Ausgabe 
9.6.1870
 
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3. Juni.

Die Commission zur Ausarbeitung des Entwurfs einer Civilprozcßordnung für den norddeutschen Bund hat im Mal das Verfahren in Ehesachen und Ent­mündigungssachen erledigt und eine Anzahl von Er­gänzungen und Abänderungen der bereits veroffent- lichten Tbeile des Eniwurfs beschlossen. Die Bera- thung über die Lehre von den Schiedsgerichten ist noch nicht beendet.

Nach einer osficiosen Mitthcilung hat sich ein großer Theil des mährischen Adels unter Mißbilligung des erfolgten Beitrittes des Feudal-AdelS zur Declaration von dem Feudal-Atel losgesagt.

DerWehr-Zeitung" geht aus der Militärgrenze die Nachricht zu, daßvon dem Grenz-Truppen- Divifions- und Militärcommando zu Peterwardein der Befehl ergangen fei, in bin Compagnicstationen der diesem Militärcommando unterstehenden Grenz- truppen Locale auszumiltein, in welchen bis zum 1. Juni sämmtliche Gewehre deponirt werden sollen, und es haben die Gemeinden die Mitverantwortung für die sichere Unterbringung und Bewahrung der Gewehre zu tragen." Selbst dieWcdrzeitung" be­gleitet diesen Befehl mit folgendem Warnungsruf: Man möge eS sich in Wien und Pesth wohl über­legen , bevor man auf dem jetzt eingeschlagenen Wege auch nur einen einzigen Schritt weiter vorwärts macht. Die Pläne, die man jetzt Huben und drüben mit der Militärgrenze zu verfolgen scheint, sind gleich gefährlich. ES könnte geschehen, daß sich beide Theile verrechnen und daß man die Grenze gegen ihren Willen schließlich in eine Bahn treibt, die ihren Endpunkt außerhalb der österreichisch-ungarischen Grenzen hat."

Es wurde bereits gemeldet, daß die nach Nom gerichtete Note des Grafen Daru nicht von sämmt- lichen katholischen Regierungen unterstützt worden sei; das belgische Cabinet sei aus der von Anfang an beobachteten Zurückhaltung nicht herausgetreten, was äohl aus dem Wunsche zu erklären sei keinen Stoff zu bieten, aus dem ein Kirchenstaat in diesem Lande Nahrung ziehen könne. Hieran knüpft nun die Brüs­selerIndependance" folgende anscheinend offiziöse Erklärung:Um die Zurückhaltung Belgiens in den Angelegenheiten des ökumenischen Concils zu erklären, braucht man nicht zu untersuchen, ob seine Regierung es für nöthig hält, jede religiöse Polemik zu ver­meiden. Wenn sie sich nicht mit diesen Angelegen­heiten beschäftigt, so geschieht das einfach, weil sie sich nicht damit zu beschäftigen braucht. Die belgische Regierung ist nicht dc-s Cabinet eines katho­lischen Hofes; sie ist eben die belgische Regierung, d. h. die Regierung eines konstitutionellen, unabhän­gigen, neutralen Staates ohne Staatsreligion. Der Grundsatz der Trennung der Kirchen vom Staate ist in der Verfassung niedergel gt. Daher ist Belgien ziemlich unbekümmert um die Ansicht, welche über die Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit die Bischöfe haben, die Belgien im Vatikan zu vertreten behaupten, wäh­rend sie in Wirklichkeit dort nur den Papst vertreten, der sie auf eigene Hand ernannt und eingeführt hat, ohne jede Einmischung unserer Regierung. Mögen sie sich für die Unfehlbarkeit oder gegen dieselbe, oder nur gegen ihre Zeitgemäßheit aussprechen, das küm­mert uns wenig. Sollte die Unfehlbarkeit des römi­schen Pontis x vom Concil erklärt werden, und die belgischen Bischöfe daraus den Anspruch schöpfen, sich in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen, so wird die Nation ihren Eingriffen zu begegnen wissen und sie auf die religiösen Angelegenheiten ihrer respektivcn Diözesen verweisen.

Der Vicekönig von Egypten hat, mit der aus­drücklichen Erklärung, daß er seine ganze Zuversicht auf das Wohlwollen und die Gnade des Sultans setze, in Konstantinopel osficiell um die Erlaubniß nachgesucht, demselben im Monat Juli persönlich die Versicherung feiner Treue und Ergebenheit zu Füßen legen zu dürfen.

7. Juni.

Ueber die Wahlvorbereitungen der Conservativcn schreibt dieZeidler'sche Correspondenz": Wie man uns mittheilt, sind die Berathungen im Schooße der conservativen Partei wegen Ausstellung eines Pro­gramms für die bevorstehenden Neuwahlen noch nicht zu einem definitiven Abschlüsse gelangt, doch hat man sich bereits über die Hauptgrundsätze verständigt. Fest­haltung an der bewährten Heeresorganisation, ener­gische Vertretung der nationalen Politik, Geltend­machung der reellen Interessen des Grundbesitzes und der Landwirthschast, und Reform unseres Steuer­systemes sind die wesentlichen Grundsätze, um deren Ausführung im Detail es sich handeln wird; wobei es sich von selbst versteht, daß bei den Wahlen für

den preußischen Landtag noch die Fragen wegen des Verhält» sses von Kirche und Staat, von Kreisord- N"ng uni? Schule in ihre Rechte treten werden. Un­sererseits legen wir einen besonderen Werth auf die Reform unseres Steuersystemes, da diese uns als die unerläßliche Vorbedingung aller sonstigen Reformen erscheint und dieselbe überdies einen wesentlichen Theil der Interessen des Grundbesitzes bildet. Die Interessen des Grundbesitzes ober werden voraussichtlich bei den nächsten Wahlen wenigstens auf dem platten Lande eine hervorragende Rolle spielen, und darf man sich wohl der Hoffnung hingeben, daß Die Regierung in ihrem eigiNen wohlverstandenen Jnteriffe jene Bestre­bungen nicht ununterstützt lassen wird.

Der Ausschuß des DundesratheS für Handel und Verkehr bat sich in seiner am Mittwoch ftattgefun­denen Sitzung auch mit der Enquete über das Münz- weien beschäftigt und beschloss n, beim Bundesrathe folgende Anträge zu stellen: 1) den Ausschuß für Hand.l und Verkehr zur Anstellung der Enquete über die bei der Ordnung des Münzwesens in Betracht kommenden Verhältnisse durch Hessen, Braunschweig und Lübeck zu verstärken. (Der Ausschuß besteht jetzt aus Preußen, Sachsen und Hamburg-Bremen); 2) die einzelnen Bundesregierungen zu ersuchen, daß sie in möglichst kurzer Frist dem Bundeskanzler die­jenigen Personen bezeichnen, welche sie für vorzugs­weise geeignet erachten, über die hier in Betracht kommenden Verhältnisse Auskunft zu ertheilen und solche zu veranlassen, auf eine von dem Ausschüsse an sie ergehende Aufforderung gegen Vergütung der Reise­kosten und Gewährung von Tagegeldern sich Behufs ihrer Befragung nach Berlin zu begeben; 3) den verstärkten Ausschuß zu ermächtigen, die von den Bundesregierungen bezeichneten Personen zu ihrer Ver­nehmung unter Mittheilunq derjenigen Punkte einzu­laden, auf welche diese Vernehmung zu richten sein würde; 4) den Ausschuß zu ermächtigen, außer den von den R gierung^n benannten Personen auch noch solche anzuhören, deren Vermhmung im Lause der Enquete sich als wünschenswerth Herausstellen möchte. Der Ausschuß hat den Anträgen eine Zusammen­stellung von Fragen und Erwägungen beigefügt, welche bei Vornahme der Enquete in Betracht zu ziehen fein dürften.

Als angebliche telegraphische Nachricht von Paris, 3 Juni, läßt sich dieN. Fr. Pr." melden:Die wiederholten Begegnungen der Monarchen von Ruß­land und Preußen machen hier großes Aufsehen. Aus offenbar informirten Kreisen verlautet die Version, daß in Berlin und Ems die Politik Oesterreichs in Angelegenheit seiner polnischen Untirthanen Gegenstand intimer Besprechungen gewesen sei.'

Die PragerPolitik" versichert, eine in der säch­sischen Festung Königstein garnisonirende preußische Compagnie habe in voller Marschadjustieung auf einem UebungSmarsche die böhmische Grenze am 31. Mai überschritten, in Herrnskretschen vor demHerren- Hanse" Exereiiien gemacht und sei hernach auf dem Dampfsch ffe zurückgefahren.

DerN. Fr. Pr." wird von einem ihrer Floren­tiner Correspondenten geschrieben:In den italieni­schen Regierungskreisen meldet derselbe gebe man sich der Hoffnung hin, daß, ehe zwei Monate um sind, Rom die Hauptstadt des Königreichs Italien fein wird. Die Nachricht derAgcnce Havas", daß die französische Negierung voran denke, noch der Prcclamirung der Unsthiboikeit ihre Truppen aus dem Kirchenstaate zurückzuziehen, fei eine wohlbegrün­dete (nebenher gejagt, ist diese Nachricht von offi- cieller Seite in Paris nicht in Abrede gestellt worden); in Frankreichs Absicht könne es aber nicht liegen, die Ewige Stadt den Republikanern preiszugeben. Viel­mehr seien bereits Verhandlungen mit dem Floren­tiner Cabinete im Zuge, die aus nichts Geringeres hinauelausen, als daß der Kaiser der Franzosen, um das italienische Königthum gegen daö Andringen der republikanischen Fluth neu zu stärken und es in den Augen der Nation zu heben, seine wenn auch nicht ausdrückliche, so doch stillschweigende Zu­stimmung dazu gibt, daß unmittelbar nach dem Ab­marsche der Franzosen königlich italienische Truppen den Kirchenstaat besetzen. Und es sei alle Aussicht vorhanden, daß Napoleon 111. sintemal er nach dem Pieb.scit auf den ClervS nicht mehr so ange­wiesen ist wie früher so wie im Jahre 1860 zu den italienischen Generalen sagen werde:Falles, mais faites vite.

Bremen, 6. Juni. Heute Nachmittag brach auf dem König'cn Holzlager in der Grunstraße ein F.uer auS, welches, die Häichenst.aße überspring.nd, sich nach Wellen fortpflanzte. Mehr.re Häuser, darunter auch Packbäuier, find niedergebrannt. Ab.ndö halb neun Uhr war das Feuer noch nicht gelöscht.

Italien. Florenz, 1. Juni. In Palermo kam kS jl! einem großen Straß.nscandal, bei welchem mit Schuß- und anveren Waffen zwischen Volk einerseits und Land- und (get. soldaten andererseits gekämpft und Biele verwundet wurde«. Aus dem Tessin brawen Freischaaren, vorwiegend aus Militär I fluchtigen besiebend, in das Mailändische ein, entwaffneten bu Zollwache in Porlezza und zogen gegen Menaggio. Ein Ba tarllon Infanterie und eine Escadron Lancier« ist gegen b|(; selben abgegangen.

Rom, 4. Juni. In der gestrigen Sitzung des Concils I wurde, in Folge eines von mehr als hundert Bischöfen geflelltrri i Antrages, der Schluß der Generaldebatte über die Unfehlbar I kcitsfrage beschlossen. lDerA. Z." telegraphirt man hierüber aus Rom vom selben Tage:Nachdem in der heutigen (fon. cilssitzung Maret, Bischof von Eura i. p , vom Cardinal Bilio schmählich unterbrochen worden war, wurde die General debatte gewaltsam geschlossen und übte 40 Rednern das Won entzogen.")

Türkei. Konstantinopel, 3. Juni. Der Abfall dkl armen-ich - katholischen Kirche vom Heiligen Stuhle ist definitiv. Auch die Maroniten. Sprier, die griechischen Melchiten und Kopten wollen sich von Rom trennen. Die türkisch-persische Streitfrage ist zu beiderseitiger Zufriedenheit geschlichtet. - Der Vicekönig von Egypten kommt gewiß nicht nach Konstan­tinopel , bloS sein ältester Sohn.

Konstantinopel, 6. Juni. Gestern Nachmittag 1 Uhr brach bei starkem Winde eine reißend umfichgreifende Feuer«, brunst auS. Das brittische Gesandtschaftshotel, die Consulatr Amerikas, Portugals, das Theater Nasun, mehrere Kircten, mehrere Tausend Häuser, die reichsten Magazine sind vernichtet. Mehrere Todte und Verwundete. Die Flammen züngeln noch jetzt. Der Schaden ist unberechenbar.

Rumänien. Bucha re st, 3. Juni. Die Regierung sandte, nachdem sie von dem Judencrawall in Botuschan benachrichtig worden war, sogleich Truppen dahin ab. Die Ruhe ist wiedrr bergestellt. Ein Danktelegramm der Votuschaner Israeliten ist an die Regierung eingelangt. Die Ercesse sollen nicht den gemeldeten Umfang haben, sondern mit den Wahlumtrieben zusammenbängen.

Amerika. Washington, 2. Juni. Die Staatsschuld betrug am 1. Juni 2645 Mill. Doll., hat sich mithin seit 1 Mai um 141/.J Mill, verringert. Der Baarbestand des Etaatt- ichatzeö betrug 106% Mill., das Papiergeld 141/4 Mill. Doll.

Vermischtes.

Cassel, 2. Juni. Die gestern erfolgte Eröffnung drr Allgemeinen Industrie-Ausstellung für das Gefammtgebiet bei Hauswesens war ein hoher Festtag für unsere Stadt. Viele Häuser hatten geflaggt, zahlreiche Fremden belebten die Straßen, überall zeigte sich frobcg Leben. Die feierliche Eröffnung der Ausstellung erfolgte Mittags 12 Uhr in der prachtvoll ge­schmückten Rotunde des von blühenden Kastanienalleen einge- schlosseneu AuSstellungSgebäudeS unter Theilnahme der Spitzen der Militär- und Civilbehördrn. Nachdem die ManSfeldt. sche Capelle die Jubclouverture von Weber trefflich vorgetra. gen, hielt Fabrikant Ke erl ..welcher das Unternehmen anregte und trefflich leitete, die Festrede. Mit kurzen herzlichen Worten hieß ec die Versammlung willkommen, schilderte wie das Unter­nehmen entstanden, wie man die Idee einerAusstellung für'i HauS" überall mit Freuden begrüßt und gefördert habe, so daß nun, das Werk schlichter Privatleute, lediglich aus der eigenen Kraft emporgewachsen, prunklos, aber darum doch fruchtbrin­gend dastehe und hoffentlich würdig befunden werde, den vsr- auSgegangenen Ausstellungen zur Seite zu stehen. Der Festrede folgte ein für diesen Zweck componirter Festmarsch, unter dessen Klängen die Versammelten einen Rundgang durch die weit» Räume antraten. Um 3 Uhr begann daS Diner im Orangerit­schlosse, an weichem 400 Personen Theil nahmen, Aussteller und Vertreter auS ollen Theilen Deutschlands, aus Norwegen, England rc. Der vom Vorstand erwählte Wirth, Herr Beh­lendorf aus Leipzig, hatte eine treffliche Küche und ebenso treffliche Weine und Bedienung geliefert. Am Abend vereinigte die tüchtige Capelle von ManSfeldt fast alle Gäste wiedcr.

AßmannShausen, 27. Mai. Gestern Vormittag wurde hier eine Gesellschaft aus Mainz per Grira-Dampfboot erwartet. Der Hausknecht des HotelsAnker" wollte dieselbe mit Böller, schüssen begrüßen- aber schon bet einer des Morgens angestelltev Probe zersprang einer der Böller, und dec mit mehreren Knaben in einer Entfernung von circa 30 Schritten stehende 13jährige Sohn des Hütelbesitzers, Herrn Jung, wurde so am Knie tinfc Unterleibe getroffen. daß derselbe augenblicklich todt auf dew Platze blieb. Das Knie ist total zerschmettert. Der Kneckt, welcher den Schuß abfeuerte, soll nur leicht an der Hand vor­letzt sein und hat in dec ersten Verwirrung das Weite gesucht.

Säckingen, 30. Mak. Gestern Nachmittag fuhr in d-w benachbarten Murg die von der Beförderung eines Ertragüter- zugeS leer zurückkehrende MaschineKatzenbuckel", Führer Bir- feltn , mit solcher Heftigkeit auf den Personenzug , daß 3 Wagen zertrümmert, 1 Person getödtet und 13 weitere schwer verwun­det wurden. Der betreffende Führer wurde sofort verhaftet Die Professoren Schinzinger und Hecker sind alsbald zur Be­handlung der Verunglückten aus Freiburg hier eingetroffen.

Pr. Stargardt, 19. Mai. Von hier wird Folgendes geschrieben: Gestern fuhren der Oberföistec aus Pelplin, der Unterförster auö Kochanken und der hiesige Gastwirth <5ober auf einem Waaen in dem Kochanker Forst umher. Da bemerkten sie einen weiblichen Körper liegen, stiegen ab und fanden ein Frauenzimmer, welches dem Tode nabe war, und zwar nicht allein vor Blutverlust, sondern auch vor Hunger, denn sie hatte Moos zu essen versucht und lag in dem Zustande anscheinend drei Tage. Das WaldmooS < auö ihrer Umgebung war auSqe- riffen und von ihr zur Kühlung der Wunden benutzt. Man batte ihr nämlich den Unt-rleib aufgeschlitzt und ihr mehrer« Messerstiche beigebracht. Von einer nicht weit davon weidenden Viehheerde wurde schleunigst Milch geholt, die man ihr einzw flößen versuchte. Sodann holte der Förster auS Kochanken sein Fuhrwerk, man lud die Unglückliche auf und brachte sie nach dem hiesigen Lazaretb. Noch lebt sie, ist aber sprachlos birtfc daS Workdrei" soll sie auSac-sprochen haben, waS vielleicht auf die Tbäter deuten soll. Man fand sie in der Mitte zwi­schen Försterei Kochankenberg und Waldbaus EpengowSken.

Redaction, Druck und Verlag her Brühl'scben Uuio-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.