Ausgabe 
8.10.1870
 
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7. October.

DieProvinzial. Correspondenz" äußert sich über die Mission des Herrn

Interesse bis jetzt nicht geboten erscheine. ,

Wie man in London hört, hat Herr ThierS wahrend fernes jüngsten Aufenthaltes daselbst Besprechungen mit mehreren Mitgliedern der Familie Orleans gehabt. Aus Brüssel ist schon vor einiger Zeit das Gerücht mitge- theilt worden, Herr ThierS strebe im geheimen Einverständniß mit der beziehungs­weise gemäßigten Gruppe der gegenwärtigen Gewalthaber eine Restauration des Hauses Orleans an; ein Gerücht, welches den Stempel der müßigen Erfindung an sich zu tragen schien. Ganz ohne Feuer war jedoch auch dieser Rauch nicht. Zunächst soll es sich freilich nur um die Präsidentschaft der Republik für Einen der beiden Oheime des Grafen von Paris den Prinzen von Join- Ville oder den Herzog von Aumale handeln. Ersterer hatte sich bekanntlich auch schon im Jahre 1848 als Präsident empfohlen; aber er ist heute körperlich völlig gebrochen und stocktaub. Die Wahl ist daher auf seinen Bruder Aumale gefallen, der sich deshalb auch in einem Departement Frankreichs als Candidat zur Constituante hatte anmelden lassen.

Unter aller Reserve bringen wir folgenden Bericht, welchen Vie florenttner Gazzetta d'Jtalia" von ihrem Correspondenten aus Rom erhält:

Es gelang mir gestern, mich in den Besitz des Schreibens zu setzen, nut welchem König Wilhelm von Preußen Pius IX. auf sein Ansuchen um eine Intervention antwortete. Fragen Sie mich nicht, auf welche Art mir eine Abschrift dieses Briefes in Vie Hänve kam. Hier in Rom ist Alles seltsam, unv das ist auch eine jener wunderlichen Geschichten. Sie werden forschen, welchen Charakter der Authenticität überhaupt dieses königliche Schreiben habe; ich mei- nerseits halte es für echt, weil die Person, welche mir eine Copie desselben ein- händigte, kein Interesse hätte, mich hinter'- Licht zu führen. Es ist eine Person, die viel in den Kanzleien unv bet den päpstlichen Ministern herumkommt; eS ist eine Person, die eine gute Spürnase hat und begreift, daß die weltliche Herr­schaft des Papstthums todt und begraben ist; es ist endlich eine Person, welche die neue Aera mit Freuden begrüßt. Und dann, ich wiederhole es nochmals,

erscheinen zu lassen. Bon dieser Seite her wird die Situation für Oesterreich. Ungarn als eine durchaus beruhigende dargestellt; von Rußland sei nichts zu fürchten, für eine Anlehnung an Preußen, ja selbst für den Versuch einer solchen kein dringender Anlaß, unv damit entfiele denn auch VaSeinzige" Argument, welches für einen Personenwechsel im Ministerium des Aeußern unv für die Be- seitigung veS Grafen Beust sprechen würde. Von anderer Seite hingegen werden die, wenn auch aggressiven Absichten Rußlands als begründet bezeichnet, wenn es auch noch Monate währen könnte, ehe die Gefahr unmittelbar vor uns steht. Von dieser Seite dringt man darauf, rechtzeitig an die Spitze der Politik Oester­reich-Ungarns eine andere Persönlichkeit zu stellen, namentlich eine solche, die auch in Berlin Vertrauen einflößen würde. Ein mehr der konservativen Richtung zuneigender Ungar scheint hiezu am besten geeignet und es wird viel­fach Graf Anton Sachen genannt, dessen letzte Rede im ungarischen Ober- Hause in der That von eingeweihten Personen schon damals als Programmreve bezeichnet wurde. Welche Richtung schließlich siegen werde, das Dürfte sich wohl erst nach der Rückkehr des Kaisers nach Wien entscheiden, und bis diese Ent- scheidung fällt, wird wohl von be-den Parteien in der Presse tüchtig agitirt werden. Bezeichnend ist jedenfalls die Mittheilung derReform" , wonach Graf Julius Andrüssy demnächst einen Ferienaufenthalt auf seinem Gute Te- rebes zu nehmen gedenkt. Der Graf war allerdings in den jüngsten Wochen viel in Anspruch genommen, allein vielleicht ist es doch weniger das Bedürfniß nach Erholung, welches den Urlaub des Ministerprästventen veranlaßt, als vielmehr der Wunsch, von den eben erwähnten Kämpfen der nächsten Zeit sich äußerlich ferne zu halten.

hier in Rom ist Alles seltsam.

Doch folgendermaßen lautet das Schreiben:

Hauptquartier der deutschen Armee bei RheimS, 8. Septbr. 1870.

Heiligster Vater!

Der Herr Bischof von Paderborn hat mir das Schreiben übergeben, mit welchem mir Eure Heiligkeit bekanntgeben, Grund zu der Vermuthung zu haben, es könnte Se. Majestät der König von Italien vielleicht eine Armee in die päpst­lichen Staaten und nach Rom einmarschiren lassen.

Eure Heiligkeit verlangen von mir, ich solle Se. Majestät den König von Italien an der Ausführung dieses Vorhabens verhindern, und verlangen weiter eine bewaffnete Jnterven- tion meiner Truppen, um im Rothfalle Eurer Heiligkeit beizustehen. Ich bedauere wahrhaftig, daß die von mir und meiner Regierung angenommene Po- litik mir ganz absolut jede Intervention in einer solchen Frage unmöglich macht.

Ich stehe andererseits zu meinem Bruder, dem Könige von Italien, in den besten Verhältnissen und könnte die guten Beziehungen, die zwischen Deutschland und Italien bestehen, nicht eines politischen Interesses wegen gefährden , das, wie Eure Heiligkeit zu ignoriren scheint, mit den Interessen Preußens in keinerlei Weise vereinbarlich ist.

Ich zweifle weiter nicht, daß Se. Maj. der König von Italien und seine Regierung, wenn es nöthig wäre, in Eurer Heiligkeit Staaten einzurücken, um die Ausschreitungen der revolutionären Partei Europas niederzuhalten, Eurer Heiligkeit jene Garantien geben wollen, welche die freie Ausübung jener geist­lichen Autorität sichern, die Eure Heiligkeit im Interesse der Kirche ausüben muß, als deren Haupt Sie anerkannt werden.

Mit dem größten Verlangen, es möchte der Friede und die Ordnung in jedem Theile Europas wieder gänzlich herzestellt werden, bitte ich Eure Heiligkeit, mir zu glauben, daß ich bin Ihr aufrichtiger Freund Wilhelm.

Das Original dieses Schreibens ist in französischer Sprache und ich habe dasselbe nach der mir vorgelegten Abschrift übersetzt."

Man wird sich für die nächsten Tage auf einen großartigen Wirrwarr in den Berichten aus Wien gefaßt machen müssen. Es scheinen dort zwei Strö­mungen gegen einander zu arbeiten, deren eine dahin gerichtet ist, den Grasen Beust auch für die Zukunft nicht nur als möglich, sondern auch als nothwendig

Kriegsnachrichterr.

Rach den Gefechtsangaben wird Paris in folgender Ordnung von dem deutschen Heere umlagert: Westen und Südwesten fünftes Corps (v. Kirchbach); Süden Bayern (Hartmann, v.d.Tann); Südosten sechstes Corps (v. Tümpling) und elftes Corps; Osten Württemberger (v. Obernitz) und Dachsen (Prinz Georg); Nordosten GardccorpS (Prinz August von Württemberg); Norden viertes CorpS (Alvensleben); Nordwesten Theile des 13. CorpS (bisher Großherzog von Mecklen­burg); zusammen wenigstens 250,000 Mann. (W. St.)

Gießen, 7. Oct. lieber die am 30. September stattgefundene Beschießung der Dörfer Vaux und Juffy haben bis jetzt unbegreiflicherweise die uns zu Ge- bote gestandenen Zeitungen noch nichts gebracht, und es gereicht uns daher zu besonderem Vergnügen, unseren Lesern einen Auszug aus einem Briefe über diese Affaire mittheilen zu können:Vaux und Juffy sind zwei dem Fort St. Quentin gegenüberliegende wunderschöne Dörfer, in denen die Nobilis und höhere Officlere von Metz Villa's besitzen. Juffy sowohl als auch Vaux waren von einigen Com­pagnien des I. und II. Hess. Infanterie - Regiments besetzt, während etwa 300 Schritte von Vaux unsere Feldwachen standen. Freitag den 30. September Morgens halb 5 Uhr begann ein starke- Granatfeuer von dem Fort St. Quentin aus auf diese beiden Dörfer, welches bis 6 Uhr anhielt. Trotzdem in beiden Dörfern viele Granaten in Häuser einschlugen, zündete doch nur eine in Juffy. Die Franzosen schienen ihr Ziel gut zu kennen, da sie mehrere Male in die Woh- nung des den Tag vorher abkommandirten Brigadegenerals Granaten warfen. Es sollen nur einige schwache Verwundungen stattgefunden haben."

DieWeim. Jtg." veröffentlicht folgendes Telegramm des Großherzogs v. Weimar:Lagny, 2. Oktober.

Großherzogin von Sachsen. ,

Ein Theil meines Regiments hat gestern ohne Verlust ein siegreiches Ge- fecht bei Quarrefour Pompadour bestanden. Ridel, Amelung, Rhaden, Kutzleben mit Mannschaften sind heute wohlbehalten und gesund hier eingetroffen. Bin wohl.

Carl Alexander.

Di/Hoffnung der Republik, bei den europäischen Großmächten irgendwie I Hülfe zu finden, ist inzwischen gleichfalls völlig geschwunden. Der Abgesandte der provisorischen Regierung, ThierS, hat wie in London, so auch in Wien und Petersburg keinen Boden für die gewünschte europäische Vermittelung gefunden.

In Petersburg scheint er von eigentlichen Anträgen Abstand genommen zu haben, vermuthlich, weil er sich überzeugte, daß dieselben völlig vergeblich sein würden. Die Regierung des Kaisers hat, abgesehen von den erneuten Zeichen ihrer sympathischen Bewunderung für die deutsche Kriegsführung, ihre eigenen friedlichen Absichten neuerdings nach allen Seiten zu erkennen gegeben.

Hoffentlich wird das Scheitern der ThierS'schen Sendung dazu beitragen, das FriedenSbkdürfniß in Frankreich endlich zum Durchbruch gelangen zu laffen. Dies ist freilich in entscheidender Weise nicht früher zu erwarten, als blS auch Paris den Ernst der Belagerung vollauf erfahren haben wird."

Wir haben bereits berichtet, daß Herr Thiers durch ein Telegramm die französische Botschaft in Wien in Kenntniß gesetzt, daß er feine Aufgabe in St Petersburg als materiell gescheitert betrachten müsse. In Kreisen, welcye der genannten Botschaft näher stehen, erzählt man, Fürst Gortschakoff habe, be­vor er dieConversation" eröffnete, Herrn ThierS die Frage gestellt, ob er er­mächtigt sei, für eine eventuelle Vermittlung Rußlands bestimmte Grund- lagen darzubieten. Herr Thiers erklärte sich angewiesen, eine GebietSab- tretung als absolut unmöglich zu bezeichnen, im Uebngen aber rm Stande, die weitestgehenden Zugeständnisse zu machen. Fürst Gortschakoff glaubte betonen zu sollen, er habe gehofft, in erster Reihe nicht auf eine Unmöglichkeit in stoßen, sondern die Zweckmäßigkeit der Nothwendigkeit viScutiren zu können; unter den gegebenen Umständen sei es für Rußland absolut unmöglich, eine In­tervention eintreten zu laffen, die sich ohne Zweifel sofort als fruchtlos erweisen würde und die ihm durch ein allgemein europäisches oder ein speciell russisches

Straßburg, 2. Oct. Am 28. Sept, mußte derNiederrheinische Kurier (Courrier du Bas-Nhiu"), dessen Nummer zum Druck bereit war, zu er­scheinen aufhören, in Folge der Anzeige, daßbis auf Weiteres alle Zeitungen, Journale, Proclamationen, überhaupt alle Drucksachen, mit Ausnahme der vom General-Oberbefehlshaber des Platzes autorisirten Verordnungen, verboten sind. Heute 2. October, schreibt das Blatt, wird dieses Verbot aufgehoben durch nachstehende Mittheilung, die General v. Mertens gestern der Marne von Straßburg gemacht und die uns diesen Morgen zugeschickt wurde:

Kommandantur Straßburg. Der Mairie wird in Betreff der Zeitungen welche bisher in hiesiger Stadt erschienen find, mitgetheilt, daß von meiner Seite kein Einwand gegen deren Wiedererscheinen erhoben wird. Ich mache eS aber der Maine zur besonderen 13|W, M fu die Redacteure sämmtlicher Blätter und Zeitschriften darauf Hlnwelst, tou diese Erlaubniß nur unter der Voraussetzung ertheilt werden kann, daß >üW)t 9Ztai'üni!e,?enht*

Zeitungen vorkommen. Der Tert sämmtlicher Zeitschriften ist deutsch oder aber deutsch und französisch zu halten. Die Inserate dagegen ganz nach dem Belieben de- Publikums. Vonjeder ZeitungSnuinnrer sind gleichzeitig mit ihrem Erscheinen drei Psilchteremplare hierher emzureichem Von jeder Eensur wird abgesehen. Sollten aber feindselige Artikel gegen Deutschland oder die deutschen Einrichtungen erscheinen, so würde diese Zeitung sofort ohne Verwarnung dauernd unterdrückt werden. Straßburg, den 1. Oktober 1870. Unterzeichnet: ». MertenS.

In Erwartung der regelmäßigen Fortsetzung unserer Veröffentlichungen, die wir morgen wieder beginnen zu können glauben, erachten wir es für nütz­lich, heute die amtlichen Acte, welche seit dem 28. September bis diesen Morgen, 2. October, angeschlagen worden sind, unseren Lesern vor Augen zu legen mid ihrer Aufmerksamkeit zu empfehleu. (Es folgt eine große Anzahl Erlasse.)- -3*)

Basel, 4. Oct. Heute glaubte man wieder mit Mühlhausen in ungehin­dertem Verkehr zu stehen. Die Stadt ist mit 6000 Mann deutscher puppen besetzt, der Verkehr unterbrochen und die Eisenbahnschienen der Ostbahn sinv aufgebrochen. Indessen haben wir heute Morgen noch Blätter und Briefe von dort empfangen. Aus denselben ist zu entnehmen, daß die Arbeiterunruheu noch nicht zum Abschluß gekommen sind. In Folge dieser Störungen had die Muni- cipalität gestern folgende) Proclamation erlassen:Einwohner von Muhlhausen. Die öffentliche Ordnung ist gestern (Sonntag 2. Oct.) Abend wieder in be­dauerlicher Weise gestört worden. Im Augenblicke, wo wir den Schmerz einer neuen Invasion empsinden, wo ein preußisches Truppencorps an die Mmne neue Requisitionen von Lebensmitteln stellt, denen man in einer offenen unv ohne Vertheidigung blosgestellten Stadt sich nicht entziehen kann, wenn man militärische Execution vermeiden will, bilden sich in den verschiedenen Quar­tieren der Stadt aufrührerische Zusammeuläufe: man plünderte die ^Zagen, ! eine Bande Uebelthäter beging auf der Mairie bedauerliche VerwustiMgen. , Dank der Hülfe muthiger Bürger wurden diese unbegreiflichen unv nicht zu