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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme MontagS.

Expedition ; Ganzleiberg Lit. B Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kichen.

Nr. 82. " Donnerstag den f>. April 1S71«

* dl* werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch

SB6tt(Ulf KLM WkLHLNkV bei allen Pc^l-Expeditionen und den ^and-Postboten entgegnt genommen.

Abonnenten, welche den Anzeiqer bei der Erpeditiou abbolen lassen, erdalten denselben für 1 fl. pr. Quartal.

y Etlicher L d e i t.

Gießen, am 30. Marz 1871.

Betreffend: Unterstützung bedürftiger Familien der zum Dienst einberufenen Reserve- -^Mannschaften. .

Ods Großherzogllchr Krels « mt GieYen

an die Grus; Heyn glich er Bürgermeistereien.

Wir sind veranlaßt, die Besiimmung unseres Ausschreibens von 1!). September v. I. in Erinnerung zu bringen, wonach un­verzüglich Anzeige zu erstatten ist, wenn Reservisten, Landwehrinänner und Ersatz-Reservisten, deren Familien aus der Kreiskasse Unter- stützuna erhalten, aus dem Militärdienst auf unbestimmte Zeit entlassen werden.

v. S t a r ck.

«p o i i t t f tb c r Th e i l.

5. April.

M. Die Adresse des Reichstages an den Kaiser ist in Folge kaiserlicher An­ordnung verflossenen Sonntag, Mittags 12 Uhr durch ten Präsidenten Sirnson und die durch das Loos bestimmte Deputation von 30 Mitgliedern dem Kaiser ütir­reicht worden, welcher feine besondere Genugthuung über Vie Einmüthigkcit, mit welcher die Adresse beschlossen wurde, geäußert hat.

In Preußen sind gegen 70,000 Militärpflichtige aus den Geburtsjahren 1846 bi« 1849 in Gemäßheit des §. 140 des Strafgesetzbuchs angeklagt wor­den, ohne Erlaubnis entweder die preußischen Lande verlassen, oder nach erreich­tem militärpflichtigen Alter sich außerhalb derselben aufgehaltcn und dadurch dem Eintritt in den Dienst des stehenden Heeres oder der Flotte sich zu entziehen versucht zu haben. Die Provinz Posen ist hierbei am meisten, Westfalen und Rheinland am wenigsten betheiligt.

Zur Erinnerung an den großen Krieg gegen Frankreich, aus welchem die deutsche Einheit hervorgiug, soll ein eigenes großartiges Denkmal errichtet werden.

In Abgeordnetenkreisen will man wissen, daß die Eventualität der Er­hebung von Contributionen in den von den deutschen Truppen occupirten fran­zösischen Gebietstheilen in den Bereich der Möglichkeiten gezogen worden ist.

DerMoniteur Osficiel du Gouvernement General de Lorraine" veröffent­licht Folgendes:

Das General-Gouvernement von Lothringen und mit ihm das Civil-Com- missariat legt seine Functionen am 28. März nieder. Vom 29. desselben Mo­nats gehen die Functionen des Gcneral-Gouverncments über: 1j Für die De­partements der Meurthe, Maas und der Vogesen auf den commandirenden Ge­neral des 7. Armeecorps, General der Infanterie v. Zastrow. 2) Für das De­partement der Haute-Saone auf den Höchstcommanvirenden der Sür Armee, Ge­neral der Cavallerie Freiherr» v. Manteuffel. 3) Für das Departement der Haute-Marne auf den commanvirenven General des 10. Armeekorps, General- Lieutenant v. Voigts-Rhetz. Die deutschen Präfecten bleiben unter dem Befehl der oben genannten Generale in Function, bis sie durch französische Präfecten er­setzt sind. Der amtliche Moniteur des General-Gouvernements Lothringen und

des P äfecten der Meurthe hört von heute an auf, zu erscheinen. Die Herren Präfecten werden Nachricht geben über d'e Art der Publication von Verfügungen, die sie etwa fernerhin erlassen werden. Nancy, 28. März 1871. v. Bon in, General der Infanterie und Gencral-Adjutant Sr. Majestät des Deutschen Kai'ers und Königs von Preußen.

Bei näherer Besichtigung der Citadelle von Bitsch hat sich ergeben, daß die deutschen Kugeln daran doch sehr beträchtliche Verwüstungen ange.ichtct haben; die meisten der weiten hohen Gebäude sind eingestürzt; nur 3 oder 4 Cas rncn sind erhalten. Es würde sich also wohl auch bei Bitsch im Falle einer ernstlichen Beschießung die Erfahrung wiederholt haben, daß der deutschen Artillerie auf die Länge kein Platz widerstehen kann.

Aue Mühlhausen, 27. März, wird derSuiffe radikale" gemeldet:Mu­tige Streitigkeiten haben zwischen den Preußen und den zurückgekehrten französi­schen Kriegsgefangenen sowie der Bevölkerung stattgefunden. Truppen marschiren nach Thann. (Von anderer Seite wird hiervon nichts berichtet).

lieber das gestörte Kaiser-Geburtstagsfest der Deutschen in Bucharest schreibt derK. Ztg." ein Augenzeuge:Wir hatten uns im Slatineanu Saale, dem größten Saale in Bucharest, versammelt. Derselbe war reizend decorirt, olle Wappen Deutschlands waren vertreten, an den Wänden prangten die Namen oller deutschen Helden , von Fahnen umgeben , in der Mitte das Bild Kaiser Wilhelm's reich geziert mit Bäumen. Die Tafel war in vier Reihen gedeckt. Zur Sicherheit hatte der norddeutsche General-Consul den Schutz des Ministeriums und der Polizei angerufen , und ersteres hatte die Bürgschaft übernommen , daß keine Beunruhigung vorkommen solle. An dem Eingänge des Saales standen

sechs Mann Garde, welche von dem Comite bezahlt wurden. Gegen 8 Uhr waren ungefähr 120 Deutsche mit dem norddeutschen General-Conful v. Rado» Witz versammelt, und man wollte eben die Feier beginnen, als sich die Nachricht verbreitete, in der Nähe des Saales, an der Akademie, feien massenhaft Studen­ten, Fleischer und der ganze Pöbel aus Bucharest zusammeagerottet. Noch hatte die Musik nicht begonnen, da entstand schon ein tausendfaches Pfeifen von allen S"jten, es folgte ein wahres Bombardement gegen circa 15 Fenster, Pflaster- steine flogen in den in erster Etage befindlichen Saal, und der erste Sturm in das Innere wurde versucht. Der Pöbel, mit To^schläge-ri bewaffnet, stürzte die Treppe herauf und schon drangen eine Menge Vagabunden in den Saal. Da dröhnten aber d'e deutschen Stimmen einHinaus!" und mit Stühlen, Stöcken, Tellern, Flaschen bewaffnet, schlugen wir das Gesinde! zu Boden. Als so der Saal geräumt war, bat der General-Consul die Anwesenden dringend, von Waffen keinen Gebrauch zu machen. Das Bombardement gegen die Fenste/ fing nun an heftiger zu werden, die Steine vermehrten sich, so daß kein einziges Fenster mehr zu sehen war. Plötzlich begann auch ein neuer Sturm auf das Innere des Saales, doch zum zweiten Male schlugen die Deutschen, um ihren General-Consul geschart, den Pöbel zurück. Nach ungefähr andertbald Stunden hörte man Polizei und Soldaten anrücken, doch nichtsdestoweniger dauerte das Bombardement von außen fort. Durch die Steinwürfe wann mehrere Deutsche verwundet, auch Herr General-Consul v. Radowitz hatte einen Schlag von einem großen Steine auf die Schulter erhalten. Nach drei Stunden hatte die Demolirung des Gebäudes noch nicht aufgehört, man schwebte noch immer in Lebensgefahr, und an ein Festmahl war gar nicht zu denken. Vergebens er­matteten wir weitere militärische Hülfe. Erst gegen 1 Uhr Nachts wurde ein Theil der Deutschen mit Hülfe einiger Officiere einzeln aus dem Saale gebracht. Man zählt die zusammengerotteten Walachen aus mindestens 10,000 Mann; der Deutschen waren höchstens 120 Personen, die ihre Nation heldenmüthig vcr- t re len baden. BewundernSwerth war die Kühnbeit und Energie unseres General- Consuls v. Radowitz, welcher nicht nur die Deutschen, deren Wuth b*d aufs höchste gestiegen, zu besänftigen und zu leiten wußte, sondern auch mit einer Ent­schlossenheit den Polize-Präfecten , Procurator und Minister im Saale zurecht- wies, daß die Deutsche.i mehrmals in ein stürmisches Bravo ausbrachcn. Herr v. Radvwitz hat den Saal nicht verlassen, bis sämrntlichc Deutsche in Sicherheit waren.

Aus Petersburg wird berichtet: Der Erlaß eines kaiserlichen Ufa«, der die polnische und hebräische Sprache aus dem jüdischen Gottesdienste ab­schafft und die russische Sprache als Gebetsprache in den Synagogen in Rußland und Polen emfübri, ist bevorstehend. Der Petersburger Zude Mandelstamin ist mit der Uebersetzung btr jüdischen Gebete in das Russische beauftragt.

In Konstantinopel ist, wie demP. L." von Wien geschrieben wird, die bevorstehende Ankunst eines päpstlichen Nuntius angekündigt, welcher den Versuch machen soll, die Angelegenheit der katholischen Armen'er und die noch wichtigere bezüglich der Ernennung Der katholischen Bischöfe in der Türkei zu ordnen. Die Pforte will nämlich niat länger zulaffen, daß Rom ausschließlich die Bischöfe in Der Türkei ernenne, und beansprucht für den Sultan das Placetum regium. Der heilige Stuhl tritt jetzt zum ersten Male in directe Unteryandlung nut der Pfvrte: auch in dieser Beziehung schuf die Niederlage Frankreichs ein neue« Verhältniß, denn da« bisher von Frankreich über Die Katholiken des Orients ausgeübte Protektorat hat aufgehört, oder wird wenigstens von der Pforte nicht länger anerkannt.

Darmstadt, 4. April Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 29. März den ordentlichen Honorar-Professor bei Der philosophischen Fakultät der Landes-Universität und zweiten Lehrer am philologi-