454

Dun

Novelle

von

Beierrd Hn GUferk.

1

Ein Wendepunkt im Leben! Er tritt nur zu oft Co überraschend vor uns hin mit der Forderung: Wähle!" daß wir nicht mehr Zeit haben, die Wahl recht zu bedenken. Zur Entscheidung gedrängt, von dem Einflüsse des Moments bestimmt, ergreifen wir schnell, was uns das Rechte scheint, und cs zeigt sich zu oft, daß es nur das Nächste gewesen.

Die Morgensonne eines schönen Sommertages, kaum aufgegangen, beleuchtete eine solche zweifelhafte Wahl ganz in der Einsamkeit. Ein junger Mann, der zu Pferde auf einer Berghöhe hielt, war in ern­sten Seelenkämpfen begriffen, das verrieih sein düstres Auge, sein bleiches verkrampftes Antlitz, die heftig athmende Brust; unruhig irrte sein Blick bald in das reizende Thal zu seinen Füßen, bald in den Tan­nenforst, der sich in seiner nächsten Umgebung zu bei­den Seiten ausdehnte. Sollte er den Weg verfolgen, der ihn zur Höhe geführt hatte, oder umkehren, wohin es ihn mit den mächtigsten Triebfedern, Liebe und Ehre, drängte?

Ein überraschend schönes Landschaftsbild lag vor ihm in der Tiefe. Bon einem reichen und prächtigen Ringe der großartigsten Parkanlagen umfaßt, blickten Vie freundlichen Gebäude eines Städtchens herauf, schimmerte der alterthümliche Bau eines Herrenschlosses mit runven Ecklhürmen; man konnte die geschmackvolle Blumentapifferie in der Nähe deutlich an der Farben- vracht erkennen, jenseits blitzten die Wasseradern, welche aus dem belebenden Strome des Thales mit pcherer Kunst in alle Fernen geleitet waren, und ein Höhen­rand in weitgeschwungenem Bogen, wirksam schattirt mit Waldpartien und einzelnen Baumgruppen, schloß den Hintergrund. In jenem Schlosse waltete noch aller Zeilen Gastfreiheit im grandiosen Style des Herrenstandes, der junge Mann hatte es kaum ver­lassen und die gebieterische Stimme der eignen Brust mahnte ihn zurückzukehren; konnte er denn wider­stehen? Sein Pferd bohrte auf den Zügel und drängte thalwärts da faßte er sich gewaltsam, warf das Roß plötzlich herum und schlug im gestreckten Laufe den Waldweg ein, der nach wenig Sprüngen das zauberische Bild hinter ihm versinken ließ.

Zu derselben Stunde lag im Schlosse wie in der Stadt Alles noch im festen Morgenschlafe, denn es war zu Ende Junis, wo die Sonne vor drei Uhr aufgeht. Nur in ein Zimmer, sorglich mit Jalousien verfinstert gleich allen übrigen, welche die Herrschaft und ihre Gäste bewohnten, trat leise ein Diener, nä­herte sich dem mit allem Luxus ausgestatteten Bette, auf welchem sein Herr unter der leichten seidenen Decke schlief und berührte sanft dessen Arm. Der Schläfer mochte, in süßen Träumen befangen, diese Berührung ganz falsch deuten, denn seine Lippen flüster-

Druck und Verlag der G. D. Br

t e s.

ten bewußtlos einen Namen, der jedenfalls dem Diener nicht gehörte und ein boshaftes Lächeln in dessen Gesicht rief.

Das würde Ihnen freilich besser gefallen!" mur­melte er schadenfroh und griff das Wecken jetzt schär­fer an. Der Schläfer fuhr mit einer unangenehmen Empfindung auf.

Was gibt's?" ries er schlaftrunken.

Es ist drei Uhr," sagte der Dienet.Ew. Gnaden haben befohlen, um drei Uhr geweckt zu werden."

Wäre es hell im Zimmer gewesen, so würde der Diener bemerkt haben, daß sein Herr von dem Be­wußtsein, das in ihm jetzt erwachte, wie mit einem jähen Schreck durchzuckt wurde. Er sagte gar nichts, machte auch keine Anstalten aufzustehen.

Soll ich die Jalousien öffnen?" fragte der Diener.

Laß nur, Charles. Regnet's?" entgegnete der Mann im Bette mit einer stark belegten Stimme.

Im Gegentheil! Es ist ein wundervoller Mor­gen," war die Antwort.

Ein schwerer Alhemzug dann griff der Auf­stehende nach der Klingel.

Befehlen Ew. Gnaden Etwas? Ich bin ja hier/ sagte Charles verwundert.

Ja so. Du bist hier, Charles. Gib mir ein Glas recht frisches Wasser."

Sie sind doch nicht unpaß?" fragte der Diener.

Nicht ganz wohl bin ich ," antwortete der Herr ziemlich heiser.Oeffne die Laden."

Ein Strom Hellen Sonnengoldes floß in das Zimmer und schien die zarten Düfte der Drangen­blüte mit sich zu bringen, welche von den Bäumen unter dem Fenster kamen. Draußen lachte in der That der fröhlichste Morgen, die hohen Bäume des Parkes badeten ihre Kronen im Licht, die Vögel sangen, die Springbrunnen plätscherten. Alles war Leben und Freude. Desto blasser und verfallener sah der früh­zeitig geweckte junge Herr aus, sein Diener erschrack förmlich vor seinem Anblicke und fragte mit ehrer­bietiger Theilnahme von Neuem nach seinem Befinden, da er auch bemerkte, daß ein Frost die Glieder seines Herrn zu schütteln schien. Der trat statt aller Ant­wort vor den Spiegel und wie er die eigene traurige Gestalt erblickte, überflog eine Helle Glut sein Gericht und sein Auge blitzte wieder.Es ist eine leichte Erkältung, denke ich," sagte er stolz.Ist Herr von Falken schon geweckt weißt Du nicht?

Herr von Falken ritt vor einer Viertelstunde aus," erwiederte Charles.

Ein neuer Fieberanfall schien den sich Ankleiden­den zu packen und spottete aller Anstrengung das Zittern zu unterdrücken.Graf Lobenstein aber?" fragte der junge Herr nach einer Weile.

(Fortsetzung folgt.)

ühl'schen Buch- und Steindruckerei.