Ausgabe 
22.11.1870
 
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Oießemt Anzeiger

Erscheint täglich, mit Auf­nahme MontagS.

Expedition: Canzleiber

Lit. B. Nr. 1.

Unznge- unds Amtsblatt für dm Kreis Kießen.

Nr. 1«tt 6,00 Dienstag den 22. November ~ IS7<>.

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Amtlicher T h e i i.

Gefundene G e g < » ft ä » de :

dicker Zlsch!N°" ®ÖlniWC5 3BOf,tr' Cin sportemonn,'ic mit 26 fr" cin ,d>roQr'ler s°w°bt°r Handschuh, eine Brille mit Futteral, ein seidenes Tüchelchen und ein kurzer Die Eigeuthümer werden aufgefordert, sich binnen 3 Wochen bei uns zu melden, widriaenfalls diese (Aeaenftünde mtf sn^rnnn»» o-, <

später ,vi (fünften der Armenkasse werden versteigert werden. 8 i e auf -8erlangen an die Finder zurückgegeben oder

diesen, den 21. Norember 1870. Grobherzogliche Polizei-Verwaltung der Prooinzialhauptstadl (S>ie6en

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Politischer T h e i l.

Don den Garantie-Mächten, welche Rußland zur Rechenschaft ziehen könn­ten, haben sich Frankreich und Oesterreich dieses Rechts begeben, indem sie selbst, um Rußland in eine Alliance gegen Preußen hineinzuziehen, schon früher ent­sprechende Anerbietungen gemacht haben und England, Oie dritte Garantie-Macht, würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl schwerlich die Kriegsfrage stellen wollen, selbst wenn Rußland nicht einen Köder hingcworfen hätte, welchen die englische Politik gewiß- nicht an sich vorüber gehen lassen wird.

Der Kaiser ist bereit so heißt es in Oer russischen Depesche mit den übrigen Mächten, welche den Vertrag unterzeichneten, in Verhandlungen ein- zutreten u. s. w.", eine Erklärung, welche die Bereitschaft Rußlands, m einen Kongreß einzutreten, in sich schließt. In oiesem Gedanken würden sich also Ruß- land und England begegnen, wenn auch die Hintergedanken ganz verschieden Wären und englischerseitS viel mehr auf die Herstellung Oes Friedens zwischen Deutschland und Frankreich, als auf Sanction Oes einseitigen Rücktrittes Ruß­land von einem europäischen Vertrage gerichtet wäre. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Oesterreich und Italien aus demselben Grunde wie England und unter den­selben Hoffnungen auf die CongreßiOee eingehen werben.

Wir können uns aber allerdings nicht denken, daß ein Congreß ad hoc, wie ihn Rußland vorschlägt, sich in einen allgemeinen europäischen Congreß verwandeln könnte, dessen Spitze sich voraussichtlich gegen Deutschland teh. ren würde.

Die russische Depesche vom 31. v. M. übt eine so scharfe Kritik an der Wirksamkeit des europäischen Vertragsrechts, daß sie wohl den europäischen Mäch­ten den Gefallen thun kann, deren Sanction zu einem einseitigen Abgehen von einem garantirten Vertrage anzunehmen, aber sicherlich wiid Deutschland sich um die Früchte seines Sieges nicht durch europäische Garantieverträge bringen lassen.

21. November.

Die Welt hat so vorwiegend ihre Aufmerksamkeit dem großen National­kriege Deutschlands gegen Frankreich zugewendet, sie scheint so sehr von dem Be- wußtsein durchdrungen zu sein, daß die Frage, welche hier zur Entscheidung kommt, eine ganz neue politische Constellation ergeben muß, daß alle anderen europäischen Ereignisse sich gewissermaßen nur in dem Schatten dieses Riesen- kämpfe^ vollziehen und die Zuversicht des Gelingens aus dieser Position schöpfen.

So ist die Einverleibung Roms in das Königreich Italien gewagt und vollzogen worden und so wirb plötzlich, obwohl nicht unvermuthct, die orien­talische Frage von Rußland auf das Tapet gebracht, obwohl Rußland selbst sich dagegen verwahrt, daß man sein Vorgehen mit jenem schicksalvollen Namen benenen.

Wir sagen: nicht unvermutbet, ba wohl Niemand erwartet hat, baß Ruß­land, wenn Oie Chancen ihm günstig wären, jemals Oie Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen werde, um sich der Fesseln, welche ihm der Vertrag von 1856 auferlegt hatte, zu entledigen; zumal schon früher bald Oesterreich, bald Frank- reich, zwei von den Garantie-Mächten, sich wiederholt erboten haben, ihm jene Fesseln grade an der Stelle zu erleichtern, an welcher Rußland selbst sie sich jetzt abgestreift hat; die Fcsseln, welche ihm durch 0:. Neutralisation des Schwarzen Meens auferlegt worden waren.

Rußland hat Die Anerbietungen des Hrn. v. Beust im Jahre 1867 wie die späteren Lockungen Frankreichs unbeachtet gelassen; es konnte warten und es hat sein Ziel glücklich abgewartet.

Jene Anerbietungen entsprangen auS einer Kriegspolitik, deren Gefahren für Rußland sehr groß werden konnten, ohne daß der Gewinn sicher war; während Rußl nd bei seinem jetzigen Vorgehen wenig wagt und lediglich in seinem eige­nen Interesse handelt.

Allerdings ist es ein summarisches Verfahren, dessen Rußland sich bedient hat, indem es der hohen Pforte anzcigt, nicht weiter an einen Vertrag gebunden sein zu wollen, durch welchen es sich genirt fühlt und die hohe Pforte wird nicht säumen, sich darauf zu berufen, daß die Türkei durch den Vertrag von 1856 in Vas europäische System ausgenommen worden sei. Aber was ist Denn das euro­päische System? Hat nicht Rußland in der ihrem wesentlichen Inhalte nach bekannt gewordenen Circulardepescbe vom 31. October sehr nachdrücklich betont, baß em solches System gar nicht mehr besteht, da ein Vertragsbruch die Ge­wohnheit der europäischen Politik geworden ist und man billiger Weise der rus- fischen Politik nicht zumuthen kann, ganz allein als Märtyrer Der Vertragstreue zu leiden.

wir können uns einen Darauf bezüglichen Congreß wohl gefallen lassen; aber unsern Frieden mit Frankreich werden wir allein machen, wie wir Den Kriea gesicht haben, und gerade, weil das europäische System eine so fragwür­dige Gestalt angenommen bat, kann der Friede nur unter Bedingungen zuge- laflcn werden, welche dessen Erhaltung nicht unter europäische, sondern lediglich unter unsere eigene Garantie stellen.

In dem Schlosse St. Cloud, wo der Kaiser Napoleon vor seinem Abgänge nach dem Kriegsschauplätze residirte, haben die deutschen Truppen eine Anzahl Depeschen und Depeschenabschriften gefunden, welche dieCorresp. de Berlin" veröffentlicht.

Sämmtliche Depeschen sind aus der Zeit vom 29. Juni bis 28. Juli 0. I. Ihre Reihe eröffnet eine Anfrage vom 29. Juni, welche Der Marineministcr an Den Seeprasecten in Cherbourg richtet, betreffend BckleidungSgegenstänDc für einen nördlichen Feldzug. Der Präfect erwiderte des andern Tages über die hierzu vorräthigen Effecten. Es ist dies einer von den mancherlei aufgefunOencn Belegen, Daß t-e französische Regierung den Krieg schon vorher plante, ehe Die Geleaen- hett mit Dem Prinzen von Hvhenzollern gefunden war.

Der Prinz wird in diesen Depeschen zum ersten Male am 4. Juli erwähnt in einem Bericht welchen cin französischer Agent, unterzeichnet Vandcneffe in Berlin, au eine Vertrauensperson Lctellier in Paris sendet. Der Agent meldet die Speisung von Soldaten bei einem Festmahl zur Erinnerung Der Schlacht von ©aDoma und Den Toast, welchen General von Troschke gehalten, berichtet ferner über das Programm Oer katholischen Partei und führt an, daß der zum König von Spanien vorgeschlagene Prinz Hvhenzollern 1831 geboren, Bruder Carls von Rumänien, Neffe der Marquise Pepoli, Enkel der Kaiserin Josephine sei.

6 war der Tag, an welchem Grammont seine beleidigende Rede hlelt. Persigny telegraphirt an den Kaiser:Empfangen Sie meine heißesten Glückwünsche. Ganz Frankreich wird Ihnen folgen. Der Enthusiasmus ist ein- müthig." An demselben Tage telegraphirt Ollivicr an Den Kaiser:Die Gram- montsche Erklärung wurde von der Kammer mit Aufregung und unermeßlichem Beifall aufgenommen. Die Linke s löst, ausgenommen eine sehr kleine Zahl, hat erklärt, daß sie Oie Regierung unterstützen würde. Die Bewegung, im ersten Au- genblick, hat selbst das Ziel überschritten. Man hätte sagen können, das wäre eine Kriegserklärung. Ich habe eine Aeußerung von Cremieux benutzt, um Die Situation wieder zurecht zu stellen. Ich habe nicht acceptirt, daß man uns Dar- ttüe als auf den Krieg bedacht; wir wollen nur Den Frieden mit Ehre. Auch im Publikum ist die Aufregung groß, aber diese Aufregung ist nobel, patriotisch. Das Volk hat ein Herz."

Von demselben Tage liegt eine telegraphische Depesche des spanischen Ge­sandten Olozaga an Den spanischen Kriegsminister vor. Man muß annehmen, entweder, daß Olozaga von Den Depeschen an seine Regierung nach St. Cloud Abschriften gab, ober daß der französische Hof sich Abschriften von der Correspon- denz der bei ihm accrcoitirten Gesandten verschaffte. Olozaga telegraphirte an seine Regierung:Fern davon, Die Wirkungen des ersten Eindrucks zu übertret» ben, können die Erklärungen der (französischen) Regierung und die Haltung des gesetzgebenden Körpers als sichere Anzeichen betrachtet werden eines Krieges gegen Preußen, wenn ein preußischer Prinz König von Spanien würde."

Am 7. Juli telegraphirt Grammont an Benedetti in Wildbad, er möge sofort nach Ems reisen, er werde ihm Instructionen schicken. Er soll Ems nicht verlassen, ohne ihn benachrichtigt zu haben.

Es folgen Berichte Der Agenten in Deutschland darüber, wie das Publikum und ote Presse dte Sache aufnimmt. Vom 15. Juli beginnt eine Reihe von Depeschen, worin die Pichecten die Kriegsbegeisterung des französischen Volkes schildern. Aus Perpignan berichtet der Präfect an Den Minister Des Innern: '4<in a C Aus"gung herrscht zu Perpignan in Folge der letzten Nachrichten.

Preußen ist auf das Heißeste ersehnt von Der ganzen Bevölkerung; s^st die Republikaner sagen, Daß in 8 Tagen die Feindseligkeiten beginnen wür- den und daß am 15. August unsere Soldaten in Berlin das Fest des Kaisers feiern werden. Niemand zweifelt an Dem günstigen Ausgang des Krieges, das Vertrauen herrscht überall in den Städten und den kleinsten Dörfern-" Aehnlich 3ull*cr zu Marseille, am 17. Der Unterpräfect in Toulon; Der yrafeft Des Niederrheins fragt an, ob man nicht in Straßburg und anderen Hauptorten eine solide Nationalgarde errichten soll, um Dir verdächtigen fremden cm- Arbeiter uuszutieiben. Seit 15. Juli wird auf Befehl des Kaisers die Markeil^

Wir haben nur em sehr entferntes Interesse an der orientalischen Frage-laife überall zu singen erlaubt. '