sagen und ihren Weg fortzusetzen, um am Abend noch Antwerpen zu erreichen, als eia gewisser Ian Schoeters aus Putten, der im Hause eine Arbeit verrichtet, in die Stube trat und dabei hörte, daß die Seeländerin nach Antwerpen gehen wolle, um einen Dienst zu suchen. Da hatte sie Schoeters gefragt, ob sie wohl bei einem Wittwer einen Dienst annehmen würde? „O ja," hatte das Mädchen darauf geantwortet, „wenn cs sonst ein guter Mann ist." — „Nun," hatte Ian Schoeters erwiedert, „da weiß ich eine prächtige Stelle für Euch. Mein Mann wohnt in Putten und hat gerade ein Dienstmädchen nöthig. Ihr seht nicht übel aus und sollt ihm, denke ich, wohl gefallen."
Die Seeländerin: Sind viele Kinder va?
Schoeters: — Im Haufe nur zwei, und auch diese sind beinahe erwachsen. Schouten's Dienstmagv: — Wer ist denn dieser Wittwer zu Putten?
Schoeters: — Kennt Ihr Michael Gyzen? .... Ich weiß, vag junge Mädchen giebt mir ein gutes Trinkgeld, wenn ich sie hinbringe und sie mit ihm in's Reine kommt. Und wer weiß, wo dem Kinde fein Glück noch blühet! Gyzen ist noch ein stattlicher Mann, zudem ist er Wittwer und sitzt in der Wolle!
— Ian, — wandte sich in diesem Augenblicke Frau Schouten an Schotters — Ihr scheint Euer Brod auf mannichfache Weise zu verdienen; bald bietet Ihr Besen zum Verkauf, bald lauft Ihr mit Liedern und Mordgeschichten umher. Nun verschafft dem Mädchen nur einen guten Dienst; vielleicht verdient Ihr noch etwas dabei.
Hierauf waren Schoeters und die Seeländerin auf dem Wege nach Putten weggegangen.
Am andern Tage war Schoeters wieder an Schouten's Haufe vorbei gegangen und Letzterer hatte ihn gefragt, wo er denn seine Reisegefährtin gelassen habe. Schoeters erzählte hierauf, daß, als er mit dem Mädchen nach Putten gekommen, diese die Bemerkung gemacht, daß es hier sehr schone Häuser gebe, worauf er ihr das Haus gezeigt, wohin er sie zu bringen gedacht. Darauf habe sie das Haus betrachtet und endlich gemeint: „Nein, das' ist mir zu groß und kann mir nichts nützen!" — Hierauf fei sic ihrer Wege gegangen.
Einen Tag später war Ian Schoeters, um eine Bestellung zu machen, wieder bei den Schouten'schen Eheleuten gewesen; zum zweiten Male war das Gespräch auf die Seeländerin gekommen, dnch nun hatte Schoeters über ihr Verbleiben eine andere Auskunft gegeben. Nach dieser seiner letzten Erklärung hatte er die Seeländerin nicht bei'm Hause Michael Gyzen's, sondern bei der an der Putten'schen Straße belegenen Wohnung Ian Vonk's, oder Pieter Withaag's verlassen, nachdem er ihr zuvor noch den Weg nach Kahlenhout gewiesen, den sie auch eingeschlagen. Seitdem hatte man in Schouten's Hause nichts mehr von der Seelänverin vernommen, und auch Ian Schoeters hatte sich daselbst nicht wieder sehen lassen.
Auf de- Droffarv- Frage, ob die Unbekannte nicht angegeben, wo sie in Seeland gewohnt und ob man ihren Namen nicht wisse, lautete die Antwort verneinend. Dahingegen vermochten sowohl Frau Schouten als ihre Dienstmagd
die Kleidung der jungen Seeländerin fast bis in ihre genauesten Einzelnheiten zu beschreiben. Als ihnen die bei der Grube vorgelegten Strumpfbänder vor- gelegt wurden, versicherte die Magd, daß es dieselben seien, welche die Seeländerin getragen, daß sie sich darin nicht irre, da sic die Strumpfbänder, al- sie am Morgen früher als ihre Bettgenossin aufgestanden sei, selbst in den Händen gehabt habe.
Nun hatte der Beamte wenigstens einen Boden für weitere Nachforschungen gewonnen. Zunächst ließ er ein genaues Verzeichniß der bei der Seeländerin bemerkten Kleidungsstücke und sonstigen Gegenstände anfertigen und dasselbe abschriftlich sämmtlichen Gemcin^ebörden der Umgegend mittheilen, damit diesel- den nachforschen möchten, ob derartige Gegenstände in ihrem Gebiet irgendwo zum Vorschein gekommen. Bei allen Trödlern und Pfandverleihern von Antwerpen wurden die gleichen Nachforschungen angestellt.
Daß unterdessen auf Jan Schoeters ein sehr wachsame- Auge gehalten wurde, bedarf keiner Erwähnung. Schon früher hatte dieser Mann bei den Einwohnern von Putten, wo • er noch nicht lange wohnte, nicht im besten Rust gestanden; es ging selbst das Gerücht, daß er bereits vor mehreren Jahren im Oesterreich'schen Brabant in Haft gewesen und dort nur mit genauer Noth dem Galgen entgangen.
Nach einigen Tagen entdeckte man, daß Schoeters Tochter, ein heranwachsendes Mädchen, welches in Putten bei einem gewissen Pieter Cleve in Dienst stand, seit der Zeit, in welcher wahrscheinlich der Mord verübt worden, ein Paar Lederschuhe trug, die, in seeländischer Weise, über dem Fuße durch lederne Nesteln festgehalten wurden, und ganz so gearbeitet waren, wie Schuhe, welche die Seelänverin, nach Aussage der Schouter'schen Dienstmagv, getragen. Dieser Umstand, in Verbindung mit den bereits vorhandenen Verdachtsmomenten^ gab den Richtern hinlänglichen Grund, Jan Schoeters in Haft zu nehmen: — er sowohl, wie seine Frau wurden in das Gefängniß von Bergen op Zoom abgesührk.
Unter den in Schoeters Wohnung mit Beschlag belegten Dingen befanden sich eine mit schwarzem Seidenbande eingefaßte Kreppmütze, ein Frauenunterrock und drei Frauenhemden, welche vollständig mit der von der Schouten'schen Magd gegebenen Beschreibung der Effecten der Seeländerin übereinstimmten. Befragt, wie sie zu diesen gekommen, erklärten beide Verhaftete, dieselben vor ihrer Hau-thür von einem ihnen unbekannten jüdischen HanvelSwanne gekauft zu haben. Derselbe habe ihnen noch andere Dinge zum Kauf angeboten und dabei geäußert: „Nehmt die Sachen dreist; wenn ich sie auch billig gebe, sa dürft Ihr darum doch nicht denken, daß sie gestohlen seien."
Im Uebrigen beharrte Schoeters hartnäckig darauf, daß die Seeländerin ihn am Hause Pieter Withaag's verlassen und dort den Weg nach Kalmthout eingeschlagen, und gab dabei noch die beachtenSwerthe Erklärung ab, daß er, als er sich noch einmal noch ihr umgesehen, bemerkt habe, daß ihr in einiger Entfernung zwei ihm unbekannte Juden, von denen der eine einen Reisesack auf dem Rücken getragen, gefolgt seien. (Schluß folgt.)
Politische Rundschau.
17. December.
Der „Köln. Ztg." wird aus Berlin geschrieben: „Die Verleihung des Großkreuzes des St. Georg- Ordens an den König von Preußen Seitens ves Kaiser- von Rußland hat in den politischen Kreisen großes Aufsehen gemacht. Der Orden zählt 180 Ritter. Das Großkreuz wird bekanntlich nur demjenigen obersten Hceeführer verliehen, der eine ent- scheivende Schlacht gewonnen hat. So hatte Wellington das Großkceuz erhalten wegen der Schlacht von Waterloo. Der letzte Inhaber war Radetzky gewesen, welchem das Großkreuz in Veranlassung der Schlacht von Novara verliehen war. Die gegenwärtige Verleihung an Se. Majestät ist durch Sodowa motivirt, und sie hat dadurch eine nahe- liegenve politische Bedeutung erhalten. Der Kaiser von Rußland hat durch die Verleihung des bezeich- neten Großkreuzes an den König die Siege Preußens von 1866 feierlich beglückwünscht und durch seine telegraphisch gemeldete Ansprache diesem Gefühle einen klaren Ausdruck gegeben. Daß es in diesem Augenblicke geschah unv während der Anwesenheit eines österreichischen Erzherzogs in Petersburg, hat einen nicht mißzuverstehenden Sinn."
Der „Karlsr. Ztg." wird aus Wien geschrieben: Bekanntlich ist auf dem ökumenischen Concil diesmal keine einzige katholische Regierung durch besondere Bevollmächtigte vertreten. Frankreich ist mit der betreffenden Entschließung vorangcgangen und alle übrigen Mächte haben, als ihnen davon Kennl- niß gegeben worden, sich diesem Vorgehen zugesellt. Die päpstliche Kurie endlich hat deshalb speciell im Hinblick auf die eigentl chen Beziehungen, in welchen sie zur Zeit zu einzelnen jener Regierungen steht, die allgemeine Enthaltung als das geeignetste Auskunftsmittel, möglichen Verlegenheiten vorzubeugen, ausdrücklich anerkannt. Ihr Recht, auf dem Concil vertreten zu sein, haben übrigens alle Regierungen gewahrt.
17. December.
Der norddeutsche Bund ist bekanntlich von Jta- talienund der Schweiz in fast gleichlautenden, jedenfalls ähnlich gefaßten Noten eingeladen worden, die wegen der Inangriffnahme der Gotthardlinie noth- wendigen Schritte einzuleiten, namentlich mit Bezug auf die von den deutschen Staaten zu leistenden Beiträge. Die Einladung erfolgt auf Grund des
Art. 22 des italienisch-schweizerischen Vertrags vom 15. Oct. d. I. An den 20 Millionen, welche die Schweiz aufzubringen sich verpflichtet hat, fehlen noch 6 Millionen. Das Gotthardcomit^ hat dieselben folgendermaßen vertheilt: Central- und Nordostbahn je eine Million, Canton Tessin zwei Millionen, Tur- gau, Schaffhausen, Baselland je eine Viertel Million, Nid- und' Obwalden je eine Achtel Million, Bern eine Million. Die meisten dieser Beiträge sind schon gesichert und die Schweiz wird ihren übernommenen Verpflichtungen gerecht werden. Daß auch Preußen der von ihm ergriffenen Initiative entsprechen wird, unterliegt keinem Zweifel. Es wird sich zunächst um eine Verständigung zwischen Preußen, Baden und Würtemberg wegen der Beiträge handeln, und darauf wollen die Noten der Schweiz und Italiens in erster Linie hinwirken.
Der Fürst von Montenegro reclamirte wegen Auslieferung der von ihm gekauften und in Oesterreich zurückgehaltenen Munition.
Hessen. Darmstadt, 15. Dec. Die erste Kammer der Stände beschloß heute Vormittag bezüglich des Gesetzentwurfs, den Steuerfuß bei außerordentlichen Steuerausschlägen und Gemeindeumlagen betreffend, der von dem Abgeordneten Wernher in zweiter Kammer gestellten Antrag adoptirend; daß die Ein- kommensteuer-Kapitalien vom 1. Januar 1870 ab an Stelle der Personsteuerkapitalien treten, jedoch bei den Gemeindeum lagen nur zur Hälfte ihres jedesmaligen Betrags. Der Art. 3 des Gesetzentwurfs, wie er aus den Berathungen des anderen HauseS hervorgegangen (Aufhebung des Unterschieds zwischen den verschiedenen Klaffen der Gemeindeumlagen, ausgenommen diejenigen erster Klasse zur Erhaltung und Verbesserung de« den Nutzungsrechten der Gemeirdebürger uuterliegenden Gemeindevermögens), wurde abgelehnt.
Der „Staatsanzeiger" publicirt die Bekanntmachung vom 13. d. M., betreffend die Ausführung des Gesetzes über die Wechselstempelsteuer im norddeutschen Bunde.
Die Aufhebung der ZeitungSstempelfteuer steht, wie die Officiösen versichern, in sehr naher Aussicht. Es handle sich nur noch um die Zustimmung des Finanzministers, die nach Annahme des EoalittonSgejetzeS wohl nicht auSbleiben werde. Die Aufhebung des Stempels würde übrigens, wie die „Zukunft" meint, der conservativen Presse weit förderlicher sein als der liberalen.
Frankreich. Paris, 16. Dec. Es geht das Gerücht, das neue Ministerium werde folgendermaßen zusammengesetzt werden: Daru lJnnereS), Ollivier (AeußereS), Louvet (Finan- zen), Segris (Justiz). Thalouet (Unterricht) Buffet (öffentliche Arbeiten).
Italien. Florenz, 16. Dec. Die Commission der Deputirtenkammer hat sich für den Antrag des Finanzministers
Sella auf Bewilligung dcS provisorischen Budgets von 1870 für 3 Monate, ausgesprochen.
Neapel, 16. Dec. Der Kronprinz von Preußen besichtigte vorgestern mit dem Prinzen Humbert zusammen die Sehenswürdigkeiten der Stadt, fuhr mit demselben gestern nach Pompeji und Sorrent und reiste heute früh direct nach Florenz.
Rom, 15. Dec. Heute fand eine Truppenschau statt, welcher die Kaiserin von Oesterreich und die Königin von Württemberg beiwohnten. Letzterer reist Morgen über Florenz nach Stuttgart zurück. Der Gesundheitszustand deS.PapsteS ist vortrefflich. Die Bulle, welche den Fall vorsieht, daß der heilige Stuhl während des EoncilS erledigt würde, ist eine bloße Formalität, welche allen Concilen »orauSging. Es ist unrichtig, daß der römische Hof auf achtungsvolle Vorstellung mehrerer Väter sich bereit gezeigt habe, im Sinne größerer Freiheit deS EoncilS den Wortlaut >.S die Geschäftsordnung feststellenden Schreibens zu ändern.
Spanten. Madrid, 16. Dec. Die Cortes haben mit 130 gegen 5 Stimmen den Antrag angenommen, eine parlamentarische Untersuchung über die angebliche Veruntreuung von Kronjuwelen unter den Königinnen Christine und Isabella einzuleiten.
Vermischtes.
Frankfurt. Der Bildhauer Ed. von der Launitz, der Schöpfer des Gutenbergdenkmals in Frankfurt und vieler anderer Kunstwerke, ist nach längerem Leiden gestorben. Bei seiner Beerdigung war das Guttenbergdenkmal, die bedeutendste Schöpfung deS Verblichenen, mit Jmmortelleukränzen geschmückt. Während der Leichenconduct sich an demselben vorüber bewegte, spielte ein MusikcorpS einen Trauermarsch. Dem Sarge folgte, was Frankfurt an Künstlern und Kunstfreunden aufzuweisen hatte.
(Erdbeben in Calabrien.) Wie aus Neapel vom 7. d. M. gemeldet wird, sind tüehrere Ortschaften der Provinz Catanzaro namentlich in den letzten Tagen deS vorigen Monats von heftigen Erdstößen zu wiederholten Malen heimgesucht worden. In Monteroffo war am 28. November um 1 Uhr Morgens die Erschütterung so stark. daß viele Häuser schwer beschädigt wurden. Vom Kirchthurme stürzte die Uhr herab und erschlug eine Amme mit ihrem Säugling.
Paris, 16. Dec. Der Proeeß gegen Trauppmann wird am 28., 29. und 30^-d. M. zur Verhandlung kommen. Die Gerichtsbehörden beschleunigen die Sache so sehr als nur irgend möglich. Die Anklaqekammer sprach ihr Urtheil, welches Trauppmann vor die Assisen verweist. Der Anklageakt ist äußerst lang, wohl einer der längsten, welche je angefertigt wurden. Trauppmann wird darin beschuldigt: 1) Johann Kinck mittelst giftiger Substanzen getödtct; 2) einen Diebstahl an Johann Kinck oder dessen Erben begangen zu haben, indem er eine Summe Geldes, eine Uhr und andere Gegenstände aus bem Gigenthum des Opfers an sich nahm; 3) Quittungen im Namen Kinck s, namentlich über die unter dessen Adresse auf der Post von Guebwiller liegenden 5500 Francs, gefälscht zu haben; 4) freiwillig und mit Vorbedacht in der Nacht vom 17. zum 18. September Gustav Kinck und 5) in der Nacht vom 19. zum 20. September Frau Kinck und 5 ihrer Kinder getüdtet zu haben.
Vedaction. Druck nrh Berlaa der Brüh loschen Druckerei (Fr. Ehr. Vietsch) in Giehen.


