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fuhr von Nahrung die Freude eines reichen Erndtesegens erwirbt, so möge auch das Lebrerherz nicht ermüden, das schwach glimmende GeisteSfünklein im schwachen Kinde anzufachcn, zu beleben und zu nähren. Und wie oft wird nicht diese Treue sehr bald belohnt! Haben wir nicht Beispiele, daß sehr bedeutende Größen aus dem Felde der Wissenschaft in ihren Kinderjahren zu den Schwachen und Beschränkten zählten? Muß nicht das Gold und alle die edlen Metalle vom Schutte befreit aus dem tiefen Schacht der Erde gegraben werden? Fürwahr es gewährt göttliche Freuden für den Lehrer, in den schwachen Kindern das kümmerlich leuchtende Fünklein des göttlichen Geistes zur hell lodernden Flamme anzufachen und wollten wir auf diese Freuden verzichten? Die Geschichte der Pädagogik erzählt uns, daß jener menschenfreundliche Abbe de l'Epee Thränen der Freude weinte, als cs ihm gelungen war, einigen taubstummen Kindern die ersten religiösen Begriffe zum Bewußtsein gebracht zu haben. Unsere Arbeit mit den schwachen Kindern ist leichter, dcr Erfolg sicherer. Darum, muthig den Schwachen in's Angesicht schauen, mit dem Geiste freudiger Hingabe jeden Zweifel an Erfolg, jeden aufsteigenden Mißmuth niederdrücken, und trägt auch unser Saatkorn nicht immer sechzigfältige Frucht, so ist es doch schon ein großer, göttlicher Gewinn, auf dem Boden Früchte zu sehen, den man sonst nur gewohnt war, als dürre Haide zu betrachten. So scheide ich denn von den schwachen Kindern mit der Bitte, daß sie Ihrem Herzen recht warm empfohlen sein möch­ten. Noch bleibt mir übrig, Ihre Herzen zu entzünden mit dem Feuer der Liebe für jene dritte Klasse von unglücklichen Kindern, nämlich für die verwahrloste n. Wenn man von verwahrlosten Kindern redet, so ist man nur zu geneigt, an die Kinder der ärmeren Volksklassen z>. denken, die, wie wir vorhin gesehen haben, aus mancherlei Ursachen den Anforderungen der Schule nicht ganz gerecht wer- den können, oder auch an die schwachen, die allerdings in Folge von Verwahr­losung seitens ihrer Lehrer in den Zustand geistigen Schwachseins hincinwachsin können. Doch die verwahrlosten Kinder im eigentlichen Sinne des Worts treten uns nicht nur aus der armen Bevölkerung entgegen, sondern wir treffen sie in allen Schichten des Volkes. Sie entwickeln sich in der Hütte des TaglöhnerS wie auf dem Hofe des Großbesitzers, in der ärmlichen Kammer des Fabrikar­beiters wie in dem prunkenden Salon des reichen Kaufmanns, in dcr W-rkstätte des bescheidenen Handwerkers wie auf Parquetboden des hochstehenden Beamten. Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, zu untersuchen, wie und wodurch die ver­wahrlosten Kinder zum Vorschein kommen, meine Ausgabe constatirt, daß sie wirklich da sind und der Trerre ihrer Lehrer empfohlen werden sollen. Doch ist es hier zuständig, daß ich diese Verwahrlosten charakterisire, denn wenn man Jemand der Aufmerksamkeit eines Dritten empfehlen will, so ist es nöthig, die Eigenschaften des Ersteren dem Letzteren vorzuführen. Diese verwahrlosten Kin­der sind, um sie in einem biblischen Gleichmß zu betrachten, jene, bei denen der ausgestreute Samen auf den Weg oder das Steinigte fällt. Sie sind öfter mit Fähigkeiten ausgestattet, allein es fehlt ihnen der sittliche Ernst, ihre Gaben in

dem Dienste der Schule zu verwenden. Diese Kinder sind sittlich moralische Krüppel, an denen die Auswüchse ungezügelter Sinnlichkeit wuchern und ihnen das Mark des gediegenen sittlichen Wollens aussaugen, so daß, wenn sie auch einen Anlauf zu einem geregelten ernsten Streben nehmen, sie bald aus mora­lisch sittlicher Erschöpfung wieder am Boden liegen, es sind diese Kinder, die C;ne wechselnde Lichtscheibe zeigen, dem Lehrer bald Blumen zu pflücken geben, bald ihn mit Dornen verwunden, bald das Herz des Lehrers anziehen, bald ab- stvßcn. Man sieht, daß diese Verwahrlosten schon an und für sich der Gegen­stand d.s lebhaftesten Interesses von Seiten des Lehrers sein können und man sie dcßhalb dcr Treue ihrer Lehrer nicht erst zu empfehlen brauche, da dieser oft genug gereizt wird, ihnen näher zu treten. Aber gerade deßhalb, weil sie dem Lehrer so viele Täuschungen bereiten, weil sic so oftmals noch dazu mit freveln­der Hand die junge Saat, die cr hoffnungsvoll streute, wilder zerstören, darum zieht sich das verwundete Herz des Lehrers gern von diesen Jrrlichterscheinungen zurück und der Lehrer ist in Gefahr, untreu an ihnen zu werden. Doch was sagt unser hochverehrter Dichter Herder? Eine schöne Menschensecle sinden, ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist, sie erhalten, doch der schönst' und schwerste ist, sie, die schon verloren war, zu retten. Und fordert uns nicht auch das schöne Gleichniß vom verlorenen Schäflein auf, diesen Verwahrlosten nachzugehcn, bis wir sie fest erfaßt und zur Heerde zurückgebracht haben? An diesen verwahr­losten, unter die Mörder gefallenen Naturen hat der Lehrer Gelegenheit, Sama- riterdienste zu verrichten, die seinem bescheidenen mitunter freudlosen Dasein eine Glorie verleihen, um welche ihn der siegreiche mit dem Lorbeerkranz bedeckte Feldherr beneiden möchte. Und wer möchte auf solchen Kranz verzichten. Darum treuer Lehrer, werde nicht müde, deine verwahrlosten Schüler, so oft sie auch strauchtln, wieder auszuhcben, so oft sie dich täuschen, fasse sie wilder aufs Neue; so manchmal sic dein Herz verwunden, laß den Quell deiner Liebe nie gegen sie versiegen und gelingt es Dir auch nicht in allen Fällen, das verwahrloste Kind auf den rechten Pfad zu bringen, so ist's doch ein großer Gewinn, wenn auch nur ein einziges Schäflein durch deine Treue umkehrt auf den Weg des Lichts. Lange Jahre nach dem Tode des sinnigen, zärtlichen Dichters Gellert, trat ein Mann auf sein Grab, kniete nieder und bekannte unter Thränen des Dankes, daß er in seiner Jugend durch die liebevolle Treue dieses Lehrers aus den Sümpfen des Lasters gezogen worden sei. Wem es gelingen möchte, über seinem Grabe ein solchem Bekenntniß zu erzeugen, würde er nicht alle Mühen, oße (fnb täuschungcn, kurz den Jammer eines ganzen Lehrcrlebens freudig dagegen setzen? Bleiben wir dabei, Freunde und Collegen: die armen mit der Treue eines Pestalozzi, die schwachen mit der feurigen Hingabe eines Abbö de lEpee und die verwahr! osten Kinder mit der heiteren Liebe eines Gellert anzu- faffen, dann wird die Verheißung, die uns der größte Kindersreund, unser Hei­land Jesus Christus, hinterlassen hat, diesseits und jenseits nicht mangeln: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz.

Vrühl'sche Univ.-Druckerci (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.