sowie der darauf folgende Samstag, 7. Novbr., nicht ohne Demonstration vorübergehen. Namentlich wird für die allgemeine Traucrfeier des 7. Novbr. als Jahrestag der Schlacht am weißen Berge lebhaft agieirt. Indessen scheint für Böhmens Hauptstadt die schöne Sagezeit wiedcrgekommen zu sein. Die abenteuerlichsten Gerüchte durchschwirren die Luft und die wunderlichsten Märchen werden erzählt.
Paris, 22. Oct. Der „Constitutionnel" bringt, wie bereits gemeldet, folgende Note: „Mehrere Blätter beschäftigen sich mit einer Karte eines Theils von Europa, welche auf Befehl des Kaisers veröffentlicht worden wäre, und bemühen sich, ans derselben allerlei Schlüffe zu ziehen, von denen die einen gewagter sind, als die anderen. Es genügt, einen Blick auf diese Publikation zu werfen, um zu erkennen, daß ihr jeder Gedanke an eine politische Umwandlung des Contincnts fern liegt. Die in Rede stehende Karte gibt die strategische Stellung Frankreich zu seinen Nachbarn in drei verschiedenen Epochen, und sie beweist, daß diese Stellung sich seit den letzten Umwandlungen, welche jenseits des Rheins stattge- Junten haben, nicht verschlimmert hat, ja, raß Frankreich sogar gegenwärtig mehr Freiheit sowohl in seinen Bewegungen wie in seinen Allianzen hat."
Paris, 23. Oct. Die „Epoque" erhält aufrecht, daß die Herzogin von Madrid, die Gemahlin des Den Carlos, von der Kaiserin empfangen worden wäre. Dasselbe Blatt will wissen, daß Hr. v. Paiva, welcher gestern nach Lissabon abgercist ist, der Ucberbringcr eines eigenhändigen Schreibens des Kaisers an Don Ferdinand wäre. Die „Liderts" ihrerseits vernimmt, daß carlistische Emissäre sich zu dem General Cabrera nach London begeben hätten, um denselben aufzufordern, sich an die Spitze der
legitimistischen Bewegung in Spanien zu stellen. Man kennt noch nicht die Antwort des greisen Generals. — Fürst Metternich trifft heute Abend auf seinem hiesigen Posten ein, einige Tage früher, als ursprünglich in seiner Absicht zu liegen schien, und dieser Umstand genügt, um sofort eine Reihe von Gerüchten über eine besondere und dringende Negociativn, welche zwischen den Cabinetteu von Wien und Paris eröffnet werden solle, zu entfesseln. Die Einen wählten sich Nordschleswig, die Anderen den Orient zum Boden ihrer Conjecturen.
Paris, 24. Oct. Die angekündigte Karte von Europa wird am nächsten Dienstag erscheinen. Sie wird Frankreich und Deutschland in drei Epochen seit 1815 darstellen. Als erste Epoche zeigt die Karte die Allianz der übrigen Nationen Europa's mit einer Bevölkerung von 71 Millionen, gegen Frankreich gerichtet. Die zweite Epoche stellt die Unabhängigkeit Belgiens und Vie Situation Hollands nach 1832 dar. In der dritten Epoche, nach 1866, erscheint Frankreich noch viel vortheilhafter, als in der zweiten , situirt. Die Karte zeigt die Vergrößerung Frankreichs durch drei Departements, Oesterreichs Verlust der italienischen Provinzen und dessen Austritt aus dem deutschen Bund, welcher in drei Theilc zerfällt.
Lissabon, 24. Oct. Nachdem der König Fernando von Portugal die spanische Krone mit aller Bestimmtheit abgelehnt hat, sind Unterhandlungen angeknüpst worden mit dem Herzog von Montpensier, der, wie man sagt, die ihm angetragene Krone on- nehmen wird.
Vermischtes.
Gießen. (Sitzung des Gemeinderaths vom 22. Oct.) Anwesend: 'der erste Beigeordnete Felsing, die Ge
meinderathsmitglieder Ricker, Petri, Berg, Löber, Hanstein, Rosenberg, Bücking, Möhl, Sitbereisen, Nagel und Keller.
Durch schriftliche Abstimmung wurden
1) Carl Hardt von hier mit 10 und
2) Adolf Wenzel von hier mit 8 Stimmen zu Feldschützcn erwählt.
Der Gemeinderath stimmt dem Vorschläge Großh. Oberförsterei Gießen vom 8. Oct. d. I. in Betreff der Cuitur- accorde für 1869 unter dem Vorbehalte bei, daß die vorjährigen Lohnsätze nicht überschritten werden.
Der Gcmeinderath kann sich für das beantragte Verbot des Befahrens des BachqäßchcnS nicht aussprechen, da die Anwohner das verbriefte Recht besitzen, das fragliche Gäßchen mit bespanntem Fuhrwerk zu befahren.
Die für das Reinigen der Stadtkirche, deren innere Restauration nunmehr beendigt ist, von dem Kirchendiener beanspruchte Vergütung von 10 fl. wurde zu Lasten der Ueber- schüffe bewilligt.
DaS Gesuch deS Friedrich Bücking um Gestattung der Anlage eines gepflasterten UebergangS zu seinem Hause in der neuen Anlage soll unter der Bedingung bewilligt werden, daß die beabsichtigte Anlage unter Anleitung des städtischen Bauaufsehers ausgesührt wird.
Die zu 1249 fl. 43 fr. 2 Pf. für Herstellung des WehrS an der oberen Stadtmühle berechneten Kosten sollen zu Lasten der Neberschüffe auf die Stadtkasse angewiesen werden, insoweit sie nicht schon früher decretirt und bezahlt worden sind.
Der Kostenvoranschlag für das Reinigen der Kirchenfenster im Betrage von 40 fl. wurde gutgeheißen und soll alsbaid zur Ausführung kommen, die Vergebung aber nur an Sachverständige erfolgen.
Der Antrag Großh. Oberförsterei Gießen vom 22. Oct. d. I. in Betreff der Eichelerndte in dem Gießener Stadtwald wurde genehmigt.
Der Gemeinderath gibt seine Zustimmung zur Genehmigung der Holzversteigerung vom 20. Juli d. I.
Der Gemeinderath gibt zu dem Vorschlag Großh. Obcr- försterei Gießen vom 22. Oct. d. I. in Betreff der praktischen Versehung des Forstschutzes in der Forstwartei Stolzenmorgen seine Zustimmung.
Die übrigen Beschlüsse betreffen Angelegenheiten persönlicher Art.
Feuilleton.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
— Genug, mein Fräulein, sagte der bestürzte Offizier, Ihr ganzer er- habener Opfermuth war nichts als ein kalt berechneter Verrath. Sie werden hingehen, um mich zu verderben . . . Handeln Sie nach Ihrem Auftrage. Ihr Name wird von der Geschichte mit jenem Beiworte der Schmach genannt werden, das ihm zukowmt.
— Dank, mein Herr, versetzte Coraly, Sie beurtheilen mich ganz recht. Ich habe Sie nur so oftmals gerettet, um Sie desto grausamer zu tödten. Eine berechtigte Eifersucht lenkt meine Handlungen, denn ich liebe Sie und Sie lieben eine Andere!
— Habe ich Ihnen je eine heuchlerische Liebe geschworen, mein Fräulein? Welchen Meineid werfen Sie mir vor?
—- Was ich Ihnen vorwerfe, mein Herr, antwortete Coraly, ist eine grausame Verhehlung Ihrer wahren Gesinnung. Es sind Lobsprüche, die Sie mir in übertriebener Weise ertheilten und die ich mit leichtgläubiger Thorheit als den wahren Ausdruck des Herzens und der Begeisterung hinnahm. Was ich Ihnen vorwerfe, ist ein herrlicher Traum, der mir durch Sie gekommen ist und ven Sie nicht vom ersten Tage an vernichteten. Was ich Ihnen verwerfe, ist, daß Sie mich in meinem thörichten, extravaganten, aber freien und für mich ausreichenden Leben mit seinem falschen Schimmer von Glück gestört haben. Was ich Ihnen vorwerfe, ist, daß Sie gegen Coraly nicht offenherzig wie vor dem Feinde gewesen sind, daß Sie mir nicht mit dem ersten Schlage den Tod gaben, um mir einen langen Todeskampf zu ersparen.
Thränen strömten über Die Wangen ihres schönen Gesichtes.
Der Hauptmann sah, die Gefahren vergessend, von welchen er eben zuvor gesprochen hatte, nichts mehr, als Viesen herben und erhabenen Schmerz. Er warf sich dem schönen Kinde zu Füßen, er bat um Verzeihung, und schwor, daß ihm nichts auf der Welt mehr Bewunderung einflöße, als das edle und anbetungswürdige Herz des Weibes, deren Hände und Kniee er umklammerte.
Es war eine rührende Scene; es fehlte nichts als die Liebe, um das arme Mädchen zu trösten. Coraly konnte sich über die Gesinnungen Reymond's nicht länger täuschen. Sie war sicherlich seine theuerste Freundin; aber Helene de Rencey war seine angebetete Geliebte.
— Mein Herr, sagte sie endlich, stehen Sie auf! Ich bin nicht die Heilige, welche Sie lieben. Enden wir dies beständige Trauerspiel eines verwundeten Herzens, das nicht entsagen kann, ohne sich zu empören! Wohlan, ich werde mit Kraft gegen mein Schicksal kämpfen, und in dieser Hinsicht werden Sie mich vielleicht über Fräulein de Rencey stellen, wie traurig auch deren Leben bis jetzt mag gewesen fein. Ohne Zweifel ist sie durch schweres Leiden geprüft worden, aber sie wird leidenschaftlich von dem geliebt, welchem sie ihre Liebe geschenkt hat. Glückliches Unglück, das ihr zu Theil ward ! — Brechen wir hiervon ab und fangen wir unser Leben noch einmal mit frischem Muthe an, indem wir uns wie die Araber sagen:, „Es stand in den Sternen geschrieben!" Ich reise nach Paris. Wohin gehen Sie denn? Denn Sie sind in voller Uniform und ich habe Ihr Pferd Sultan im Hofe gesehen.
— Mein Fräulein, antwortete der Hauptmann, ich begebe mich offen vor aller Welt nach der Provence, um dort vor der Ankunft Bonaparte's Mißlangen.
— Und die Polizei, welche nach Ihnen sucht, Hauptmann?
— Sie wird keinen Versuch machen, mich zu verhaften.
— Welchen Paß, welche Sicherheit haben Sie denn seit einigen Tagen erhalten?
— Einen Auftrag vom Direktorium selbst an den General en Chef, welcher von Egypten zurückkehrt.
— Bietet ihm das Direktorium die Herrschaft an? fragte Coraly.
— Nein, mein Fräulein. Das Direktorium wünscht, höchst vorsichtig, den jungen General über die wahre Lage des Landes und seiner selbst aufzuklären, falls er mit dem Hintergedanken an eine Diktatur nach Frankreich zurückkehrt. Das Direktorium hat gemeint, daß ich besser als irgend Einer Bonaparte treulich eine Depesche zustellen und ihm offen und klar die augenblickliche Situation auseinandersetzen könne. Bonaparte soll die Wahrheit erfahren. Er wird dann handeln, wie sein Genie es ihm eingiebt. Ist mein Antrag erfüllt, so bin ick wieder Der Offizier meines Generals-
— Und Sie werden feinem Sterne folgen, Hauptmann?
— Ohne nach rückwärts zu sehen, Fräulein.
— Glücklicher Cäsar, der solch' ein G-sühl der Ergebenheit einzuflößen vermag! seufzte Coraly. Glückliche Helene! fügte sie leiser hinzu.
Die Stunde der Trennung war herangeruckt. Es war ein schmerzlicher Augenblick. Coraly hatte alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen- Es blieb ihr nur übrig, ihrem geliebtem Hauptmann ein letztes Lebewohl zu sagen- Eilte Brieftasche hervorlangend, nahm sie aus derselben ein Blatt Papier und reichte es Reymond.
— Hier, mein Herr, sagte sie, ist jener schreckliche Brief, welcher Alles verderben und folglich Sie mit in's Verderben ziehen sollte. Rehmen Sie ihn zu« rück und seien Sie überzeugt, daß Fräulein de Reneey selbst das Geheimniß nicht besser als ich bewahrt hätte. Nehmen Sie gleichzeitig von mir die Lehre an, niemals Ihre Hand in die Hand eines Andern, wer es auch sein möge, zu legen, bevor Sie sich durch einen Blick in fein Antlitz der Redlichkeit feiner Gesinnung versichert haben Der Herr Abbs Sieyös soll nie von Der Gefahr Kenntniß erhalten, welcher ein Schiebfenster ihn ausgesetzt hat.
Das war eine taktvolle und rührende Handlung.
Wir machen nicht den Versuch, den Abschied Cvraly's und des Hauptmannes Reymond zu schildern: denn nicht der Pinsel eines Malers, nur eine Feder steht uns zu Gebot. Wir begnügen uns, zu erzählen, daß alle Gäste des Hotels zum Fasanen ihm ihr herzliches Bedauern ausprachen, als er in die Postkutsche stieg. Jeder wollte ihn zum letzten Mal sehen, ihm noch einmal die Hand herzlich drücken.
Der Wirth war untröstlich.
Mehrere junge Damen wischten eine heimliche Thräne aus ihren Augen; gewiegte Politiker beehrten ihn mit dem Namen eines „großen Bürgers".
Als es zehn Uhr schlug, rasselte die Postkutsche mit angezündeten Laternen in scharfem Trabe nach der Richtung der Loirebrücke, d. h. nach Paris zu, von dannen.
Zn derselben Stunde schwang sich im Hofe des Wirthshauses ein Dragoner« offizier auf fein Pferd. Jenes herrliche arabische Roß, das wir kennen, folgst der langen Hauptstraße von Tours in entgegengesetzter Richtung.
Als es das südliche Thor der Stadt passirt hatte, verschwand es und flog mit seinem Reiter dahin, als kehre es in die Wüste zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Redaction, Druck und Verlaa der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr- Pietsch) in Giessen.


