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Der

Vorstand des Neichswahlvereins in Gießell

an den

Vorstand des Central-Wahlvereins in Darmstadt.

So sehr wir Ihren guten Willen und Ihre gute Absicht anerkennen, achten und ehren, so wenig können wir uns gleichwohl mit den von Ihnen angeführten Gründen, und mit Ihrem Resultate, Herrn Hofgerichtsrath Völker als Kandidaten für unseren Wahlkreis zu empfehlen, einverstanden erklären. Zuerst müssen wir grundsätzlich sehr befremdlich finden, daß Sie einer Majorität von wenigstens 140 gebildeten Männern zumuthen, ihren Willen einer Minorität von etwa 20, die aus dem Vereine getreten sind, unterzuordnen. Wir vermögen dieß nicht mit den parlamentarischen und constitutionellen Grundsätzen in Einklang zu bringen. Ferner müssen wir es höchlich befremdlich finden, daß Sie dieser großen Zahl gebildeter Männer, die im Mittelpunkte des Wahlkreises leben und alle Verhältnisse genau kennen und erwogen haben, nicht mehr Zutrauen schenken zu müssen geglaubt haben, als einer so kleinen Minorität, deren etwaige Berichte doch nur einseitig sein können, da wir sie unten thatsächlich zu widerlegen im Stande sind.

Noch mehr befremdend aber müssen wir es finden, daß Sie kein Bedenken getragen haben, einen Mann vorzuschlagen, der während der ganzen Bewegung mit seinen politischen Grundsätzen in keiner Form klar in die Oeffentlichkeit getreten ist. Die constitutionelle Parthei von Gießen wünscht aber Entschieden­heit und muß sie wünschen, und hat dieß durch ihre Wahl dargethan.

Wenn übrigens in öffentlichen Blättern gesagt worden ist, daß das Resultat der Wahl nur dem Einflüsse des vaterländischen Vereins verdankt werde, so muß der Ausschuß des Gießner Reichswahlvereins dieses im Namen des Vereins zurückweisen, da urkundlich nur 29 Mitglieder des vaterländischen Vereins in der General-Versammlung mit abgestimmt und sogar mehrere von diesen, nach eigener Aussage, für Herrn Hofgerichtsrath Völker gestimmt haben.

Wenn ferner in Zeitungsartikeln gesagt wird, daß eine Zahl vom Parthei-Getriebe unabhängiger Männer dem vaterländischen Vereine die Hand geboten habe, um einen freisinnigen allgemein geachteten Mann aufzustellen, so müssen wir mit Entrüstung jene öffentliche Insinuation zurückweisen, als ob unser Candidat nicht ebenso freisinnig im rechten Sinne, und eben so allgemein geachtet wäre, als irgend ein anderer Candidat im Wahlkreise.

Ihr Verfahren würde uns nach allem dem gänzlich unbegreiflich seyn, da Sie nur die Sache im Auge gehabt haben, müßten wir nicht annchmen, daß Ihnen einseitige Berichte zugegangen sind. Ist Ih­nen z. B. über den Wahlbezirk Lich gesagt, daß dort nur Herr Hofgerichtsrath Völker Anklang finde, so theilen wir Ihnen nun mit, daß von den 27 Orten des Wahlbezirks Lich nach anliegender Liste sich bereits 17 ganz fest an uns für unfern Candidaten, Herrn Professor Dr, Köllner ange­schlossen haöen.

Sagen Sie ferner, daß namentlich aus Gladenbach Ihnen eine gleiche Nachricht zu Gunsten des Hrn. Hof­gerichtsraths Völker zugekommen sey, so theilen wir Ihnen mit, daß nun im Ganzen 30 Ortschaften aus den Bezirken Lich, Gießen und Gladenbach sich uns in der Art angcschlossen haben, daß diese Ort­schaften selbstständig unseren Candidaten, Herrn Professor Dr. Kölln er dem Wahlkreise vorschlagen.

Von wem und aus welchen Motiven Ihnen die Nachrichten zugekommen sind, ist nicht unseres Amts zu untersuchen. Sie werden aber selbst ermessen, daß wir eben so wenig diesen Berichten Bedeu­tung beilegen, als leider nun auch dem von Ihnen ausgegangenen Vorschläge unsere Zustimmung geben können; vielmehr uns für verpflichtet halten, Ihrem Vorschläge sür den Wahlkreis Gießen überall ent­gegen zu treten. Uebrigens können wir auch das nicht zu bemerken unterlassen, daß Sie in Ihrem Vor­schläge Vertrauensmänner aus unserem Kreise anführen, gleichsam zur Stütze ihres Vorschlags, welche zu unserem Vereine gehören, und gerade Ihrem Vorschläge am Entschiedensten entgegengeiretcn sind.

Wir lassen Ihnen unverholen, daß wir dieses Schreiben der Oeffentlichkeit übergeben.

Gießen den 30. Januar 1850.

Der Vorstand des Reichswahlvereins.

Der Stellvertreter des Vorsitzenden Der Schriftführer

v. Buseck, Forstmeister. Dr, Wilbrand, Professor.