wenig als möglich in den Kreis der Erörterung ziehen; man müsse stets so handeln, daß man jeden Augenblick losschlagen könne, und so sprechen, als wenn man nie mehr losschlagen wolle. Unter allseitigem Lachen erklärt schließlich Redner, daß nicht einmal die drei Unterzeichner des Amendements auf gleichem Standpunkt stehen, dieses vielmehr ein Kompromiß zweier verschiedener Ansichten derselben Partei sei. „
Minister Delbrück. Die vorliegende Frage ist von politischen Erwägungen nicht zu trennen. Der Reichskanzler würde diese Erwägungen wirksamer darlegen können wie ich, wenn er nicht durch Unwohlsein verhindert wäre, hier zu erscheinen. Für die verbündeten Regierungen liegt der Schwerpunkt der Vorlage darin, daß die ganze Welt durch die Annahme dieser Vorlage weiß, daß Deutschland 1874 unter allen Umständen ebenso gerüstet dasteht wie heute. (Sehr wahr!) Die verbündeten Regierungen gehen keineswegs von der Ansicht aus, daß jetzt eine eminente Kriegsgefahr vorhanden ist; sie können aber auch nicht von der An- sicht ausgehen, daß jetzt, nach dem beendeten glorreichen Kriege und dem abgeschlossenen Frieden, eine Aera des Friedens gesichert sei; sie können es nicht, weil der Frieden zwar geschlossen, aber noch nicht ausgeführt ist und auch erst bis zum März 1874 auSgeführt zu sein braucht. Jeder von uns wird aus den Zeitungen wissen, daß im französischen Volke eine starke Strömung vorhanden ist, welche dahin treibt, was man Revanche nehmen nennt. Die gegenwärtige französische Regierung ist, wie ich anerkenne, dieser Strömung vollständig fremd; wir habrn das Vertrauen, daß sie die abgeschlossenen Verträge loyal erfüllen wird. Indessen kennt Jeder die Lage unserS Nachbarlandes, welches mit einem von Natur lebhaften und mit berechtigtem Nationalstolz erfüllten Volke nach schweren Erschütterungen seinen Schwerpunkt zu finden sucht. Unsere Aufgabe ist es, das Noth- wendige zu thun, daß der richtige Schwerpunkt bald und ohne welterschütterndc Wechselfälle gefunden werde. Ich theile die Ansicht, daß der Versuch einer Re- vanche nicht glücklicher sein wird, als der Krieg des vorigen Jahres; aber darauf kommt es urcht an. Schon der Versuch bringt auch uns Elend. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, bis zu dem entscheidenden Momente den Frieden zu er- halten, und wir glauben, daß zur Erreichung dieses Zieles nichts wirksamer sei, als die Ueberzeugung, daß bis zum Jahre 1874 der gegenwärtige Bestand des deutschen Heeres derselbe bleibt. Zur Lösung der vorliegenden Frage ist aber das zweijährige Pauschquantum das allerunannehmbarste. Die Erörterung des Militäretats im Jahre 1873 würbe politisch ein entschiedener Fehler sein. Wir stehen daun unmittelbar vor dem Jahre 1874, und die Erörterung des Militäretats in einem solchen Momente würbe gleichbedeutend sein mit Verwickelungen nach allen Seiten. Aus politischen wie aus practischen Gründen ist das zwei- jährige Pauschquantum ganz unannehmbar.
Nach kurzer Debatte, an welcher sich Krämer (Bayern) gegen, v. Blancken- bürg für, v. Boni» gegen und Dr. Friedenthal für die Vorlage betheiligen, wird das Amendement abgelehnt und die Regierungsvorlage mit 150 gegen 130 Stimmen angenommen.
Das Haus erledigt sodann noch die übrigen Etatstitel in zweiter Lesung und vertagt sich um 5V4 Uhr auf morgen Mittag 2 Uhr.
Berlin, 28. Noo. Nach den seitens der Kriegsverwaltung gemachten amtlichen Zusammenstellungen über die Verluste, welche die Heeresmacht des vormaligen Norddeutschen Bundes und der in die preußische Verwaltung ausgenommenen süddeutschen Contingente in dem Kriege von 1870—71 erlitten, ergibt sich Fol- gendeS: a) Verlust an Offizieren, Aerzten und Beamten und zwar von dem nord- deutschen BunveSheere ohne Hessen: getödtet 918, verwundet 2972, vermißt 30, zusammen 3920; von der badischen Division (in vorstehender Reihenfolge) 22, 132, keine vermißt, zusammen 154; von der hessischen Division 44, 63, keine, zusammen 107. Demnach 984 Todte, 3167 Verwundete, 30 Vermißte, im Ganzen 4181. b) An Mannschaften. Von dem NordbundeSheere ohne Hessen: ge- tödtet 14,839, verwundet 71,792, vermißt'5902, Summa 91,533; von der badi- schen Division (in vorstehender Reihenfolge) 423, 257, 8263, Summa 3264; von der hessischen Division: 681, 1467, keine vermißt, Summe 2148; zusammen 15,943 Todte, 75,837 Verwundete, 6165 Vermißte; Hauptsumme 97,945 und mit der zu a überhaupt 102,126.
Berlin, 30. November. Nach einem der „Kreuzzeitung" aus Rio de Janeiro zugegangenen Telegramm sind die fünf verhafteten Deutschen gegen Kaution entlassen, da eine Anklage auf Widerstand gegen die öffentliche Macht nach brasilianischem Recht unzulässig und nur ein Proceß auf leichte Verwundungen zulässig war. Die Corvette „Nymphe" hat mit den Entlassenen Rio bereits verlassen.
Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, ist in Betreff der Vorgänge in Rio noch keineswegs die Untersuchung so weit gediehen, daß Die Reichsregierung bereits in der Lage wäre, definitiv Stellung zu der Sache zu nehmen. Es versteht sich von selbst, daß nichts unterlassen werden wird, um die Ehre und die Interessen der deutschen Nation, soweit solche dabei in Anbetracht kommen, sicher zu stellen; aber wie es scheint, steht ein Ergreifen entschiedener Maßregeln nicht in Ueberein- stimmung mit den eingehenden Darstellungen der Vorgänge in Rio aus amtlichen Quellen. Dennoch wird jetzt selbst officrös anerkannt, daß von Sr. Maj. Marine einige Schiffe in Dienst gestellt werden, um ein Eoolutionsgeschwader zu bilden, das für einige Zeit zur Uebung im Atlantischen Ocean kreuzen soll, und ist wohl diese Ordre, welche vielleicht etwas eilig, obwohl sehr natürlich, von Hamburger Blättern mit den aus Brasilien eingehenden Nachrichten combinirt wurde, als die Quelle des Gerüchtes einer Expedition nach Rio anzusehen. Wie die Angelegenheit jetzt steht, ist es die Ansicht in Berliner politischen Kreisen, daß sie einer diplomatischen Ausgleichung fähig ist, und sollen die verhafteten Seeleute, nach Stelluna einer Kaution, bereits vorläufig in Freiheit gesetzt worden sein.
Stuttgart, 30. November. Heute Vormittag hat zur Erinnerung der Kämpfe der württembergischen Truppen am 30. Nooeküber und 2. December v. I. ein Gottesdienst unter freiem Himmel im Schloßhofe ftattgrsunden. Der König, der Eorpscommandant General Stülpnagel, die ganze Garnison und fast die gesummte Bevölkerung Stuttgarts nahmen daran Theil. Der Prälat Müller hielt die Predigt. Der König besichtigte die Truppen und belobte deren tapfere Haltung im Kriege. Hierauf wurden die Feldzugsmedaillen vertheilt. Heute Abend ist in allen Kirchen Gottesdienst. Das Theater ist geschloffen.
Karlsruhe, 30. November. In der heutigen Serienziebung der badischen 35 st. Loose wurden gezogen: Serie 3510 5418 1469 3662 7963 6761 5206 4630 4115 4460 410 5363 4444 4708 6772 1623 6828 899 6915 327.
Metz, 25. Nov. D«n „Hamburger Nachrichten wird von hier geschrieben: Don Tag zu Tag mehren sich auf den Schlachtfelvera die Denkmale, überall erheben
sich Grabsteine, Kreuze und größere Monumente, welche die Regimenter ihren gefallenen Kamerade oder die trauernden Hinterlassenen ihren im heiligen Kampfe V gestorbenen Anverwandten setzen lassen. Bei Verneoille am Rande des berüchtigten bois de la lusse hat das 84. Schleswig-Holsteinische Infanterieregiment feinen dort Gefallenen ein prachtvolles Denkmal errichtet. Leider haben ruchlose Hände nicht davor zurückgebebt, diese Den Todten g-w'ihten Stätten zu schänden und sind die schönen Denkmale des Kaiser-Al xander-RegimentS bei Habonville und das Denkmal, welches die Kaiserin-Königin Augusta ihrem Regimente bei St. Privat gewidmet, mit den gemeinsten französischen Schimpfwörtern beschmutzt worden. Selbst die schmucklosen weißen Holzkreuze werden nicht verschont und einzelne der- ,
selben sind mit Den an Dieser Stelle gewiß nicht angebrachten Rachedrohungen und - Schimpfereien versehen. Welch trauriges Licht werfen diese Gemeinheiten auf den Bildungsgrad und Den Character eines Theils Der Bevölkerung und in welchem Gegensätze steht diese Handlungsweise zu Dem, was wir zu thun für unsere Pflicht hielten, als wir den Gräbern derer, die im Leben unsere Feinde waren, Dieselbe Sorgfalt, wie den unserigen gewidmet und Deren Grabkreuze mit Der Aufschrift j „Tapfere Franzosen" zierten.
Bern, 30. November. Der Große Rath von Aargau beschloß fast einstimmig die Trennung Der Kirche vom Staate.
Paris, 29. Nov. Der Piinz von Joinville UND der Herzog von Aumale jaben für die Sitzungen der Nationalversammlung Plätze im rechten Centrum belegt. In Berichtigung anderweitiger Gerüchte erwähnt die „Agence HavaS", daß der Graf von ChamdorD gegenwärtig in Frohsvorf bei seiner Gemahlin, welche unpäßlich ist, verweile.
Paris, 30. November. Das Schwurgericht zu Versailles hat heute 18 Pächter des Arrondissements von Rambouillet, welche angeklagt waren, Den deutschen Truppen während des Krieges Nahrungsmittel verkauft zu haben, frelge- sprochen.
Paris, 1. December. Wie man sagt, wird Thiers selbst am Montage der National-Versammlung seine Botschaft vorlefen, worin er Die Lage Darstellen wird. 4 Es bestätigt sich, Daß in Der Botschaft Die Fragen wegen der Constitution nicht berührt werden. Herr De St. Vallier hatte eine Zusammenkunft mit Thiers und kehrte darauf nach Nancy zurück.
London, 29. Nov. Das Schiff „Nonpareil" aus Newcastle ist, wie aus Shields vom gestrigen Tage gemeldet wird, auf der Fahrt von Bombay nach New- Jork gescheitert; fast Die gesummte Mannschaft ist untergegangen. Aus Pont De Gall wirD vom 28. D. gemelDet, Daß stebenundzwanzig Postsäcke DrS „Rangoon" geborgen werDen konnten und Hoffnung auf Rettung Der gesummten Post vor- hanDen ist.
Ein englischer Mäßigkeitsprediger ließ unlängst auf einem öffentlichen Meeting in einer Ansprache Die Bemeikung fallen, daß Die Königin Victoria Dem Trünke ergeben sei. Diese hochverrätherische Aeußerung des Mäßigkeitsapostels wurde flugS Dem Minister Des Innern denuncirt. Dieser aber wies Die Denunciation mit Dem Bemerken zurück, Daß dergleichen Verleumdungen am besten Dadurch geahndet würden, daß man Denjenigen, Der sie ausstoße, Der öffentlichen Verachtung preisgebe.
Madrid, 29. Nov. Aus Der Havannah berichtete der Gouverneur von Cuba, Daß StuDenten Der Medicin einen Kirchhof profunirt hatten, wo im vorigen Jahre ein spanischer Journalist Namens Castannon begraben worden, Der für Die Aufrechterhaltung Der spanischen Herrschaft auf Cuba eingetreten war und durch ein amerikanisches Duell seinen Tod gefunden hatte. Die Studenten wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, welches mehrere zur Zwangsarbeit und acht zum Tode verurtheilte, welcher Spruch sofort ausgefübrt wurde. Diese Maßregel erregte große Aufregung in Der Havannah, unD die CommanDanten Der freiwilligen Truppen sahen sich genöthigt; Anreden an ihre Untergebenen zu halten und denselben zu versprechen, daß die Regierung von Cuba schnelle und strenge Justiz (gegen die Mitglieder Des Kriegsgerichts?) üben werDe. Die „Correspondencia" bemerkt zu Dieser Nachricht, daß Dieselbe wahrscheinlich übertrieben sei; jedoch sei Der Abgang des Postoampfers nach Cuba um 24 Stunden verzögert worden, wie cS scheine, weil das Ministerium noch über Die Angelegenheit be?othe.
Local-Notizen.
(Eingesandt.)
Gießen, 1. December 1871. Bei der am Sonntag stattgehabten Uebung der Wiesecktt Feuerwehr hallen wir Gelegenheit, die Le-stungen dieses Corps zu schen und waren über die mit größter Ruhe und Gewandtheit auSgeführlen Arbeiten der Steigmannschaft mcht wenig erstaunt, ebenso wie die innere Organisation des Eorps eine vortreffliche zu n nnen ist.
Was jedoch die Feuerspritze, welche qucst. Corps zur Verfügung steht, anlangt, so muffen wir bedauern, daß der Gemeinderath zu Wieseck noch nicht daran gedacht zu haben scheint, daß mit einer derartigen alten und sehr defecten Maschine keine Hebungen vorgenommen werde» können, eventuell daß dieselbe ihren Zweck als Feuerspritze vollständig verfehlt und eher als Feuernährer denn als Feuerwehrer zu betrachten ist.
Wir appelliren nun an die Fürsorge des Gemeinderaths zu Wieseck und hoffen, daß derselbe AlleS aufbieten wird, um oben aufgffuhrtem Mangel abzuhelf n und de Feuerwehr, die in jeder Hinsicht eine tüchtige und zuverlässige zu nennen lst, so auörustet, wie eS die Stellung als solche erfordert. L
Gießen, 2. December. Wir machen die Leser des Anzeigers auf die im Inseratentbeilf befindliche „Vorläufige Anzeige" deS Direktors Bernhardt aufmerksam, welcher mit seinen ■ Ponny'S, Affen unv Hnnven nächsten Mittwoch seine erste Vorstellung geben wird. Da nur zwei deutsche derartige Gesellschaften erifiiren , so brauchen wir wohl kaum auf b.e Seltenheit dieser Vorstellunaen aufmerksam zu machen. 8.
Auszug aus dru Kirchenbüchern der Kladt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getaufte.
Den 26. November. Dem Bürger zu Offenbach, Preußischen Amts Herborn, und Zimmermann hahier, Ludwig Bieber, eine Tochter, Anna Henriette, geboren den 22. October. r _ ,
Denselben. Dem Bürger und Schneidermeister, Wilhelm Kreiling, em Sohn, Karl Emil, geboren den 2. October.
Beerdigte.
Den 27. November. Johannes Koch aus Stcinfurt, Krers Friedberg, alt 53 I-, gestorben den 25. November. ,
Den 29. November. Heinrich Seeth, Großh. Anatomre-Diener dahier, alt
63 I. 11 M- 15 T-, gestorben den 27. November. t
Den 30. November. Johann Andreas Vetzberger, Gerber, des verstorbene« Bürgers und Rothgerbermeisters, Daniel Balthasar Vetzberger, ehelicher lediger Sohn, alt 72 I. 10 M-, gestorben den 27. November- H
Denselben. Albert Scheel, Kaufmann dahier, heimathSberechtigt zu Daaden, preußischen Regierungsbezirks Codlenz, alt 37 I. 2 M. 28 T-, gestorben den 25. November-


