nicht abgeneigt sei, wenn den Officieren der freie Abzug gegen Verpfändung des Ehrenworts, in diesem Kriege nicht mehr die Waffen gegen Deutschland zu tragen, gewährleistet wird. Davon kann nach den gemachten Erfahrungen aber s-lbst- verständlich nicht die Rede sein, denn wenn man auch nicht annehmen darf, daß ave Ofsiciere Frankreichs Ducrot'S sind, so ist es doch nur zu gewiß, daß böse Beispiele leicht gute Sitten verderben. Die Ofsiciere der Garnison von Metz werden sich der ganzen Strenge der Kriegsgesetze beugen muffen, auch venn dadurch die Uebergabe der Festung um einige Tage verzögert wird. Nach dem Falle von Metz wird voraussichtlich Schlettstadt an die Reihe kommen, wenigstens werden alle Vorbereitungen zur regelrechten Belagerung dieses Platzes getnsfen, um endlich einmal Ruhe im Oberelsaß zu haben; die übrigen Festungei im Rücken der opertrenven Armeen, wie Bitsch, Verdun rc. erscheinen zu unbedeutend, um an deren Forcirung viel Kräfte zu setzen. — Die Hoffnung, daß am Ge- burtstage de« Kronprinzen die entscheidende Action gegen Paris beginnen werde, ist bei den Truppen eher im Steigen als im Fallen, ohne daß sie in dm zu Tage tretenden Anordnungen besondere Begründung fände; aber was man wünscht, glaubt man und sucht dafür alle möglichen Beweisgründe hervor. Daß plötzlich der Befehl erging, das schon halb zu Lazarethzwecken hergerichtete Schloß Trianon im Park von Versailles zur Aufnahme des jungen Königs von Baiern, dessen Ankunft nahe bevorsteht, in Ordnung zu bringen, gilt den Optimisten für das sicherste Zeichen des baldigen Einzuges in Paris. Gebe Gott, daß sie diesmal Recht behalten, denn die Unbilden der Witterung machen sich täglich fühlbarer, und die Soldaten in den wenigen Cantonnements, in welchen die Einwohner zurückgeblieben sind, müssen stündlich um ihr Leben besorgt sein, mehr noch, als wenn sie dem Feinde in offener Feldschlacht gegenüberstehen. Auch gestern wurden wieder drei Kerle aus einer Ortschaft dicht vor Paris eingebracht, wahre Mordbrennerphvsiognomien und zwar unter der schweren Beschuldigung, einem hilflos kranken baierischen Officier die Zunge aus dem Halse geschnitten zu haben. Ich kann solche Scheußlichkeit kaum fassen, die nur durch den beispiellos niedrigen Bildungsgrad der französischen Landbevölkerung einigermaßen erklärlich, aber durchaus nicht entschuldbar wird. — Gestern hatten wir in gewisser Be- ziehung einen Fasttag: Der Postzug war bei Saarbrücken entgleist, und vergeblich warteten wir den ganzen Tag auf Briefe und Zeitungen aus der Hcimath, die einzige Kurzweil während der langen Abende, da bei einbrechender Dunkelheit alle Läden geschloffen werden, alles Leben auf den Straßen erlischt.
Ueber die Verwüstungen, welche das Bombardement der Franzosen in dem Schlosse St. Cloud und den umliegenden Dörfern angerichtet hat, wird dem „B. B.-C." aus Versailles vom 14. geschrieben:
„Vor dem großen Platze des Schlosses Louis XIV. war gestern früh gegen 8 Uhr ein eigenthümliches Bild zu schauen, und ich glaubte, eine Völkerwanderung en miniature darin zu erblicken. Auf der Erde lagerten und kauerten nämlich gegen 400 Menschenkinder, die die Roth gezwungen hatte, ihr Hab und Gut zu verlassen und dem Verderben preiszugeben. Ihre eigenen Landsleute, die Herren Franzosen, hatten sich nämlich das Vergnügen gemacht, von ihren Schanzen aus fortwährend auf unsere Vorposten zu schießen; wie gewöhnlich gingen aber auch hier die Geschosse entweder zu weit oder zu hoch, trafen die Häuser der zwischen den beiden feindlichen Vorposten gelegenen Dörfer und richteten Berhee- rung und Verwüstung an. Der Troß der Carawane wurde auf die Comman- vantur gebracht und den Aermsten vor der Hand hier ein Asyl bereitet. Den gestrigen Nachmittag benutzte ich zu einer Tour nach St. Cloud, dem bekannten Lieblingsaufenthalte des Gefangenen auf Wilhelmshöhe. Der Weg dahin führt durch die schönsten und reichsten Wälder, aus denen ab und zu eine im modernsten Styl gebaute Villa verstohlen herabblickt. Es war für mich schwierig, durch die Vorposten zu kommen, allein durch die Liebenswürdigkeit des commandirenden Hauptmanns, der mich zwar dringend warnte, nach St. Cloud hineinzugehen, wurde die Schwierigkeit beseitigt. In welchem Zustande sollte ich das Eldorado der Pariser antreffen! Nicht nur, daß alle Häuser verlassen und sehr viele durch das ewige Schießen der Franzosen auf unsere Vorposten stark gelitten haben, das schöne Schloß ist ein Raub der Granaten geworden und fast vollständig demolirt. Aus zweierlei Gründen mag der Feind seine Bomben vorzugsweise auf das Schloß gerichtet haben, erstens, weil dasselbe die preußische Wache beherbergte und unseren Truppen als Observatorium galt, zweitens, weil hier der Exkaiser, bei dessen Namenserwähnung jeder Franzose jetzt in Wuth ausbricht, seine Pläne und Jntriguen ausheckte, die die französische Nation fast an den Rand des Abgrunde- gebracht haben. Hier in dem Schlosse zu St. Cloud, wo der Exkaiser noch seine letzten kriegerischen Pläne gegen Preußen ausklügelte, da, wo er Podagra heuchelte und alle europäischen Börsen durch eine Note im „Constitutionnel" beunruhigte, gleicht alles einem Trümmerhaufen. Nur die Fontaine« plätschern noch munter fort; auf dem Wasser ist noch ein weißer Schwan sichtbar. In wilder Flucht scheinen die Bewohner von St. Cloud, die zum größten Theil aus reichen Parisern bestehen, Alles verlassen zu haben. In einer Villa fand ich noch gestern einen vollständig gedeckten Tisch, an welchem anscheinend die Bewohner des Hauses beabsichtigten, das Diner einzunehmen und durch das Heranrücken deutscher Truppen darin gestört wurden. Im Schlosse zu Wagram, wo das 34. Regiment im Quartier lag, haben einige Soldaten Bilder gefunden und dieselben hier abgeliefert; man soll darunter mehrere als solche erkannt haben, die Napoleon I au- Deutschland einst geraubt hat. Auch mächtige Hirschgeweihe fanden sich vor, die vor 60 Jahren dem Großherzog von Darmstadt von Napoleon genommen und jetzt an den regierenden Fürsten nach Darmstadt zurückgesandt wuroen.
Die „N. A. Z." schreibt: Einem Briefe unseres Corresponventen aus Versailles, den 16. October entnehmen wir Nachstehendes: „Die Ausfälle der Besatzung von Paris scheinen in der letzten Zeit häufiger geworden zu sein und auch gestern hat wieder ein solcher in der Richtung von Chatillon her stattgefunden. Der Ausgang war auch hier derselbe, wie bei jedem früheren Versuche, indem die Ausfallenden mit starken Verlusten ihrerseits zurückgeworfen wurden.
Se. Maj. der König machte gestern einen Ausflug nach Baucresson zu. Seit Donnerstag früh war ein Abgesandter Bazaine's aus Metz, General Boper, hier, um über die Uebergabe der Festung zu unterhandeln. Er war in großem Geheimniß gekommen und ist gestern Abend in großem Geheimniß wieder abgereist, beides jedoch nur um Aufsehen zu vermeiden. Doch war unter der Bevölkerung seine Anwesenheit bekannt geworden und es soll zu einigen unbedeutenden Demonstrationen gekommen sein. Etwas Genaueres über den Inhalt der Bazaine'- schen Vorschläge ist hier im Publikum nicht bekannt geworden, was man darüber wissen will, sind wohl nur Conjuncturen, welche allerdings viel Wahrscheinlichkeit für sich haben mögen, so daß Bazaine für seine Armee den freien Abzug mit Waffen verlangt.
Die Polizei ist in den letzten Tagen viel in Bewegung gewesen. Man hat
unter Anderen einen angeblichen spanischen Diplomaten verhaftet, der Beziehungen mit den Franzosen unterhalten haben soll. Der „Novelliste de Versailles" spricht in seiner gestern Abend erschienenen Nummer von der Verhaftung des Angel de Mirando, Redacteur des „Gaulois", und es handelt sich dabei wohl um eine und dieselbe Person.
Maizieres bei Metz, 18. Oct. Von eine< ordentlichen Belagerung der Festung Metz haben die Preußen, wie ich Ihnen schon früher gemeldet, gänzlich Abstand genommen. Man will jedoch der Stadt Metz zu Leibe gehen und diese bombardiren. Etwa eine Stunde südlich von hier wird bereits seit acht bis vierzehn Tagen an den Schanzarbeiten für die Aufstellung schwerer Batterien gearbeitet. Die Arbeiten finden nur nächtlich statt, da die betreffende Stelle im Bereich der Fortsgeschütze liegt. Das Terrain zwischen Maiziere- und Metz ist eben und kahl und jede Terrainveränderung muß den Franzosen sofort auffallen. Dies ist denn in der That bereits geschehen und die Franzosen senden ab und zu während der Nacht Granaten in die Gegend, in welcher die Batterie-Arbeiten vorgenommen werden. In einigen Nächten hofft man bereits so weit zu sein, die Geschütze in die neue Position zu bringen; dann wird das Bombardement der Stadt alsbald eröffnet werden. (Wenn nicht die Verhandlungen über die Uebergabe früher zum Ziel führen.) (F. I.)
Die „Bonner Ztg." schreibt: Seit mehreren Tagen durchlief unsere Stadt und Umgegend das beunruhigende Gerücht, daß mehrere Hundert unserer Bonner Landwehrleute, welche in und um Sedan stehen, bei einer Recognoscirung gegen die Festung Montmedy überfallen und gefangen genommen worden seien. In der That ist die 5. Compagnie in der Nacht vom 10. auf den 11. d. MtS. in Stenay durch Verrath überfallen worden und wurde 3/4 der Compagn'e zu Gefangenen gemacht und nach Montmedy geschafft. Wenige der Unseren, deren Namen uns noch nicht bekannt sind, wurden verwundet oder getödtet; etwa 30 Mann mit Lieutenant Hillebrand entkamen. In dem Briefe eines der gefangenen Bonner, welcher durch gefangene und später entlassene Fuhrleute aus Montmedy nach Trier gebracht und dort der Post übergeben wurde, heißt es : „Die Behänd- lung von Seiten der Franzosen ist eine verhältnißmäßig gute, während frühere Gefangene hierüber sehr zu klagen hatten." Sämmtlrche Leute sind unverwundet und befinden sich wohl.
Der Correspondent der Jndependance aus Versailles bestätigt in seinem Berichte über das Gefecht bei Orleans, daß „olle disponibeln Streitkräfte, welche die Franzosen an der Loire zusammen zu bringen vermochten, nach Orleans geworfen worden waren, daß die Regimenter von Tours und Bourges zu den Trümmern der drei Divisionen gestoßen waren, die am Tage vorher bei Chartres, Angerville und Artenay geschlagen worden, so daß Orleans von 40,000 Mann gegen das Corps des Generals v. d. Tann vertheingt wurde; das Terrain vor oer Stadt bot große Schwierigkeiten, dennoch wurde diese Armee geworfen und nach allen Richtungen versprengt". Der Constitutionnel vom 17. meldet: „Orleans ist noch immer von Preußen besetzt, welche sich aller öffentlichen Anstalten der Stadt, der Post, der Bank, des General-Steueramtes und der Präfectur bemächtigt und eine eigene Verwaltung eingesetzt haben; der Präfect Pereira ist Gefangener in seinen Zimmern und Msgr. Dupanloup hat in seinem Palaste einen Beamten vor der Thür. Die der Stadt auferlegte Summe betrug Anfangs 4 Millionen, wurde aber in Folge von Unterhandlungen auf 2 Millionen ermäßigt, die gestern, 16. October, gezahlt werden sollte, abgesehen von den übrigen Requisitionen und der Plünderung (?) mehrerer Magazine."
Aus Lille, 18. October, meldet man der Jndependance: „Nichts Neues von Amiens und Saint-Quentin. Wenn Saint-Quentin von Neuem bedroht war, so sind Maßregeln getroffen worden, dieser Stadt zu Hülfe zu kommen. Ein ernstlicher Emissär, der von Verdun kommt, versichert, daß die Besatzung in einem neuerdings gemachten Ausfälle 800 Feinde kampfunfähig gemacht hat. Drei Tage später versuchten die Preußen einen erfolglosen Sturm, sie haben 1800 Mann verloren." Der „ernstliche Emissär", welcher obige Aussagen über Verdun gemacht hat, verdient als Musterbild eines französischen Lügners der Nachwelt überliefert zu werben.
Aus Belfort, 15. Oct., schreibt man dem „Jndustr. Alsacien": „Garibaldi ist gestern Abend (Freitag) hier angekommen und von einer Ungeheuern Volksmenge am Bahnhofe empfangen worden. Kaum hatte der Bahnzug angehalten, als alle Häupter sich entblösten und ein tosender Willkomm erscholl: „Es lebe Garibaldi!" Der General war sichtbar von dieser einmüthigen Ovation bewegt und stieg sofort auf den Perron herunter, um, bevor er seine Reise wieder fortsetzte, in einigen Worten für den Empfang zu danken. Seinen Dankesworten fügte er die Erklärung bei, daß sein Vertrauen in den endlichen Sieg der französischen Sache ein unbeschränktes sei. Die Eindrücke, welche er von Tours mitgebracht hätte, seien derart, allen Muth zu kräftigen und alle Hoffnungen zu beleben. Die Massenaushebung wird fortwährend energisch betrieben; in wenigen Tagen könne Frankreich der JnvasionSfluth 1,800,000 zu allen Opfern entschlossene Kämpfer entgegenstellen (!). Er fügte bei, daß er es als ein großes Glück betrachte, seine, der Vertheidigung der freien Völker und der republikanischen Institutionen gewidmete Laufbahn durch neue Mühen und neue Gefahren zu krönen. Frankreich kann nicht sterben, fuhr er fort, es vertheidigt die heiligste Sache, die der nationalen Ehre und der Freiheit. Die Republik wird auch dießmal über den Unterdrücker triumphiren u. s. w. Der General hat sofort seine Reise nach einer dem Publikum unbekannten Bestimmung fortgesetzt."
Straßburg, 17. Oct. Man meldet aus Pfalzburg, daß im Laufe der letzten 14 Tage weitere 47 Häuser durch das Bombardement zerstört worden seien. (Karlsr. Z.)
Toms, 19. Oct. Die R gierung veröffentlicht folgende Nachricht: Cha- teaudun wurde gestern nach zehnstündigem Kampfe vom Feinde genommen.
Brüssel, 17. Oct. Gerüchtweise verlautet, daß zu Gunsten des Friedens auf Grundlage der Abtretung des Elsaß und der Annexion Luxemburgs an Deutschland neue Anstrengungen gemacht werden. Man bereitet gleichfalls eine neue Zusammenkunft zwischen Bismarck und Favre für morgen vor. Die Bemühungen sollen eine bestimmtere Form haben. Glaubwürdige Personen versichern, diese Gerüchte seien begründet. (Pr.)
Brüssel, 19. Oct. Die Sprache der in Tours erscheinenden Blätter wird täglich heftiger gegen die Negierung. Die „France" enthält einen energischen Protestartikel gegen dieselbe, weil sie die Wohlfahrt Frankreichs gefährde. Die „France" protestirt ferner gegen die durch die Präfecten und Commiffäre begangenen schreienden Mißbräuche, sowie gegen die übertriebene Einmischung der Civil- behörden in militärische Angelegenheiten, gegen die willkürlichen Verhaftungen und die summarische Unterdrückung von Journalen. Die „France" spricht es geradezu aus, daß durch diese Mannöver eine Handvoll Menschen ohne anderweitiges Man-


