Prospectus.
Im Verlage von I. H. Geiger in Lahr erschien von Neujahr 1863 an:
Des Lahrer Hinkenden Boten
Zlluftrirte Dorfzeitung.
„Schon wieder etwas Jllustrirtes, das Geld kostet!" wird Mancher mit bedenklicher Miene ausrufen, und wird Anstalt machen, den ProspectuS als Fidibus zusammen zu falten, um seine Pfeife damit anzuzünden, in so ferne er nämlich ein Raucher i|t. Der Hinkende Bote aber, wenig erbaut von der ihm zugebachten Ehre eines Brandopfers, ruft: „Halt! Zu einem Fidibus ist der Prospectus zu schlecht oder — zu gut. Zu schlecht, weil ein fließpapierner Fidibus den geehrten Leser nolhwcndig m einen üblen Geruch bringen müßte, zu gut, weil..... Nun, warum er für einen Fidibus zu gut ist, soll der geneigte
Leser selber beurrheilen, wenn er nur erst ein wirklicher geneigter Leser gewesen ist. Also, erst lesen, und dann — Gerechtigkeit gehe deinen Lauf und führtest du zum Flammentode." Und nun zur Sache.
Des Lahrer Hinkenden Boten neuer historischer Kalender für den Bürger und Landmann hat nunmehr eine Auflage von 230000 erreicht, und weil dies gerade V4 Million ausmacht, so kann der Hinkende Bote mit Recht und ohne sich zu schmeicheln von sich sagen , daß er ein Milli on s-Kal end er geworden sei. Jedenfalls ist die Viertel-Million ein Beweis, und viele Leute, die ein Urtheil haben, bestätigen eS, daß der Hinkende Bote sein Handwerk verstehe.
Darum also, und weil es dem alten Stelzfüße anfängt in seinem Kalender zu enge zu werden, und weil er gerne öfter mit seinen freundlichen Lesern verkehren möchte, als nur alle Jahre einmal, so will er von Neujahr 1863 an wöchentlich eine strirte Dorszeitung" in die Welt hinausschicken.
In dieser Dorzeitung wird der Hinkende Bote den freundlichen Leser von Woche zu Woche mit Allem bekannt machen, was sich in unserm deutschen Vaterlande und in der ganzen weiten Welt Bemerkenswerthes ereignet, und zwar wird er dieses thun, nicht in der feinen, zierlichen Sprache der vornehmen illustrirten und nicht illustrirten Stadtzeitungen, sondern in seiner bekannten hinken, den Boten. Sprache, die die Sprache des Bürgers und Bauern ist, und die am Ende auch von den glacsbehandschuhten feinen Leuten verstanden werden kann, wenn sie nur wollen.
Deßwegen heißt er seine Zeitung „Dorfzeitung", hofft jedoch, sie werde auch in der Stadt willkommen sein, wie ja jeder Bauer dort willkommen ist, wenn er nur sonst ein rechter Mann, und vorausgesetzt, daß er das städtische Octroi und das Pflaster» geld bezahlt hat.
Der Hinkende Bote wird allwöchentlich die Weltbegeben heilen erzählen, gerade, wie sic sich zugetragen haben; er wird das Gute gut und das Schlechte schlecht nennen, das heißt, er wird frei von der Leber weg sprechen, wenn es auch dem Einen oder Andern nicht gefallen sollte, und es kann wohl vorkommen, daß es dem Einen oder Andern nicht gefällt. Damit aber der Leser sich von Allem auch eine rechte Vorstellung machen kann, wird er seine Mittheilungen mit Bildern versehen, und zwar auch in seiner Dorfmanier, die der Leser schon aus dem Kalender her kennt, so da und dort in den Text hinein, daß sie nicht zu viel Platz wegnehmen. Daß die Bilder recht schön und sauber werden, dafür wird ein braver Holzschneider sorgen, ein recht geschickter Mann, und hat sich schon einen großen Holzvorrath angeschafft.
Ferner wird der Hinkende Bote in der Dorfzeitung Erzählungen liefern, lange und kurze, lustige und traurige, wie es eben kommt, alle ebenfalls mit schönen Bildern geschmückt, und zwar hat er in Nr. 1 den Anfang gemacht mit einer Erzählung von Albert Bürklin. Es ist eine badische Volksgeschichte, heißt: Toni und Mädlein, und ist recht schön zu lesen, lustig und traurig durcheinander, geht aber ganz gut aus, denn der Toni und die Mädlein heirathen einander schließlich, und das ist Alles, Was man verlangen kann.
Die Geschichte, und namentlich die deutsche Geschichte, wird der Hinkende Bote mit ganz besonderer Vorliebe behan- dein; er wird gerne erzählen von Allem, was groß und herrlich ist im deutschen Lande, und wenn die Gegenwart zu arm ist an „Großem und Herrlichem" — es kann ihr wohl passiren, daß sie es ist — so wird er in die Vergangenheit zurückgreifen, und wird dem Leser Bilder vor die Augen stellen, daß er doch eine Freude haben muß an seinem deutschen Vaterlande, „daß wir es lieben, treu und gut", und daß er den Muth und die Hoffnung nicht verliere, und auch die Geduld nicht; beileibe die Geduld nicht.
Wie gerne hätte der Hinkende Bote den geneigten Leser in seinem Kalender mehr als bisher geschehen ist, von fremden Ländern, Völkern und Sitten, von den Abenteuern kühner Reisenden und waghalsiger Jäger, mit und ohne Jäger-Latein, und von andern ungeheuerlichen und merkwürdigen Dingen unterhalten, aber es ging nicht, der Kalender war zu klein dafür, ob» schon man ihm vorgeworfen hat, er mache sich zu breit. Das Alles soll jetzt in die Dorfzeitung kommen. Der Hinkende Bote hat einen ganzen Pack solcher Geschichten in seinem Büchsenranzen.
Die Landwirthschaft ist des Hinkenden Boten eigentliches Element, und man kann nicht von ihm sagen, wie von manchem Andern: „Je weniger er davon versteht, je mehr schwatzt er davon." Von dem Hinkenden Boten kann noch mancher erfahrene Landwirth etwas lernen, und wenn's bei ihm nicht mehr reichen will, so hat er noch landwirthschaftliche Freunde, die ihm helfen, z. B. der Fritz Müller, und der Hinkende freut sich, seinen Lesern aus Fritz Müller's Oeconomie noch viele unterhaltende und lehrreiche Geschichten auftischen zu können.
Daß der Hinkende Bote auch ein Profeffor der Naturwissenschaft ist, hat er mit seiner Standrede über den Telegraphen bewiesen. Seine Bietighausener Freunde aber wissen noch lange nicht Alles, und der Hinkende wird ihnen noch viele Stanvreden halten und noch manches Schöpplein von des Löwenwirths Achter dazu trinken müssen, bis sie in der Naturwissenschaft durch sind.
Der geneigte Leser kann sich daher auf ein ordentliches Häuflein Standreden gefaßt machen, und werden darin außer der Naturwissenschaft auch noch Gcwerbskunde, neue Erfindungen und brauchbare Maschinen abgehandelt werden, lauter Dinge, die heutzutage ein tüchtiger Handwerksmann wissen und verstehen muß, wenn er in dem Strome der Gewerbsfreiheit sich oben erhalten will. Es ist ein gewaltiger Strom, diese Gewerbsfreiheit, gewaltig, wohlthätig, aber unerbittlich; nur das Talent, der Fleiß und die Energie werden ihr Schifflein sicher in diesem Strome steuern. Die Mittelmäßigkeit, die Unwissenheit und die


