Ausgabe 
13.12.1794
 
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Ueber den erste« LNai oder die Wal-

purgis - Nacht.

(Aus dem Volksfreund.)

Beschlus.

Ausserdem bedient man sich noch ei» nes andern gleichfalls sehr kräftigen Mittels gegen die Gewalt des Teufels und gegen die Neckereien der Hexen und Zauberer in der Walpurgis-Nacht: man besteckt nemlich alle Thüren und Fenster der Wohnungen und anderer Gebäude mit grünen Zweigen von Birken, weiche man von diesem ersten Tag des Mais, Maien ju nennen pflegt. Diese Ge« wobnheit findet noch in dielen Ländern Statt, und vielleicht haben sie viele un* ferer Leser selber mltgemachk, ohne ihren Ursprung ju w ssen.

Man hält nemlich die Birkenrweige oder sogenannten Maien für ein sehr kräftiges Mittel gegen alle Hexerei und Zauberei, womit man von der Keil. Wal, purgis folgende Geschichte erzählt und in jenen finstern Jahrhunderten wirklich glaubte.

Die heilige Jungfrau, sagt man, kebke, aus bloser Liebe zu dem Worte Gottes, zur Verbreitung des Christen, thums, zur Erbauung ihres eigenen Her, jens und zur Befestigung im Glauben und in guten Werken, mit zwei sehr heiligen und gelehrten «> ännern, in einem äusserst guten Vernehmen und in sehr enger Ver, dindung des Herzens. Hieraus (denn der Verläumder schont selbst der unve« fcholkensten Heiligkeit und des unladel« hastesten Wandels nicht,) entstand für sie der Verdacht, als lebte sie mit ihnen in Unehrrn. Dies kränkte die fromme Jungfrau tief in die Seele; sie ward je» desmal bei dem bloßen Gedanken an eine solche Verläumdung rolh, von der Fuß­sohle bis oben unter den Schleier, der

ihrheiligesfungfrauliches Antlitzbebeckte; und um sich gegen jenen argen undgott- los ersonnenen Verdacht zu rechtfertigen, steckte sie einen dürren Stab, dessen sie sich aus ihren Reisen bedient haue, in d,e Erde; und siehe, in einer Nacht fieng derselbe auf Gottes wunderthäkige Ver­anstaltung , zum Beweise ihrer Keusch­heit und Züchtigkeit an zu grünen und ward ein schöner großer Birkenbaum. Von dieser Zeit an wurde der Birken« bäum der Jungfer Walpurgis geheiligt, uno in der Walpurgiö-Nacht als ein Mittel gegen Hexerei und Zauberei von allen gläubigen Christen mit dem besten Erfolge gebraucht.

WaS von diesem Glauben zu halten sey, darf ich meinen L-sern wohl nicht er, klären. Genug daß sie nun hie Entste, hung dieser Gewohnheit wissen.

Von der heiligen Walpurgis muß man auch das sogenannte WalpurgiS- Feuer erklären. In vielen Gegenden Deutschlands und in andern Ländern fleckt man nämlich an hem WalpurgiS- Abend Strohwische oder kleine Bündchen Stroh auf lange Stangen, zündet die, selben an und läuft damit in den Tör- fern und in den Straßen der Städte um, her, um, wie man sagt, damit denTeu, fel und die Hexen zu verscheuchen. Wie schädlich diese lächerliche Gewohnheittver, den kann, und oft geworden sey, fällt jedem Leser in die Augen; und auS die­sem Grunde ist sie auch an den meisten Orten, auf getroffene Verfügungen ver­nünftiger Obrigkeiten,abgeschasst worden.

Wollte ich über dieseThorheiten und lächerlichen Vorurtheile jener Zeiten der Unwissenheit und des Aberglaubens mei­nen Lesern noch meine Urtheile mitkhei, len, so würde mir dies Stoff zu man. cheriet Betrachtungen geben, und ich

Würde