Ausgabe 
26.5.1870
 
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22. Mai.

DieC. S." meldet: Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, daß die Regierungen am Sonnabend in der Lage sein werten zu erklären, daß sie an der Beibehaltung der Tod es strafe für Mord festhalten. Se. Maj. der König soll sich dahin ausgesprochen haben, daß die Todesstrafe für Hochverrath abzu­schaffen sei."

Pesti Naplo" berichtet, der Nuntius habe dem Grafen Beust ein Schreiben der päpstlichen Curie übergeben, worin entschieden erklärt wird, der Papst werde nie seine Einwilligung geben, daß Stroh- mayr Erzbischof von Agram werde. Reichskanzler Beust theilte dieses Schreiben dem Grafen Andraffy und der croatischen Landesregierung mit, wo es Ge­genstand der lebhaftesten Diskussion war.

Ein Florentiner Correspondent derN. fr. Pr." schildert die Sachlage in Italien in nachstehendem Briefe:Die revolutionäre Bewegung nimmt eher zu als ab. Lasten Sie sich durch die officiellen Be­richte nicht irre machen. Briefe aus Neapel versichern, daß in den süditalienischen Provinzen und in Neapel selbst viele junge Leute den Republikanern sich an­zuschließen bereit sind und die Bürger von Filadelfia, Maida und Cortale, anstatt sich von der Regierung gegen die Banden commandiren zu lasten, ihnen die größte Sympathie zeigen. Der Syndicus von Fila­delfia sogar, Serrao, ist in ihre Mitte übcrgegangen. Alle Nachrichten kommen überein, daß die Bewegung keine vereinzelte ist und daß die Bevölkerung nichts thut, die Regierung zu unterstützen. Damit sind auch die neuen Truppenverstärkungen erklärt, welche die calabresischen Behörden fortwährend verlangen. Auch nach Sicilien sind wieder neue Truppen geschickt wor­den, und Medici läßt ein Telegramm aus das andere folgen, welches Hülfe verlangt. Und die Vorgänge von Calabrien finden ihr Echo in den Abruzzen, wo mehrere Banden ihrem Beispiele folgen. Sehr treffend sagt dieSoluzione" von Neapel: Wie in Calabrien erscheinen nun auch Banden in den Abruzzen. Die Regierung beeilt sich, Truppen hinzuschicken; der Telegraph schildert sie uns bereits siegreich, noch ehe sic angelangt sein können; aber anstatt sie strahlend und ruhmgekrönt zu uns zurückkehrcn zu sehen, sehen wir andere Truppen sich einschiffen, um den ersten zu folgen." Auch die Banden in Toscana sind rasch zu einer großen Bedeutung angewachsen. Der An­führer derselben, Galliano, ist ein Garibaldianer, der an der Bewegung von 1864 Theil nahm. Inter­essant und den Geist bezeichnend, welcher die Banden beseelt, ist das nachfolgende Aktenstück:Tagesbefehl. Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten! Hier sind wir auf'S Neue, meine treuen Kameraden, auf dem Felde des Ruhmes; hier sind wir zum letzten- und ent- scheidendenmale kriegsbereit, um von dem Angesichte Italiens jenen schimpflichen und erniedrigenden Flecken des Papstthums zu entfernen, den die Gewalt des Obscurantismus und fremder Tyrannei bisher bei uns aufrechterhalten hat. Ich verlange von euch Bestän­digkeit und Zutrauen in eure Führer und vor Allem die strengste Disciplin. Bedenkt, daß wir die ruhm­volle Avantgarde der anderen zahlreichen Freiwilligen- schaaren sind, daß folglich auf uns die Augen Ita­liens, unserer Kameraden, der Welt, gerichtet sind; wer also von uns wagte, die Ehre unserer Legion, des Vaterlandes und der garibaldianischen Uniform zu kränken, den würde ich ohne Gnade erschießen lassen, und ich wünsche, ja, ich will, daß, wenn ich das Schicksal haben sollte, die Bahn des Ruhmes zu verlassen, ihr mir dieselbe Strafe auferlegt. Offi­ziere, Unteroffiziere und Soldaten! Stark durch die Gerechtigkeit und Heiligkeit der italienischen Sache, werden wir unerschütterlich Beschwerden jeder Art, Entbehrungen, Anstrengungen und ermüdende Märsche ertragen, und das, was wir am meisten wünschen, ist der Zusammenstoß mit dem Feinde, welcher die vollständige Emancipation unseres Italien verhindert und unser schönes Land entwürdigt. Dann auf, zu den Ufern der Tiber, um für immer die päpstliche Herr­schaft zu stürzen. Muth, meine tapferen Kameraden, vorwärts, denn Gott ist mit den Wollenden! Unser Ruf sei:Es lebe Italien! Nieder mit dem Papst- König!" Der Commandant der Legion: Giacomo Galliano."

23. Mai.

Im Widerspruch mit ihren letzten Nachrichten über den Stand der Verhandlungen über das Strafgesetz­buch meldet heute dieC. S.", daß die Chancen für das Zustandekommen äußerst ungünstig stehen, da nicht blos für einfachen Mord, sondern auch bei Mordversuch auf einen Landeöfürsten die Todesstrafe beibehalten werden solle. Es heiße ferner, daß die Regierungen auch in Betreff der Strafen auf poli­

tische Verbrechen und Vergehen den Beschlüssen des Reichstags Widerstand leisten würden. (Was die Haltung der confervativen Partei betrifft, so hat der Abg. v. Luck, unterstützt von 46 Parteigenossen, be- reits eine Reihe von Anträgen eingebracht, welche bei allen Artikeln, die sich auf die Todesstrafe und auf die Alternative zwischen Zuchthausstrafe und Fe- siungshast beziehen, die Regierungsvorlage wieder herzustellen beabsichtigen. Die freiconservative Fraktion hat sich an diesen Anträgen nicht betheiligt.)

In der Sitzung der Petitionscommission vom 17. Mai erklärte der dänenfreundliche Abg. Krüger aus Nordschleswig: der Zustand in seiner Heimath sei so unerträglich und peinlich geworden, daß er der ge­genwärtigen Ungewißheit bei weitem die Gewißheit der Nichtausführung des Artikel V des Prager Frie- dens vvrziehen werde. Scheitere auch dieser letzte Versuch den Reichstag zu einer Berathung über den fraglichen Artikel zu bewegen, so müsse und werde er sich an eine andere Instanz wenden, da die däni­sche Bevölkerung ein Recht habe, vom Reichstag ein Votum in der Sache zu fordern. Graf Schwerin bestritt, daß der Bund in dieser Angelegenheit com- petent sei, und daß die Bevölkerung nordschleswiger Distrikte durch den Prager Frieden irgendwelche Rechte erworben habe. Es handle sich hier nur um ein Ar- gument zwischen Preußen und Oesterreich Deßhalb möge man über den Krüger'scben Antrag einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Mehrheit pflichtete wirklich der Meinung bei, daß zu einer solchen DiS- cusston um so weniger Grund vorhanden sei, als man die Wahrung der nationalen Interessen durch den Bundeskanzler hinreichend für gesichert erachte. Außer­dem sei auch eine solche öffentliche Berathung nicht ohne Bedenken, und müsse im Sande verlaufen, wenn der Bundeskanzler, wie voraus zu sehen, eine Er­klärung verweigere. UeberdieS verweigere Dänemark die geforderten Garantien, diese nothwendige Vor­aussetzung zur Erfüllung des Art. V. Krüger con- statirte, daß seit zwei Jahren über diese Sache zwi­schen Preußen und Dänemark kein Wort, keine Schrift gewechselt worden sei.

Dr. Moriz v. Kaiserfeld, der am 27. April zum Ehrenbürger der Stadt Aussig ernannt wordin war, hat an den Bürgermeister dieser Stadt ein Schreiben gerichtet, dem derT. a. B." folgende Stellen entnimmt:Nur in der vollständigen Rück­kehr zur Verfassung und in dem Aufgeben von Ex­perimenten, welche zwar verfassungsmäßig sein sollen, welche aber doch zur Zerstörung der Verfassung führen müssen, liegt der Ausweg, der aus der Verwirrung und aus der Auflösung rettet, von welcher wieder alle Theile des Reiches bedroht sind. Es ist dies meine tiefste patriotische Ueberzeugung. Wird dieser Weg betreten werden? Ich bezweifle es. Es ist so schwer, umzukehren, auch wenn man zur Einsicht ge­langt, daß man sich verrannt hat. Wir aber, wir werden nicht aufhören, für das ungeschmälerte Recht der Verfassung einzustehen, für sie zu wirken und uz kämpfen. Denn in der Verfassung erblicken wir die letzte Bürgschaft für den Bestand eines Reiches, das noch den NamenOesterreich" verdient, und Oester­reich, das wollen wir erhalten, so lange wir können."

In der gestrigen Sitzung der italienischen Depu- tirtenkammer gelangten verschiedene auf die Marathoner Räuber-Affaire bezügliche Dokumente zur Vertheilung, darunter ein Bericht des Obristen Theagenes, welcher darthut, daß das Resultat der gegen die Räuber getroffenen Maßregeln ein anderes gewesen wäre, wenn die Truppen von ChalciS ihre Pflicht gethan hätten. Ein zweites Dokument constatirt, daß die Chefs der Briganten in Folge von Rathschlägen hervorragender Persönlichkeiten von ChalciS auf der Amnestie bestanden haben. Eine Note des italienischen Gesanotcn in Athen, della Minerva, vom 5. Mai wirst der grie- chischen Regierung vor, die Benachrichtigung des Publikums über das Bestehen von Räuberbanden verabsäumt zu haben, und bestätigt die Existenz einer energischen französischen Note an die griechische Ne- gierung, in welcher die Letztere für das Lösegeld künftig gefangener Franzosen verantwortlich gemacht wird.

Hessen. Darmstadt. Wie verlautet, ist nunmehr auch die Pensionirung des CommandeurS des 1. Reiterregiments, des Obersten v. Riedcfel, erfolgt.

Prenfien. Berlin, 19. Mai. Der Reichstag hat in seiner heutigen Sitzung den Antrag Prosch, betreffend eine Ent­schädigung für den Elbzoll an Mecklenburg im Betrage von einer Million Thaler, angenommen. Minister Delbrück hatte sich mit dem Antrag einverstanden erklärt.

Italien. Genua, 19. Mai. Drei Fahrzeuge überwachen gegenwärtig Eabrera. Man weiß nicht, cb Ricciotti Garibaldi bei den Insurgenten in der Provinz Eatanzaro ist und fürchtet die Bildung neuer Banden, die Regierung trifft daher militä­rische Vorsichtsmaßregeln.

Florenz. DaS Concil wird, so viel man hört, noch bis Peter und Paul (29. Juni) beisammen bleiben und nach Ablauf dieser Zeit die öffentliche Sitzung hallen, in welcher die Pro­mulgation deS UnfehlbarkeitS-DogmaS zu erfolgen hat. Hierauf wird dasselbe, der großen Hitze wegen, bis zum September oder October vertagt werden. Unter den Beschlüssen deS EoncilS befindet sich unter der Rubrik:Von der Kirchenzucht" auch einer, der dem niederen EleruS vorschreibt, sich nur in geist­licher Kleidung und mit dem dreispitzigen Hut sehen zu lassen.

Spanien. Mavrid, 18. Mai. In einer langen Be­sprechung mit den die Eortesmehrheit bildenden Abgeordneten hat Prim gestern die Sachlage in Betreff der Thronfrage dar­gelegt, wobei er zum Schluffe auf die Nothwendigkeit kam, daß Dem Regenten Serrano königliche Befugnisse übertragen werden müßten. GS heißt, daß einige Progressisten, ehe sie diesem Plane zustimmen, in den EorteS den Antrag stellen werden, alle^bourbonischen Linien für ausgeschlossen zu erklären; auch heiße eS, Espartero'S Weigerung, die Krone anzunehmen, sei nicht ganz definitiv, und er würde wohl doch dem Gesuche nachgeben, wenn die EorteS ihn wählen würden.

Madrid, 20. Mai. Man versichert, daß Espartero, den an ihn gerichteten Aufforderungen nachgebend, die Throncandi- datur annehmen werde. Gleichwohl glaubt man, daß diese Eandidatur scheitern wird.

Portugal. Lissabon, 19. Mai. Der Herzog von Saldanha hat mit 6 Bataillonen ein Pronunciamento gemacht. Er nahm das Fort St. George und drang nach einem Gefecht, in welchem 6 Mann getüdtet und 30 verwundet wurden, in den Palast deS Königs ein. Der Herzog de Souls, Präsident deS Eonseil, welcher herbeigerufen wurde, nahm seine Entlassung, worauf der König den Herzog von Saldanha mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragte.

Lissabon, 20. Mal. Der Herzog von Souls weigerte sich, die Ernennung deö Herzogs von Saldanha zum Eonseilspräfi- denten gegen zu zeichnen, da dieselbe nicht auf der freien Ent­schließung deS Königs beruhe. Saldanha bot in Folge dessen seine Entlassung an, welche der König jedoch mit der Ver­sicherung, daß Saldanha sein ganzes Vertrauen besitze, abge­lehnt hat. Gestern waren die Truppen unter den Waffen, aber in der Hauptstadt wie in den Provinzen herrschte vollständige Ruhe.

Griechenland. Athen, 14. Mat. Die berüchtigtsten Räuber in Akarnanien und Lepanto find getödtet, der Rest der Banden sucht nach Italien, der Türkei und Walachei zu ent­kommen. West-Griechenland ist vom Brigantenthum befreit.

Holland. Haag, 20. Mai. Die zweite Kammer hat mit 48 gegen 30 Stimmen die Aufhebung der Todesstrafe be­schlossen.

Vermischtes.

Gießen, 25. Mai. Wir nahmen gestern Gelegenheit, den im Oswald'schen Garten befindlichen EircuS von Schumann & Truzzi zu besuchen. Unsere Erwartungen, welche wir von einem langjährigen Mitgliede deS Renz'schen EircuS hegten, wurden nicht getäuscht. Herr Schumann bot AlleS auf, um das Publikum zuflieden zu stellen. Die vorzüglichen Leistungen der einzelnen Mitglieder, die schönen eleganten Eostüme und die edlen Pferde sprachen den Beschauer auf den ersten Augenblick an. Zu bedauern ist eS nur, daß solchen Leistungen gegenüber der Besuch so äußerst schwach war. Eine Hauptursache deS schlechten Besuchs mag wohl die sein, daß die Vorstellungen schon um halb 7 Uhr anfangen, zu welcher Zeit der größte Theil des Publikums feiten abkommen kann. Sollte diesem Uebelstande abgehölfen werden können, so wird gewiß eine größere Betheiligung Seitens des hiesigen Publikums in Aussicht stehen.

Offenbach, 18. Mai. Vorgestern Abend wurde abermals, und zwar noch im Rayon unserer Stadt, an einem Eisenbahn­zuge ein Frevel verübt, indem mehrere Steine in den Wagen geschleudert wurden, in welchem der Postconducteur seinen Platz hat, ohne denselben zu treffen. Der energischen Untersuchung des Bahnhofsinspectors Klöpper gelang eS, die Steine, welche zum Wurf benutzt waren, mit den anliegender Gärten verglei­chend , den Thäter in einem Schreinergesellen einer Möbelfabrik zu ermitteln und hinter Schloß und Riegel zu bringen. Man hofft auch Desjenigen habhaft zu werden, der unlängst einen Pfahl über die Schienen gelegt, und hat das hiesige Landge­richt kür dessen Entdeckung 100 fl. Belohnung ausgesetzt. (9r. I.)

London, 13. Mai. Die Hauptstadt ist heute ob einer grausigen Mordthat in Aufregung. Gin Kärrner wurde in das Haus eines im Ruhestände lebenden Geistlichen geholt, um eine Kiste abzuholen. Er stieg mit einem Stuccateur, der ihn be­stellt hatte, in die Küche, und bei dem Versuch, die Kiste durch einen Strick zu binden, fuhr er mit der Hand in eine Blut­lache. Er fragte, was dies fei, und ein gleichfalls in der Küche befindliches Frauenzimmer entfernte sich, ohne bisher wieder sichtbar geworden zu sein. Der Stuccateur, Miller oder Meller mit Namen und der Nationalität nach ein Schotte, versuchte ein Gleiches zu thun, der Kärrner aber folgte ihm und ließ ihn auf der Straße durch einen Polizisten verhaften. Mit diesem kehrte er nach dem Unglückshause zurück, erbrach die Kiste und fand in derselben die Leiche der durch Erdrosselung getödteten Haushälterin des geistlichen Herrn. Der Letztere ist schon seit acht Tagen verschwunden, und da feststeht, daß Miller vor einigen Tagen durch einen Grundarbeiter eine alte Senke im Hofe deS Hauses hat aufgraben, nicht aber wieder zuwerfen lassen, liegt der Verdacht nahe, daß er den alten Herrn gleich­falls ermordet und dort hineingeworfen hat. In den Taschen Miller'S fanden sich außer sieben Pfund in Gold die Kaufcon« tracte mehrerer dem verschwundenen Herrn zugehörigen Häuser. Als die Polizei ihn nach der Station abführte, machte er einen Versuch, zu entkommen, und wie er sah, daß dieser vergeblich sein würde, nahm er Gift. Dann brachte ihn die Polizei sofort nach dem Hospital, wo ihm das Gift ausgepumpt wurde, so daß er hergestellt wurde und heute schon vor den Polizeirichter gestellt werden kann. Nachschrift. Die Vermuthung, daß das gräuliche Verbrechen in dem Londoner Bezirke Ehelsea ein Doppelmord sei, hat sich leider bestätigt, indem die Leiche deS alten geistlichen Herrn mit einer tiefen Halswunde in einer Senkgrube vorgefunden wurde. Miller ist etwa 30 Jahre alt. Allem Anscheine nach hat er einen oder mehrere Mitschuldige gehabt, und daS Frauenzimmer, welches bei Entdeckung des BluteS durch den Kärrner Piper zugegen war und die Flucht ergriff, ist von der Polizei zu später Nachtstunde in einem ganz anderen Stadtviertel als der Mitthäterschaft verdächtig in Haft genommen worden. Sie gibt zu, dabei gewesen zu sein, als Miller in dem Hause de- ermordeten Hrn. Huttin verhaftet wurde.

Redaktion, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.