Politische Rundschau.
10. April.
Der polnische „Czas"^ der noch vor Kurzem gegen den Austritt der Polen aus dem Rctchsrathe geschrieben, spricht sich jetzt dahin aus, daß nur in einer sövrralist.schen Gestaltung des Reichs das Heil für Oesterr.ich liege. Zu diesem Ziele führe eie passive Oppesilion, sowie eine Verständigung mit den bringen oppositiomllen Nationalitäten Oesterreichs. Die Opposition dürfe aber, als aus ter bisherigen parlamentarischen Thäligkeit hervorgehend, nur eine abwehnnte, feine provocirende sein. Detzhalb müsse Galizien den resolunoncllen Standpunkt aufgeben, denn derselbe genüge jetzt nicht mehr. — Der „Dzien- nik Polöki" bringt einen, wie es scheint, von Wien aus influenzirten Artikel, worin er sich für eine Auf- losung cee böhmischen, mährischen, sowie einiger deutscher Landtage ausspricht und, indem er sich gegen e.nen im Sinne des Minoritäts-Memorandums durchgeführten Ausgleich erklärt, die Zusammenberu- fung einer Notablen - Versammlung aller Länder zur Durch,ührung des Ausgleiches befürwortet.
Die „Presse" gibt für das PlebiScit in allen Gemeinden Frankreichs den Sonntag Ouasimodo (24. April) an. Dieses Datum fit von dem Kaiser gewählt und von Cen Ministern angenommen worden. Die Formel des Plcbiecilö ist in den Tuiler.en der Gegenstand einer Lcrathung gewesen, zu welcher auch die Kommission des Senats für das ScnatS- consult zugezogen wurde. Der Kaiser äußerte die Ansicht, daß der Senat die Formel abzusassen hätte; die Minister theilten aber diese Meinung nicht, und Ollivier wurde mit der Redaction beauftragt. Zwei Entwürfe lagen dem Ministerrathe vor. Der eine war allgemein gehalten und sagte ungefähr: Will das französijche Volk die liberalen Modifikationen annehmen, welchen die Verfassung von 1852 behufs Herstellung des parlamentarischen Regimes mit kaiserlicher Regierung unterzogen worden ist, und will eS alle Eonfequenzen dieses Regimes annehmen? Dieser Entwurf wurde n.cht beliebt. Der andere besagte, wenn nicht wörtlich, so doch dem Sinne nach: Will das frc>nzosi,che Volk liberale Vcrände- lungm der Verfassung von 1852 auf folgenden Grundlagen annehmen: 1) Verantwortlichkeit der Minister vor den Kammern, 2) Einführung zweier gesetzgebenden Kammern, 3) Rückgabe der constituiren- den Gewalt an die Nation? Dieser Entwurf dürste von Ollivier die letzte Feile erhalten.
11. April.
Der dänische Gesandte v. Quaade hat Herrn v. Thile um Aufklärungen über den Artikel der „Nordd. Allg. Ztg.", die Norvschleewig ° Angelegenheit betr., ersucht, und die Versicherung erhalten, daß dieser Zeitungsäußerung keine besondere Bedeutung zu- komme.
Das „Memorial Diplomatique" bringt folgende merkwürdige Enthüllung (für die wir jedoch diesem Blatte die volle Verantwortlichkeit überlassen): „In den diplernattschen Kreisen zu Nom wird behauptet, ter Gouverneur der ewigen Stadt, welcher, gleichzeitig mit der allgemeinen Polizei beauftragt, habe endlich die Quelle entdeckt, der die unbedachtsamen Aeußerungen (indiscretions) entflossen, die zu wiederholten Malen das Eoncil - Geheimniß verletzt haben. Der Verdacht siel Anfangs auf den Abb6 Friedrich, den der Eardinal Hohenlohe von Bayern hatte kommen l.ff-n, um sich ihn für die Dauer der Synode als Theologen zu attachiren. Ungeachtet des Schutzes, den Die bayrische Legation ihm angedcihen zu lassen versuchte, ward der Abbe Friedrich gezwungen, Rom zu verlassen, zumal dem Eardinal Hohenlohe selber daran gelegen war, einen Geistlichen zu entfernen, der an seinem Vertrauen zum Verräther geworden war. In Folge der Dazwischenkunft der bayerischen Legation habe man nun bezüglich der letzteren selbst Verdacht geschöpft. In der Richtung angestellte Nachsuchungen führten bald zu der Enideckung, daß sic sich mit den Setzern der apostolischen Druckerei verständigt hatte und diese ihr die für die Patres vom Eoncil bestimmten Schemata in Eorreetuibogen mitcheMen. Das macht es erklärlich, weßhalb die „Augsb. Allg. p,tg." nach der Ausweisung des Abb4 Fuednch die römische Regierung zu höhnen wagte, indem sie versich'rte, sie werde nach wie vor Mitthti- lungen veröffentlichen, geeignet, die Tendenzen des (Sonetts. grell zu beleuchten. Die V.röffenilichung des letzten Schema de fide Seitens dieses Blattes bestätigte jene Versicherungen nur allzu sehr.
Die unmittelbare telegraphische Verbindung mit Barcelona ist noch abgeicbmiten; die Nachrichten aus der Stadt gehen zur See nach Tarragona und werden dort dem Telegraphen übergeben. Nach den
jüngsten Angaben hält sich der Aufruhr noch in Gracia, San Andres, Olot und Sabadell; die Aufständigen fuhren fort, Barricaden zu errichten, Eisen- bahnbrücken zu zerstören, Telegraphendrahte zu zerschneiden. In der Stadt Barcelona selbst soll die Ordnung gewahrt worden sein, obwohl die Bevölkerung sehr erregt ist und fortwährende Versuche, Barricaden zu bauen, die Truppen in Athem halten. Der Gouverneur Rios Portllla ist abgeletzt worden; der Generalkapitän erwartet Verstärkungen aus Valencia, Madrid und Zaragoza. Prim hat den General Baldrich (der eben zum Generalcapitän für Portorico ernannt worden ist) mit der Führung der Operationen beauftragt.
12. April.
Die „Nordd. Allg. Ztg." tritt in den neuesten Ausführungen der „Köln. Ztg." bezüglich Nordschleswigs entgegen, bekämpft namentlich die Behauptung, daß die Bevölkerungen Über die Grenze in Schleswig zu bestimmen hätten, welche Distrikte in Schleswig unter den nördlichen zu verstehen seien; dies fei allein der Bestimmung Preußens anheim» gegeben. Preußen habe über diese Angelegenheit nur Oesterreich Rede zu stehen; eine Rechtsverbindlichkeit Preußens gegenüber Dänemark existire nicht, das politische Interesse, welches Preußen gegenüber Dänemark durch diese Abmachung zu fördern glaube, falle weg, wenn die Dänen das nicht annehmen wollen, was Preußen zu geben für möglich erachtet. Auch die „Kreuzztg." secundirt ihrer osficiösen Colle- gin und sucht in Den Ausführungen des rheinischen Blattes Falsa nachzuweisen. Sie sagt: „Das erste Falsurn besteht darin, daß laut des Prager Friedens die Bevölkerungen in Schleswig das Recht haben sollen, Die Grenze etwaiger Abtretungen zu bestimmen, während doch in Wirklichkeit nur Preußen und Niemand anders nach Wortlaut und Sinn des be- treffenden Prager Vertragsartikels über diese Grenze zu bestimmen hat. Das zweite Falsum ist, daß die „Köln. Ztg." von einem „Begriff Nordschleswig" redet, der in jenem Artikel unbestimmt gelassen fein soll, während in demselben nur von den Bevölkerungen der nördlichen Districte Schleswig Die Rede ist. Preußen hat Verpflichtungen nur Oesterreich gegenüber übernommen. Von der Ausdehnung derselben dem Raum nach, vom Wie und Wann ist in dem Friedensinstrument in keiner Weise Die Rede, und wenn Preußen und Oesterreich sich heute einigen, vielleicht auf Grund anderweiter Zugeständnisse des ersteren, Den Artikel V des Prager Friedens für nicht mehr gültig, für gar nicht mehr vorhanden zu betrachten, so stünde Niemandem ein Einspruchsrecht zu. Von irgend einem Rechtstitel, den Dänemark in Prag erworben hätte, kann selbstverständlich nicht geredet werden, und jedes politische Interesse für Preußen erworben hätte, kann selbstverständlich nicht gereDet werden, und jedes politische Interesse für Preußen fallt weg, wenn Dänemark mit dem, was ihm zugestanden werden kann, nicht zufrieden ist."
Prcusicn. Berlin, 9. April. Mr. Brown, der Ehef der chinesischen Gesandtschaft ist gestern Abend nach Petersburg zuiückgereist. In etwa 10 Tagen wird Mr Brown von Petersburg mit dem gesammten Gesandtschaftepersonal hier wieder eintreffen und sich dann mit demselben an den Hof von Brüssel beheben. Bon dort aus geht die Gesandtschaft über Paris nach Madrid, berührt vielleicht auch Lissabon und geht schließlich nach Florenz, von wo sie, da ihre Mission dann beendet ist, et,ua um Mitte Juli nach Ehina zurückzukehren beabsichtigt.
Frankreich. Paris, 8. April. Die Vermögens- Auseinandersetzungen zwischen der Königin Isabella und ihrem Gemahl ist, wie der GauloiS hört, durch schiedsrichterliches U'theil erfolgt. DaS Verlangen des Don Francisco, daß das Vermögen getheill werde, drang bei dem Schiedsgericht nicht durch; es ist rhm nur eine Pension von 200,000 FrcS. jährlich zuerkannt worden, etwa dieselbe Apanage, welche in dem Heirathscontract verabredet worden war. DaS Erbtheil der Kinder ist sicher gestellt worden: dasjenige des Prinzen von Asturien belauft sich auf vier Millionen; man weiß noch nicht, ob biö zu seiner Groljährigkeit beide Eltern, oder die Königin allein, die Rente beziehen werden. Don Franz von Assisi hat erne Parterrewohnung in der Rue deS EcurieS d'ArtoiS Nr. 23 gemiethet.
Italien. Florenz, 9. April. Die Mazzinistische Bewegung dauert fort, die Offiziere find in den Kasernen consi- gnirt; in Pisa wu.de die Garnison und die Polizei gewechselt; in Neapel sind viele für Palermo bestimmte Dolche confiScirt worden.
Palermo, 7. April. Der Herzog von Alen^on mußte mit Gemahlin nach einem dreimonatlichen Aufenthalt im PchoiS : Orleans in Folge einer Aufforderung der politischen Behörde die Stadt verlassen und hat sich nach Rom eingeschifft.
Palermo, 9. Apr.l. Der Herzog von Alen^on adres- firte ein Telegramm an Franz II. von Neapel des Inhalts: Gin Mitglied des Hofstaates deS Herzogs von Aumale sei durch Auffindung von Waffen und Munition compromitliit worden; die Prinzen des Hauses Orleans sind überhaupt revolutionärer Umhi.be und Theilnahme au illega'en Versammlungen verdächtig. Die Piäfectur erklärte deßhalb, das Gastrecht deS Herzogs von Aumale nicht mehr respectiren zu können. Daher
erfolgte die Abreise der Herzoge von Alen^on mit Gemahlin und von Nemours.
Rom, 9. April. In der Deputation deS Schema von der Kirche machen sich drei Parteien aeltend: die Mehrzahl fordert Umarbeitung deS Unfehlbarkeit Schemas, 66 sprechen sich gegen die Opportunität, 49 gegen das Dogma selbst auS, weil dasselbe unkuchlich sei.
Türkei. Konstantinopel, 7. April. In einer langen Alinisterratbssitzung wurde beschlossen, den Armeniern zu gestalten, mit Rom binde Verhandlungen wegen armenischer Kirchenrechte zu eröffnen.
Japan. Die letzten Nachrichten von Japan, welche bis Mitte Februar reichen, melden, daß bereits alle Vorkehrungen getroffen find, nm die ersten Eisenbahnen dort einzuführen. Die erste Lmie soll Uedr-o und Osaka, die alte und die neue Haupt- standt mit einander verbinden, und dann sollen Zweigbahnen von Ueddo nach Dokuhama und von Osaka nach Tsuruga längs deS Biwa-SeeS zur Verbindung der beiden Hauptstädte mit der Westküste gebaut werden. Zumal auf diese letzteren Linien wird viel Gewicht gelegt, weil sie die ReiSbezirke in schnellere Veibmdung mit den größeren Städten bringen. Die Bahnen werden Eigentbum der japanesischen Regierung sein und von einer Anzahl englischer Ingenieure gebaut werden. Um die Kosten zu decken, soll eine englische Anleihe von 1 Millionen Sterling contrahilt werden.
Vermischtes.
Frankfurt, 9. April. Unsere Stadt wird im Laufe der nächsten Wochen eine besonders starke Anziehungskraft auf Fiemde von Nah und Fern aueüben. Die neu eröffneten Palmgä'ten in erster Linie werden für alle Freunde einer großartigen Pstanzen- und BlumewAusstellung, wie Deutschland in solcher Gruppirung noch keine gesehen, die Anregung zu einem Besuche der alten Reichsstadt geben. Daneben hoben unsere Theater und andere Kunstmstitute für sonstige geistige Genüsse besonders gut gesorgt. Unser Stadttheater hat den Nordstern von Meyerbeer neu einstudirt und prachtvoll auSgestattet und auch sein übiigeS Repertoire für die nächsten Wochen auf einen starken Fremdenverkehr eingerichtet. In unserem Thalialheater gaftirt die liebenswürdige Fräulein Lina Mayr und macht alle Abend volle Häuser. DaS Repertoire dieses zweiten Theaters ist für die nächste Woche ein ungewöhnlich reichhaltiges. Neben den belebtesten Operetten Blaubart, schone Helena, Pariser Leben, schöne Galalhee, Tulipatan sinden wir ein Lustspiel von Henri Rochefort (Bridrdi), sowie verschiedene andere neue Stücke. Auch der EucuS Gerard macht große Anstrengungen, um sich in der Gunst deS Publikums zu befestigen, bis jetzt mit gutem Erfolg. Im Eoncertsaal werden wir nächsten Dienstag die nachgelassene Messe von Rossini in einem von Prof. Richard Mulder veranstalteten Concert zu hören bekommen. Unsere beliebte MannSfeldt'sche Eapelle wird wahrend der Festtage auch einige Aufführungen veranstalten. Auch der Zoologische Garten rüstet sich, um bei günstiger Witterung mehrere Evncerte abzu- halten. Erwähnen wir daneben noch die vielen MeßsehenS- Würdigkeiten für Kinder rc., so wird Jedermann zugeben, daß ein Ausflug nach Frankfurt in den nächsten vierzehn Tagen sehr lohnend sein wird. Die Eisenbahnen haben meist durch Herabsetzung der Fah, preise den Besuch deS PalmgartenS erleichtert. ÄuS Bayern erwartet man während der Feiertage einige Ertrazüge mit Gästen.
— Die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hat ihren Jahresbericht pro 1869 im Druck erscheinen lassen. Derselbe enthält manche traurige, aber auch manche erfreuliche Thatsache. ES verunglückten im Laufe deS JahreS an deutschen Küsten im Ganzen 114 Schiffe, (1868: 115, 1867: 128, 1866: 81); davon gehörten 56 Deutschland, 25 England rc. an. Dabei kamen 689 Personen umS Leben und 635 wurden gerettet, und zwar 56 durch Küsten. Rettungsboote, 3 durch Raketengeschütze, 153 durch Landbülfe, 165 durch Seehülfe und 258 durch Selbsthülfe. Die meisten Schiffbrüche kamen in der Nordsee vor, nämlich 38 zwischen EmS und Weser, 19 zwischen Weser und Elbe und 14 an der schleswig-holsteinischen Küste. In den drei vorangegaugencn Jahren verunglückten resp. 574, 706 und 526 Personen und resp. 547, 615 und 495 wurden gerettet und zwar durch die Kusten-Rettungsstationen, resp. 68, 128 und 141 , mit den 59 pro 1869 also zusammen 396 Personen.
— (Bauernregel.) In einem nahegelegenen Dürsch n un- sereS Kreises fäete vergangene Woche ein Landmann seinen Hafer. Als er nun müde und hungrig nach Hause kommt, steht feine Ehehälfte, welche er aus dem Auslände heimgeführt hat, im ersten Stock seines Hauses und gießt dem Nichtsahnenden einen Zuber Wasser über den Kopf. Darauf befragt, äußerte sie ganz naiv: sie hätte es in der Absicht gethan, damit der am Morgen gefäete Hafer recht gedeihen möge und zumal eS auch in ihrer Heimath so Regel fei. — Probalum esL
— Eine Klapperschlange, so erzählt die „Prov.-Ztg.", von etwa 5 Fuß Länge, wurde vor circa 14 Tagen mit einem der Lloyddampfer von New-OrleanS zu Bremerhafen angebracht, ging in Piivatbesitz über und wurde in einem vergitterten Kasten auf das sorgsamste gepflegt. Man glaubte, das Thier füttern zu muffen und setzte deßhalb eine Ratte mit in den Kasten, in der Voraussetzung, die Schlange werde fick darüber hermachen und dieselbe verschlingen. Lauernd saß die Ratte in einer Ecke deS Kastens, die Schlange scharf beobachtend, während diele sich auf die Ratte stürzte u> d sie mehrere Male so heftig biß, daß daS Thier laut aufschrie. Am zweit.n und dritten Tage versuchte die Ratte oftmals einen Angriff auf die Schlange, wurde jedoch von dieser jedes Mal wüthend in ihre Ecke zurückgetrieben. Am vierten Tage fand man MorgenS die Schlange todt im Kasten liegen, der Kopf war total zerfleischt und der Körper von der Ratte, welche jetzt lustig im Kasten umhersprang, angenagt.
— (Trauungsspruch ) Nach der Einführung der Civilehe in Baden kam mancher Dorfschultheiß in Verlegenheit, mit waS für Worten er nach Vorlesung deS Gesetzes das B>aut- paar zusammengeben sollte. Da entwarf einer im Schwarzwald folgende, seitdem landesübliche Formel:
„Wenn Ihr einander wend, So gebet Euch die Händ Im Namen des Gesetzes, So — jetz' hett fee!"
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'fchen Umo.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


