Ausgabe 
22.10.1808
 
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Von den ersten Grundsätzen der Rinderzucht« ( Verfolg.)

Das Wort Erziehung wird sehr ost gemisbraucht. Bald bedeutetes den äus­serlichen Anstand und Bildung des Kör­pers , bald auch den Unterricht in Spra­chen und Wissenschaften; allein die ei­gentliche Erziehung ist ganz was anders. Es ist weder das Werk des Tanzmeisters, noch der Französinnen. Die französische Sprache trägt so wenig dazu bei als die lateinische, auch die grofen Gesellschaften so wenig, als die hohen Schulen. Man kann artig, gefällig, wvhlredend, wi­tzig und gelehrt, aber dennoch immer schlecht erzogen seyn. Wie das? weil inan alles das, und doch -ein unnützes schädliches Mitglied der menschlichen Ge­sell,chaft, ein schlechter Freund, Haus­vater, Patriot, und ein schlechter Mann im Amte seyn kann. Die wahre Erzie­hung muß uns zu Menschen und Bür­gern machen. Wenigstens soll dies die Hauptsache seyn. Der Wohlstand ver- rient nicht weiter in Betrachtung zu kommen, als in so fern die Lugend sei­ner bedarf, um nicht zu misfallcn. Denn, wenn das wahre Verdienst auch zuweilen aus Mange! eines gefälligen Aeusserlichen minder'gefällt, so verliert es doch öfter dadurch, daß man auf das Aeusscrliche einen größer» Werth setzt, als man sollte. Es ist sehr leicht, einem jungen Menschen das schöne Anschn zu geben, das unserm eignen Stolze selbst dadurch schmeichelt, weil wir andre da­durch hintergehen; und wenn er davon schon genug besitzt, um selbst sein Glück in der Welt zu machen, was sollte ihn da wohl bewegen, sich die Mühe zu ge­ben, dies Glück durch mühselige Ver­dienste zu suchen? Wenn man das schöne äusserliche Ansehn zur Hauptsache macht, M heißt von hinten anfangen, das heiße

einer gar noch nicht gebildeten Sache Schönheit und Schmuck geben wollen, Menschen zu Puppen und Bildsäulen wachen, und die ganze Denkungsart lun­ger Leute verderben, indem man sie ge­wohnt , Kleinigkeiten für wichtige Sa­chen, und wichtige Sachen für Klein,q- keitcn zu halten. Auf diese Weise ver­säumt man nicht nur den wichtigsten Theil der Erziehung, sondern man legt ihr auch unüberwindliche Hindernisse i» den Weg. Eine Kunst welche nur dahin ab- zielt, Zunge Leute reden zu lehren, ehe ste denken; anders zu reden, als sie mey- neu; zu gefallen, ohne Tugenden; sich geehrt zu machen, ohne Verdienste: das ist eine von den unglücklichsten Künsten, die die menjchliche Eitelkeit erfunden hat» und keine Erziehung ist besser, alssveine.

Die Erziehung besteht nicht in dem Aeusserlichen, und eben so wenig in blo- sen Kenntnissen. Zwar giebt es einige wichtige Grundwahrheiten, die zugleich mit eingepragl weiden müssen. Das Ge- dachtniS hat in dem frühen Alter eine ge­wisse Stärke,* welche gebraucht werden muß; em Kind kann viel lernen, es kann mehr begreifen als man glaubt, wenn es nur auf die rechte Weise vvrqetraqen wird ; aber es wäre besser, daß es nicht viel lernte, als daß es dies so lernte, daß sowohl Vernunft und Lehrbeqierde abnehmen müssen, so wie das Gedächt­nis gewinnet. Die größten und wichtig» sieu Kenntnisse können doch nicht eher er­worben werden, als bis die Zeit der Er­ziehung vorüber ist; denn diese werden mchr blos ans Büchern gelernt, sondern sind eine Frucht der Erfahrung, des Nach- denkenS und des Umgangs mit Einsichrs» vollen Leuten. Dazu soll ein junger Mensch zug.eich angeführt werden, und lieber weniger lesen, tun desto mehr zn denken. 0

(Der Verfolg künftig.)

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