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Gedanken
Von der Geneigtheit, das Böse eher" als das Gute von andern zu glauben.
(Beschlus.)
Wenn der Verstand sich mit den Gründen einer Sache beschäftigt, so ist. es demselben gar sehr gemäs, daß er kein Urrheil falle", bis er Die Gründe einge- fehn, und so lange mir dem Urtheile zu- rückhaite, bis dieses gescheh». Thur aber dieses derjenige, der nur dem Hörsagen trauet,, das zehnmal falsch , ehe es einmal wahr ist ? So wenig mir diejenigen reich an nützlicher Erkenntnis nöthiger Wahrheiten Vorkommen, welche in den Gesellschaften einschlafen müssen, wenn riicht gewisse kleine Beschäftigungen der Hand, die bald dieses, bald jenes Blatt umwendet, sie wachend erhielte, oder wenn ihnen nicht die Veränderung des Wetters und der Moden zu reden Gelegenheit gäbe; so wenig kann ich mich überreden, daß diejenigen einen gegründeten Anspruch auf den Namen groser Geister haben, welche einem jeglichen Au- lbringer des Bösen, alsbald auf sein Wort glauben, ohne daß sie weder von der Aufrichtigkeit des Anbringers überzeugt, noch andre gewisse Gründe haben, dergleichen Böses von ihrem Nächsten zu glauben, als ihnen von demselben hinterbracht worden.
Die Geneigtheit, das Böse von andern eher zu glauben als das Gute, ist um so viel veradscheuuugswüroiger, je mehr der Hochmuth und ein neidisches Herz au dieser Leichtgläubigkeit Antheil haben. Man findet es in der Erfahrung gegründet, daß ein Mensch desto reicher an bösen Neigungen des Willens sey, je armer er an den Gaben des Versandes ist. Ein stolzes Herz iss daher fast allemal ein Merkmal der UnverstLm
digen. Je leerer sie an richtigen Begriffen lind , desto leichter können allerhand unrichtige Vorstellungen in ihrem leeren Kopfe Platz finden , die alsdrnn die Triebfeder ihrer Handlungen wekden. Kommt es nun , daß gleichwohl der Hocbmüthige an andern mehr Gutes, als an sich selbst sicht, so beneidet er solches und desto mehr sucht er es zu unterdrücken, und denen seinen Beifall zu geben, welche die Tugend eines andern zu einem Laster zu machen wissen. Je geringer der Stolze nur andere machen kann, desto erhabner kommt er sich selbst vor; da er nun das letztere sucht, so entsteht daher die Geneigtheit eher das Böse, als das Gute von andern zu glauben. Ich will es andern überlassen, ob unser Urthei! gegründet sey, wenn wirsolcheMenichen, welche ihre Herrlichkeit auf den Untergang anderer bauen, für die verabscheuungswür- digsten halten.
Ich merke noch dieses an, dass eine übel angebrachte Gefälligkeit oftmals dasjenige sey, wodurch ein Mensch zu einem leichtgläubigen Verhalten nach und nach kann verleitet werden. Vielleicht sieht man dieses für* einen Widerspruch an; sich andern gefällig machen, und doch auch das Böse von andern leicht glauben; man betrachte aber nur die Sache unter verschiednen Umstanden, so wird sich dieser Widerspruch leicht heben lassen. „ Mit der vernünftigen Gefälligkeit laßt sich dieses freilich nicht zusammen reimen, da aber der Mensch, aus Begierde zu gefallen, oftmals nicht nur die Sitten, sondern auch die Uriheile anderer annimmt, so kann er leicht zu einem leichtgläubigen Wesen verleitet werden , wenn er sich beständig in Gesellschaft solcher befinoet, weiche diesem Fehler ergeben sind. Wenn er auch anfänglich, nur äusserlich, den leichtgläubigen anderer hftpflichlet, so gewöhnt es


