerseits den Grafen roa Paris adoptirte -- einen besseren Erfolg haben werden als früher, ist sehr zweifelhaft. Zunächst steht dem die schlecht verhehlte Ungeduld der Orleans ent- Ren. Sodann aber ist wohl zu beachten, daß die Orleans in Frankreich als ^ertretet einer ganz anderen Art von Monarchie gelten, als der Graf von khamboro. Der Graf von Chambord ist die Verkörperung des legitimistischen Pnncips, welches in den Augen der Franzosen gleichbedeutend ist mit dem t>er- Mpen ancien rdglme. Es ist oft behauptet worden, daß die große Mehrzahl m Franzosen monarchisch gesinnt sei und wir halten diese Ansicht für vollkom- mn richtig Aber nicht alle monarchisch Gesinnten sind deshalb Anhänger der Wtimen Monarchie; sehr viele Monarchisten würden vielmehr ohne Bedenken ctr Republik den Vorzug vor einer Wiederherstellung der älteren bourbonistischen 2 r sitben. Und daher würde, sobald die Orleans sich auf die viel geplante yusion nnließen, die Mehrzahl ihrer Anhänger sich von ihnen abwenden, sie vutden darin eine Verleugnung des PrincipS sehen, auf welches die Orleans
ihre Ansprüche auf den Thron bisher begründet haben. Eine Fusion der Linien ist daher keineswegs gleichbedeutend mit einer Fusion der Parteien. Und ob unter dem betäubenden Eindruck der neuesten Ereignisse die Abneigung gegen das legitimistifche Princip sich mildern wird, ist mindestens sehr zweifelhaft.
Aber trotz dieser Spaltung ist die starke Vertretung der monarchischen Parteien tn der Nationalversammlung eine für die aufrichtigen und maßvollen Republikaner bedenkliche Thatsache, um so bedenklicher, da dieselben von den ra- dicalers Republikanern und Socialisten mit noch größerer Leidenschaft, wie von den Monarchisten bekämpft werden. Sie stehen wie 1849 zwischen zwei Feuern, und ihre ganze Hoffnung beruht darauf, daß die Unmöglichkeit, eine Einigung unter den monarchischen Parteien herbeizuführen, einen Theil der Monarchisten zu der Ueberzeugung bringen wird, daß der aufrichtige Anschluß an die Republik daS einzige Mittel sein dürfte, um das Land vor dem Unheil eines Bürgerkrieges zu bewahren und bas Staatsschiff durch die Klippen der Neaction und
Anarchie hindurchzustcuern.
Ein anderer sehr bedenklicher Umstand ist der, daß fast alle Staatsmänner von Ruf ihre Kräfte in den früheren Kämpfen abgenutzt haben, daß sie nicht auf ein fruchtbares Wirken, nicht auf glänzende Erfolge, sondern nur auf Niederlagen und Jrrtdümer zurückblicken können. Sie sind ergraut im verderblichsten Parteikampfe; sie alle haben die populären Leidenschaften gehegt, die Frankreich so unheilvoll geworden sind; eines schöpferischen, wahrhaft befreienden Gedankens kann sich keiner von ihnen rühmen. Die Scene ist verändert, aber die handelnden Personen sind dieselben geblieben. Ob auch geistig dieselben? Das ist eben die Frage, um die Frankreichs Geschick sich dreht.
Wenn inan sieht, wie durch alle Aeußerungen nicht nur der Presse, sondern auch der Staatsmänner der Gedanke an Rache für die Leiden der Gegenwart durchklingt, so wagt man kaum sich Dem Glauben hinzugeben, daß die Leiter des Staates geläutert aus der gewaltigen Krisis hervorgegangen feien. Will Frankreich feine Kräfte nur sammeln, um das alte Spiel fortzusetzcn, fv eilt es rettungslos Dem Abgrunde zu. Frankreich blickt auf eine in vielen Beziehungen glänzende, aber unheilvolle Vergangenheit zurück: was es heut erleidet, ist das Resultat der Thaten Ludwigs XIV., der Republik, Napoleons, und es ist ein treffendes Wort, welches ein großer deutscher Geschichtsschreiber zu Thiers gesprochen haben soll: „Wir fuhren mir Ludwig XIV. Krieg." Diese Periode eines sinnverwirrenden, alle Kräfte des Landes corrumpirenden Glanzes ist äußerlich mit dem Frieden von Versailles abgeschlossen. Will Frankreich zu neuer Lebenskraft erstarken, so muß es dieselbe auch innerlich zum Abschluß bringen und auf neuen Bahnen, auf denselben Bahnen wie andere Völker die Bedingungen eines neuen, geläuterten Daseins suchen. Frankreich trägt nach wie vor die B.Din- gungen einer glänzenden, reichen Zukunft in sich, und Deutschland wahrlich denkt am wenigsten daran, ihm diese Zukunft zu verkümmern. Aber Frankreich muß feine Rettung nicht, wie ein englische Blatt c« ihm wohlwollend an die Hand stiebt, von einem genialen Jngenieurlieutenant erwarten. Frankreich bedarf "vielmehr eines genialen Staatsmannes, Der mit Tocqueville's Einsicht Die Kraft ver- binDet, in das Treiben Der Parteien rnnthig und entschlossen einzugreifen. Frankreich beDaif Der Einkehr in sich selbst, Der inneren Sammlung unD Fassung: c- beDarf erleuchteter Patrioten, Die durch That und Wort ihm Den Weg zur inneren Sammlung und Läuterung zeigen. Was Frankreich erlitten hat, ist eine
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