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Politische Rundschau.

27. Februar.

AuS der Provinz treffen mehr und mehr Adressen ein, in welchen die Unterzeichner Zustimmung und Freude über den Gang des CabinelS Ollrvier aus- sprechen. Manche dieser VertrauenSzeichcn enthalten auch Beschwerden über Vie Verworrenheit vieler Köpfe in der Hauptstadt und beklagen, daß sich die Wir­kungen der Pariser Gossenscenen bis in die fernsten Theile des Landes bemerklich machen. Auch mit der Decentralisation" beschäftigt man sich lebhaft in der Provinz. Bisher war man in Frankreich nicht glück­lich bei Versuchen dieser Art, weil die Provinzialen nichts dazu thun wollten. Man ist in Frankreich zu sehr gewöhnt, Alles von oben herab zu erwarten und decretirk zu sehen.

Der Wiener Correspondent derKarlSr. Ztg." schreibt: Die Dinge in Rom reifen der Entscheidung zu, der moralische Bankerott des Concils fcheint un­aufhaltbar. Der geistig bedeutendste österreichische Bischof, der Cardinal Fürst - Erzbischof von Wien, hat die Mahnungen der letzten Depesche des Grafen Beust auf das dringendste unterstützt, und doch ist bekanntlich gerade er der Haaptbetbeilrgte des in Trümmer zerfallenen ConcordatS. Wenn nicht be­stimmte Garantien für ein rasches und gründliches Einlenkcn der Kurie geboten werden, dürften noch im Laufe des Monats März alle österreichisch-ungarischen Bischöfe (mit sehr vereinzelten Ausnahmen) Rom verlassen haben.

Mehreren deutschen Blättern, ebenso derAgence Havas", ist aus Bern auf telegraphischem Wege die Nachricht zugegangen, d>e dortige russische Gesandt­schaft habe an den schweizerischen BundeSratd das Begehren gestellt, den wegen Verschwörung und Mor­des verfolgten und nach der Schweiz entwichenen Russen Netschajew an Rußland auszulicfern. Wie derKöln. Ztg." aus ofsiciellec Quelle versichert wird, ist diese Nachricht vollständig unrichtig. We­nigstens ist es Thatsache, daß dem schweizerischen Bundespräsidenten, Herrn Dr. Dubs, ein solches Be­gehren bis zu diesem Augenblicke noch nicht gestellt worden ist.

1. März.

In Betreff der Dänenversammlung, weiche Herr Krüger am 11. d. Mts. in Rcisby arrangiri hatte, berichtet jetzt dieDannevirke ', daß der Genannte eine Darlegung gab über eieWirksamkett ter Nord- schleswig'schen Mitglieder des Abgeordnttenhauses für die Förderung ter Nordschlisw.g'schen Sache", sowie über diegroße Adresse und ihr Schicksal". Lcr Redner gab es darauf als seine Absicht zu erkennen, im Norddeutschen Reichstage zu erscheinen, wo er jetzt für seinegerechten Forderungen" willigere Oh­ren zu finden glaubte, als bisher. Sollte auch diese Hoffnung feblschlagen, würden noch andere Aussichten offen stehen, er vermöge sich aber noch nicht darüber zu äußern, was er in einem solchen Falle thun würde.

Der Wiener Corresp. terKarlSr. Ztg." schreibt: Der französische Botschafter in Rom ist angewiesen und vielleicht hat er im Sinne dieser Weisung bereits gehandelt nach dem Vorgang Oesterreichs die römische Kurie in ernstester Weise von einem wei­teren Vorgehen auf dem eingeschlagenen Wege obzu­mahnen. Ein Collectivschritt ist nicht beabsichtigt, wenigst ns für jetzt nicht. Auch derMoniteur" deutet an, daß in den Tuilerien neue Schritte beab- sichkigt werden, um den päpstlichen Stuhl und das Concil von Beschlüssen abzuhalt.n, welche dem fran­zösischen Staatsrecht zuwiderlaufen.

Die in dem französischen gesetzgebenden Körper vom 23. Februar gehaltene Rede des Grafen Daru schloß mit folgenden Sätzen:Gestatten Sie mir, mit zwei Bitten oder, wenn Sie wollen, mit zwei Rathschlä­gen zu schließen. Vor Allem verlangen Sie nicht von ter Regierung, daß sie die Welt durch Aufsehen erregende ThaUn in Erstaunen setze. Die Zeitungen, sagt man, brauchen eine Idee per Tag. (Heiterkeit.) Die Völker, welche arbeiten, Lnnen dieses Bedürfnis nicht. Die politische Bühne ist kein Schauplatz für Effectstücke und Ueberraschungen. Dtt freien Völker wollen befragt, aber nickt überrascht fein. (Sehr gut!) Und zweitens lassen wir die Vergangenheit und ihre Händel in Frieden ruhen und denken wir an die Zukunft. Meiden wir die Fragen, welche spalten oder Zeit rauben, verschonen wir einander mit Versicherungen des Mißtrauens; das Land könnte sonst am Ende finden, daß wir zu viel sprechen und nicht genug handeln. Drängen Sie uns: das ist Ihr Recht; aber geben Sie uns die Mittel, zu han­deln : wir fühlen die Nothwendigkeit der Thal stärker als Irgendwer. Und nun steht es bei Ihnen, meine Herren, sich über die Poltt k des Cabinets zu erklä­ren." (Langer und stürmischer Beifall.)

Der montenegrinische Grenzstreit wird, wie verlau­tet, durch eine aus den Consuln der Großmächte zu­sammengesetzte Local-Commission entschieden werden.

2. März.

DieZ. C." berichtet:Wie man in maßgeben- den Kreisen hört, gewinnt der Gedanke immer mehr Anhänger, daß die auf dem Gebiete ter Gesetzgebung beabsichtigten Reformen mehr wie bieder als ein Gan­zes behandelt werden müssen, und daß es sich deßhalb wohl empfehlen möchte, zur Vorbereitung dieser Re- formen ebenso wie in den zwanziger Jahren eine Immediatcommission ad hoc nieterzusetzen. Nament­lich soll in den Kreisen des Herrenhauses der Ge­danke Anhänger gewinnen, daß eine Reform der Kreisordnung kaum ohne gleichzeitige Reform der Steuergesetzgebung uud der Provinzialvertretungen in's Leben zu führen sein dürfte, und daß außerdem die Erwägung geboten sei, mit jenen Reformen auch die Seitens ter Grundbesitzer neuerdings angeregten In­stitutionen in Verbindung zu setzen."

DieWeser-Ztg." schreibt:Man wird wohl nicht irren, wenn man die Erklärungen des Bundeskanz­lers bei der Debatte über die Lasker'sche Resolution auf Motive zurückführt, die in den Verhandlungen selbst nur sehr schwach anklingen. Es sind nicht Gründe der inneren Politik, welche den Bundeskanz­ler zu der so entschieden abweisenden Haltung dem Eintritt Badens gegenüber veranlaßten, sondern Er­wägungen, die der allgemeinen Lage Europas ent­nommen sind. Man mag dies tadeln, mag cs allzu vorsichtig finden; aber man wird wohl thun, sich Über die Sache selbst nicht zu täuschen. Graf Bis­marck, welcher im Jahr 1866 kein Bedenken trug, ohne die Unterstützung der öffentlichen Meinung, ja im entschiedenen Widerspruch gegen dieselbe, einen großen Krieg zu unternehmen, weigert sich jetzt, wo er die Sympathien der überwiegenden Mehrheit auf seiner Seite haben würde, einen Schritt zu thun, der, wenn auch nur indirekt, die Gefahr eines Krie­ges herbeiiühren könnte. Er will den Main nicht überschreiten, so lange nicht Süddeutschland selbst, das ganze Sürdeutschland, ihm die Hand entgegen- streckt. Badens Einladung allein genügt ihm nicht; Baiern und Württemberg müssen sich anschließen, wenn er den entscheidenden Schritt thun soll. Daß tiefer Schritt einmal geschehen müsse, daß man ihn täglich im Auge behalten, ihn vorberciten und er- leichtern solle, erLnnt er an; auch die letzte Thron­rede hat es wiederum stark betont; ab-r für den Augenblick bleibt es bei dem Anvahnen und Zu- wartcn. Die Stunde hat noch nicht geschlagen, die Zeit ist noch nicht erfüllet. Große Umwandlungen müssen noch vor sich gehen, bevor alle Stamme Deutschlands sich in demselben Bundeshause zusam- menfinden, Umwandlungen, welche nicht durch Reso­lutionen zu bewirken sein werden. Seltsam genug, der Liberalismus dringt auf Thaten, Graf Bismarck rechnet aufmoralische Eroberungen". Die Rollen sind ausgetauscht."

Vom La-Plata-KriegSschauplatze wird gemeldet: Lopez verließ Panaders mit Zurücklassung der Kran- ken. General Camara schlug 600 Paragruten bet Concepcion, wohin der Oberbefehlshaber der brasi- lianischen Armee, Graf D'Eu gleichfalls abgegangen ist.

DieKreuzztg." schreibt:Die Nachrichten aus Rom, welche von der Wahrscheinlichkeit einer Ver­tagung des Concils sprechen, weiden UNS zunächst als unglaubwürdig bezeichnet: die Maßregel der Ver­tagung, welche von französischer Seite angeregt wor­den ist, hat, wie uns versichert wi-d, bei Der Kurie nicht een mindesten Anklang gefunden."

DieAgence Havas" schreibt: Gegenüber ien Behauptungen gewisser Journale kann versichert wer­den, daß vollständige Uebereinstimmung zwischen den Ministern und dem Kaiser, sowie zwischen Den ein­zelnen Ministern herrscht.

Preußen« Berlin, 26. Febr. Di« Reiä-Sfraction der Eonservativen, Freiconservativen und Nationalen beriethen über die Todesstrafe. Tie Nationalen beschlvffen einstimmig den Antrag, die Wortemit dem Tode" aus dem erst.» Paragra­phen de« Strafgesetzentwurfes zu streichen. Die Conservativen find gänzlich dagegen, die Freiconservativen geiheilter Meinung.

Berlin. 28. Fsbr. In der heutigen Reichstags-Sitzung | begann die Debatte über den die Todesstra,e betieffenden PafiuS | des Strafgesetzbuches. Für die Beibehaltung der Todesstrafe I sprachen hauptsächlich ReichenSperger und dec Justizminisier i Leonhardt, welcher ausfuhrte, daS Volk sei von der Berwerf- j lichkeit der Todesstrafe keineswegs überzeugt, und der Gesetz- ' geber müsse den Rechtsanschauungen drS Volkes folgen. Gegen die Beibehaltung ergriffen der rönigl. sächsische BundeScommissär Klemm, Prinz Handjery, Schwarz und Lasker das Wort. Die Rede des Letzter»» wurde sehr beifällig ausgenommen.

Kiel, 24. Febr. Infolge eines Herzleidens starb gestern in Tüsterbrook der Landtags- und Reichstags - Abgeordnete Staaterath Dr. Francke. Mit ihm scheidet einer der hervor­ragenden Träger der schleswig-holsteinischen Erhebung in den

Jahren 1848 bis 1850. Er verließ damals bekanntlich sofort seine Stellung als Drputirter in der schleSwig-holftein-lauenbur« gischen Kanzlei in Kopenhagen und trat anfangs als Präsident der schleswig-holsteinischen Regierung, dann als Finanzchef hier ein. Nach Wiederherstellung d<S dänischen Regiments 1851 mußte er das Land verlassen und fand eine Anstellung iw Coburg. Um Neujahr 1864 kehrte er mit dem Herzog Fried­rich von Augustenburg hierher zurück, blieb indeß nach dessen Weggang 1866 hier, wo er sich ansässig gemacht hat. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 65 Jahren.

Bayern. München, 25. Febr. Wie verlautet, find vom Grasen Bray Nachrichten angelangt, welche hoffen lassen, daß er daS ihm angetragene Portefeuille des Aeußern über­nehmen w^te. ES sind Schritte eingeleitet, um seine letzten Bedenken zu beseitigen. Wie man vernimmt, ist Herr Staats­minister v. Psretzschner, das älteste Mitglied des Gesammt- ministeriums, heute nach Wien abgereift, um mit dem Grafen v. Bray wegen Übernahme des Portefeuille'S des Aeußeren mündlich zu verhandeln.

München, 28. Febr. Finanzminister v. Psretzschner wird heute Abend von Wien zurückkehren. Graf Bray ist zur An­nahme deS Portefeuilles des Aeußern geneigt, könnte jedoch erst in einigen Wochen hierhettommen.

Oesterreich. Wien, 25. Febr. Zu Thorda in Sie­benbürgen hat unlängst eine Zersammlung hervorragender rumä­nischer Führer ftattgefunden. Ueber das dort entworfene Pro­gramm bringt dieHermannstädter Ztg." folgendes Nähere: Es soll zur Bertheidigung der Interessen dec rumänischen Nation Siebenbürgens eine General-Deputation, bestehend aus drei Mitgliedern und drei Supplenten, eingesetzt werden. Es soll ein Einvernehmen mit den Rumänen in der Bukowina und mit jcd«runterdrückten Nation" der Monarchie, besonders mit den Tschechen, Eroaten, Serben, Slovenen u. s. w. vermittelt wer­den, um mit Uebereinstimmung in der Erreichung der natio­nalen Zwecke sichere Erfolge erwirken zu können. ES soll aber auch mit Aufrichtigkeit dahm gestrebt werden, die Magyaren selber durch Hinweisung auf die ihnen und allen Völkern der ungarischen Krone drohenden Gefahren für die Aenderunz des jetzigen Systems zu gewinnen.

Frankreich. Paris, 27. Febr. Heute Morgen haben dieselten Ochsen" ihren Durchzug durch Paris begonnen und einem Tbeil der hohen Staatswurdenträger ihre Besuche abge­stattet. Der Zug ist etwas glänzender, als in den letzten Jahren, doch fehlt ihm wie immer, jede Orginalität. Wie ge­wöhnlich besteht er aus sieben bis ad?t Wagen, die mit Frauen, und Männern in allerlei Trachten und den beiden Ochsen be­laden sind. Reiterei in mittelalterlicher Tracht nebst Musik- banden und Tambours, so wie Municipalgarden zu Pferd und zahlreiche Polizeidiencr zu Fuß (dieß ist eine Neuerung) bilden die Escorte. Eine zahlreiche Menschenmenge strömt überall auf dem Wege zusammen, welchen der Zug nimmt, der, einige verkleidete Kinder, einige Masken auf VelocipedeS und einige Neclamwagen der großen Mode- und anderen Geschäften ent­haltend, bis jetzt alles ist, was der pariser Straßencarneval darbietet.

Spanien. Madrid, 23 Febr. Wie derJmparcial" sagt, sollte die carlistische Bewegung unter dem Commando Don Carlos' in vier Tagen ausbrechen.

Großbritannien. London, 28. Febr. Nachrichten, aus Japan melden, daß die nordamerikanischc CorvetteOneida" in Folge eines Zusammenstoßes mit dem DampferBombay" bei Dokohama untergegangen ist, wobei 120 Personen er­trunken find.

Griechenland., Athen, 19. Febr. Gerüchtweise wird von einer mehrmonatlichen Reise der königlichen Familie nach Petersburg London und Paris gesprochen. Der türkische Ge­sandte Photiades Bey wird wahrscheinlich nach Florenz versetzt werden. Aus den Provinzen laufen günstige Nachrichten über Verfolgung der Briganten ein.

Amerika. R io de Janeiro, 8. Febr. Lopez verließ Ponadero und ließ die Kranken daselbst zurück. Der Graf v. Eu zog aus, um ihm den Rückzug abzuschneidcn.

Washington, 27. Febr. Der Senat beschloß mit 48 gegen 8 Stimmen, den vom Staate Misfifippi zum Senator erwählten Neger Revels zuzulaffen.

asecri '

Vermischtes.

Höchst i. O. 4. Febr. Vor Kurzem wurde hier ein italienischer Eisenbahnarberter unter der Anklage verhaftet, in Westphalen, wo er biö gegen Neujahr gearbeitet hatte, einen Landsmann ermordet zu haben Beide hatten einen WirthS- hauostreit, der zwar geschlichtet wurde, aber noch an demselben Abend auf der Straße in einem kunstgerecht geführten Dolch­stöße seinen blutigen Abschluß fand. Der Thäter entfloh und trat im Tunnel in Arbeit. Dieser Tage richtete er an einen Bekannten in seinem früheren Aufenthaltsorte einen Brief mit der Bitte, ihm seine dort noch verwahrten Habseligkeiten unter falscher Namensbezeichnung poste restante nach Höchst zu sen­den. Der Bries wurde dem Gerichte übergeben und von diesem durch Requisition die Verhaftung des Correspondenten, als er sich in Höchst auf der Post nach dem Packet erkundigte, ange- vrdnet und vollzogen. Der Verhaftete ist bereits an die preuß. Behörde abgeliefert.

Berlin, 20. Febr. Vom 10. bis 14. April findet hier eine von dem Verein deutscher Zeichenlehrer veranstaltete Aus­stellung statt. Zweck der Ausstellung ist dem Streben, die Beschäftigung nut den zeichnenden Künsten zu verallgemeinern und den Zeichenunterricht zu heben, dadurch entgegen zu kom­men, daß man eine Uebersicht dessen bietet, was gegenwärtig auf dem Gebiete des Zeichnens geleistet wird. Als Ausstellungs­gegenstände sind zulässig sowohl Arbeiten, welche aus öffent­lichen , oder Privatunterrichtöanstalten hervorgegangen, wie auch Unterrichtsmittel; eS find daher nicht allein Künstler und Zeichnenlehrer, sondern auch Verfertiger von Modellen, Verleger von Verlagswerken, Fabrikanten und Händler von Zeichenutensilien zur Beschickung der Ausstellung eingeladen. DaS Unternehmen findet eine lebhafte Unterstützung durch Re­gierungen und Private, und ist eine zahlreiche Betheiligung bei der Ausstellung zu erwarten. Die Vorbereitungen zu der­selben übernimmt dasEomite für die Ausstellung des Ver­eins deutscher Zeichenlehrer". Briefe, Sendungen und Anfra­gen find an dieses Comite, unter der Adresse des Vorsitzenden des Vereins, Dr. H. Hertz er, in Berlin, Magazinstraße 16 zu richten.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.