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Meiner Mutter Schicksale.
Erzählung von Fanny Herbert.
(Fortsetzung und Schluß.)
Za erwähnen Darf ich nicht vergessen, Day ich, als wir am ersten Sonntage die Kirche besuchten, nachdem die Predigt bereits begonnen hatte, dort Lizzie in Begleitung eines sehr stutzerhaft gekleideten jungen Mannes eintreten sah, und daß sie M'.ch, als w r später an der Thur des Gotteshauses zusammentrafen, kaun einer fluchtigen Begrüßung, durch leichtes Neigen des Kop'es, würdigte.
Etoa sechs Monate mochte ich meine jetzige Stellung inne gehabt haben, in welcher ich mich wirklich durchaus glücklich und zufrieden fühlte, als Miß Price sich eines Morgen;, nachdem sie ihre Briefe gelesen, mit den Worten an mich wandte:
„Wir werden Besuch bekommen, Miß Mason. Mein Pathe schreibt mir, er beabsichtige, einen Monat lang bei mir za bleiben, und da er mich nur sehr selten besucht, so müff n wir Alles aufbieten, ihm den Aufenthalt hier so angenehm wie nur irgend möglich zu machen. Er ist ein prächtiger Zunge."
Ih glaubte Anfangs, Der „prächtige Zange" von einem Pathen müsse noih- wmdiger Weise ein Knabe von fün'zehn oder sechzehn Zähren sein, begriff jedoch sogleich, daß ich m'ch seh- getäuscht haben müsse, als ich hörte, daß M.ß Price der Hmshälterin Aaftrag ertheilte, „das rothe 3 inner für Mr. Dampier in Ordnung zu bringen und Sorge dafür zu tragen, daß das Mittagsessen genau um sechs Uhr fertig sei."
Mr. Danpier traf ein und hatte in seinem A ußern auch nicht das Allerwenigste von einem Romanhelden an sich-
Er war weder „von hoher, stolzer Gestalt", noch durfte er sich „fein geschnittener, edler Gesichtszüge" schmeicheln.
S ine „großen Augen strahlten nicht in schwermüthiger Gluth", sondern sie waren nur klein und blickten matt, zugleich aber auch freundlich und klug umher.
Für einen Mann sah er, meinem Geschmacke nach, gut genug aus, doch sprach er, was mir Anfangs besonders auffiel, stets in kurz abgebrochenen Sätzen.
Trotz Alledem besaß er eine vorzüglich schöne Stimme und sang auch sehr gut.
Miß Price veranlaßte uns, Duette mit einander zu singen, und erklärte stets nach Beendigung jedes derselben, sie habe nie vorher einen so hohen musikalischen Genuß gehabt.
„Sie und Leonard pissen herrlich zu einander, Miß Mason," sagte sie schon am Abende des Tages, au welchem ihr Pathe eingetroffen war.
Ich würde mich übrigens in Gegenwart des jungen Mannes ungezwungener bewegt baden, hätte mir nicht der Umstand Befangenheit eingeflößt, daß ich seinen Blick häufig, wie prüfend, längere Z'it auf m'inem Gesichte haften sah
Es schien m'r, als glaube er, m'ch schon früher gesehen zu haben, ohne sich entsinnen zu können, wo.
„Konnte dem so sein? Konnte es vielleicht in Paris gewesen sein?"
Ih benutzte die erste Gelegenheit, ihn zu fragen, ob er Die französische Hauptstadt jemals besucht habe.
„Za wohl, er war vor fünf Zähren einmal dort gewesen."
Um jene Zeit aber konnte er mit mir dort wenigstens noch nicht zusammen getroffen sein und dennoch sah ich seine Blicke nach w e vor forschend und nachdenklich an meinem Gesichte hangen, so oft er M'ine Aufmerksamkeit nur irgend anderweitig beschäftigt glaubte.
„Sie lassen ja aber auch Ihre Augen kaum einmal von meinem G sichte, Mr. Dimpier," nahm ich mir endlich das Her; laut zu bemerken.
„Zch weiß sehr wohl, daß ich Zhnen sehr unhöflich erscheinen muß, Miß Mason," entgegnete er, „die Wahrheit ist aber, daß mir Zhr Gesicht ganz außer- ordentlich bekannt ist, ohne daß ich mich doch entsinnen kann, wo ich es Denn eigentlich zuvor gesehen habe. Es muß mir am Ende im Traume erschienen sein," fuhr er lächelnd fort.
Z h mir im Begriffe, eine scherzhafte Antwort zu geben, als Miß Price mit einer großen Rolle Papier in's Zimmer trat.
„Hier, Kinder," sagte sie, „ich bitte, dies mit Eurer Unterschrift zu ver- sehen. Es ist eine Petition gegen Anlage eines Friedhofs unserem Gehölz gegenüber. Kommen Sie, Miß Mason, unterzeichnen Sie "
IH ergriff eine Fever und schrieb: „Angelina Mason."
„Run, Leonhard," wandte sie sich dann zu Mr. Damvier, indem sie ihm die Feder reichte.
Er ergriff diese, schrieb jedoch nicht, sondern blickte gedankenvoll auf meine Namensunterschrift.
Mit einem seltsamen Blicke wandte er sich dann plötzlich zu mir.
„Ach, jetzt weiß ich's!" rief er lebhaft.
Miß Price, die inzwischen zum Fenster hinauSgesehen, trat in diesem Augenblicke zum Tische zurück.
„Run, Leonhard, hast Du unterschrieben?"
Mr. Dampier unterzeichnete das Papier mit wenigen raschen Federzügen, worauf Miß Price mit demselben das Zimmer verließ.
„Sie kannten Mr. Bergmann?" fragte Der junge Mann, inDem er rasch auf mich zutrat und meine HanD ergriff.
„O ja," gab ich überrascht zurück.
„Durch ihn eben lernte ich zuerst Zhr Gesicht kennen. Mr Bergmann'war mein Oheim und hinterließ mir bei seinem Tode sein ganzes Vermögen. Bei Durchsicht seiner Bilder fand ich zu meiner großen Verwunderung einige dreißig PortraitS vor, welche alle ein und dasselbe Gesicht darstellten. Hier blickte es traurig, dort fröhlich, bald suchten die Augen den Boden, bald blickten sie zum Himmel empor. Unter jedem dieser Bilder stand in meines Onkels Handschrift
der Name „Angelina", und bei näherer Durchsuchung seiner Papiere fand ich gewisse Notizen über besagte Angelina, die ein ganz besonderes Interesse für diese Dame bei ihm voraussetzen ließen. Wie kam er eigentlich dazu, eine solche Menge PortraitS von Zhnen anzufertigen?"
„Das will ich Ihnen sagen," entgegnete ich. „Es fehlte nicht viel, so wäre ich Ihre Tante geworden."
„Dem Himmel sei Dank, daß er es verhindert hat!" rief Dampier leidenschaftlich. „Doch erzählen Sie, wie ging das Alles denn eigentlich zu?" Ich theilte ihm Astes ausführlich mit, was der freundliche Leser bereit- weiß, und vergaß auch nicht, der schmackhaften Torten zu erwähnen, welche ich in Mr. Bergmann'- Hause verzehrte.
Er lachte, doch nahm sein Gesicht fast in demselben Augenblicke wieder einen ernsten Ausdruck an.
„Sie ahnten nicht, wie innig mein armer Onkel Sie liebte 1" sagte er. „Ich war ja damals noch ein Kind," warf ich, tief erröthend, ein. „Das war's ja eben, weshalb er Sie so innig liebte," entgegnete Mr. Dampier, „und ich kann hinzufügen, daß er dieser Herzensneigung bis zu seinem Tove treu geblieben ist. Vielleicht lasse ich Sie noch einmal lesen, was er über Sie niedergeschrieben."
Als Miß Price wieder im Zimmer erschien, erzählte er ihr sehr heiter, wie er so eben entdeckt habe, baß wir alte Freunde seien.
Sie sah mich fragend an und ich erklärte ihr in kurzen Worten Den Sinn der Worte des jungen Mannes.
Von diesem Tage an war Mr. Dampier'S Benehmen gegen mich gänzlich verändert und jen.'r forschende Blick nach meinem Gesichte für immer verschwunden, während mich der vielsagende Ausdruck seines Auges, wenn es mit dem meinigen zusammentraf, stets eigenthümlich befangen machte.
Miß Price begann ihn damit zu necken, daß er der glückliche Besitzer fast eines halben Hunderts PortraitS von mir sei und schloß derartige Scherzreoen eines Tages mit der Bitte, ihr wenigstens ein Exemplar derselben zu überlassen.
„Ich habe keines übrig," antwortete der junge Mann, „denn meine Sammlung ist noch nicht einmal vollständig."
„Wie, Du Nimmersatt, Du verlangst noch mehr PortraitS?" rief Miß Price.
„Vielleicht," antwortete Dampier der Fragenden mit einem bedeutungsvollen Blicke.
Ich hatte während dieses Gespräches mit meiner Handarbeit am Fenster ge- sessen und war scheinbar zu eifrig mit derselben beschäftigt gewesen, um den Scherzen der Redenden Aufmerksamkeit zu schenken.
Miß Price's plötzliches Stillschweigen nach Dampier'S letzter Bemerkung setzte mich in Erstaunen, in demselben Augenblicke jedoch flüsterte mir eine sanfte Stimme Die Frage in's Ohr:
„Darf ich hoffen, Angelina, meine Sammlung vervollständig en zu können ?" In höchster Verwirrung blickte ich empor.
M ß Price hatte das Zimmer verlassen und Dampier stand so tief über mich hingebeugt, daß sein Athem fast meine Wange berührte.
„Was könnten Ihnen noch mehrere PortraitS von mir nützen, Da Sie deren schon eine so große Anzahl besitzen!" erwiederte ich, indem ich zu lachen ver- suchte.
„Meine Sammlung wird erst vollständig, wenn ich auch das Original mein nennen darf. Soll ich es haben, Angelina?"
W rS ich antwortete oder ob ich überhaupt eine Antwort gab, weiß ich mich wirklich nicht zu erinnern, und eben so wenig, was sich sonst noch zutrug, bis bald darauf M ß Price wieder in's Gemach trat.
„Nun, Leonard," sagte sie, „ist Die Sache mit den PortraitS in Ordnung?" „Ja wohl," antwortete er, glücklich lachend, und küßte mich vor ihren Augen.
Sie lachte herzlich über meine Verwirrung.
„Das ist mir eine große Freude! Laßt mich die erste sein, die Euch aus voller Seele beglückwünscht."
Ich will nun noch erzählen, daß bald darauf unsere Hochzeit stattfand, nach welcher wir sogleich England verließen, um den Kontinent zu bereifen.
Auf der Rückreise verweilten wir eine kurze Zeit in Lyon, bet einem dort im kaufmännischen Geschäfte etablirten Freunde meines Gatten, und als ich eines Tages eine Zeitung zur Hand nahm, sand ich Darin folgenDe Notiz:
„Am letzten Donnerstag Morgen wurde Die Leiche eines etwa fünfzig Jahre alten Mannes in Der Seine aufgefischt und nach Der Morgue beforDert.
A>s man dieselbe untersuchte, fand man auf Der Schulter ein „U" eingebrannt, so Daß Der ToDe auf Den Galeeren gewesen fein muß.
Die Leiche wurDe endlich als die eines gewissen Pierre Francois Charpentier wieder erkannt, der in letzterer Zeit den Namen Pierre Roussel führte und vor dreiundzwanzig Jahren zu zehnjähriger Galeerenstrafe verurtheilt wurde, weil er Betrügereien zu einem sehr großen Betrage verübt hatte.
Nach feiner Entlassung aus dem Bagno ernährte er sich als Violon- cellspieler und führte ein anständiges Leben, bis er sich in Der letzten Zeit sehr stark dem Genüsse berauschender Getränke ergab.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er im berauschten Zustande in Den Fluß gefallen und ertrunken."
Dieser Artikel entdeckte mir die Ursache des Todes meiner armen Mutter.
Der Gedanke, einem Galeerensklaven als Gattin angetraut zu sein, hatte sie getödtet.
P o I itis cd e Sk n ti d s d» a a.
Berlin, 8. April. Die Gerüchte über eine beabsichtigte Reise des Königs nach Carlsbad haben heute auch ihren Weg in die Börsenzeitung gefunden und werden in Zusammenhang gebracht mit einer projectirten Zusammenkunft mit dem Kaiser von Oester- reich. Soweit wir unterr'chtet sind, ist in unseren
Hofkreisen davon nichts bekannt. — Verschiedem- Blätter haben mit Befremden darauf aufmerksam gemacht, daß unter den Generalen das bürgerliche Element so spärlich vertreten sei. Man darf Dabei inDeffen nicht außer Augen lassen, Daß gewöhnlich bürgerliche Offiziere, wenn sie in Die höheren Chargen rücken,
geadelt werden, und haben z. B. allein in Veranlassung des letzten Feldzuges an 50 Offiziere das Adelsprädikat erhalten. Ganz etwas ähnliches findet sich auch bei Der höheren Verwaltung, unD sind unter Den jetzigen Oberpräsidenten allem Drei Geadelte.


