17. März.
Preußen hat neuerdings in Florenz erklärt, daß es sich wegen einer Alpenbahn ausschließlich nur für den Gotthard interesstren könne, was mit den Intentionen der italienischen Regierung übereinstimmt.
Wie aus guter Quelle verlautet, hat der österreichische Gesandte in Rom, Graf Trautmannsdor ' die Weisung erhalten, die Forderungen Frankreichs beim päpstlichen Stuhle zu unterstützen; außerdem habe jedoch Oesterreich beschlossen, keinen Bevollmächtigten zum Concil zu senden.
Auf ein von dem Ausschuß der nationalliberalen Partei zu Hannover ergangenes Ersuchen an den Oberpräsidenten, eine amtliche Bestätigung des in den officiösen Blättern enthaltenen Versprechens her- beizusühren, daß die zurückkehrenden sogenannten Welfenlegionäre sich einer milden Behandlung versichert halten dürften, ist folgendes, an den Vor- sitzenden des Ausschusses, Obergerichtsanwalt Dr. Nicol, gerichtetes Schreiben des Oberpräsidenten eingegangen: „Hannover, den 9. März 1870. Au' die gefällige Zuschrift vom 21. v. Mts. erwiedere ich Ew. Wohlgeboren und den übrigen Herren Unterzeichnern derselben ergebenst, daß nach den an Allerhöchster Stelle ausgesprochenen Intentionen zwar die Ertheilung der Zusicherung straffreier Rückkehr an die Mitglieder der sogenannten Hannover'schen Legion nicht zu erwarten ist, daß jedoch alle Diejenigen, gegen welche besondere gravirende Momente nicht vorliegen, auf eine nachsichtige und milde Be- Handlung rechnen können. In letzterer Beziehung erlaube ich mir auf die Thatsache zu verweisen, das im Laufe der letzten Monate bereits viele Legionäre m die Provinz zurückgekehrt sind, welche fast aus- nahmslos, d» sie nicht besonders gravirt erschienen, außer gerichtlicher Verfolgung geblieben sind. Otto Graf zu Stolberg."
Dem „Regsb. Mgbl." schreibt man aus Rom unterm 7. März, dem Tage, an welchem das Un- fehlbarkeitSschema vertheilt' wurde: Daß an ent- scheidenter Stelle man nicht an eine Vertagung des ConcilS denkt, zeigt u. A. ein Decret der R-ituscon- gregation, welchem gemäß in den Diözesen, wo we- gen Abwesenheit des Bischofs diesmal am Gründonnerstag die Oelweihe nicht stattsinden oder wo man die geweihten hl. Oele nicht leicht von einer nahen Diözese beziehen kann, die alten heil. Oele bis auf Weiteres fortgebraucht werden kann.
Der „KarlSr. Z." wird ofsiciös aus Wien geschrieben: Es ist hier die freilich nicht officielle, aber vollständig verbürgte bestimmte Mittheilung eingegangen, daß der Papst allen an ihn gerichteten Vorstellungen zum Trotz, weder in eine Vertagung des Concils noch in ein Fallenlaffen des Unfehl, barkeitdogma's willigt. Wenn die österreichisch- ungarischen Bischöfe in ihren Entschließungen bisher theilweise noch schwankend waren, so sind sie es jetzt nicht mehr; sie werden so zeitig in ihre Diözesen zurückkehren, daß sie in den betreffenden Beschlüssen des Concils, die sie nicht hintanzuhalten vermögen, aus dem Wege gehen. „Bevor ich Priester wurde, war ich Oesterreicher", mit diesen Worten hat ein hervorragendes Mitglied des Episkopats seinen Standpunkt charakterisirt.
18. März.
Die „Provinzial-Corresp." bestätigt, daß das Zollparlament etwa auf den 21. April einberufen wird.
Die „Nordd. Allg. Ztg." rubricirt ohne besondere Bemerkungen folgende Auslassungen der Russischen Presse: Die anonyme Broschüre „l’impasse politique“ (sie ist von einem in Paris lebenden russischen Obersten a. D. von Moller) beschäftigt in der letzten Zeit die russische Presse lebhaft. Die „Mosk. Ztg." gab eine eingehende Analyse dieser ein französisch, russisches Bündniß empfehlenden Schrift, betonte nachdrücklich, daß Deutschland ein Interesse daran habe, die orientalische Frage bis zu seiner Einigung in der Schwebe zu erhalten, und schloß mit der Forderung, Rußland möge so rasch wie möglich ein Bündniß mit Frankreich schließen, wo die kaiserliche Regierung jetzt mit dem Volke ausgesöhnt sei. Das Programm der Allianz müsse lauten: Niederhaltung aller ehrgeizigen Vergrößerungsbestrebungen, welche das europäische Gleichgewicht bedrohten. Auch die „Petersburger Börsenzeitung", ein ganz entschieden preußenfeindliche- und beiläufig für zugänglich geltendes Blatt, begrüßt die Broschüre mit Wohlge- fallen und wünscht den Vorschlägen derselben alles Glück. Ein Bündniß zwischen Rußland und Frankreich sei ebenso möglich als wünschcnswerth, weil nur durch ein solches die bedrohte Existenz der deutschen Mittelstaaten gesichert werden könne. — Der „Golos" findet zwar in der Broschüre die Würde
Rußlands nicht gewahrt, Hot aber gegen das Ziel derselben nichts einzuwenden. Er ist überhaupt auf Preußen nicht gut zu sprechen. Dasselbe mache, so sagt er einem Artikel über König Wilhelms Thron- rede, aus seinen Absichten auf den deutschen Süden kaum noch ein Hehl, und Oesterreich und Frankreich seien nicht in der Lage, die Mainlinie zu verthei- digen. Rußland habe zwar keinen Beruf, Europa wie im Jahre 1812 von Napoleon, so jetzt von den Händen des Grafen Bismarck zu erretten, aber es werde sich dieser Aufgabe auch nicht entziehen, wenn ihm dafür im Orient entsprechende Zugeständnisse, namentlich Aufhebung der Verträge von 1856 zuge- sichert würden. Ein mächtiger Nachbar, wie Preu- ßen zu werden drohe, sei unter allen Umständen unbequem. Nicht minder unfreundlich wie die nationalen nnd demokratischen Blätter Rußlands beurteilt der konservative „Westj" die Stellung Preußens. Daß Bayern nichts vom Norddeutschen Bunde wissen wolle, sei sehr erklärlich, 5a die norddeutschen Staaten durch Preußen um jede Spur von Selbstständig- feit gebracht worden seien. Die Sprengung des alten Bundes sei für Deutschland und Europa eine Gefahr, über die man sich nicht mehr täuschen könne, seitdem die bei Eröffnung des Reichstags gehaltene Thronrede hervorgehoben, daß Preußen in seiner Annexionspolitik fortzufahren entschlossen sei. Auf Bundesgenossen habe die Berliner Politik weder in Wien, noch in Skandinavien, noch in dem von Napoleon abhängenden Italien zu rechnen. Ein herzliches Einvernehmen könne nach der preußischen officiösen Presse zwischen Rußland und Preußen kaum noch bestehen. UebrigenS beginne im letzteren Staate selbst eine entschiedene Reaction gegen das Bismarck'- sche System. Das Herrenhaus habe seine Abnei- gung gegen die demokratischen Institutionen des neuen Bundes deutlich kundgegeben, und die Demo- kratie andererseits sei verstimmt Über das beständige Anwachsen der dem Volke aufgebürdeten Steuern und Lasten. In einer anderen Nummer (17. Februar / t. März) sagt das Blatt, der Kaiser Napoleon werde demnächst zwischen einem Kriege mit Preußen und der Niederschlagung einer Revolution zu wählen haben."
Preußen. Berlin, 16. Mürz. In der Sitzung des Reichstags beantwortete der Staatsminister Delbrück die Interpellation des Abg. Hirsch und verheißt, demnächstige Bvrlagen über Arb.iter-Krankenkassen, sowie über die Haftpflicht der Unternehmer an den BundeSrath zu machen. Die Petition um Beseitigung der Zeitungs-Cautionen wurde dem Bundeskanzler zur Kenntnißnahme und weiteren Veranlassung überwiesen. — Die „Provinzial-(Korrespondenz" bestätigt, daß daS Zollparlament etwa auf den 21. April einberufen werden wird.
Berlin, 17. März. Zur Geburtstagsfeier des Königs treffen Morgen Abend der Großherzog von Sachsen-Weimar, am Samstag Abend die Großherzogin Marie von Weimar und am Sonntag die Großherzogin Louise von Baden hier ein.
Bayern. München, 16. März. Der Herzog von Nassau, der jüngsthin ein großes Landgut im bayerischen Oberlande angekauft hat. beabsichtigt nun hier ein Palais zu erwerben und künftig hier zu wohnen.
— 3m Befinden des Prinzen Otto ist eine so erfreuliche Besserung eingetreten, daß keine weiteren Bulletins ausgegeben werden.
— Das neue Bürgerwehrgesetz begegnet allgemein entschiedenem Widerwillen. Es bereiten sich — und zwar nicht zum mindesten in Gegenden wo die Fortschrittspartei unbestrittenes Feld hat — Adressen und Petitionen gegen die Einführung des neuen Instituts vor, so in Nürnberg, Lindau; auch Augsburg find in der Presse solche Stimmen laut geworden.
— Dem Bäcker-Strike in Würzburg wurde, dem dortigen „Abendblatt" zufolge, dadurch ein kurzes Ende gemacht, daß die Militärbehörde sämmtliche Bäckergesellen, die sich in der Garnison als Soldaten befinden zur Disposition der Bäcker stellte, und die Polizeibehörde ferner den feiernden Gesellen, bei denen es thunlich war, die Weisung gab, die Stadt zu verlassen.
München, 17. März. Der Finanzausschuß beantragt bezüglich des Militärpostulats, von der Forderung zu 376 112 fl. für den höheren Ofsizieröstand nur 176,112 fl. zu gewähren, alle übrigen Postulate des Kriegsministeriums aber zu verwei. gern, nur 22,400 fl. für Feldkochgeschirre, 14,000 fl. für daS Fouragemagazin in Nürnberg und 8000 für Schießplätze zu bewilligen, die Festung Landau aufzuheben und die badische Regierung um den Bau einer Eisenbahn von Bruchsal nach Germersheim zu ersuchen.
Oesterreich Wien, 15. März. Der Oberfllandmar- chall von Böhmen, Fürst Adolph AuerSberg, ist zum LandeS- chef in Salzburg ernannt.
Frankreich. Paris, 11. März. Rochefort, Pascal, Grousset und Mouront sind seit dem 2. März in geheimster Weise in der Pelagie untergebracht. — In Folge der am 9. d. M. in der Santö angestellten Untersuchungen sind 74 Per- onen als in ein Complott verwickelt nach MazaS tranSportirt worden.
Paris, 18. März. Der „FrancaiS" theilt mit, der französische Gesandte beim päpstlichen Stuhl, Marquis de Ban- neville, habe heute Rom verlassen, um sich nach Paris zu begeben, wo er einige Tage zubringen wird. Nachrichten aus Madrid melden, daß der Herzog von Montpenfier gerichtlich belangt wird.
Paris, 17. Marz. Die „Agence HavaS- nidbet, sämmt- llche katholische Mächte hätten sich dahin geeinigt, keinen außerordentlichen Gesandten zum Eoncil zu senden, aber den bedrohten Civilrechten mittelst der bestehenden Gesetze Achtung zu verschaffen.
Paris, 16. März. Der „GauloiS" bringt die Nach, richt, daß die Verlobung des Erzherzogs Albrecht mit der ältesten Tochter des Exkönigs von Hannover binnen Kurzem eine Thatsache sein wird, nachdem die Hindernisse, welche Kaiser Franz 3osef dieser Verbindung «ntgegenstellte, überwunden find.
Spanien. Madrid, 16. März. Der Leichenzug des Prinzen Heinrich von Bourbon wurde von Freimaurern begleitet; als die Priester die Freimaurer-Abzeichen sahen, entfernten sie die die kirchlichen Insignien und verweigerten den geistlichen Dienst. Kein Mitglied der Regierung wohnte dem Leichenbe- gängniß bei.
Rußland. Der Stand der Bauerangelegenheit war zum 1. 3an. d. I. folgender: Von allen ehemals leibeigenen Bauern, deren Zahl für die auf größeren Gütern angesiedelten auf 9,649,254 berechnet worden waren 6,261,143 oder 64,9 pCt. freie Besitzer ihres LandeSantheileS geworden und 3,388,111 nod) in einem Pflichtverhältniß zu ihren ehemaligen Herren geblieben. Di« ganze von den bäuerlichen Besitzern durch Loskauf erworbene Landmaffe beträgt 19,738,995 Deffj., auf den Einzelnen kommen daher 3,s Dessj. Für die Deffjätine haben sie 26 R. 32 K , also für den Antheil 82 R. 90 K. zu zahlen. Die ganze Masse der von den Bauern beim Landerwerb contrahirten Schulde» beläuft sich demnach auf 519,508,821 R. Diese Summe wird in 49 Jahren durch sechs pCt. Zahlungen, die für die Dessjätine 1 R. 58 K., für den Antheil 4 R. 27 K. betragen, gedeckt. ES werden auf diese Weise jährlich 31,170,529 R. dem Fiscus für die loSgekanften Ländereien eingezahlt.
England. London, 17. März. I« der Bill zum Zwecke der Herstellung der Gesetzlichkeit in Irland schlägt die Regierung weiter vor: Pistolen zu besitzen werde ganz verboten; der Besitz von Waffen überhaupt, sowie der Verkauf von Pulver nur beschränkt gestattet; verdächtige Fremde können verhaftet werden; die WirthShäuser können bei Sonnenuntergang geschloffen werden; für gewisse Vergeben wird eine summarische Aburtheilung eingeführt. Die Behörden werden er, mächtigt die Journale zu suSpeudiren, diesen jedoch die Apvel- lation gestattet.
Southampton, 17. März. In der verflossenen Nacht stießen in dem Canal die englischen Schiffe „Normandy" und „Mary" zusammen. 32 Menschen verloren das Leben.
Amerika. Washington, 15. März. DaS SenatS- comite für auswärtige Angelegenheiten hat sich gegen den AnnerionSvertrag mit San Domingo ausgesprochen. DaS Repräsentantenhaus genehmigte die Wiederaufnahme von TeraS in den Kongreß.
Vermischtes.
Darmstadt. Dieser Tage wurde ein hiesiger Silber, arbeitet daS Opfer eines fein angelegten Gaunerstreichs. Ein elegant gekleideter Fremder ließ sich silberne Eßlöffel vorlegen, wurde auch bald über ein Dutzend Löffel Handels einig, welche wie üblich in Seidenpapier eingewickelt wurden, und die der' Herr in ein seidenes Foulardtuch nochmals sorgfältig einschlug und zu sich fleckte. Beim Bezahlen deS Kaufpreises fand eS sich, daß die Baarschast deS Fremden nicht ganz reichte. Dieser strich das anfgezählte Geld wieder ein und zog daS Paquet mit dem Bemerken aus der Tasche, daß er dem Verkäufer unmöglich zumuthen könne, ihm die Löffel anzuvertrauen, man möge sie ihm in zwei Stunden in sein Hotel schicken. Dieß geschah, aber ein Herr deS angegebenen Namens war nicht zu finden, der Verkäufer glaubte anfänglich, daß der Fremde sich im Namen des Hotels geirrt, daher wurde eS Abend, eS läßt sich Niemand blicken. Da witterte der Verkäufer Unrath, wickelte das Paquet auf, welches auch richtig noch 12 Löffel, aber nicht von Silber, sondern von Zinn enthielt.
Groß-Gerau, 16. März. Prof. FalbS Voraussage scheint sich bestätigen zu wollen. Während am 27. v. Mts. (zwei Tage vor Neumond) der letzte heftige Erdstoß stattfand, hat man seit vorgestern wieder häufigere Erderschütterungen wahrgeuommen, von welchen die von heute Morgen 10 Uhr 30 Min. und 11 Uhr 41 Min. sehr kräftig waren. Die Bevölkerung sieht mit einiger Besorgniß der kommenden Nacht entgegen, da nach Falb am 17. wieder starke Erderschütterungen zu erwarten und.
Frankfurt. Di« diesjährige Ostermesse beginnt für den Großhandel wie für den Kleinhandel am Mittwoch den 6. April und endigt mit Dienstag den 26. April. DaS Aus- packen der Maaren darf schon am Montag den 4. und Dienstag den 5. April geschehen. Für Leder beginnt die Messe am Mittwoch den 13. April, an welchem Tage die öffentlichen Waage» zum Verwiegen desselben geöffnet werden und endigt mit Dienstag den 16. April.
— In Folge der strengeren Kälte haben sich vom Argon- nerwalde her von Neuem Wölfe in den Saar- und Moselgegenden eingestellt. Bei Echternach wurden fünf dieser Raub- thiere eingekreist und Jagd darauf gemacht. Zwei derselben wurden erlegt. Die übrigen enlkamen, doch wurde einer von ihnen so angeschoffen, daß er stark schweißte.
— ES wird noch in Erinnerung sein, daß der Mörder Timm Thode vor 3 Jahren seine sämmtlichen Angehörigen, Eltern und 5 Geschwister, ermordete und dann durch eine Brandstiftung den Mord zu decken suchte. Thode ist für dieß gräß, liche Verbrechen hingerichtet worden. Da der Mord hauptsächlich wegen der bedeutenden Erbschaft erfolgt war, so entstand zum Antritt dieser Hinterlassenschaft die Frage, wer von den Gemordeten der Zuletztlebende gewesen. Am jüngsten Dienstag wurde nun auf dem Kreisgerichte zu Itzehoe das letztinstanzliche Erkenntniß deS Ober-AppellationSgerichtt in Berlin publicirt. Der von dem Rechtöanwalte Schröder in Altona vertretene Großvater deS Timm, mütterlicherseits, Martin Kray in Brockdorf, ist hiernach zum Universalerben der über 100,000 Mark betragenden Erbschaft eingesetzt, da dessen Tochter, Timm Thode'S Mutter , nach Aussage des Mörders von ihm zuletzt ermordet, mithin die Zuletztlebende gewesen ist. Ein Müller in Krummendick, dem der Mörder seine Mühle und sein Gehöft ansteckte, erhält 40.000 Mark aus der ErbschaftSmaffe.
Redactton, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


