Politische R n rr - s ch a u
Offenbach, 17. April. Gestern Morgen begab sich das hiesige Offiziercorps, welchem sich in Frankfurt auch dasjenige der Garnison Friedberg anschloß, auf eine Seitens des königl. prcuß. Oberst und Regimentskommandeurs des 34. pommer'schen Füsilierregiments ergangene Einladung nach Frankfurt, um einer Compagnievorstellung auf der Pfingst. weide beizuwohnen. Diese Vorstellung fand in Gegenwart der Generalität mit zwei Compagnien des genannten Regiments Statt, währte trotz der Ungunst der Witterung über 3 Stunden und repräsentirte alle Details des Compagnieexereitiums in höchster Prä- cision der Ausführung. Nachmittags fand in den Räumen des Militärxasino's ein cameradschaftlichcs Diner der Ofsiziere Statt. (Worms Ztg.)
Berlin. Eine große Anzahl von Berliner Postexpedienten haben in einer am Sonnabend Abend abgehaltenen Versammlung beschlossen, eine Petition an den Reichstag zu richten, in welcher derselbe gebeten wird, beim Bundesrath dahin zu wirken, „daß 1) nicht mehr nach dem Durchschnittspreise der Lebensmittel vom Jahre 1824 gezahlt, sondern den jetzigen Preisen sämmtlicher Lebensbedürfnisse und der Stellung und Bildung der betr. Beamten entsprechend, dahin normirt werden, daß das Minimum 400, das Maximum 700 Thaler beträgt; 2) daß zur Gleich- stellnng mit den Kollegen in den kleineren Provinzialstädten und anderen Bcamten-Categorien den Berliner Postexpevienten außerdem eine Ortszulage von 100 Thalern gewährt werte, letztere auch noch für das Jahr 1868." — Der Petition soll eine Denk- schrift beigelegt werden, in welcher die bedrängte Lage der Salbalternpostbeamten noch des Näheren dargelegt werden soll.
Berlin. Auf amtlichem Wege ist ein Erkennt- niß des Obertribunals bekannt gemacht worden, das wegen des darin enthaltenen Grundsatzes von Wichtigkeit ist; es hat nämlich die streitige Frage, ob Personen durch erklärten Austritt aus der Lan- deskirche und Beitritt zur freien evangelischen Ge- meinte von Kirchenstellengeldern, Parochiallasten re. frei werden, zum Nachtheile solcher Personen verneinend entschieden. Derselben Ansicht war ein Kceis- gcricht, der gerade entgegengesetzten ein Appellationsgericht, bis das Obertribunal das erste Erkenntniß wieder herstellte. Als der Wille des Königs Friedrich Wilhelm IV. bei Erlaß des bekannten 'Duldungs- patentes vom 30. März 1847 wird der Schutz der evangelischen und katholischen Landeskirche und die Erhaltung der Gerechtsamen derselben bezeichnet, an- derntheils die nicht zu verkümmernde Glaubens- und Gewissensfreiheit. „Ein beliebiges Lossagen von den Parochialpflichten ist nicht als Consequenz vollkommener Glaubens, und Gewissensfreiheit anerkannt. Dasselbe würde die wohl hergebrachten Gerechtsamen der aufgenommenen Kirchen, die der König kräftig zu schützen entschlossen ist, schwer beeinträchtigen, in mehr oder wenigen Fällen selbst den Bestand der Parochie gefährden können." — Daß die Bestimmungen der Verfassungs-Urkunde eine Befreiung sich anftondernder Mitglieder der Kirchen- gesellschaften von Parochiallasten und sonst begründeten Pflichten nicht nach sich ziehen, ist bereits in verschiedenen Ober - Tribunals - Präjudieaten angenommen. (K. Z.)
Aus Nassau, im April. Die „Mittelrh. Ztg." schreibt aus Flörsheim: „Vor einigen Tagen vollzog sich dahier ein denkwürdiger Art; die ältesten Leute wissen sich nicht eines solchen zu erinnern. Der Herr Pfarrer hatte nämlich die sämmtlichen Kirchspiels-Lehrer zu sich bcschieden, ließ, nachdem sie sich versammelt, Einen nach dem Andern an die Stubenthnre treten — Waden angelegt, Bauch hin- ein, Brust heraus, Kopf hoch — und so wurde (in Ermangelung eines Meßstocks) durch einen Kreidestrich über den blonden, braunen, grauen oder mond- farbcnen Scheiteln die effeetive Leibeslänge des sich bäumenden Ludimagister angemerkt, und darauf durch einen zu Rathe gezogenen Tüncher mit Latte und Zollstab ausgemessen. — Die bei Beginn des Experiments von Einigen geschöpfte Hoffnung, daß es eigentlich auf die Ausmessung oder doch — nach den sonstigen Maßverhältniffen — approximative Schätzung des Magens abgesehen'sei, hat sich nicht verwirklich,; es handelte sich leider nur um den erforderlichen Eintrag in — die Conduitenlisten. (Bekanntlich ent- halten diese sub rubro II, 1 : Körperbeschaffenheit, Gesundheit, und die Regierung hat zur Erläuterung bemerkt: Ad II. 1 ist auf Größe und Körperbau, gesunde Respirationsorgane, kräftige Stimme und «uferen Anstand besonders Rücksicht zu nehmen.)"
r' L5/ ®cn h^r berichtet die pi- 2>. Ztg. ; Als schuldlos entlassen aus einer
elfwöchentlichen Untersuchungshaft in den Hausvog- teigefängniffen zu Berlin, kehrten heute der Schuh- machermeister I. Rebentisch und der ehemalige hannöverische Unteroffizier Schünemann zu den Ihrigen zurück, die lange in schweren Sorgen um sie gewesen waren. Nach der Meinung dieser beiden Herren werden auch ihre Leidensgenossen demnächst aus der Haft entlassen werden.
München. Dem Bankhause v. Erlanger u. Söhne in Frankfurt wurde die Coneesston zur Vor- nähme der Projeetirungsarbeiten für eine Eisenbahn von Gelnhausen nach Gemünden, soweit dieselbe baierisches Gebiet berühren würde, auf die Dauer eines Jahres ertheilt.
München, 19. April. Der baierische Landtag wird noch einmal, und zwar wahrscheinlich bis zum 15. oder 16. Mai, verlängert werden. Bis dahin wird es ihm möglich fein, die größeren ihm borge- legten Gesetzentwürfe alle zu erledigen. — Baiern scbickt in das Zollparlament 2 aetive Minister (Hohenlohe und Schlör), 2 ehemalige Minister (Neu- mapr und Schrenk), 1 Ministerialrath (Diepolder), 1 Legationsrath (Luxburg), 3 Zollbeamte (Meixner, Miller, Soyer), 3 Verwaltungsbeamte (Zu-Rhein, Römmich, Ow), 4 Justizbeamte (Gürster, Hafenbrädl, Krützer, Kuntz), 1 Bürgermeister (Schneider), 3 Professoren (Edel, Marquardsen, Sepp), 2 Archivbeamte (C. M. Aretin, Jörg ), 1 Geistlichen (Lucas), 6 Kaufleute und Fabrikanten (Benzino, Krämer, Kester, Jansen, Pfretzschner und Schwinn), 2 Bankiers (Feustel, Wild), 5 Advokaten (Völk, Marquard, K. Barth, Erhard, Freitag), 9 Gutsbesitzer (C. Aretin, Thüngen, Arco-Valley, Arco-Stepperz, Stauffenberg, Frankenstein, Jordan, Gutenberg, Eichthal' 1 Bauer (Meder), 1 Redacteur (Bucher) und \ Privatmann (Kolb).
Wien, 19. April. Der alte Kaiser Ferdinand I. vollendet heute fein 75. Lebensjahr. Der Familien- rath bewog ihn, weil er sich während des Revolutionssturmes „zu nachgiebig" erwiesen, zum Verzicht auf die Krone, und sein Neffe Franz Joseph I. be- stieg am 2. Deceniber 1848 den Thron. Seitdem weilt der abgedankte Kaiser, ohne jemals nach Wien zu kommen, im Schlosse Hradschin zu Prag. Man erzählt von ihm, er habe u. A. in Bezug auf seinen Reffen geäußert: „Die Lombardei verlieren, Venetien verlieren, das hätt'ich auch gekonnt!" Dagegen war der Erzherzog Max sein Liebling, und Kaiser Ferdinand soll öfter die Schulden desselben getilgt ha- ben; das schreckliche Ende des Kaisers von Mexico erschütterte das Gemüth des alten Herrn auf's Tiefste.
Pesth. lieber die Verhaftung Asztalos' und den Zusammenstoß zwischen Militär und Volk gehen dem „Ungar. Lloyd" die folgenden Mittheilungen zu: „Die Saat, welche unsere sogenannten Demokraten ausgestreut, beginnt aufzugehen. Wie wir schon in unserem heutigen Morgenblatt mitgetheilt, ist der berüchtigte Agitator Asztalos inmitten seiner volks- aufwiegelnden Thäiigkeit in Felegyhaza verhaftet worden. Die Verhaftung geschah aus eigener Initiative des dortigen Stadthauptmannes, der sich zu diesem Schritte erst entschloß, nachdem ihm der Wortlaut einer einstündigen Rede vorgelegen, die Asztalos in einem Wirthehanfe an das Volk gehalten, und die — in ihrer Art — ein wahres Prachtstück von Auf- wiegelei fein soll. Die Verhaftung des Asztalos ging Ostersonntag vor sich; gestern (Montag) war die Aufregung in den untersten Schichten des Volkes, genährt turä) einen gewissen Csaszar aus Kecskemet chon so groß, daß der Magistrat aus den benachbarten Ortschaften ein Bataillon Jäger requiriren mußte. Die Jäger nahmen vor dem Stadthause Posto, wo sich die Menge in großer Anzahl versammelt hatte und heulend und johlend die Loslassung Asztalos verlangte. Eine beschwichtigende Rede des Stadthauptmannes verhallte spurlos. Um einem Zusammenstoß zwischen Volk und Militär auszuweichen, wurde letzteres in den inneren Hofraum des Stadthauses gezogen. Die Menge wuchs immer mehr an, und gegen Mittag begann sie das Stadthaus zu stürmen. Sie erbrach das Thor und stürzte in den Hofraum, worauf ein Thcil des Militärs eine Salve gab. Auf dem Platz blieb ein Todter und zwei oder drei Bauern wurden verwundet. Die Menge zerstreute sich hierauf in regelloser Flucht.
Zürich, 14. April, lieber die neueren Bewegungen im Züricher und in anderen Cantonen gibt ein hiesiger Correspondent des „Schw. M." nach- stehende Auffassung: „Es ist nun so viel als erwie- fen, daß die gesammte Schweiz zum Probirfeld für Errichtung eines socialistischen Staates auserschen ist, und zwar von den Chefs dieser Secte in Paris
und London. Daß so etwas möglich oder doch denk- bar ist, haben wir lediglich den unvernünftigen Ueber- treibungen der Demokratie zu verdanken, wodurch ein einzelner Stand, freilich ein großer, verleitet wird zu glauben, er sei das Volk. Was man weder in Frankreich noch in dem freien England zu pro- biren wagt, das soll in der Schweiz mit ihren schwachen Regierungen versucht werden, und zwar mit und durch das Volk, aber gewiß nicht für das Volk, sondern zu dessen Ruin, wenn es sich nicht selbst gegen diese neumodische Tyrannei erhebt. Es ist ausgemacht, daß hinter dem Schnei- der Krebser und dem Cigarrenmacher Frei, welche die letzte Arbeiterversammlung in Zürich veranstal- tetcn und leiteten, die Section der internationalen Arbeiterassociationen steht, die schon längere Zeit im Geheimen in Zürich existirt. Als Präsident wird der alte, aber trotz feiner in Amerika gemachten traurigen Erfahrungen noch immer nicht gewitzigte Karl Bürkli, Sprößling einer einst vornehmen Familie genannt; neben ihm funktionirt als Actiiar der genannte Hr. Schneider Krebser und als Quästor Hr. Hermann Blume, ein Deutscher. Daher kam also der große Lärm wegen Abschaffung des im Jahr 1846 erlassenen sogenannten Communisten- oder Maulkratten- gesetzes, welches die Verbreitung communistischer Lehren verbot und mit Strafe bedrohte. Bis jetzt kam dieses Gesetz nie zur Anwendung, allein wenn cs so fort- geht, so müßte man es als ein Glück betrachten, daß den bestehenden Behörden noch diese Handhabe für Aufrecht Haltung gesetzlicher Ordnung zu Gebote steht. Zwar stehen die Behörden, wie auch in Genf, auf fthr schwachen Füßen, da das Volk in dem Revi- I Nonssturm den Compaß völlig verloren, llebrigens ist jetzt die sociale Frage der politischen ganz über den Kopf gewachsen, und die Frage ist nur: wie sich die Führer der politischen Opposition gegenüber jener allgemeinen Gefahr verhalten werden. Die Geister wurden gerufen, sic sind da! Ob und wie man ihrer los werden und die Freiheit Aller gegen Alle erhalten kann, das muß die nächste Zukunft zeigen.
Turin, 20. April, 4% Uhr Nachmittags. Der Kronprinz von Preußen fährt eben in einem Hof- wagen durch die Stadt, begleitet von den Prinzen Humbert, Amadeus und Carignan, sowie vom offi- ciellen Gefolge des königlichen Hauses, Grafen Ufe- dom und Adjutanten, vom Präfeeten un en Spitzen rer Mnnicipalbehörden, um sich nach dem königlichen Palais zu begeben. Große Volksmassen füllen die Straßen. Der Prinz Napoleon ist noch nicht hier eingetroffen.
Verona, 19. April. Der Kronpinz von Preußen ist hier um 9 Uhr Abends eingetroffen. An der Grenze wurde er von königlichen Adjutanten und von der preußischen Gesandtschaft begrüßt. Der hie- sige Empfang war ungemein glänzend; bei der Bevölkerung herrschte großer Enthusiasmus. Die Stadt war illuminirt.
Washington. Der Prozeß des Präsidenten geht ruhig vorwärts. Diejenigen, die nach europäi- schen Begriffen vermuthen, daß die ganze EVellschaft m t ihren Geschäften durch den Prozeß u k ~tctfen gcrathen werde, weil das Oberhaupt des Staates sich dabei in einer etwas zweifelhaften, ja unsicheren Lage befinde, müssen gestehen, daß der Prozeß gegen den Präsidenten Johnson durchaus nicht die Wirkun- gen auf Staat und Gesellschaft hat, welche sie vor- ausgesetzt hatten. Ueber den Ausgang des Prozesses macht man sich auch im großen Publikum wenig Sorge. Denn daß die Sache ruhig abgehen wird, daran zweifelt Niemand. Man wünscht und glaubt, daß Johnson beseitigt wird, weil er ein Störenfried iß. der den Frieden nicht zu halten verstanden hat, und wenn er nicht seine konstitutionellen Befugnisse überschritten hat, so hat er sie doch einseitig ohne Rücksicht auf die anderen Faktoren zur Geltung ge- bracht. Die Advokaten werden sich vor dem Senate noch eine Woche und vielleicht etwas darüber her- umstreiten, ob er seine verfassungsmäßigen Befugnisse überschritten oder nicht. In der großen Masse des Volkes ist man mit der Sache fertig. Wenn er sie nicht überschritten hat, sagt man sich, so hat er sie doch einseitig und zwar gegen den Geist der Ver- 'assung gebraucht, d. h. gemißbraucht. Daß eine Executive aber ihre Befugnis so rücksichtslos bis auf das Aeußerste ausdehnt, ist eine Gefahr für die Freiheit, und deßhalb — fo schließt man weiter — ift es nothwendig, Johnson zu verurtheilcn und zu beseitigen.
Redaetion, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


