Ausgabe 
9.12.1867
 
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Rundschau.

Gießen. Unser letzter im Mai erstatteter Bericht mel­dete unfern Lesern die im August stattsindenden Wahlen zum ersten ordentlichen Reichstag« des norddeutschen Bun­des, nachdem kur; vorher in allen norddeutschen Bundesstaaten die Bundes-Verfassung als Gesetz pnblicirt war. (Bereits im Juli unseren Lesern im Wortlaut mikgetheilr.) Der Reichstag trat demnach im September znsannnen und genehmigte die vom Bundeskanzler, Grafen Bismark, vorgelegten Gesetz­entwürfe über den Bundeshaushalts-Etat, über die Verpflichtung zum Kriegsdienste, über die Freizügigkeit, das Postwesen, den Portotarif, das Paßwesen, die Besteuerung des Salzes, die Rationalität der Kauffartheischiffe, die Ausblldung der Kriegs- Marine und der Küstenvertheidiguiig, über die vertragsmäßigen Zinsen und die BundcS-Consulate. Der norddeutsche Bund schreitet sonach in seiner friedlichen Entwicklung sicher und auf festen Grundlagen weiter, es erübrigt nur noch, daß anch die süddeutschen Staaten in ein engeres Bündniß mit dem Norden treten. Hierzu sind in erster Linie die Schutz- und Trntzbünd- nisse des Rordens mit den südlichen Staaten, sowie die Neu­gestaltung des Zollvereins angethan. Diese Verträge liegen jetzt den Landständen von Württemberg und Bavern vor, nach­dem bereits in Baden und Hessen dieselben landständisch ge­nehmigt worden sind und sobald dieselbe» allseitige Genehmigung erhalten haben, werden sie von den Regierungen ratisicirt n»d mit Preußen, der Präsidialmacht des Bundes, ausgetauscht. Dbgleich in Württemberg und Bayern die ersten Kammern Klauseln und Bedingungen an diese Verträge knüpfen möchten, so ist doch der gesunde und für das materielle Wohl des Lan­des bedachte Sinn der ganzen süddeutschen Bevölkerung ent­schieden gegen ein solches Gebühren der ersten Kammern und Massen-Depntationen aus allen Städten Bayerns nnt Würt­tembergs bestürmen ihre Regierungen zur Fortsetzung deö Zollvereins mit dem Norden. In letzter Stunde haben denn anch die Majorität der ersten Kammer» dieser»dcr sich für Annahme der Verträge erklärt und diese somit rechtsgültige Kraft erlangt. Es steht demnach der Ausführung der genann­ten Verträge nichts mehr im Wege, denn die zweite» Kammern haben bereits schon vorher ihre Zustimmung dazn ertheilt. Das wohlthätige Institut des Zollvereins ist ans eine weitere SReifye von Jahren hindurch gesichert und die Schutz- nnd Trutz­bündnisse sind dazu abgeschlossen, Deutschland als eine große Lischt dem Auslande gegenüber hinzustellen. Nur dadurch kann sicki das Vertrauen und der Wohlstand wieder heben, wenn Deutschland achtunggebietend dasteht und jeder Feind des Vaterlandes wird sich hüten, dasselbe anzutasten; die Bedin- gutigeii des Friedens werden dnrch die Furcht dietirt.

I» Oesterreich schreitet der innere Ausbau der Verfassung in schönster Weise vorwärts und wenn anch einzelne Fragen, namentlich die Concordatsfrage, eine gewisse Gewitterschwüle hervorbringen, so scheitern dennoch alle Versuche, den Kaiser ans den alten nnd für Oesterreich verderblich gewordenen Weg zurückzubringen, an deffen ritterlicher Festigkeit und an der Energie des Reichskanzlers Benst und des Reichstags. Ob­gleich Viele an den unlängst stattgehabten Condolenzbesuch des Kaisers Napoleon in Salzburg bei dem österreichischen Kaiser Franz Joseph und deffen jetzigen Gegenbesuch in Paris für Deutschland nachtheilige Folgen knüpfen wollen, so scheint es doch, daß diese Wetterpropheten sich geirrt haben, denn neueren Nachrichten zufolge ist Oesterreich keine für Deutschland etwa nachtheilig werdende Allianz mit Frankreich eingegangen. Un­beirrt schreitet der Reichskanzler auf sein sich vorgestecktes Ziel los nnd er wird es dahin bringen, daß Oesterreichs Sonne nicht noch einmal verdunkelt wird. Aller Wahrschein­lichkeit nach bahnen sich auch wieder freundlichere Gesinnungen gegen Preußen den Weg, denn das Zusammentreffen des Kaisers Franz Joseph mit dem König Wilhelm auf dem Bahn- hofc in Oos im Großherzogthum Baden, bevor Ersterer den fran zösischen Boden betrat, lassen auf Derartiges wohl schließen.

In Italien tritt wieder die römische Frage in den Vor­dergrund. Rom, die Hauptstadt Italiens! ist das Losungswort aller Patrioten Italiens und wieder ist es Garibaldi, der an i'er Spitze seiner Freiwilligen diese Frage mit dem Schwerte in der Hand zur Entscheidung bringen will. Wen» auch die italienische Regierung sich durch den bekannten September-Ver­trag, zum Schutze der weltlichen Macht des Pabstes, der fran­zösischen Regierung gegenüber die Hände gebunden hat, so

ichelul sie doch ins Geheim das Unternehmen Garibaldis zu billigen, denn nicht nur haben sie denselben von seiner Insel Eaprera, woselbst er als Gefangener der Regierung festgehalten wurde, entwischen laste», sonder» sie ließe» auch in allen Stadien ^talten« die garibaldischen Werbebüreaux fortbeslehe» und Geld- famnuungen in der offensten Weise geschehen. Erft nachdem Frankreich auf das ÄUerentschiedenste erklärte, die bestehenden Verträge aufrecht zu erhalte» »»d nut Trnppenfendungen nach dem Kirchenstaat geannoortct hatte, versprach eine Proctamation des Königs Victor Emanuel ebenfalls die voll ständigste Aus­führung des Septcmber-Bertrags. (£? wurden die Werbebüreaux geschlossen und die Geldsanimlungen verboten; ebenso wurde Garibaldi aufgefordert, den Kirchenstaat zu verlassen. Diesem Gebot widerstand jedoch Garibaldi und setzte feinen Weg gegen Diem fort, er schlug die päpstliche» Truppe» bei Montcrolondo und steht jetzt ungefähr 6 Stunden vor Rom. Unterdessen landeten die französischen Truppe» i» Civitavecchia und sollen sogar i» Rom eingerückt fei». Die italienische Regierung ließ daraufhin sofort seine Truppen ebenfalls in den Kirchenstaat inarschiren, um wie es heißt, gemeinschaftlich mit den Franzosen gegen Garibaldi zu operircn. Diesen Schntt der llallenischen Regierung hat man in Paris entschiede» als Vertragsbruch bezeichnet, da Italien nur befugt war, die römische Grenze gegen Eindringlinge vom Königreich Italien ans zu schützen, nicht aber dieselbe selbst zu überschreiten; ob man jedoch hierin einen Grund zu einem Krieg gegen das Königreich Italien erblicken kann, wäre voreilig zu entscheiden, da es nicht anzu- . nehmen ist, daß Frankreich diejenige Macht bekriegen wird, die es geschaffen und als Bundesgenossen so wohl zu brauchen hat, zumal ^uch dabei nicht abzusehen ist, ob ei» solcher Krieg zum Heile Frankreichs ausfallen ivird; es könnte ja leicht anders komme»! Vehe» wir deshalb ruhig de» kommende» Ereignissen entgegen und lassen uns vorerst durch die französischen Truppen- märsche nicht irre leite». Die übrige» Großmächte sehen natürlich de» Ereignisse» i» Italien ebenfalls ruhig zu, die Zeit ihrer Einmischung scheint für sie noch nicht gekommen, könnte aber eintreten, wenn der seitherige Bestand Italiens durch Frankreich gefährdet würde; wenigstens haben England und Preußen sich in diesem Sinne Frankreich gegenüber ans- gesprochen. Oesterreich hat erklärt, der römischen Frage fern bleibe« zu müssen.

Den neuesten Nachrichten zufolge ist Garibaldi's Glücks­stern vollständig erloschen. Nachdem er vom König Victor Em­manuel aufgefordert worden war, den römischen Boden zu verlassen und sich hinter die italienische Trnppeulinie zurückzii- zieheii, hat er diesem Befehle nicht Folge geleistet, sviidern zog sich gegen die Abruzzen hin, in der Absicht einen Guerillakrieg gegen die Franzosen und Päpstliche» so lange zu führen, bis das Land vollständig revolutionirt wäre, um alsdann einen Hauptschlag führen z» könne». Auf diesem Rückzüge wurde er plötzlich vo» de» päpstliche» Truppe» mit äußerster Heftigkeit angegrifte» und auf dem Punkte abgeschnitten zu werde», wurde er vo» de» ihm zunächst stehenden italienischen Streit­kräften^ unterstützt, urauf erhielten die Päpstlichen die Hülfe eines französischen Detachemeiits und der Vortheil blieb auf itjrer Seite. DerMoniteur" sagt: Depeschen aus Florenz, von heute Morgen batirt, melden, daß die päpstlichen Truppen gestern bei Tivoli mit den von Garibaldi bcfehlig- te» Banden znsammengestoßen seien und dieselben sofort ange­griffen hätten. Nach hartnäckigem Kampfe seien die Garibal- dianer t» Unordnung geflohen und hätten 3000 Mann an tobten, Verwundete» und Gefangenen auf dem Schlachtfeld gelassen. Garibaldi sei es gelungen, zu entkommen und Terni zu erreiche». Die italie»ische» Behörden brachten Garibaldi lind seine zwei Söhne nach Florenz. Der Eommandant der italienischen Truppen, Rikotti, habe an der Grenze operirt und den Empfang und die Eiitwaffining von 4000 Garibaldiauern, bie sich auf italienisches Gebiet zu flüchten suchten, vorge­nommen.

Nach demCor. Jtal." werben in Folge ber Räumung bes Kirchenstaates durch bie Freischaaren, bie französische» Trup­pe» Rom verlaffen. Auch bie italienische» Truppe» werben sich ins Königreich Italien zurückziehen unb soll nun bie Lösung ber römischen Angelegenheit auf biplomatischem Wege geschehen.

In Rußlanb schreitet das Werk ber Russificirung Polen-, Finnlanbs, Curlanbs tc. in raschester Weise vor. Alle polnischen Beamten werden snspendirt und durch Ruffen ersetzt; bie Güter der Polen fallen Fremden als Eigenthum zu und