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Lpslr Vergeltung.

Criminalnovelle von Fr. Wilibald Wulff.

(Fortsetzung.)

Anfangs bat sie ihn oft, ihr zu sagen, weshalb er häufig so finster und : schwermüthig sei, aber da sie nie eine Antwort erhielt, welche ihr einen freien , Blick in das Herz ihres Vaters gestattete, so schwieg sie und war zu jeder Zeit bemüht, alle die kleinen Unannehmlichkeiten ihm aus dem Wege zu räumen, welche seinem Kummer Nahrung geben konnten.

Sie war darauf verfallen, zu glauben, daß es das Andenken an ihre Mut­ier sei, das ihn häufig so trübe und unzugänglich machte.

HarmS vergalt diese Selbsttäuschung eines arglosen, unschuldigen Mävchen- berzens mit doppelter Liebe.

Es schien ihm immer als ein unverdientes Glück, wenn er das blühende schone Mädchen vor sich sah und die Sprache ihres reinen, unverdorbenen Her- *Cl1* Wenn seine Blicke nach seinem Sohne schweiften, welcher seiner Schwester im Aeußern so ähnlich war, wenn er in den blauen, treuherzigen Augen des Jünglings denselben Ausdruck einer stolzen, aber ehrenhaften Gestnnungsart fand, welcher sich auf Elsen's Antlitz zeigte, so lastete die Erinnerung an seine Schuld mit doppelter Schwere auf ihm und er hatte Mühe, sich der Thränen zu ent»

Dem Fatalismus ergeben, wie fast alle Bewohner der Inseln und die Mehr­zahl aller Seeleute, vermochte er sich nicht von dem Gedanken loSzureißen, daß gerade in der Stunde des höchsten Glückes die Entdeckung seines Verbrechens erfolgen würde. ,

Neben der Furcht vor dem Augenblick der Enthüllung, welcher all fein GM ja mit einem Schlage zu zertrümmern geeignet war, erfüllte ihn die Sorge Am Else's Zukunft mit heftiger Unruhe.

War die Entscheidung erfolgt, so bildete die Schuld ihres Vaters eine 'schwer auszufüllende Kluft zwischen ihr und einem ihr würdigen Manne.

Lorenz konnte hinausziehen in die Welt und jenseits des Meeres seinen ge­schändeten Namen begraben.

Else aber mußte, wenn sie das unsichere Loos ihres Bruders nicht theilen wollte, in der Heimath bleiben, und welcher aus Recht und Ehre haltende Mann konnte' es, nach Harms' Meinung, über sich gewinnen, um die Tochter eines Strandräubers zu freien? .

Der Greis beging dadurch, daß er nach einem Manne für seine Tochter suchte, ohne diesem seine That eingestehen zu wollen und auf diese Weise die späteren Folgen einer Heirath, falls nämlich seine Schuld an den Tag kommen sollte, zu vermeiden, ein zweites, in Bezug auf seine Tragweite viel größeres Vergehen als das erste.

Aber die Liebe zu Else machte ihn blind und ließ den Gedanken nicht in ihm aufkommen, daß er dadurch ihre Zukunft am meisten gefährdete.

Zu derselben Zeit, als er eifrig damit umging, sich unter den Söhnen der Insel einen Eidam zu wählen, wurde Lorenz bei einem Besuche auf der Nach­tzarinsel mit Rolf Jsenbrand, dem Obersteuermanne eines Flensburger Schiffes, bekannt und befreundet.

Diese Freundschaft hatte zur Folge, daß Lorenz den jungen Seemann be- Wog, ihn mich Nordstrand zu begleiten und einige Tage in seinem väterlichen Hause zu verweilen.

Das offene, ehrliche Gesicht seines jungen Gastes machte sogleich den besten «Eindruck auf Harms und eine genaue Prüfung, welcher der Greis den Jüngling aussetzte und die sich um das deutsche Seewesen drehte, mit welchem der ehe- malige Schlickläufer seit seiner Jugend vertraut war, vollendete Rolfs Sieg über die Vorurtheile, welche der greise Insulaner ihm, dem Sohne einer Vorzugs- weise dänischen Stadt, im Anfänge der Bekanntschaft entgegen getragen hatte.

Noch mehr aber wie ihr Vater fühlte sich Else zu dem stattlichen Fremd- king hingezogen, dessen frische, gebräunte Gesichtszüge einen festen, ächt männ­lichen Charakter offenbarten, und eine nur kurze Zeit genügte, um ihm ihre Nei­gung zuzuwenden.

Er erschien ihr liebenswürdiger als alle Jünglinge, denen sie vordem be- gegnet war, und das Lob ihres Vaters, welcher den jungen Mann während weniger Tage liebgewonnen hatte wie einen Sohn, machte sie stolz auf ihre Wahl.

Ueber Rolfs Herz hatte schon der erste Anblick der blühenden, bei seinem Gruße erröthenden Else entschieden.

Beide, gleich ehrliche, offene Naturen verstanden nicht, ihre Empfindungen in sich zu verschließen, und wenngleich auch der Mund schwieg, so prägte sich in ihrem Benehmen gegen einander, in den Blicken, welche sie wechselten, in der Eile, mit welcher Jsenband zurückkehrte, wenn er mit Lorenz aufs Meer hinaus­gefahren war, und in der Unruhe, mit welcher Else seiner Heimkehr entgegen­harrte, ihre Gefühle so deutlich aus, daß Harms sehr bald im Klaren war, wie eS um das Herz seiner Tochter stand.

Wenn auch der Jüngling nichts besaß und überdies seine Mutter ernähren mußte, so war er doch dem ehemaligen Schlickläufer, der, wie wir wissen, we- Niger auf Geld und Gut sah als auf ein braves Herz, als Eidam willkommen.

Freudig erwartete Dirk Rolfs Werbung.

Ihm durfte er getrost seinen höchsten Schatz, seine Else, anvertrauen.

Der ehrenhafte Charakter des jungen Seemannes war die sicherste Bürg- schäft für ihr Glück.

Die Verständigung der beiden Liebenden war inzwischen durch Lorenz Ver­mittelung, dem Rolf sein Herz erschlossen hatte und der mit ganzer Seele an dem gleichgesinnten Freunde hing, rasch erfolgt.

Wenn die Gemüther und die Anschauungen zweier Menschen so genau zu einander passen, wie dies bei Jsenbrand und Else der Fall war, ist eine Ver­einigung schnell erzielt, und als der Jüngling nach vierzehntägigem Aufenthalte Nordstrand verließ, um nach seiner Heimathstadt zurückzukehren, war Else seine ihm heimlich verlobte Braut.

Gern wäre Rolf in der Stunde des Abschiedes mit seiner Werbung her- vorgetreten, aber eine seltsame Scheu, die, nach seiner Meinung, in seinen ärm­lichen Verhältnissen gegenüber dem Reichthume des Vaters seiner Else wurzelte, verschloß ihm die Lippen.

Er verschob die Werbung bis zu seiner Wiederkehr, denn Harms hatte ihn cingeladen, seinen Besuch zu wiederholen, sobald es seine Zeit gestattete.

Jsenbrand schied von der Insel mit der sicheren Hoffnung, daß Else, wie sie es ihm versprochen, ihren Vater zu einer Einwilligung geneigt machen würde, und die Einladung des Greises erschien ihm als der beste Beweis dafür.

Die Zeit seiner Abwesenheit benutzte Harms, um die Neigung seiner Toch­ter zu prüfen.

Er fand seine Erwartung bestätigt und sah jetzt der Zukunft lange nicht mehr so ängstlich und trübe entgegen, wie er es noch vor ganz kurzer Zeit ge- than hatte.

Um indessen ganz sicher zu gehen, unterließ er es nicht, Nachforschungen nach der Familie seines zukünftigen Eidams anzustellcn.

Zu seiner Freude gewahrte er, daß sich Rolfs ehrlicher, gerader Sinn selbst im Kleinsten nicht verleugnet hatte.

Alles, was der Jüngling über seine Verhältnisse geäußert, erwies sich als lauter Wahrheit.

Sein Vater war Schiffscapitän gewesen und schon in Rolfs Kindheit auf eine dunkle, bisher noch nicht aufgeklärte Weise verschwunden.

Er war zuletzt auf Pellworm gesehen worden, und zwar in dem Hause eines Freundes seiner Jugend, dessen Sohn auf demselben Schiffe Obersteuer, mann war, welches er führte.

Hier war aber jede Spur verloren gegangen.

Es sei wohl anzunehmen, daß er bei seiner Rückkehr nach der Küste des Festlandes eine Beute des Meeres geworden, da gerade zu jener Zeit heftige Stürme gewüthet hätten; so hatte sich Rolf zu verschiedenen Malen geäußert, wenn das Gespräch auf den Tod seines Vaters gebracht wurde.

Er schien jedoch mehr zu wissen, als er es scheinen lassen wollte, und als eines Tages Harms, von dem furchtbaren Argwohn ergriffen, Rolfs Vater und der Todte auf der Watte könnten eine und dieselbe Person sein, da der Ort und die Zeit seines Todes so genau paßten, seine Erregung nur mühsam ver- bergend, in ihn drang, ihm Alles, was er wisse, anzuvertrauen, erzählte ihm der Jüngling mit sichtbarem Widerstreben, daß auf Pellworm die Meinung verbrei- tet sei: sein Vater habe sich mit einer jungen Insulanerin, die er, obgleich ver- heirathet, bcthört, nach der neuen Welt geflüchtet und das ihm angetraute Weib, seine Mutter, dem Elende preisgegeben.

Ich kann's nimmer glauben," setzte Rolf hinzu,daß mein Vater so ehr­los gegen meine Mutter handeln konnte, wenngleich für die Behauptung, daß er entflohen sei, manche schwer in's Gewicht fallende Umstände sprechen. Der gewichtigste ist wohl der, daß zu derselben Zeit die hübsche Tochter des Strand, vogts Steffens von der Insel verschwand. Zudem trug mein Vater eine große Summe Geldes bei sich. Aber trotzdem will mir's nicht in den Kopf, daß er Weib und Kind verlassen konnte. Weit eher glaube ich, daß er ermordet wor- den ist, seines Geldes willen."

Harms, dem die Erzählung des Jünglings den Verdacht benahm, der ihm Anfangs arg zu schaffen gemacht, 'fanb, als er auf Pellworm nach dem Der- schwundenen Kundschaft einzog, Alles bestätigt, was der junge Seemann ihm vertraut hatte. *

Es gab auf der Insel noch Manche, die sich des schmucken Capitans ganz deutlich erinnerten, aber unter ihnen war auch nicht einer, der in Betreff seines Todes Rolfs Meinung theilte.

Alle behaupteten fest und steif, der dazumal junge und stattliche Capitän sei mit des Strandvogts Tochter nach Amerika entwichen.

Ein alter Matrose, der sich auf der Insel zur Ruhe gesetzt hatte, wollte ihn sogar vor 10 Jahren in Gesellschaft des entführten Mädchens in New-Or- leans angetroffen haben .

Der Bericht des hochbetagten Seemannes, dessen Gedachtniß tm Laufe der Jahre merklich schwach geworden war, verbannte den letzten Rest von Argwohn, welcher in der Brust des ehemaligen Schlickläufers übrig geblieben war.

Wenn auch der Matrose in früheren Jahren häufig ein Glas über den Durst getrunken hatte, so war doch keine Veranlassung vorhanden, über seine Aussage Zweifel zu erheben, und vollkommen beruhigt sah Harms die Wolken sich zerstreuen, welche ihn mit einem herannahenden Unwetter bedroht hatten.

Daß Rolf seinen Vater verteidigte und an der Schuld desselben zweifelte, gab dem Greise den sichersten Beweis von dem inneren Werthe des Jünglings, und die aufopfernde Thätigkeit desselben für seine Mutter steigerte Harms' Ach- tung vor seinem Charakter zu einem so hohen Grade, daß er fest entschlossen war, falls jener mit seiner Werbung um Else zögern sollte, ihm selber die Hand seiner Tochter anzutragen. *

Aber dazu kam es nicht, denn Rolf kehrte schneller nach Nordstrand zurück, als er es selbst gehofft hatte.

Ein Brief von Elfe, worin sie ihm schrieb, daß ihr Vater mit Freuden einwilligen würde, bewog ihn zur schnellen Rückkehr nach der Insel.

Er nahm sich kaum Zeit, seinem Freunde Lorenz den Tag seiner Ankunft anzuzeigen und folgte, von den Segenswünschen seiner Mutter begleitet, seinem Briefe auf dem Fuße.

War es Zufall oder eine Fügung des Geschicks?

Als er den Uferdamm der Insel betrat, stand er vor dem Vater seiner Else.

Harms faßte seinen Arm und auf dem Wege nach dem Hause des Greises, vor welchem, wie wir früher erzählt haben, Lorenz seinen jungen Freund er* wartete, gestand ihm Rolf seine Neigung zu Else und erhielt von ihm das Jawort.

Am Abende dieses Tages gingen drei frohe Menschen zur Ruhe.

Else und Rolf waren glücklich, weil jetzt keine Schranke mehr zwischen ihnen stand, und HarmS zum ersten Male wieder heiter und zufrieden seit dem Tode seines WeibeS, denn er war ja fest überzeugt, daß er die Zukunft seiner Tochter den sichersten Händen anvertraut habe.

ES war der erste Sonnenstrahl des Glückes nach langer Zeit, welcher das blasse, von Furchen des Grams und des Alters durchzogene Antlitz des Greises erhellte und seinen belebenden Schimmer in sein so lange von Unruhe und Ge- wiffenSqualen erfülltes Herz warf.

Es war ein Sonnenblick, der einen schönen, rosigen Morgen zu verkünden schien, und das Herz des alten, tiefgebeugten Mannes öffnete sich ihm wie eine Botschaft aus einer anderen, besseren Welt.

Aber der sehnsüchtig erwartete Morgen nahte sich, anstatt mit erquickender Frische und duftenden Frühlingsblumen, mit Hagelschauern und verheerenden Stürmen. (Fortsetzung folgt.)