Politische N n n - s ch er n
Gießen, den 17. Mai. (Sitzung des Gc- meinteraths vom 14. Mai.) Der Gemeinde« rath beschließt, den Nachtwachendienst unter den vorliegenden Verhältnissen bei seiner seitherigen Einrichtung vorläufig belassen zu wollen.
Die Frage ter Berechtigung des Staats zur Erhebung von 10 pCl. der Waagegebühr wird bas rechtskundige Mitglied des Gemeinderaths einer Prüfung unterwerfen und in nächster Sitzung darüber Bericht erstatten.
Der Gemeinderath erklärt sich in Betreff der II. Classe der Stadtknabenschule bereit» unter den vorliegenden Umständen den DicariatSgehalt von 400 fl. vorerst noch fortbezahlen zu lassen. — Auf die Eingabe des Dr. König» uno Christian Haubach vom Heutigen beschloß der Gemeinberath gegen die Verfügung des Großh. Kreisamts, welche seine Bestimmung der Baulinie anchebe, mündliche Vorstellung zu machen, und nach der ertheilt werdenden Antwort weitere Schritte zu thun.
Bei dem äußerst ungünstigen Ausfall der Versteigerung für die Arbeit Der Umpflügung des neuen Theiles des Exerzierplatzes ermächtigt der Gemeinderath den Großh. Bürgermeister, solche nach seinem Ermessen im Einzel-Taglohn ausführen zu lassen.
Dem Kaufmann Labroiffe soll gestattet werden, einen Abweiser zu setzen uno den stäDtischen Canal auf etwa 10' zu bedecken, jedoch nur nach der Anweisung, die ihm von der Bürgermeisterei ertheilt wird, und gegen Ausstellung des geeigneten Reverses.
Die übrigen Beschlüsse betreffen persönliche Angelegenheiten.
K Gießen. Am 16. d. M. starb in Darmstadt der Candidat der Theologie unv Vorsteher des rühmlichst bekannten Hofmann'schen Instituts, Emil Davidsohn. Den Bewohnern unserer Stadt ist derselbe bekannt als zeitweiliger Lehrer an der I. Classe der höheren Töchterschule, sowie an der hiesigen Privat Mädchenschule. Der gediegene Charakter, der feine, stets in einnehmendster Weise auf's Ideale gerichtete Sinn, die schönen Erziehungsresultate des Entschlafenen sichern ihm namentlich im Kreise seiner früheren Schülerinnen beider Anstalten, der öffentlichen und privaten, ein bleibendes Andenken. Ihnen besonders sei diese Anzeige gewidmet.
Berlin, 9. Mai. Von dem Vorsitzenden des Bunvesrathes ist heute Morgen der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Besteuerung des Tabaks, nebst den Motiven dem Zollparlament zur Beschlußnahme vorgelegt worden. Der Präsident schlägt vor, die 14 Paragraphen, aus denen der Entwurf besteht, verlesen zu lassen und alsdann über die geschäftliche Behandlung des Entwurfs zu beschließen. Er schlägt vor, denselben einer Commission von 14 Mitgliedern zu überweisen.
Präsivent des Bundeskanzleramts Delbrück. Insofern eS für die Beschlußnahme der geschäftlichen Behandlung der Vorlage über die Tabaksbesteuerung von Interesse ist, nehme ich keinen Anstand zu bemerken, daß morgen, spätestens übermorgen, eine Vorlage, betreffend die Revision des Zolltarifs, dem Zollparlamente zugehen wird.
Abg. Twesten. Die Verhandlung über die ge- schäftliche Behandlung der eben in Aussicht gestellten Vorlage könne unmöglich getrennt werden von der geschäftlichen Behandlung über Die Tabaksvorlage. Er beantrage, jeve Beschlußnahme über Die heute eingegangene Vorlage so lange auszusetzen, bis nicht nur diese, sonvern auch Die heute in Aussicht gestellte gedruckt in Den Händen der Mitglieder seien.
Das Haus entscheiDet sich mit großer Majorität für den Antrag des Abg. Twesten, den Druck der Vorlage zunächst abzuwarten.
Es wurde darauf die Generaldiscussion über den Handelsvertrag mit Oesterreich eröffnet und derselbe mit 246 gegen 17 Stimmen angenommen.
Berlin, 12. Mai. (Zollparlament.) Gegenstand Der Beschlußfassung in der heutigen Sitzung des Zollparlaments ist die geschäftliche Behandlung 1) des Gesetzentwurfs, die Besteuerung des Tabaks betreffend; 2) Des Gesetzentwurfs, betreffend die Ab- änDerung Des Vereinszolltariss vom 1. Juli 1865. Der PräsiDent schlägt, nach den Erfahrungen der letzten Tage, für beide Vorlagen die Vorberathung im Plenum vor, und er bemerkt, daß er, wenn das Haus zustimme, mit der Vorlage ad 2 beginnen werde. Abg. Hagen wünscht Die Ueberweisung beider Vorlagen an eine zu wählende besondere Commission von 21 Mitgliedern. Dem ZollbundeSrath solle die Befugniß zu Steuerremissionen ertheilt werden, die sonst nur durch ein Gesetz hätten bewilligt wer- den können; außerdem solle der Nation eine Mehrbelastung von 2 Millionen auferlegt werden. Da
sei um so mehr eine gründliche Vorberathung nöthig, als auch das Budget Des norddeutschen Bundes noch nicht vorgelegt fei. Abg. Aegidi schließt sich dem Vorschläge des PräsiDenten an, doch wünscht er, daß die Vorlage wegen der Tabaksteuer zuerst zur Bera- thung gestellt werde und die Schlußabstimmungen über beide Vorlagen zuletzt zusammen vorgenommen werde. Abg. Krieger schließt sich in Allem dem Präsidenten an. Abg. v. Mo hl will zuerst die Vorlage wegen der Tabakssteuer zur Berathung ge- stellt, dieselbe dann aber auch sofort durch Abstimmung erledigt wissen. Abg. Twesten schließt sich einfach dem Vorschläge des Präsidenten an. Den Gegnern der Erhöhung der Tabakssteuer werde dadurch in keiner Weise präjudicirt. Er selbst müsse gestehen, daß er nochmals eine Steuervorlage so motiviren gesehen habe, wie diese Vorlage motivirt sei. Diese Motivirung heiße nichts Anderes, als daß die Regierungen in der Lage seien — mehr Geld gebrauchen zu können. Aber eben weil dem so, dürfe die Tabakssteuer auch nicht zuerst, sondern erst zuletzt an die Reihe kommen. Abg. Waldeck schließt sich dem Abg. Hagen an. Es handle sich um die Einführung von zwei neuen Steuern, um Vie Einführung der Petroleumsteuer und um die Erhöhung Der Tabakssteuer. Da könne man nicht gründlich genug zu Werke gehen. Abg. v. Hennig schließt sich dem Präsioent-n an. Nachdem man den österreichischen Handelsvertrag einmal durch Vorberathung erledigt habe, Dürfe man für die geschäftliche Behandlung der gegenwärtigen beiden Vorlagen keine andere Form wählen. Abg. Dr. Schäffle schließt sich ebenfalls den Vorschlägen des Präsidenten an, doch wünscht er, daß die Tabakssteuer zuerst zur Berathung gestellt werde. Abg. v. Vincke erklärt sich entschieden gegen die Wahl einer Commission. Gerade die Wichtigkeit der Vorlagen erfordere die Behandlung der Sache im vollen Lichte der Oeffentlichkeit. In Der Reihenfolge gebühre der Tarifreform die Priorität, weil zuerst Die Minderausgaben seftgestellt fein müßten, bevor von der Beschaffung der Deckung die Rede sein könne. Mit Rücksicht auf die süvDeutschen Abgeordneten wünsche er aber, baß der Tabakssteuer in der Rei- henfolge der Behandlung die Priorität eingeräumt werde. Abg. Dr. v. Schweizer schließt sich dem letztem Wunsche an. Abg. v. Neurath: Die SüvDeutschen wünschten dringend, daß die Vorlage wegen der Tabakssteuer zuerst zur Verhandlung gestellt werde. Abg. Bamberger: Man solle doch nicht ewig unterscheiden zwischen südveutschen und norddeutschen Abgeordneten; im Parlamente säßen nur deutsche Abgeorvneten. Der Antrag Hagen wird abgelehnt und der Vorschlag des Präsidenten angenommen. In Bezug auf die Frage der Priorität beschließt das Haue, daß die Vorlage wegen der Tabakssteuer zuerst zur Verhandlung kommen soll. Der Präsivent bemerkt hierauf noch, vaß die Vorberathung im ganzen Hause am Freitag beginnen soll und schließt dann die Sitzung.
Berlin, !5.Mai. (Zollparlament). Tages- orvnung: Vorberathung über Die Tabakssteucrvorlage. Es werden Abänderungsanträge von Runge, Hagen, Krieger, Fabricius, Twesten und Schleiven eingebracht. Zur Generalvebattc haben sich 35 Revner gegen die Vorlage gemelvet. Gumbrecht erklärt sich für Die Vorlage und sagt, die Erhöhung einer Pro- ductionssteuer vermindere den kolossalen Tabakschutzzoll. Der Entwurf sei ein Compromrß der Regierungen, dem man nicht schroff entgegentreten solle. Er gibt den directen Steuern den Vorzug. Der Tabak sei Das beste Object zu birecter Besteuerung, weil er bis jetzt in Deutschland geringer als in Eng- land und Frankreich besteuert sei. Weber spricht gegen die Vorlage und bemerkt, der Gesetzentwurf erhöhe den Schutzzoll, statt ihn zu vermindern. Metz spricht gegen die Vorlage. Die Steuer ohne Rücksicht der Qualität des Tabaks bevrücke nur den ärmeren Mann. Sie sei unklug, weil sie einen ohnehin schon bevrängten Theil Deutschlands belaste. Die Annahme wäre ein moralischer Nachtheil, welcher nicht durch Millionen gut zu machen wäre. Wedemeyer spricht für Die Vorlage, indem Dieselbe einen Artikel besteuern wolle, welcher nur ein Luxus und eine schädliche Gewohnheit sei. Twesten motivirt sein Amendement. Der Bunvescommissär Michaelis führt aus, Die Steuerverträge und die Zollerträge müßten Schritt halten mit der Entwickelung der Bevölkerung. Die Tarifsermäßigungen betrügen schon fünf Millionen. Von allen besteuerungsfähigen Gegenständen sei der Tabak am wenigsten besteuert. Schloer spricht für die Vorlage. Bebel spricht gegen die Tabakssteuervorlage. Bei Errichtung des
Nordbunves habe man eine Verminderung Der Lasten in Aussicht gestellt und nun bringe man den Süddeutschen als Morgengabe eine Mehrbelastung. Schleiden spricht für, Cramer gegen die Vorlage, worauf der Schluß der Generaldebatte und der Sitzung stattfindet. — Die Mehrheit der nationalen Fraktion des Zollparlamens hat Tweften's Antrag angenommen, wonach die Tabakssteuer pro Morgen 6 Thlr. anstatt der von der Regierung vorgeschlagenen 12 Thlr. betragen soll, und beschloß, bei einer geforderten Zollerhöhung von 4 bis 6 Thlr. für den Centner fremden Tabaks, abzulehnen.
Berlin, 16. Mai. (Zollparlament.) Bei der Specialdebatte über die Tabakssteuervorlage stellt Luxburg den Antrag, tie Verjährungsfrist für Strafen auf zwei Jahre anstatt fünf Jahre zu fixiren. Der Regierungscommissär Scheele bekämpft Die Resolution Schleiden's, welcher die Vorlage eines anderweitigen Tabakssteuergesetzes verlangt, sowie Die Vorlage des Entwurfs eines neuen Vereinszolltarifs bei dem nächsten Zusammentritt des Zollparlamentes. Der Regierungscommissär sagt, ein anderweitiges Steuersystem sei unthunlich. Die Befürchtung, vaß das jetzige System ein Monopol hecheiführe, sei unbegründet. Es sei jetzt nur die Aufgabe, das richtige Verhältniß zwischen Der Besteuerung des inländischen und dem Zoll des ausländischen Tabaks zu finden. Vincke (Olbendorf) spricht für die Vor- läge, Bissing gegen dieselbe, besonders mit Hinweis auf Baden, das 40,000 Morgen Tabak jährlich bebaue uno Dem mit Annahme der Vorlage eine große Benachtheiligung drohe. Es fei bedauerlich, daß die badische Regierung selbst nicht gegen jede Tabakssteuer aufgetreten sei. Der badische Regierungscommissär vertheidigt die badische Regierung. Meyer aus Bremen spricht gegen die Vorlage. Die Steuer treffe den Consum und sei nur nominell eine Pro- ductionssteuer. Der Schritt fei zu plötzlich. Die Wertbverhältnisse seien anders geartet, als die Regierungsvorlage sie schilverc. Bei der Abstimmung wird das Amendement Schleiven, welches Den Ein- gangszoll auf unbearbeitete Tabaksblätter, unter Aus- schluß Der Tabakssiengcl, beschränkt, abgelehnt. Der Antrag Stumm's auf einzelne Herabsetzungen wirv mit 259 gegen 31 Stimmen abgelehnt. Der Antrag Twcsten's, welcher den Eingangszoll in Wegfall zu bringen vorschlägt, wird mit 167 gegen 131 Stimmen angenommen. Der Antrag Des Grafen Solms-Laubach, welcher für alle Flächen unter drei Quadratruihen Steuerfreiheit verlangt, wird angenommen. — Der Kronprinz erschien während Der Abstimmung über Twcsten's Antrag in Der Hosioge.
Wien, 13. Mai. Am 22. d. M. wirv Der Kai- (er nach Prag abreisen unD auf dieser Reise von Dem Minister-Präsidenten Fürsten Auersperg und von Dem Minister des Innern Dr. Giskra begleitet fein. Es ivtrD bei dieser Gelegenheit der Versuch gemacht werden, um die Czechenführer zu veran- lassen, aus ihrer ziellosen Opposition herauszutreten U'v Die neue staatsrechtliche Form anzuerkennen. Der böhmische Landtag wird einberufen und den Czechcn- siihrern Gelegenheit geboten, in legaler Weise einzulenken. Wichtige materielle Zugeständnisse, welche dem Lande neue Quellen des Wohlstandes eröffnen werden, stehen unmittelbar bevor, unD der Kaiser persönlich nimmt Vas Bermiillungswerk in Die Hände. Verharren Die Czechenführer allem dem gegeüber auf Dem Standpunkte D r Negation, erscheinen sie auf dem Landtage nicht, dann ist Vie Regierung ent« schloffen, sofort Die directen Wahlen zum Reichsrath auszuschreiben, die, wie man zu hoffen berechtigt ist, jedenfalls ein befrievigendes Resultat liefern werden. Die Opposition, wie sie gegenwärtig in dem czechi« schen Theile Böhmens besteht, ist zum größten Theile eine künstlich gemachte, das hat sich neuestens aus Anlaß der von Prag aus arrangirten Steuerprotefte deutlich genug herausgestellt, und es ist kein Zweifel, daß das Volk, wenn es über Vie Tendenzen der Prager Clique aufgeklärt wirv, von jener Politik ter Verzweiflung nichts wird wissen wollen, welche die Führer, deren Tendenz dahin geht, jeden Anlaß zur Verhetzung des Volkes zu benutzen, um dasselbe nie zur Ruhe und besonnenen Ueberlegung gelangen zu lassen, befolgen.
Kopenhagen, 15. Mai. Es wird versichert, daß die Verlobung des Kronprinzen von Dänemark mit der Prinzessin Louise von Schweden nunmehr entschieden fei. Der Kronprinz wird sich nach seiner Rückkehr hierher zur Verlobungsfeier nach Stockholm begeben. Die Vermählung wird im nächsten Jahre stattfinden.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr- Chr- Pietsch) in Gießen.


