Ausgabe 
31.1.1807
 
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Gedanken

Von der Geneigtheit, das Böse eher" als das Gute von andern zu glauben.

(Beschlus.)

Wenn der Verstand sich mit den Gründen einer Sache beschäftigt, so ist. es demselben gar sehr gemäs, daß er kein Urrheil falle", bis er Die Gründe einge- fehn, und so lange mir dem Urtheile zu- rückhaite, bis dieses gescheh». Thur aber dieses derjenige, der nur dem Hörsagen trauet,, das zehnmal falsch , ehe es ein­mal wahr ist ? So wenig mir diejenigen reich an nützlicher Erkenntnis nöthiger Wahrheiten Vorkommen, welche in den Gesellschaften einschlafen müssen, wenn riicht gewisse kleine Beschäftigungen der Hand, die bald dieses, bald jenes Blatt umwendet, sie wachend erhielte, oder wenn ihnen nicht die Veränderung des Wetters und der Moden zu reden Gele­genheit gäbe; so wenig kann ich mich überreden, daß diejenigen einen gegrün­deten Anspruch auf den Namen groser Geister haben, welche einem jeglichen Au- lbringer des Bösen, alsbald auf sein Wort glauben, ohne daß sie weder von der Auf­richtigkeit des Anbringers überzeugt, noch andre gewisse Gründe haben, dergleichen Böses von ihrem Nächsten zu glauben, als ihnen von demselben hinterbracht worden.

Die Geneigtheit, das Böse von an­dern eher zu glauben als das Gute, ist um so viel veradscheuuugswüroiger, je mehr der Hochmuth und ein neidisches Herz au dieser Leichtgläubigkeit Antheil haben. Man findet es in der Erfah­rung gegründet, daß ein Mensch desto reicher an bösen Neigungen des Willens sey, je armer er an den Gaben des Ver­sandes ist. Ein stolzes Herz iss daher fast allemal ein Merkmal der UnverstLm

digen. Je leerer sie an richtigen Begrif­fen lind , desto leichter können allerhand unrichtige Vorstellungen in ihrem leeren Kopfe Platz finden , die alsdrnn die Trieb­feder ihrer Handlungen wekden. Kommt es nun , daß gleichwohl der Hocbmüthige an andern mehr Gutes, als an sich selbst sicht, so beneidet er solches und desto mehr sucht er es zu unterdrücken, und denen seinen Beifall zu geben, welche die Tu­gend eines andern zu einem Laster zu machen wissen. Je geringer der Stolze nur andere machen kann, desto erhabner kommt er sich selbst vor; da er nun das letztere sucht, so entsteht daher die Ge­neigtheit eher das Böse, als das Gute von andern zu glauben. Ich will es an­dern überlassen, ob unser Urthei! gegrün­det sey, wenn wirsolcheMenichen, welche ihre Herrlichkeit auf den Untergang an­derer bauen, für die verabscheuungswür- digsten halten.

Ich merke noch dieses an, dass eine übel angebrachte Gefälligkeit oftmals das­jenige sey, wodurch ein Mensch zu ei­nem leichtgläubigen Verhalten nach und nach kann verleitet werden. Vielleicht sieht man dieses für* einen Widerspruch an; sich andern gefällig machen, und doch auch das Böse von andern leicht glauben; man betrachte aber nur die Sache unter verschiednen Umstanden, so wird sich dieser Widerspruch leicht heben lassen. Mit der vernünftigen Gefällig­keit laßt sich dieses freilich nicht zusam­men reimen, da aber der Mensch, aus Begierde zu gefallen, oftmals nicht nur die Sitten, sondern auch die Uriheile an­derer annimmt, so kann er leicht zu ei­nem leichtgläubigen Wesen verleitet wer­den , wenn er sich beständig in Gesell­schaft solcher befinoet, weiche diesem Feh­ler ergeben sind. Wenn er auch anfäng­lich, nur äusserlich, den leichtgläubigen anderer hftpflichlet, so gewöhnt es