gen; um 8 Uhr Morgens war der linke Flügel bereits aufgelöst und nach der belgischen Grenze zurückgetrieben. Die erste Bitte der französischen Soldaten war Papier, um den Ihrigen zu schreiben. Einer derselben, ein Elsässer, für den ich einen Brief schrieb, meldete seiner Frau, „er habe auch nicht den Schatten von einer Wunde und noch dazu seinen Tornister und seine Mitrailleuse gerettet", er meinte damit seine Kaffeemühle! Um 61/2 Uhr wurden die Ge- fangcnen mit der Bahn weiter befördert. Alle anwesenden Personen (die Belgier) zeigten sich entblößten Hauptes."
Vom Oberrhein, 31. August, schreibt man der „Augsb. Allg. Ztg.": Lassen Sie mich vor allen Dingen von der Brust Ihrer Leser einen Alp hinwegnehmen, den Ihnen ein Bericht Ihres Correspondenten vor Straßburg aufgewälzt hatte. Das Straßburger Münster ist unversehrt, und es ist vor allen Dingen einfach schon deßhalb nicht ausgebrannt, weil dies eine Sache der Unmöglichkeit ist. Das Innere des Münsters enthält nur höchst Unbedeutendes an Holz, ein paar Altäre, einige Capellchen, sowie dergleichen Dinge und Stühle, denn es sind darin n'cht einmal feste Kirchenbänke. Das Dach aber ist dicht mit Platten gedeckt und noch unversehrt. Wenn also Einiges davon in Brand gerathen wäre, so hätte es höchstens die Mauern etwas schwärzen, nimmermehr aber dieselben angreifen oder erschüttern können, wie am Frankfurter Dom mit seinem schwerfälligen Holzdach und der Menge von Holzverkleidung, Treppen u. dgl. UeberdieS sind gestern wieder Leute gebildeter Stände von Straßburg herauS- gelangt, welche die vollständige Unversehrtheit des Münsters behaupten. Ich und andere Zuschauer haben auch oft genug gesehen, wie man beim Schießen und Bombardiren immer den Augenblick abpaßte, wo das Münster erhellt erschien, und man das Ziel so fassen konnte, daß die Kugeln dasselbe nicht erreichten. Bei anderen Gebäuden war dies freilich nicht möglich, und daher ist vieles Werthvolle zerstört worden.
Privatbriefen von der französischen Flotte in der Nordsee entnimmt ein pariser Correspondent der Shipp. Gaz., daß die Flotte große Noth hat, sich mit Kohlen zu versehen, und daß dies so viel Kosten verursacht, daß man sich schon die Frage vorgelegt hat, ob nicht Frankreich eben so viel Schaden von der Blo- cade habe, wie Deutschland. Die Flachheit der Küsten und die Schwierigkeiten, welche durch die Entfernung der Lichter und Zeichen entstehen, das Fahrwasser zu finden, so wie die überall errichteten Vertheidigungswerke machen es ganz unmöglich, irgend etwas zu thun. Das sei ein trauriges Ende einer so großen Expedition von Panzerschiffen, aber es sei einmal nicht anders.
Der Generalgouverneur von Benin erläßt an die Bewohner Lothringens eine Proclamation, in welcher er, unter Bezugnahme auf die königliche Procla- mation vom 11. August, den friedlichen Bürgern Sicherheit der Person und des Eigenthums verspricht und die Erwartung ausdrückt, daß seine Befehle von den Behörden und den Einwohnern beobachtet und genau befolgt werden. Der Generalgouverneur erklärt, er würde sich bei Widerstand gezwungen sehen, alle Mittel zu ergreifen, welche zur Aufrechthaltung der Autorität ihm zu Gebote stehen.
Darmstadt, 6. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht:
am 26. August den Professor, Geheimer Iustizrath Dr. Wasserschleben zum Rector der Landes-Universität für die Zeit von Michaelis 1870 bis dähin j871 zu ernennen.
Cassel, 4. Sept. Die Dauer der hiesigen Industrie-Ausstellung, welche sich bisher der lebhaftesten Theilnahme des Publicums und des ungetheilten Lobes aller Sachverständigen erfreute, durch den plötzlich ausbrechenden Krieg jedoch in der letzten Zeit bedeutende Einbuße erlitten hat, ist bis zum Schluß dieses Monats verlängert worden. Dabei sind alle bisherigen Anordnungen beibehalten, und werden von jetzt ab Partoutkarten zum Preise von 1 Thlr. ausgegeben; der Preis des einmaligen Besuchs ist stets ein außerordentlich geringer. Die von Sr. Majestät dem König für die Ausstellung erbetene Mitrailleuse ist, nachdem ein bereits gemeldetes Telegramm dieselbe zugesagt, vorgestern hier eingetroffen und in einer mit der Büste des Königs geschmückten besonderen Halle aufgestellt, wo sie seit gestern — gerade am Tage der Gefangennahme des Kaisers Napoleon und der Armee Mac Mahon's! — ein zahlreiches Publicum herbeizieht. — Auch die Lotterie mit 100,000 Loosen ä 1 Thlr. und über 5000 Gewinnen, unter diesen die hervorragendsten Gegenstände der Ausstellung, erfreut sich eines lebhaften Zuspruchs. Anerkennung verdient, daß der Vorstand 5000 Thlr. von diesem Einkommen den Vereinen zur Unterstützung der Familien der verwundeten und gefallenen Krieger mit dem besonderen Wunsch zugewiesen hat, daß für diese Summe den Wittwen und Waisen der Gebliebenen zu Weihnachten eine kleine Freude bereitet werde. — Heute wird nun auch Napoleon hier eintreffen, um in Wilhelmshöhe, wo einst sein Onkel die schönsten Jahre seines Lebens verbrachte, der Bestimmung des Königs gemäß, seinen Aufenthalt zu nehmen. So bietet denn Cassel dem Touristen im Augenblick mancherlei Interessantes.
Wiesbaden, 3. September. Ein hiesiges Handlungshaus, dessen Reisender von einem Hause in Rouen im Juni dieses Jahres eine Bestellung erhielt, empfing heute von dieser französischen Firma einen Brief, dessen wortgetreue Ueber- setzung hier folgt. (Das französische Original hat der Redaction des Rhein. Kur. vorgelegen.)
Mein Herr! Ich nehme keine Artikel an, welche von so einer schmutzigen Nation wie die Ihrige kommen; — man müßte nicht einen französischen Blutstropfen in den Adern haben, um eine Nation, welche nicht das Mittel findet, in ihrem Lande zu leben und welche immer Frankreich nöthig hat, um feine Produkte abzusctzen, leben zu lassen. Preußen muß sehr arm sein, um nicht zu Hause leben zu können, ohne zu uns zu kommen und uns auSzubeuten. Ich kann selbst nicht begreifen, wie Sie die Idee haben konnten, mir in einer solchen Zeit zu expediren; — dieses beweist, daß Sie herzlose Menschen sind, welche nur von Frankreich leben. Schande und Schmach (Honte et malädiction) auf Euch Alle, schmutzige Race von Preußen, welche zu uns kommen, uns auszubeuten und uns zu bestehlen. Sie können mit Ihrer Waare machen, was Sie wollen- aber nie wird dieselbe über meine Schwelle kommen. Ich grüße Sie, weil die Höflichkeit es mir gebietet, aber mit der Ihnen gebührenden Achtung.
Berlin, 2. September. Aus der „Etoile belge" vom 28. August erhält man die interessante Nachricht, daß Frankreich dem neutralen Nachbarstaate Belgien fast sein ganzes Eisenbabnbctriebsmaterial entwendet hat und es auf den französischen Bahnen zu militärischen Zwecken benutzt. Es waren nämlich gegen
2500 Waggons mit Getreide k. von Belgien nach Paris spedirt worden, aber die leeren Wagen sind nicht wieder zurückgelangt, trotz der energischen Reklamation von Seiten der belgischen Behörden. In Folge dessen haben schon viele Fabriken in Belgien ihre Arbeit einstellen müssen, und die Kohlenproduktion bei Charleroi ist vollständig lahm gelegt. Man würde die Mittheilung der Et. b. kaum glauben, wenn sie nicht Tags darauf durch den amtlichen Moniteur belge bestätigt worden wäre. (Schw. M.)
München, 6. Skpt. In Folge des Sieges hat der König alle wegen der Traunsteiner und Deggendorfer Rekrutirungsexcesse noch Inhastirten begnadigt, mit Ausnahme des wegen Todtschlags verurtheilten Revierförsters Kracher.
(Fr. I.)
Stettin, 5. September. In Folge Befehls vom Kriegs-Ministerium werden die gefangenen französischen Mannschaften in Zukunft statt des Commis- brodes Weißbrov erhalten, weil sie das ihnen ungewohnte «Schwarzbrot» nicht vertragen können. — In Fort Wilhelm sind zwei große Casernen in Fachwerk zum großen Theile mit Hülfe der Gefangenen erbaut, in welche diese beim Eintritte kalter Witterung quartiert werden sollen. Nach dem Kriege sollen diese Gebäude als Casernen für unsere Besatzung benutzt werden.
Prag, 31. August. Dreißig französische Gefangene sind aus der Festung Neiße entsprungen und haben die österreichisch-böhmische Gränze überschritten.
Brüssel, 6. Sept. Das Gerücht, daß der Papst Rom verlassen haben soll, gewinnt an Boden. — Die belgischen Truppen kommen wieder von der Grenze zurück. Ein Theil der hiesigen Garnison ist wieder in Brüssel eingerückt.
(Fr. I.)
Paris, 4. Sept., Abends. Das Militär fraternisirt mit den Massen der Republicaner, die kaiserlichen Flaggen werden überall herabgerissen, die Büsten des Kaisers zertrümmert. Nachdem das Volk in die Tuilerien eingedrungen, besetzte die Mobilgarde dieselben. Volksmassen führten Rochefort jubeln nach dem Stadthause.
Paris, 6. Sept. Das „Journal officiel" veröffentlicht eine Proklamation der Regierung an die Armee. Dieselbe sagt, die Abschaffung der Dynastie, welche für das Unglück verantwortlich ist, sei ein großer Act der Gerechtigkeit und des öffentlichen Heils. Um sich zu retten, braucht die Nation nur sich selbst wieder zu finden, um auf ihre Entschlossenheit und Euren Muth zu rechnen.— Ein Decret hebt den Stempel für Zeitungen und für Veröffentlichungen auf.— Die Beamten sind des Diensteides entbunden, der politische Eid ist abgeschafft. Die Gesandten in London, Wien und Petersburg sind abberufen. Alle Deutsche, welche keine Specialerlaubniß besitzen, sind verpflichtet, binnen vierundzwanzig Stunden die Departements Seine und Seine-Oise zu verlassen, widrigenfalls sie der kriegsrechtlichen Behandlung verfallen. Das „Journal officiel" publicirt ferner Ernennungen von Präfccten. — Der Feind nähert sich Paris. — Ein Circular Gambetta's sagt, die neue Republik sei keine Negierung für Zwistigkeiten und kleinlichen Parteihader, sondern eine Regierung der nationalen Ver- theidigung, des KampseS gegen die fremden Eindringlinge. (Fr. I.)
London, 5. Sept. Die Deutschen in America und England sind allenthalben im größten Siegesjubel.
Vermischtes.
Mainz, 1. September. Ein Delegirter der nach Düffeldorf fahrenden Krankenschiffe erzählt, daß ihn einige Bewohner eines Dorfes, woselbst Wasser eingenommen wurde, gebeten hätten, das Schiff besteigen zu dürfen, um einmal auch einen Turco zu sehen. Unser Dele« airter,' welcher an diesem Tage zwar keinen Turco an Bord hatte, benutzte indessen diese Anfrage auf'S beste und im Interesse aller Verwundeten, indem er dem betreffenden Bäuerlein zu verstehen gab, daß er gegen Ablieferung von Wein und Eigarren einen Turco zur Ansicht auS- stellen wolle. Schnell waren die Neugierigen verschwunden, um das Nöthige zu besorgen, und beeilte man sich in der Zwischenzeit, einen leichtverwundeten, witzigen sächsischen Landwehrmann mit einigen Leintüchern zu behängen und als Turco an den Radkasten zu placiren. Die zurückgekehrten Landbewohner besahen sich mit Verwunderung dieses Unthier, welches durch sein Grunzen seinen Unmuth gegen alles Deutsche zu erkennen gab, und verließen daS Schiff mit großer Befriedigung. Der Spaß hatte 45 Krüge Wein und 400 Cigarren eingetragen.
O selig, o selig, ein Turko zu seyn!
Motto: Wer nie statt Brodes Rüben aß, Wer nie beschmutzt, zerlumpt, zerhauen Auf seinem Stroh als Turko saß , Der kennt euch nicht, ihr himmlisch milden Frauen.
Frei nach Göthe.
(Nach der Melodie: Der Papst lebt herrlich ,c. In Bahnhofen und Lazarethen zu fingen.)
Der Turko lebte, wie man hört,
Als Vieh mehr, denn als Mensch bis Wörth;
Dort zog man ihn gefänglich ein — Ich möcht' kein solcher Turko seyn.
Doch wird er d'rum nicht sehr gehaßt: Manch holdes Mädchen küßt ihn fast, Wie streicheln ihn die Hündlein fein! — Ich möcht« doch ein Turko seyn.
Er lebt bet uns in Saus und Braus, Weiß kaum, daß er aus Frankreich drauS, Französisch hört er ja allein — Ich möcht' d'rum doch kein Turko seyn.
Die Wunde zärtlich zugedeckt, Reicht jede Jungfrau ihm Konfekt, Orangen, Blumenkränze, Wein — Ich möcht' halt doch ein Turko seyn.
Weil unsanft uns'rer Brüder Faust Hernieder auf sein Haupt gesaust, Entschäd'gen ihn der Schwestern Reih'n — Und doch möcht' ich kein Turko seyn.
Ich wünsche eines Turko Glück Mir dennoch keinen Augenblick. — Doch lieber noch ein Turko seyn, Als solch ein deutsches Mägdelein!
Dem Ewigweiblichen aller turkoliebenden Damen in bekannter Hochachtung gewidmet von Einem, „der kein Turko ist."
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


