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Gießener Anzeiger
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Expedition: Canzleiberg Lit. B. Rr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Freis Hießen.
Nr. 172. Dienstag den 6. Dcccmbcr 1870.
5. December-
Die Pariser haben im größeren Maßstab den Versuch wiederholt, die Ein- schließungsarmee zu durchbrechen und sich über Fontainebleau mit der Loirearmee in Verbindung zu setzen. Der letzte Ausfall scheint gleichzeitig von den Fort« Nogtnt, Vincennes und Charenton unternommen worden zu sein, und es scheint der Kampf auf allen Punkten des weiten Bogens gewüthct zu haben, den die Marne von Dllliers bi- Creteil beschreibt. Augenscheinlich ist General Trochu auf dieser Seite mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften vorgerückt, denn das Schlachtterain ist ein sehr ausgedehntes und es ergibt sich schon aus der Auf. zählung der von der Belagerungsarmee im Feuer gestandenen Corps und Divisionen, welch bedeutenden Raum die Operationen um 30. Nov. und 2. Dez. beanspruchten. Nach achtstündigem Ringen wurden die Belagerten wieder hinter ihre Forts zurückgetrieben und damit ist hoffentlich der letzte Versuch der Pariser zur gewalt- samen Befreiung aus ihrer Lage vereitelt. Ihre offenkundigen Hoffnungen auf die Unterstützung der Loirearmee haben sich nicht erfüllt, der militärischen Ehre ist Genüge gerhan und nun werden die schon früher laut gewordenen Wünsche auf Unterwerfung unter das Unvermeidliche mit ganz anderem Nachdruck sich vernehmen lassen können.
Bei den Gallomanen außerhalb Paris wird freilich die Ernüchterung noch etwas länger auf sich warten lassen. Mit der Besetzung von Amiens durch unsere Truppen ist zwar die Eisenbahn-, nicht aber die Telegraphenverbindung zwischen Tours und Belgien unterbrochen, es besteht nämlich eine Telegraphenlcitung ter Küste entlang, und „Jndep. belge", „Etoile belge" und Consorten können sich demzufolge noch immer das wohlfeile Vergnügen bereiten, Telegramme aus Tours zu veröffentlichen, welche der Wahrheit geradezu ins Gesicht schlagen. Sie wollen die Depeschen aus Tours vom 29. Nov. durchaus nicht gelten lassen, daß ein Theil der Loirearmee am 28. bei Beaune la Rolande eine derbe Schlappe erlitten hat, im Gegentheil, sie behaupten, wenn auch mit auffälligem Lakonismus, das die französischen Truppen den Feind an der Front der Loirearmee zwischen Pithi- viers und Montargis an verschiedenen Punctcn zurückgeschlagen hätten, wobei zahlreiche Gefangene und eine Kanone in den Besitz der Franzosen gefallen seien E>'ne zweite Depesche aus Tours vom 29. v. M. wendet sich gegen das osficielu Telegramm aus Versailles, 27. Nov., und sagt, es sei nicht zutreffend, daß die Franzosen in den Scharmützeln bei Ladon und Mezieres zurückgebrängt worden seien; die französische Aufstellung sei am 25. bei 45 Kilometer hinter den Punkten gewesen, bis zu welchen sie am 26. vorgedrungen seien. Auch sei kein französischer General in Gefangenschaft gerathen.
Die Wahrheitsliebe der französischen Bulletins ist zu weltbekannt, um über den Werth der eben citirten Angaben auch nur ein Wort zu verlieren. Nach französischen Berichten sind französische Soldaten immer siegreich, und wenn sie auch auf Hunderte von Meilen zurückgeworfen, in Festungen gedrängt und zur Capitulation gezwungen oder ganz und gar zersprengt werden, wie kann es also Wunder nehmen, wenn sie auch nach den letzten Schlägen mit Siegestelegrammen um sich werfen. Den Tourensern wird es allerdings einigermaßen sonderbar Vorkommen, daß die Regierung am 30., also zwei Tage nach dem angeblichen Siege, das Ausbleiben ofsicieller Depeschen von der Loirearmee ankündigt, denn auf derartige Ankündigungen ist bisher in Frankreich erfahrungsgemäß das Geständniß einer Niederlage gefolgt; warum aber die letztere schon jetzt eingestehen, so lange der Feind nicht unmittelbar vor den Thoren steht? Ist dies der Fall, dann wissen die guten Franzosen ohnehin, daß es mit den errungenen Vortheilen sein besonderes Bewenden gehabt habe, die Regierung findet aber bis dahin noch immer Zeit, einen anderen Schauplatz ihrer Thä'tigkeit und neue Gläubige für ihre Lügen aufzusuchen.
Hinsichtlich der Bewegungen de- deutschen Heeres melden die Telegramme aus Tours, daß die in der Richtung auf diese Stadt vorgeschobenen preußischen Abteilungen sich neuerdings bei Chateauvun zu conccntriren scheinen. Im Westen von Paris, in der Umgegend von Evreux, hätten die Deutschen das Eurethal fortwährend mit einer gewissen Stärke besetzt, am rechten Seineufer sei ein preußischer Angriff auf Villers im Vexin zuerst von den dortigen Mobilgarden zurück- gcwiesen worden, nach Ankunft preußischer Verstärkungen hätten sich dieselben aber zurückziehen müssen.
Im Generalstab der an der Loire versammelten französischen Streitkräfte ist mittlerweile noch vor deren vollständiger materieller Vernichtung ein Personen- wechsel von einiger Bedeutung vorgenommen worden. Herr v. Keratry hat am 28. in einem Briefe an Gambetta angezeigt, daß er sein Commando nieverlege und am 30. ist er persönlich, vielleicht zu unmittelbarer Berichterstattung, in Tours eingetroffen, während an seiner Stelle General Bourbaki den Befehl über die zum 19. Armeekorps umgetaufte bretonische Armee übernommen hat. Die Gründe der Demission des Herrn v. Keratry dürsten wohl auch in seinem Zerwürsniß mit Herrn v. Chatelineau, dem Commandanten der Franktireurs der Bretagne, zu suchen sein, und man kann nun wohl einigermaßen neugierig darauf sein, wie General Bourbaki sich mit dem legitimistischen Parteigänger vertragen werde. Als neuer Organisator ist inzwischen in einem anderen Theile von Frankreich, in dem von Abenteurern und Glücksrittern ä la Garibaldi, Cluseret u. dergl. m. mit Vorliebe frequentirten Rhonethale der bekannte General Mieroslawski aus- getaucht. Derselbe ist, wie ein von dem „Moniteur" veröffentlichtes Dekret des Lyoner Präfekten und außerordentl chen CommiffarS der Negierung zeigt, zur Errichtung eines mobilen Lagers höchst eigener Erfindung autorisirt worden, und alle Civil- und Militärpersonen sind angewiesen, ihn dabei zu unterstützen. „Je länger der Abend, desto schöner die Gäste", heißt es ja nach einem alten Sprüchworte.
lieber die Vorgänge bei Amiens können die französischen Berichte sich nicht so unverschämte Lügen gestatten, wie über andere Ereignisse, denn die Besetzung von Awiens ist eine Thatsache, die sich mit allen Sophismen nicht hinwegläugnen läßt. Aber gelogen wird darum doch immerhin mit eiserner Stirn. Zunächst meldet ein Telegramm aus Rouen, General Goeben sei mit 70,000 Mann in Amiens eingerückt, und am 28. werde die Schlacht von Neuem beginnen, was beides eine Lüge ist. Ferner heißt es, der Rückzug der bei Amiens geschlagenen Franzosen habe sich in bester Ordnung, unbelästigt vom Feinde in der Richtung auf Doullens und Arras vollzogen, während die Flüchtigen notorisch nicht einmal eie Zeit hatten, die Geschütze aus den von ihnen aufgeworfenen Schanzen in Sicherheit zu bringen. Was die ferneren Absichten des Ueberrcstes der Nordarmee anbelangt, so soll, wie die „Jndep. belge" mittheilt, deren Commandant sich mit der Idee tragen, in dem nördlichen Festungsviereck (es scheint Douai, Lille, Cam- broy und ValencienneS gemeint zu sein) Posto zu fassen, und von dort aus, wo seine Stellung eine „unangreifbare wäre", bei günstiger Gelegenheit wieder zur Offensive zu übergehen. Leider kennen wir noch immer nicht mit Bestimmtheit den Namen des Generals, welcher so schöne Luftschlösser zu bauen versteht.
Die Telegramme aus Tours, vom 29. Nov., also vom Tage «ach dem Gefechte, das in Prinz Friedrich Karl'S Meldung als „eine wahre Niederlage des größten Theils der Loirearmee" bezeichnet ist, wollen nur von „einigen ziemlich lebhaften Gefechten auf der Front der Loirearmee zwischen Montargis und Pithi- vieres" w ssen, tri welchen „der Feind nach und nach, mit fühlbaren Verlusten, auf verschiedenen Punkten zurückgeschlagen worden sei und zahlreiche Gefangene nebst einer Kanone in den Händen der Franzosen gelassen habe" ; das preußische Detachement, das im Südwksten von Vendome, in Chateau Renault, 27 Kilometer von TourS, am 27. November erschien, wurde in einer Depesche vom 28. aus Torrs mit der classischcn Bemerkung beseitigt: „Man glaubt, daß es in Folge d s Nebels seinen Weg verloren habe." Eine Depesche aus Tours vom 29. Nov. kommt darauf mit der Behauptung zurück: „Es wird bestätigt, daß das südwestlich von Dendome signalisirte preußische Detachement ein isolirtes Detachement war, das seinen Weg verloren hatte." Die „Jndependonce'' tröstet sich damit, daß Tours bis jetzt nicht in Gefahr sei, daß die Deutschen auf die Umzingelung der französischen Stellungen hätten verzichten müssen, daß der linke Flügel der Franzosen noch weniger bedroht sei als der rechte u. s. w., ferner, daß die Nordarmee sich „in guter Ordnung und ohne vom General Manteuffel verfolgt zu sein, auf Doullens und ArraS zurückgezogen habe und wahrscheinlich in dem durch die Festungen des Nordens gebildeten Quadrilatere eine uneinnehmbare Stellung nehmen werde, welche die Wiederaufnahme der Offensive gestatte, sobald die militärische Situation es erfordere." So tief hat sich dieses Blatt nach und nach in die französische Blindheit hineingearbeitet! Keratry Hot sein Commando im Lager von Conlie bei Le Mans ausgegeben und Bourbaki den Oberbefehl der „Armee der Bretagne" übernommen. Charette und Chatelineau wollten unter ihm nicht dienen, weil sie weder seiner kirchlichen noch politischen Farbe trauen; ob Bourbaki glücklicher sein wird, muß die Folge lehren. Im Norden hat Bourbaki unter den gegebenen Verhältnissen gewiß das Mögliche geleistet und cs gehört die ganze Verblendung Gambetta's dazu, daß er von jenem wichtigen Posten in dem Momente entlassen wurde, wo General von Manteuffel auf Amiens im Anmarsche war. Paris, das gibt auch die „Jndependance belge" jetzt zu, ist nunmehr seinem Schicksale überlassen; sie klagt: „Die strategischen Bewegungen, die zwischen Paris und Orleans stattfanden, gestatten nicht mehr, zu hoffen, daß die Loirearmee einen Ausfall von Paris unterstützen könnte. Um dieses Ziel zu erreichen, hätte diese nach ihrem Siege bei Orleans voranmarschiren und durch die Normandie der Nordarmee, die nun bei Amiens geschlagen ist, die Hand reichen können. Heute legt sich eine durch die Uebcrgabe von Metz verfügbar gewordene Truppenmacht zwischen sie und die Belagerer. Ihre einzige Aussicht ist, entweder diese Streitkräfte in Schach zu halten oder den Widerstand dadurch zu. verlängern, daß sie ich hinter die Loire zurückzieht." Auch diese Aussicht dürfte nach den neuesten Depeschen bereits verschwunden sein.
Der „Bote" von S. Leopol do, Rio Grande do Sul, vom 5. Oktober zeigt an, daß die Deutschen in Brasilien schon 22,000 Thlr. für die deutschen Verwundeten in diesem Kriege zusammengebracht und an den Centralverein ein- gesanbt haben, und daß noch weitere Beiträge gesammelt werden. Die folgenden Zeilen aus dem Urwalde, und dessen abgelegensten Winkeln jeder deutsche Colo- nist seine Spende nach Kräften einsendet, dürften gerade jetzt den wenigen Verirrten unter uns zur Beschämung dienen:
„Das Eintreffen der ersten Siegesnachrichten versetzte hier Alle in die freudigste Erregung und ließ die deutschen Herzen höher und stolzer schlagen. Auch wir Deutschen im Auslande sind bei diesem Kampfe mitbetheiligt, auch unser ferneres Schicksal ist mit dem AuSgange verknüpft. Es kann uns nicht gleich- giltig sein, ob unser theures Vaterland wieder in die alte Schwäche zurückgeschleudert wird, oder ob es groß und herrlich vor der Welt dasteht. Im ersteren Falle bleiben wir die über die Achsel angesehenen „AlemoeS" (Deutschen), ohne Schirm, ohne Schutz jeder Laune einer fremden Regierung preisgegeben. Im zweiten Falle respectirt man uns auch in der Ferne als die Glieder eines mächtigen Volkes, das seine Angehörigen auch im fernsten Viertel der Erde zu schützen weiß. Wir müssen stolz darauf sein, Deutsche zu sein und zu heißen, und müssen einig zusammenstehn, wie es jetzt unsere Brüder im fernen Vaterlande thun. Sollte es aber unter uns Deutschen einige ehrvergessene Buben geben, welche


