Feuilleton.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung)
In der Thal, man verliert sich zuweilen in Conjuncturen. Hatte sich dar Recept zu dieser Ananasbrühe im Gelaß einer alten Schicblade, in der Ritze eines Getäfels, oder hinter einem Spiegelrahwcn versteckt? War es der besondere Wille der Vorsehung, daß dies werthvolle Papierschnitzelchen aus der Zeit deS Direktoriums durch einen der Köche der edlen Pairskammer im Jahre der Gnade 1840 wiedergefunven ward? Fürwahr, wenn die Pairskammer sich durch nichts als durch diese Restauration ausgezeichnet hatte, dürfte sie doch auf die ewige Dankbarkeit der Feinschmeckcrwelt zählen, und man weiß, daß Frankreich diese Welt nicht ohne Einfluß und Bedeutung ist. Aber kehren wir zu unserem Mahle zurück!
Ein Goldfasan, ein Apfelsinen-Gel6e, durchsichtig wie Ambra, eine Straßburger Pastete, Pfirsichkuchen mit Xereswein, ein Salat ä la Chapsal, und ich weiß nicht wie viele Delikatessen reizten nach einander den Appetit der Gäste. Auch hatte der Gastgeber seinem Haushofmeister empfohlen, die ausgesuchtesten Weine dem Kellerschatze zu entnehmen. Es versteht sich, daß unser Offizier als wackerer Zechbruder seinem Wirthe und der schönen Bacchantin Bescheid that, so oft sic ihn ermunterten, sein Glas zu leeren. Ach, man trank herrlich unter dem Directorium! Es war die glückliche Zeit, wo Bacchus und Momus, mit Weinlaub gekrönt, sich die Hand gaben und durch die Stadt zogen, indem sie die Refrains von Colls und Bads mit der ganzen heiteren Sorglosigkeit zweier der Schule oder vielmehr der Revolution entronnenen Duzbrüder sangen.
Mittlerweile erschien das Dessert. Wir beabsichtigen nicht, hier den Küchenzettel zu geben. Sei es indessen bemerkt, daß man nach in Eis gestelltem Champagner einen Malagawein trank, welcher sicherlich aus der Regierungszeit des bourbonischen Königs Philipp V. datirte, und das war für eine Weinflasche schon ein recht vornehmer Adel.
Der Direktor BarraS hatte sich trotz seiner energischen Vorsätze von dem Duft der aromatischen Blume seiner Weingeister etwas betäuben lassen. Er rechnete auf die Geistesgegenwart, die Verschlagenheit und den scharfen Verstand der schönen Coraly — diese Frau betrank sich nie! — und er hielt sich überzeugt, daß es ihr gelingen würde, über den Rückhalt des EmiffairS zu trium- phiren und von ihm in einem Augenblicke des Selbstvergessens, wo das Herz mit der Zunge davongeht, wichtige Aufschlüsse für das Directorium zu erhalten.
Da Barras den Tag über viel gearbeitet und Abends mehr als viel ge- gessen und getrunken halte, wurde ihm das Haupt allmälig schwer, und sanft zwischen zwei Weinsoeten gewiegt, lehnte er sich ein wenig in seinem Sessel zurück, streckte die Beine aus, faltete tue Hände über dem Bauche, stützte den Kopf gegen den Sammet der Rücklehne und — schlief ein.
— Wie! sagte der Offizier mit halblauter Stimme, der große Mann schläft!
— Pst! antwortete Coraly nnv legte ihren zarten, rosigen Finger auf des Hauptmanns Mund. Wenn er so schläft, ist er sehr schlecht gelaunt, wenn man ihn ausweckt. Lassen Sie uns forlplauvern; unser Schweigen hätte die Wirkung eines Geräusches, cs würde Barras Schlaf stören. Nun, mein schöner Hauptmann, sagen Sie mir die Wahrheit, ich bitte Sie, was gedenken Sie in Paris zu thun? Ich interessire mich so lebhaft für Sie.
— Ich, versetzte der Offizier, fast besiegt von den Blicken der Bajadere, ich bin nach Paris gekommen, um dem Directorium Depeschen des Generals en Chef zu überbringen, welcher an Geld und Proviant Mangel leidet; und gleichzeitig bin ich hcrgekommen, um dir Republik die drei Roßschweife von Murad-Bey und die zwei Roßschweife von Ibrahim - Bey zu überbringen, zwei Wilden mameluckischen Kriegern, welche wir erst nach gewaltigen Schwertstreichen zur Vernunft gebracht haben.
— Das ist Alle» recht schön, erwiederte Coraly und legte ihre gefährliche Hand auf die des Hauptmanns; aber Sie geben mir keine Antwort. Also, lieben Sie ehrlich die Republik?
— Gewiß, ich verehre sie.
— Sind Sie ihr ebenso ergeben, wie Ihrem General en Chef?
— Beim Himmel, noch weit mehr, da mein General en Chef nur durch seine Aufopferung für sie groß ist.
— Und wünschen Sie nicht, daß eines Tages der General en Chef--
— Jn's Direktorium gelange? Nein.
— Aber zur Diktatur?
— Noch weniger.
— Und warum nicht, mein Hauptmann?
— Weil mein General viel Besseres als das zu thun hat.
— Sie drücken sich höchst unklar aus, mein schöner Krieger.
— Aber ich weiß recht wohl, was ich sage, meine reizende Sirene.
— Also haben Sie kein Vertrauen zu mir und befürchten vielleicht, daß ich Ihre Geheimnisse morgen früh diesem großen Schläfer verkaufe?
— Wenn etwas an Ihnen mir Furcht erweckt, meine schöne Versucherin, so ist es sicherlich nicht Ihre Perfidie — es sind Ihre prächtigen dunklen Augen mit dem feuchten Glanze.
— Wahrhaftig! Sie könnten mich also wohl lieben?
— Nein, Fräulein.
Nicht? Wissen Sie, daß manche Herren weniger bedenklich wären?
— Wer möchte das Gegentheil behaupten, Coraly? Ich zweifle nicht, daß Sie alle Männer außer Einem erobert haben.
— Und dieser Eine?
— Bin ich.
— O, Bösewicht! sagte Coraly, ihre Hand förtnehmend und ihre Augen mit derselben bedeckend.
— Haben Sie Kummer, mein Fräulein? fragte der Offizier.
— Ja, antwortete Coraly, ernstlich aufgeregt. Ja — Sie haben mir sehr wehe gethan! — Haben Sie einen Bleistift und ein Blättchen Papier?
— Hier ist ein Blatt aus meiner Schreibtafel und ein Stift.
Coraly schrieb hastig drei Zeilen, welche sie dem Osfizier zu lesen gab.
— Wirklich? sagte dieser erstaunt, aber als tapferer Held sich schnell entschließend, sprach er: Wohlan, es sei!
Coraly legte vorsichtig das von ihr beschriebene Blatt auf ein Glas vor dem schlafenden Barras. Dann stand sie leise auf, legte ihren Finger an de» Mund und blickte auf den Offizier, der sich eben so geräuschlos erhob.
Beide waren jung und gewandt genug, um so leise wie zwei Elfen über den parquettirten Fußboden zu schreiten. Drei Minuten nachher rollte rin Wagen im scharfen Trabe aus dem Hofe des Palastes Klein-Luxembourg.
Nach Verlauf einer Viertelstunde erwachte der Director. Sein erstes Lebenszeichen war ein lautes Gelächter. Er glaubte, seine ausgelassenen Gäste hätten sich einen muthwilligcn Spaß gemacht.
— Wo mögen sie sich versteckt haben, die jungen Thoren? fragte er sich.
Plötzlich erblickte er das Billet auf seinem Glase. Er ergriff es und las die Worte:
„Sie schlafen wie der olympische Jupiter. Ihren Schlaf stören, hieße die Weltordnung stören. Wir entfernen uns respektvoll. Dank für das tresfliche Abendessen! Der Offizier ist entschieden eine Sphinx, und ich bin kein Oedipus — aber (ich muß es bekennen — weßhalb haben Sie mich der Gefahr ausgesetzt?) ich liebe diese furchtbare Sphinx und habe sie entführt."
— Tod und Teufel! schrie Barras, roth vor Zorn, und zerschlug mit einer Bewegung seines silbernen Messers eine Crystallschale.
Zwei Lakaien stürzten auf dies Getöse herbei. Barras wollte einen strengen Befehl crthcilcn — er besann sich.
— Schon gut! sagte er. Ich will zu Bette.
In sein Schlafzimmer tretend, noch unschlüssig, ob er sein Abenteuer belachen oder sich darüber ärgern sollte, murmelte der Präsident des Direktoriums vor sich hin:
— Der König Franz I. hatte, Gott verdamm' mich, recht:
„Veränderlich sind alle Frauen,
Und Narren sind's, die ihnen trauen."
— Ich bin einmal geleimt! fügte er hinzu, indem er seine Manschetten zerriß. Nun — guter Rath kommt vielleicht über Nacht!
(Fortsetzung folgt.)
Politische Rundschau
Darmstadt, 6. Juli. Das Bezirksgericht in Mainz am 3. Juli ein Urtheil gefällt, welches mit Recht großes Aufsehen erregt. Prediger Czerski wurde nämlich wegen Herabwürdigung der katholischen Religion, die in einer bereits vor Jahren er- schienenen Schrift enthalten sein soll, zu 6 Monaten CorrecticnShaus und 100 Gulden Geldstrafe verur- theilt. Nach der „Hess. Voltsbl." soll das Urtheil gar auf 8 Monate lauten. — In Folge des furchtbaren Hagelschlags im Vogelsberg ist den davon betroffenen Gcmcinven ein Steuerniederschlag bewilligt.
Kassel. Aus hiesiger Stadt wird der „Volkszeit." nritgetheilt, daß hier allgemeine Unzufrieden- heit herrsche über verschiedene Polizeimaßrcgeln, namentlich über eine unerhört strenge Sonntagsfeier, die sich bis in das Innere der Häuser erstreckt. Das unglaublichste leistet aber eine am 22. Juni 1868 dahier erlassene (vom „Franks. Beobachter" mitgetheilte) Verordnung, welche bestimmt, baß jeder Wirth mit 3 Thalern Geldbuße oder entsprechendem Gefängniß zu belegen sei, der bei den polizeilichen Anmeldungen zu bemerken unterläßt, ob ein bei ihm lo^iren- der Gast ehelich oder unehelich geboren ist. Die Wirthe sind in Verlegenheit, weil sie glauben, daß sie nicht jedem Gast die Frage vorlegen könnten: ftvb er ehelich oder unehelich geboren ist." Man
könnte die ganze Nachricht. für apogryph halten, wenn sie nicht von Kasseler Blättern selbst bestätigt würde.
München, 7. Juli. Die „Süddeutsche Presse" beharrt, dem von Stuttgart ausgegangenen Dementi gegenüber, darauf, daß die baie'rische Regierung die Bildung einer süddeutschen Militärcommission vorgeschlagen habe. Das Blatt spricht die Vermuthung aus, daß diesem Dementi ein Uebelwvllcn der wür- tembergischen Negierung zu Grunde liege.
Stuttgart, 5. Juli. Bei einer Wählerver- sanunlung in Weikersheim hielt Staatsrath Mitt- nacht eine Rede, in welcher er hinsichtlich der deutschen Frage eine sütbündlerische Staatenbildung verwirft; Würtembeig müsse abwarten, wie sich die Dinge gestalten würden. Aus Nordteutschland werde entweder ein Einheitsstaat, oder Preußen müsse feine Annexionspolitik verlassen und den Süddeutschen ein wahres BunceSvcrhältniß proponiren, wonach eine nationale Einigung unter annehmbaren Bedingungen erfolgen könne. Um in Sicherheit warten zu kön- neu, sei cs nothwendig, daß Volk und Regierung zusammengehe, weßhalb die Bestrebungen der De- mokratic gefährlich feien. Hoffentlich werde Wür- temberg da» Parteitreiben und die Ausschreitungen der Presse nicht einstens büßen müssen.
Konstanz, 6. Juli. Gestern sind dir Tscheche» in Lindau angekommen und haben daselbst übernachtet. Dem Programm gemäß langen sie heute per Dampfboot hier an und begeben sich in feierlichem Zug nach dem Huß-Stein. Hier hält Sladoweky eine tschechische, Leger aus Paris eine französische und Fritsch aus Berlin eine deutsche Rede; dazwischen werden Lieder gesungen; dann findet ein Festmahl, wahrscheinlich im Conciliumssaalc statt. AbendS 7 Uhr erfolgt die Abfahrt nach Romanshorn und von da nach Zürich. Es scheint, daß nicht mehr «IS 150 bis 200 böhmische Gäste kommen.
Wie«, 7. Juli. Die „Wiener Zeitung" publi- zirt die kaiserliche Sanktion der Gesetze, betreffend: die Durchführung der birectcn Wahl n für da« Abgeordnetenhaus, die Ermächtigung des MinisteriumS zur provisorischen Abänderung ter iLiatuten der Nationalbank und die Ermächtigung des Minlsierium» zu einem Uebereinkommen mit dem ungari>chen Ministk- rium wegen Ausprägung neuer Scheidemünze.
Paris, 5. Juli. Im gesetzgebenden Körper sagte Rouher in Antwort aus die Rede von JuleS Favre: „Wir haben in Bezug auf Deutschland fein? Einheit zum Prinzip genommen. In den Fragen, welche die unseren Grenzen nächstliegenden Theilr bewegen, haben wir das Prinzip der nationale»


