Politische Rundschau
Darmstadt, 5. Juni. Die „Darmst. Ztg." wiederholt in einem halbamtlichen gegen die „Nordd.
3tg." gerichteten Artikel, durch Annahme des Bamberger'schen Antrags habe das Zollparlament seine Kompetenz überschritten, indem jener Antrag nicht auf die Verwirklichung des Artikels V, sondern gegen das System der indirecten Steuern Hessens gerichtet gewesen sei. Die Regierung stelle sich air den Standpunkt des Vertrags. Last Hr. v. Warn- boldt Regierungscandivat gewesen, wird in Abrede gestellt. — Die Kammern werden um die Mitte dieses Monats auf einige Tage zusammentreten, um das Militärbudget zu erledigen. Die gemeinschaftlichen Sitzungen der Finanzausschüsse beider Kam- mein beginnen am 10. c. M.
Sßtmpfctt, Hier wurde in voriger Woche beim Graben eines Fundaments auf der Bahnlinie von mehreren Arbeitern ein Knochen zu Tage gefvr- vcrt, den Sachverständige sofort als einen Stoßzahn eines Mammuths erkannt haben. Dieser Zahn wiegt 170 Pfund, ist 3' 7" hessisches Maß lang und noch ganz gut erhalten.
Berlin, 5. Juni. Die vereinigten Cominissto- nen für Handel und Gewerbe, Zölle und Finanzen haben Bericht erstattet über einen von der Regie, rung vorgelegten Vertrag zwischen dem nordveut- schen Bunde und dem Großherzogthum Hessen, die Besteuerung des Biers und Branntweins betreffend, und über einen Gesetzentwurf über die Besteuerung des Biers und Branntweins für den zum norvdent- schcn Bunde gehörenden Theil des Großherzogthums Hessen. Der Zweck des Gesetzentwurfs ist eine gleiche Besteuerung herbeizuführen, und da Südhessen be- kauntlich nicht Bundesgebiet ist, so war hierfür ein besonderer Vertrag erforderlich. Mit Ausnahme von drei Paragraphen ist die Vorlage von den Commis« stonen unverändert angenommen unv der Antrag gestellt worden, den Gesetzentwurf auch auf die beiden Mecklenburg, auf Lauenburg, Lübeck unv dessen Ge- bietstheile, sowie auf die noch in die Zolllinie zu ziehenden preußischen und hamburgischen Gebiets- thcile auszudehnen. — Es verweilt zur Zeit der hessen-darmstädtische Rath Schleiermacher hier, welcher mit dem Geheimerath Heise, als Commissär der diesseitigen Regierung, wegen Nebertragung des Betrie- bes auf der Main-Weser-Bahn an Preußen verhandelt. Es ist dem Vernehmen nach aus den Verhandlungen bis jetzt das Ergebniß hervorgegangen, daß die Hessen - darmstädtische Regierung der unsrigen den Betrieb auch auf ihren Strecken überläßt, wogegen sic an den Reinerträgen der Bahn nach Verhältniß der Höhe des von ihr verwendeten Baucapitals partieipiren soll. — Die königliche Ordre in Bezug auf die Feststellung eines Termins für die straffreie Rückkehr der hannöverischen Ligionäre, welche ihrer Dienstpflicht noch nicht genügt, catirt vom 30. Mai und bezeichnet den 1. Juli, als den äußersten Zeitraum, bis zu dem die Rückkehr straffrei erfol- gen soll.
Berlin, 5. Juni. Die „Kreuzzeitung" thcilt bezüglich ces Gesundheitszustandes des Grafen Bis- marck das Urtheil seines Arztes mit, nach welchem der Graf an einer hohen Nervenabspannung leide unv einer vollständigen Zurückgezogenheit und Ruhe bedürfe. Die hinzugetretene Rippenfellentzündung sei zwar beseitigt, ein Fernhalten von den StaatSge. schäften jedoch unter allen Umständen erforderlich. — Im Reichstage ist der Antrag des Abgeordneten Reincke, wonach der Reichstag die Berechtigung er» fallen soll. Untersuchungscommissionen einzusetzen unv die Behörden gehalten sein sollen, diese Commissionen zu unterstützen, abgelehnt worden. Es sprachen dagegen Twesten und Lasker; dafür Waldeck, Hoverbeck und Reincke.
Berlin, 6. Juni. (Reichstag.) Bericht der Geschästsvrdnungscommission. Die Anträge der Commission werden mit dem Amendement, welches die Aufstellung von Rednerlisten durch das Loos besei» tigt, und den englischen Parlamentsgebrauch der Wahl der Redner durch den Präsidenten einführt, angenommen. Montag findet die Vorberathung über das Budget statt. — Der „Staatsanzeiger" sagt, der Bundesrath hätte den Gesetzentwurf des Reichstags, die privatrechtliche Stellung der Erwerbs - und Wirth- schaftsgenossenschaften betreffend, an die Civilprozeß- eommission verwiesen.
Berlin, 7. Juni. Die Regierung wird dem Reichstage voraussichtlich schon Dienstag Vorlagen machen, worin sie eine Anleihe zu Marinezwecken unter der Bedingung verlangt, daß die preußische Finanzverwaliung die Controle ausübe. Die Majorität des Reichstags ist der Vorlage, bereits durch die Fraetionsberathungen gesichert.
Berlin, 8. Juni. In der heutigen Reichstags, litzung sprachen ferner Gumbrecht unv Schultze, um Vie Haltung der liberalen Partei bei 6er Berathung des Bunvcsschulvengesetzes zu vertbeikigen. Fries erklärt sich für Erhöhung der Matneularbeiträge zur Deckung der Marinebedürfuisse. Camphausen spricht für Verständigung in 6er Marinefrage. Die Generaldebatte wird geschloffen. — Der Bundesrath genehmigte den Antrag seines Ausschuffes, den Bundeskanzler zu ersuchen, er möge einen Entwurf eines gemeinsamen Strafgesetzbuches und einer gemeinsa- men Strasprozeßordnung für die Staaten vcs norddeutschen Bundes ausarbeiten lassen und dem Bun- desrathc ju weiterer Beschlußfassung vorlegen.
Berlin, 8. Juni. Im Reichstag wurde die GeneralViseufsivn über das Budget eröffnet. Ge- genüber verschiedenen Anträgen erklärte Delbrück, das Bundesgesetz, betreffend die Bundesrechnungsbehörde, werde demnächst vorgelegt werden, ebenso die drin- geudsten Bestimmungen aus dem Bundesbeamtengesetz. Bezüglieh der Marinebeschränkung habe die Re- gierung verfahren müssen, wie sie verfuhr, der Weg der Anleihe sei dringend geboten gewesen. Uebri- gens 1)fttten die Bundesregierungen die äußerste Fürsorge . für die Entwickelung der Marine. Die Ge° neraldiSeussion wurde geschlossen. Morgen Beginn der Speeialdiseussion. — Der König dürfte in Folge einer Einladung wohl in nächster Zeit auf einige Tage das Schloß Fürstenstein in Schlesien besuchen- Ueber die weiteren Reisepläne des Königs läßt sich zur Zeit noch nichts Bestimmtes sagen, unv namentlich muß es noch vahin gestellt bleiben, ob derselbe sich in Ems oder Karlsbad einer Kur unterziehen werde. Das Befinden des Grafen Bismarck schreitet in recht erfreulicher Weise fort und namentlich neh. men die rheumatischen Affectionen ab.
Hochheim, 31. Mai. Blühende Trauben sind heute in allen Lagen unserer Gemarkung anzutreffen, über welche der bekannte aromatische Traubenblüthen- geruch hinduftet. Binnen vier Tagen sind sie verblüht — eine Erscheinung, die seit 1834 noch nicht va war. Am 1. Mai waren sämmtliche Reben noch blind und heute allgemeine Traubenblüthe!
Kiel, Wie man hört, wird die projeelirte stärkere Befestigung des Hafens von Kiel bald fortgesetzt werden. Die dort schon zu Stande gekommenen Armirungen bestehen der Mehrzahl nach aus 72- Pfündern von gezogenem Gußstahle, doch sollen noch 96-Pfünver zugefügt werden. Weiterem Vernehmen nach würden auf dem holsteinischen Ufer zwei Forts angelegt werden, um die vorhandenen Werke auch von der Landseite aus zu decken. Ein groß angelegtes Kirnwerk wird gleichfalls noch projeetirt. Ueberhaupt soll Kiel mit der Zeit, sowohl Stadt als Hafen, zu einer Festung ersten Ranges gestaltet werden.
Wien, 8. Juni. In der heutigen Sitzung des Unterhauses wurde der von der Minorität des Ausschusses gestellte Antrag, über den Gesetzentwurf be» züglich der Vermögenssteuer zur Tagesordnung überzugehen, mit großer Majorität angenommen. Ohne Debatte genehmigte sodann das Haus den Gesetz- entrourf, welcher die Erhöhung der Gebühren bei Gewinnsten der Staatslotterien auf 20 Proeent, bei Privatlotterieloofen auf 25 Proeent festgesetzt. — Das Abgeordnetenhaus nahm in feiner heutigen Sitzung nach langer Debatte folgende Resolution an: Die Regierung aufzufordern, zur Deckung des De- ficits im Jahr 1868 im Besteuerungswege geeignete Vorlagen ungesäumt zu machen. Zur Deckung des DesieitS der folgenden Jahre möge die Regierung Gesetzvorlagen betreffs Reform der Directen Steuern, Erhöhung der Zuckersteuer und Einführung der Clas- senstcuer einbringen. Der Finanzminister verspricht ungesäumte Einbringung der betreffenden Gesetzvorlagen. — Prinz Napoleon machte heute in Beglei- tung des Kaisers eine Rundfahrt durch den Park von Schönbrunn und besuchte Abends vas Etablisse- ment Schwenver in Hietzing.
Rostock, 28. Mai. Aus dem in der Versammlung des Ausschusses der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger erstatteten Jahres- bericht pro 1867 ist Nachstehendes heröorzuheben. Die Mitgliederzahl betrug im Jahre 1867 14,800 gegen 12,692 im Jahre 1866. Von jenen befanden sich in Cartes-Vereinen 38, in Küstenbezirks- Vereinen 9142, in Binnenbezirks-Vereinen 3938, in Vertreterschaft en 1658, vereinzelte Mitglieder 24. Die Beiträge beliefen sich auf 16,922 Thalcr. Das Verwaltungswesen der Gesellschaft hat eine Ausgabe von 5794 Thalcr erfordert. Jin Ganzen sind bis 24 wohlausgerüstete Stationen hergestellt, von denen 11 mit Böten und Geschoßapparatcn, 8 nur mit
Böten und 5 nur mit Geschossen versehen sind. Vvl. diesen Stationen aus wurden in 1867 128 Perso- neu gerettet, und zwar 79 zu Boot, 49 durch Rettungsgeschosse. Aus den Verhandlungen sind ,
besonders die Beschlüsse über das revidirte Statut bemerkenswerth, welches, 46 statt der bisherigen 16 Paragraphen umfassend, mit großer Mehrheit angenommen wurde.
Brüssel, 8. Juni. Nach hierher gelangten Nach, richten aus Nom soll Vas allgemeine Coneil am 8. September 1869 zusammentreten. Die päpstliche Ein- berusungsbulle wird die griechischen unv anglikanischen Bischöfe ermahmen, das Schisma zu verlassen.
Paris, 4. Juni. Marschall Niel hat die Corps- befehlshaber bevollmächtigt, den Militärs, welche händelsüchtigen Charakter over Neigung zum Trünke haben, auf unbestimmte Zeit Vas Tragen des Sei- tengewehrs außer Dienst zu verbieten. Diese An- vrdnung wird zum Frieden der Schenkstuben und Straßen beitragen. — Der Marschall Bazaine, welcher am 26. v. M. seine JnspeetionSreise durch seinen Militärbezirk, welcher die 11 nach Deutschland hin liegenden Departements umfaßt, beginnen sollte, hat vicselbe in Folge eines Unwohlseins erst heute angetreten. Die Garnisonen, welche in diesen De- partements liegen, bestehen aus 22 Infanterie-Regimentern, 5 Bataillonen Jäger zu Fuß, 10 Kavallerie - und 7 Artillerie-Regimentern und einem Regiment Genie, im Ganzen 70,000 Mann. Darin sind die Kranken und Beurlaubten nicht mit einbegriffen. Besonders viele Truppen liegen in den Departement der Meurthe (Meuse), 6er Mosel und vcs Niederrheines. Zwei Infanterie - und ein Ca- vallerie-Regiment liegen in Nancy, obgleich es eine offene Stadt ist, 12,000 Mann in Metz und in Thivnville zwei Regimenter, Vie dessen Einwohner- zahl verdoppeln. — Der Kaiser befinvet sich ernstlich unwohl. Zu der Erregung, in welche ihn der Tod feines Hundes Nero versetzt hat, sind noch rheuma- tische Schmerzen hinzugetreten.
Paris, 7. Juni. Dem Wettrennen, welches heute im Walde von Boulogne stattfand, wohnten der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz, sowie der Graf unv Vie Gräfin von Flandern bei. Den großen Preis von 100,000 Frcs gewann der „Earl," dem Marquis v. Hastings gehörig. Der Enthusias- mus unter ven Anwesenven war gering. — Der „Patrie" zufolge würde ven Vorschriften ves Kriegs- ministers bezüglich des Tragens der Waffen außer dem Dienst eine solche Ausdehnung gegeben werden können, daß „in Zeiten innerer Ruhe" alle Soldaten einer Garnison ganz ohne Waffen gehen würden.
Den 8. Der russische Botschafter wurde im kaiserlichen Gallawagen abgeholt und nach den Tuilerien gefahren, wo er um 1 Uhr Mittags Vein Kaiser seine Accreditive überreichte.
Türkei. Aus Constantinopel eingetroffene Te- legramnie bestätigen die Nachricht, daß Vie Looists G&idrale in Paris ver türkischen Regierung eine temporäre Anleihe von 400,000 L. bewilligt hat, und es verlautet, dieselbe sei auf 4 Monate zu 15 pCt. unv ohne besonvere Sicherheit contrahirt worden. In dieser Zeit könnte sich die ottomanische Regierung mit Muße nach einer großen Staatean- leipe um seh en, falls eine solche ganz unvermeidlich wäre. Einige Correspondenten sind der Ansicht, daß es noch eine Möglichkeit der Vermeidung gebe. Als Hauptgrund des Projccts habe der Umstand gegolten, daß der kretensische Krieg 3,000,000 L. verschlungen habe; es sei aber Grund zu glauben, daß Vie na- türliche Vermehrung der Staatseinnahmen und die in der allgemeinen Verwaltung eingeführte Spar- famleit eine allmählige Deckung der Rückstände ermöglichen werde, ohne eine Vermehrung der Staats- schulv nöthig zu machen.
Konstantinopel, 5. Juni. Der Vicekönig von Ägypten kam gestern Abend hier an und hat dem Sultan heute einen Besuch abgestattet. Er wird morgen nach Brussa abreifen.
Amerika. Der größte Weingarten der Welt ist der „Bucna Vista Vineyard" in Soyoma County in Kalifornien. Derselbe ist 6000 Acker groß, hat 272,000 Weinstöcke, die schon vor 1865 angepflanzt waren, unv 700,000, welche 1866 gepflanzt wurden. Im Jahre 1865 ergab die Traubenlese 42,500 Gallonen Wein, dann 60,000 Flaschen Schaumwein und 12,000 Gallonen Brandy. Mehr als 100 Personen sind beständig in diesem Etablissement be- chäftigt, die doppelte Anzahl aber zur Zeit der Weinlese. Nebenbei sind auch 8000 Obstbäume gepflanzt, und toiro eine beträchtliche Varietät Wein- trauben gezogen.
Redaetion, Druck und Verlag der Bruhl'schcn Druckerei (Fr- Chr. Pietsch) in Gießen.


