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wagen fesselte.
Sie grüßten sich sehr höflich, die Dame im weißen einfachen Morg'ngewande, das unserer Mode ein Gräuel wäre, denn es hatte eine sehr kurze Taille und lag ziemlich faltenlos eng an; der Herr im lichtblauen, sehr langschößigen Fracke mit der gelben Weste und dem zierlich gekrausten Buscnstreife. Ihn kleidete seine Tracht nicht besonders, aber Adelaidens reizende Gestalt trat aus dem sich anschmiegenden weichen Mousselin um so herrlicher hervor.
„Ercellenz haben doch wohl geruht?" fragte Dellheim mit einer Stimme, welche nur zu sehr verriet!), das Gleichgewicht seines Innern sei verloren gegangen.
Frau von Schelf stand noch in dem Wahne, daß der Zweikampf ein blutiges Ende genommen habe — fo erschien ihr Dellheims Frage, nach einer solchen Katastrophe an sie gerichtet, wieder grimmigste Hohn. Mit einer Selbstbeherrschung, die nur von den zuckenden Lippen widerlegt wurde, antwortete ste: „Ich wünsche, daß Sie immer so wohl ruhen mögen, Herr von Dellheim."
Beide verstanden sich nicht und gingen an einander vorbei. Dellheim sand zu seiner großen Befriedigung die Briefe noch vor, die er gestern in Todes- gcdanken geschrieben hatte, er vernichtete sie sogleich — allerdings hatte der ehrliche Charles Zelt genug gehabt, eine Copie von dem interessantesten derselben zu nehmen. Frau von Schelf hörte unterdessen die Nachricht, welche sie mit einem räthselhaften, an Bestürzung grenzenden Gefühle erfaßte, die Nachricht, daß Herr von Falken keineswegs im Zweikampfe gefallen sei, vielmehr denselben klüglich vermieden habe. Adelaide liebte Falken! Und doch hätte sie ihn viel lieber todt beweint, als daß sie sich seiner ehrlosen Rettung freuen konnte. Dienstbeflissene Zungen hatten ihr heimlich schon längst zugetragcn, daß fich Dellheim, weil sie ihn zurückgesetzt, eine Aeußerung über sie erlaubt, welche Falken als ihr Ritter aufgegriffen hatte. An eine Versöhnung war, trotzdem, daß zwei Tage unterhandelt wurde, um die Geselligkeit zu schonen, gar nicht zu denken gewesen, heute früh hatte das Duell vor sich gehen sollen. Und nun!
„Was kann ihn bewogen haben, sich so elend
mal stockte Dellheim in dem seichten Geschwätz, das er eben mit der Frau vom Hause führte, ihm fielen die Briefe ein, die er gestern für den Fall seines Todes geschrieben und um die er sich nicht weiter gekümmert hatte, sie waren vollständig adressirt, sein diensteifriger Charles fand und bestellte sie am Ende. Rasch verließ Dellheim das Zimmer und kaum hatte er einige Schritte über den Corridor gethan, als er Frau von Schelf kommen sah. Sein Blut wallte unruhig auf; wie schön, wie stolz kam sie daher. Er hätte Jahre seines Lebens für einen gütigen Blick von ihr gegeben und sie trieb ihn durch ihren Kaltflnn zur Verzweiflung! So liebreich, so verführerisch freundlich gegen Alle, nur gegen ihn nicht — warum nicht? Er fühlte eine Leidenschaft für das holde Weib, die ihn zu vernichten drohte und wie oft er sich auch schon gegen sie verrathen hatte, sic schien es gar nicht zu beachten, legte auf seine Huldigungen allein, keinen Werth, da sich doch sonst gern alles an seinen Triumph«
nrentirt hat?" .
„Das gilt nicht auf Lebenszeit," entgegneten tote Widersacher.
„Was? Ich zum Beispiel! Habe Pulver gerochen, nicht blos auf der Jagd, wie Sie, meine Herren, — ich kann Wunden aufzeigen, die ich ehrenvoll vor dem Feinde bekommen habe, ich bin Großkreuz des Sanct Michael-Ordens — wenn ich nun ein Duell aus- schlüae, was würden Ste von mir sagen?"
„Ercellenz, das ist gar nicht möglich," sagten die Andern von allen Seiten.
„Den Teufel auch!" rief der General. „Gesetzt denn, ich thäte es?"
Ein stummes Achselzucken schien ihm zu verstehen zu geben, daß auch er in solchem Falle der Acht nicht entgehen könne. So steht die Sache ja noch.
Dellheim war der Held des Tages geworden. Er sah jetzt ganz anders aus, als früh um 3 Uhr, als er sich bei seinem Charles so angelegentlich erkundigte, ob es nicht regne; die blasse Farbe war von ihm gewichen, sein hübsches Gesicht strahlte vor innerer Befriedigung , der für gewöhnlich nichtssagende Blick seines hellgrauen Auges hatte einen siegstolzen Ausdruck gewonnen. Die Eingeweihten hatten gestern Abend von ihm Abschied genommen, wie von einem verlorenen Manne, denn des Generals Schilderung von Fallens Schießkunst war keineswegs übertrieben; nun stand er ohne Kampf als Sieger da und sein Gegner hatte die erbärmlichste Sticcerläge erlitten. Wo blieb denn daS stolze Dämchen, dessen Champion so schmachvoll das Feld geräumt hatte?, Aus etn-
„Jch habe den jungen Mann schleßen sehen, äußerte der General Schelf. „Unter fünf Schuß traf er vier Mal das Asz-ich-n auf fünfzlg Schritte. Er hatte den ersten Schuß — was konnte ihm also Pas- fixen d" , f ,
Mit ungläubigem Lächeln hörten die Udmgen das an; was halfen alle Erklärungen? die Tbatsache daß er sich mäst geschlagen, sondern absichtlich das Duell vermieden hatte, stand doch fest , die üeß sich nicht ableuqnen und somit war fallens Ehre mit einem unauslöschlichen Brandmal befleckt. Grunde, ein Duell zu verweigern, gab es nicht, sobald der Gegner nur überhaupt satisfactionsfähtg war und Her — ein Herr von Dellheim, von gutem fränkischen Adel! Im Lande konnte Falken gar nicht bleiben, ja eigentlich in keinem Lande, wo |cin ehrloses Benehmen bekannt wurde. ,
„Meine Herren — pardon, Mesdames!" rief der General wieder, „ich habe den jungen Mann als Studiosus gekannt, da verging keine Woche, wo er sich nicht pauckte, auf Hieber, auf krumme Sabel, wies einer haben wollte. Und nicht etwa tm sogenannten Pauckwichs, wo sie sich ss-de gefährliche Stelle maskiren, nein, der Falken fchlug sich alle Mal ganz frei — er hieß darum Löwenherz."
„Wie könn-n Sie die Klopffechtereien der Studenten mit einem Rencontre zwischen Cavalieren vergleichen!" sagten Andere. „Heute wenigstens hat er kein Löwenherz gezeigt."
„Aber Sacker — verzeihen Sie!" rief _bei Gene- rat hitzig. „Wenn er nun seine Courage schon docu-


