Ein Langes und Breites über den Kalender.
(Aus des Lahrer Hinkenden Boten Jllustrirter Dorfzeitung.)
Wenn der Hinkende Bote seinen Kalender geschrieben hat, und wenn die Seker ihn gesetzt, die Drucker ihn gedruckt und die Buchbinder ihn gebunden baben dann i(l’8 ihm ein Seelengaudium, im Hofe der Druckerei auf der grünen Bank unter dem Lindenbaume zu sitzen, seine Pfeife zu rauchen und -uruschauen, wie die Kalender in gewaltige Satten gebunden, verladen und in alle Welt hinaus versendet werden. Keine Pfeife im ganzen Jahre hindurch schmeckt ihm so wie diese, — obschon zwar die andern schmecken ihm aucbqut - und jedem Ballen gibt er gleichsam ,einen Segen und einen Gruß mit in die Fremde, und er ist guten Humors und gemuthlich aufgelegt, wie einer, der ein tüchtig Stück Arbeit hinter sich hat. So saß er denn auch behaglich sein Pfeifchen schmauchend und ichaute zu, wie ste seinen 67er zusammenschnürten, kommt der Rathschreiber, sagt guten Tag und Exküse und fCßt SagtVer Rathschreiber: „Höret einmal Hinkender, ich bin froh für Euch »nd Eure Freunde, daß Euer 67er endlich einmal zum Loche hinauskommt; cgbr machet setzt doch auch wieder ein menschliches Gesicht; in den letzten Wochen aber habet Ihr eines gemacht, wie ein frisch geschärftes Reibeisen." - 20 Da lachte der Hinkende: „Das könntet Ihr Anfangs wissen, daß em Kalendermacher vier Wochen vor dem Fertigmachen ein wenig brummig ist. Wenn Ihr einer wäret, Rathschreiber, ich glaube, Ihr thatet gar kein Gesicht m„cken Seid Ihr doch, wenn Ihr nur Eure Gemeinderechnung stellen müsset, wie eine melancholische Kratzbürste, und da ist doch so ein Kalender ein am ander Ding will ich meinen."
Thut nur nicht so dick", entgegnete der Rathschreiber etwas ipitzlg, „was ist denn an so einem Kalender? Geschrieben ist doch das kleine Ding bald, das icküttelt Ihr nur so aus dem Aermel, und dann das Setzen, Drucken, Fairen und Heften, nun, das ist auch kein Hexenwerk, dazu habt Ihr Eure Leute und Eure Maschinen, und Ihr brauchet nur zuzuschauen, es lauft Alles fast von selber. 'S ist eine wahre Bagatelle I"
Eine Bagatelle, so meinet Ihr?" sagte der Hinkende. „Ich merke, Ratbickreiber, daß Ihr von so einem Kalendergeschäfte gar feinen Begriff habet und den will ich Euch jetzt beibringen, wenn's möglich ist. Bon dem Kalenderschreiben will ich nicht reden, ob leicht oder schwer, das ist meine Sache- aber von der mechanischen Arbeit beim Kalendermachen will ich Euch ein Stücklein erzählen, daß Eure paar Haare dabei zu Berge stehen sotten und Ihr aussehet wie der Bismarck. Z- B. wisset Ihr, wie viele Kalender iedes Jahr gedruckt werden?"
„Run ich denke 250,000 Stück, wenn Ihr nicht aufschneidet; es ist ja fett genug zu lesen auf dem Titelblatte.
Dieses Jahr drucke ich, Dank meinen Freunden den Schwarzröcken, 300 000 Und wenn man diese 300,000 Kalender aufeinander setzen würde, einer auf den andern, was meinet Ihr, wie groß müßte die Leiter sein, um den letzten Kalender oben drauf zu legen?"
Run" sagte der Rathschreiber und Warf einen prüfenden Blick an dem Hause hinauf, „ich schätz' so hoch wie unsere große Feuerleiter, sie wird hin- aufreichen bis an Euer Dach."
„Nichts nutz, viel höher."
„Nun meinetwegen so hoch wie unser Rathhaus?"
"Äls noch höher."
„Wie unser Kirchthurm? Aber jetzt gebe ich keinen Zoll mehr zu!" ,Ja wohl wie unser Kirchthurm", sagte der Hinkende lachend, „aber unser "Kirchthurm müßte Ornat so hoch sein wie der Freiburger Münster!"
„Treibet keinen Utz mit mir, Hinkender", sagte der Rathschreiber und erhob sich fast zornig von der Bank, „ich bin heute nicht aufgelegt. $u solchen
„Neunmal so hoch wie der Freiburger Münster", fuhr der Hinkende Bote mit^ unerschütterlicher Ruhe fort, „fall, so hoch wie der Blocksberg, auf dem am 1. Mai die Hexen mit dem Junker Satan Polka tanzen."
„Im vollen Ernst?"
„Im vollen Ernst, und ich kann es Euch gleich beweisen, wie Alles, was ich behaupte Hier ist ein Packet von 100 Kalendern; messet einmal mit Eurem Maaßstabe, wie hoch diese sind."
„Zwölf Zoll", sagte der Rathschreiber, nachdem er gemessen hatte.
^Richtig, zwölf Zoll. Und wenn 100 Kalender 12 Zoll hoch sind, Wie hoch sind 300,000 ? Nun Herr Rechnermeister?"
„3000mal 12 Zoll oder 36000 Zoll", erwiderte der Rathschreiber etwas kleinlaut,
„36000 Zoll sind aber 3600 Fuß", sagte der Hinkende triumphirend, „und mit dein llfachen Münster und mit dem Blocksberge wird es also seine Richtigkeit haben, schätz' ich."
„Heiden Gallen!" rief der Rathschreiber und schnalzte mit den Fingern, „Respekt davor! Und was muß man da Oben herunter für eine schöne Aussicht haben "
„Ja, aber ein wenig wackelig", lachte der Hinkende. „Wenn Ihr aber noch eine schönere Aussicht haben wollet — nur ein bischen kälter — so stoppelt einmal sämmtliche Kalender aufeinander, die der Hinkende seit 67
Jahren gedruckt hat, es sind gerade 2,541,000 Stück, ein Dutzend auf oder ab. Das macht eine Höhe von 30492 Fuß, also bedeutend höher als der höchste Berg der Erde, die Everestspitze im Himelaja-Gebirge, der bekanntlich 27,212 Fuß hoch ist, wie Ihr noch von der Schule her wissen könntet, wenn Ihr nicht die Geographie so oft geschwänzt hättet. Und wenn man von dieser Kalender-Pyramide die obersten 20 Jahrgänge lesen wollte, so müßte man erst den Schnee wegputzen, denn diese stecken im ewigen Schnee bis über die Ohren."
„Hinkender", sagte der Rathschreiber ziemlich demüthig, „ich schäme mich, daß ich solch ein Esel war mit der dummen Feuerleiter da."
„Thut nichts" , begütigte der Hinkende, „und sich schämen, daß man ein Esel ist, ist keine Schande, und man braucht sich deßwegen nicht zu schämen. — Weil wir aber nun einmal am Rechnen sind, so sagt mir Rathschreiber, wenn alle diese Kalender Makulatur wären — Gott sei meiner armen Seele gnädig — ich hätte sie müssen dem Tapezier verkaufen für Unterpapier, wie viele Quadratfuß könnte der damit tapezieren? Nun, nehmt nur das Maul recht voll!"
„Meinethalben hunderttausend, weil ich denn doch das Maul vollnehmen soll", rief der Rathschreiber, fast erschrocken über diese große Zahl.
„Mehr als 37*/2 Millionen Quadratfuß könnte er damit tapezieren, Ihr könnt es selber nachrechnen, denn ein Kalenderblatt hat 41 */4 Zoll und der Kalender besteht aus 36 Blättern. Das müßte schon ein hübscher Tanzsaal sein und wer den auch nur einmal herum tanzt, muß gute Beine haben. — Und wenn man die Zeilen aus dem Kalender so herab haspeln könnte, wie die Seide von einem Coeon, wie lange würde der Faden werden, wenn jede Zeile 21.2 Zoll Länge, eine Seite 140 Zeilen und der Kalender 72 Seiten hat? Nun, Rathschreiber, noch einmal solltet Ihr rathen."
„Lasset mich in Ruhe", brummte dieser in komischem Zorne, „der Teufel mag mit Euch rechnen, ich nicht."
„Aus einem Kalender, fuhr der Hinkende fort, könnte man einen Faden herausspinnen, von 2520 Fuß und aus särnrntlichen Kalendern einen Faden von 6,403,320,000 Fuß oder von 360,202 geogr. Meilen Länge. Wäre dieser Faden nicht ein schwacher Papierstreifen, sondern so stark wie das Kabel, das sie jetzt um einen Theil der Erde gelegt haben, ^so könnte man ihn beinahe 67 Mal um die Erve Herumwickeln, wie man Strickwolle auf einen Knäul wickelt. Der Faden wäre 210 Mal so lang als der Erddurchmesser, und wenn man den Faden an dem Sterne des Freiburger Münsters festbinden und mit ihm in den Mond hinauffliegen und ihn dort um ein Ringgebirge Herumwickeln würde, so könnte man die Erde und den Mond mit einem sechsfachen Faden zusammenkuppeln und bliebe erst noch eine Trumm übrig von 4500 Meilen, aus dem man noch eine ganz anständige Portion Strümpfe stricken könnte. He, Rathschreiber, was läget Ihr dazu, habt Ihr jetzt bald Respekt vor dem Kalenver?
„Ich sage gar nichts mehr, erwiederte der Rathschreiber, „wenn Ihr mir mit solchen Zahlen zu Leibe geht, da hort meine Naturgeschichte auf."
„Aber die lustigste Rechnung kommt nach", fuhr der Hinkende mit einem triumphirenden Lächeln fort. Ein Kalender hat 72 Seiten, eine Seite 7000 Buchstaben, macht 501,000 Buchstaben, oder rund 500,000, macht für den 67er Jahrgang 150,000 Millionen Buchstaben. Nun denket Euch einmal, wenn der Guttenberg nicht so gescheidt gewesen wäre und hätte die Buch- druckerkunst erfunden und der Hinkende müßte alle seine Kalender mit der Feder schreiben. Wenn er auch alle Tage 20,000 Buchstaben machte und jährlich 300 Tage an seinem Schreibtisch säße — er müßte doch auch Sonn- und Feiertage halten und hie und da ein Schöpplein trinken — so müßte er 25,000 Jahre an einem einzigen Jahrgange schreiben und der geneigte Leser müßte noch etwas länger auf den Kalender warten als jetzt. Wenn aber der Kalender — wie es der Brauch ist — in einem Jahre erscheinen müßte und wenn der Hinkende besser mit den Jesuiten stände und diese würden ihm erlauben, seinen Kalender in ihren Klöstern schreiben zu lassen, so wären dazu 600 Klöster nöthig und in jedem Kloster müßten außer dem Abte, dem Bruder Pförtner und dem Bruder Kellermeister, denen man so etwas nicht zumuthen könnte — 42 Mönche Tag für Tag sich die Finger krumm schreiben und hätten nicht viele Zeit übrig zum Beten und zum Faulenzen und man hätte ein ganzes Jahr Ruhe vor ihnen. Und das ist nur ein einziger Jahrgang. Und nun denket Euch einmal alle 67 Jahrgänge! Das gäbe eine Schreibseligkeit. —
Daraus aber könnet Ihr ersehen, wie gut es ist, daß der Guttenberg die Buchdruckerkunst erfunden hat, und daß der Hinkende Maschinen hat, von denen eine einzige in einer einzigen Minute mehr Buchstaben zu Wege bringt, als ein fleißiger Mönch — wenn's überhaupt fleißige Mönche gibt — in 9 Monaten. — So, das war wegen der „Bagatelle", wie Ihr meinen Kalender zu nennen beliebtet, und wenn Ihr wieder einmal etwas gerechnet haben wollet, so stehe ich zu Diensten."
Damit klopfte der Hinkende feine Pfeife au8 griff grüßend an seinen Hut und stelzte zum Hofe hinaus.
Der Rathschreiber blieb noch eine Zeitlang sitzen und starrte mit einem ziemlich dummen Gesichte auf die Kalenderbatten hin; dann aber ging er in den Adler, um seinen Aerger mit einem Schoppen Achter hinunterzuschwenkm- Ueber den Kalender aber hat er nie mehr gespottet. —
Druck unv Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in Gießen.


