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der Titusköpfe — eine graziös aufbäumende Bewegung machte.
„Ihr Freund hat es nicht erwarten können, Herr Baron Althof," sagte der Graf.
„Eine ritterliche Ungeduld verzeiht man der Jugend, Herr Graf von Lobenstein," antwortete Althof.
„Sie fahren also mit uns — die Sache ist delicat, Herr Baron — aber mein Freund erlaubt, daß wir in seiner Gegenwart über die Art und Weise berath- schlagen, wie es vielleicht noch zu applaniren — sauf l’honneur versteht sich."
Der Baron wiegte sein schön gepudertes Haupt, wobei der Zopf in angenehme Pendelschwingung kam. „Cosa perduta!“ sagte er. „Wenn es so weit gediehen ist, kann ihm keine Macht mehr Einhalt thun."
„Auch wünsche ich es nicht!" versetzte Dellheim lebhaft, indem er seine Lippen aufwarf.
Der Graf zuckte die Achseln und sprang in den Wagen, der vorgefahren war, die beiden Andern folgten ihm. Mit einem starken Ruck zogen die edeln spferdc an, nachschauend standen die Diener — aber Charles beeilte sich in seines Herrn Zimmer zurückzukehren, wo er eine ganz eigene Rundschau vornahm, gleichsam als wolle er das Jnventarium einer Verlassenschaft entwerfen. Er schnüffelte alle Fächer — denn er führte ja stets die Schlüssel — mit einem widrigen Lächeln durch.
„Schau! schau!" sagte er — eine Paar Briefe fanden sich in dem geöffneten Secretair vor, sein Herr mußte sie über Nacht geschrieben haben. Der eine war an seine Mutter adresstrt, den schob der Diener beiseit . und griff nach dem zweiten, dessen Aufschrift ihm interessanter war. Ein frivoles Lächeln umspielte wieder seinen Mund, er sah vorsichtig nach, ob auch der Siegelring seines Herrn im Fache sei und da er ihn fand, erbrach er unbedenklich das Siegel und las mit spöttischer Miene die Ergüsse seines Gebieters.
„Bedaure sehr!" murmelte er während des Lesens. „Ja, das wird die Frau Generalin ungemein rühren — es ist doch grausam von ihr, daß sie einen so vollendeten Cavalier schmachten ließ — sehr crudel, wie der Herr Baron von Althof sagt — aber freilich hätten Ew. Gnaden auch nicht, vom Neide hingerissen, Aeuße- rungen über die Dame thun sollen, welche nun zu diesem Ertrem geführt haben. — „Der Tod sühnt Alles —," achj mir kommen die Thränen selbst. — Schade, daß Ew. Gnaden nicht hier sind, meine Anhänglichkeit zu würdigen — einen Ducaten die Thräne! Frau Generalin werden jedenfalls eine Trauerweide aus Ihr Grab pflanzen."
Damit schloß der Getreue und zündete eine Kerze an, um das Couvert, das er geschickt geöffnet, ebenso wieder zuzusiegeln. Im Schlosse regte sich nun Leben.
Der leichte Wagen, in welchem die drei Männer hinausgefahren waren, rollte unterdessen durch den thaufrischen Wald aus dem wohlunterhaltcncn Wege dahin, der nach einem Jagdhause, zwei Stunden entfernt, führte. Es war ein herrlicher Morgen. Die
Sonne warf ihre Strahlen in das dunkle Grün der Eichen, daß ihre Kronen mit Goldlichter durchwebt schimmerten, ein blauer Himmel, klar wie Krystall, blickte durch die Risse des Blättergewölbes, funkelnde Tropfen hingen an Halm und Gesträuch, wo irgend eine Lichtung den Niederschlag möglich gemacht hatte. Die Kräuter dufteten, ein leichter Wind säuselte in den Zweigen. Vögel sangen und riefen sich zu, der bunte Specht hämmerte an den Bäumen und flog schreiend davon, wenn der Wagen in seine Nähe kam, Vie goldgelben Pirolen ließen ihre Clarinetmodulation hören; 'Rehe setzten in anmukhigen Sprüngen über den Weg und standen dann, wenige Schritte entfernt, still, neugierig herüber witternd, als seien sie des Gottesfriedens wohl bewußt, der ihre zierlich schlanken Gestalten jetzt vor der mörderischen Kugel schirmte.
Es war ein Gedankenspiel eigener Art, welches den schweigsamen Dellheim die Rehe tiefsinnig betrachten ließ. Ihn schirmte nichts vor seines Gegners nie fehlender Kugel, denn, daß er sich von ihm keiner Schonung zu getröstcn habe, wußte er nur zu gewiß und ein kalter Frost trat ihm an das Herz, wenn ihm seine fieberhaft eraltirte Phantasie die Scene vorspiegelte, die nun bald kommen mußte: unter den Fichten im einsamen Grunde zwei Männer sich gegenüberstehend, der Eine hebt langsam das Rohr, ein Knall erschreckt die Thiere der Wildniß, leicht verflattert das Puiverwölkchen in den Zweigen, aber auf dem Rasen liegt ein zum Tode getroffener Mensch! Dellheim fühlte die bitterste Scham vor den entnervenden Gedanken, die ihm wie giftige Spinnen durch die Seele krochen, er sah voraus, daß er sich elend benehmen werde — Schuld seiner Nerven, gleichviel! er schalt sich einen Feigling, er verachtete sich selbst, wie die Welt ihn binnem Kurzem verachten mußte, wenn es kund wurde, daß er vor dem Pistole seines Feindes gezittert habe. Es war eine Seelenqual, wie sie das verwöhnte Kind des Glückes noch nicht erlitten hatte — oft überfiel ihn der heiße Wunsch, daß Alles nur ein Traum gewesen sein und er bald erwachen möge, wie er ja schon oft aus viel wildern Bedrängnissen der Traumwelt erwacht. Umsonst! Alles war grelle Wirklichkeit und sein eigenes Wort, das diesen blutigen Conflict hervorgerufen hatte, ließ sich nicht mehr zurückkaufen , hätte er auch all’ seine Reichthümer darum geben wollen. Pfui über den Schwächling, nicht wahr? Mit Verlaub, es ist nur ein Blick in die Seele, wie er sonst Keinem gestattet! Die innere Welt des Menschen ist wie der Meeresgrund, wo es sich formlos regt, halberkennbar in räthselhafter Gestaltung — Helles Licht hinein, was würde sich oft genug selbst bei den Reinsten, den Würdigsten bieten! Auch Dellheim saß vor feinen Begleitern, äußerlich das Bild männlicher Fassung, wie man einem ernsten Augenblicke entgegengehen muß; noch hatte er sich vollkommen in der Gewalt.
(Fortsetzung folgt.)
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schm Buch- und Steindruckerei.


