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Von der Größe.
Unter den unzähligen lebenden Geschlechtern des Erdbodens, ist der Mensch das einzige Geschöpf, dem wesentliche grose Vorzüge vor allen übrigen geschenkt sind. Er befindet sich in einer Höhe, aus welcher er alle die Millionen , weiche äusser ihm auf der Erde da sind, unter sich sinder. Nur seine Vernunft ist vermögend, viele Dinge in eine Verbindung zu dringen 'y eine Folge daraus herzuleiten; und aus dieser Folge mehrere Folgen zu entwickeln Nur der Mensch erforscht erstaunliche Dinge \ mißt was unermeßlich schien; stellt Werke dar die Lobred- uer seines Verstandes sind ; und seine gro- sen Erfindungen beweisen wie viel er vermag. Nur seine forschende Seele allein, kann abstrakte Wahrheiten, die nicht von Len Sinnen empfunden werden, enrde- cken und bearbeiten. Dieser vorzügliche 'Grad der Vernunft macht ihn zu einem wiewohl eingeschränkten Herrn, über die drei Reiche der Natur.
Ungeachtet der vorzüglichen Größe des Menschen aber, sind seiner tiefdenkenden Seele dennoch alle Werke des Urbebers der Natur grenzenlos. Sie wähle sich Mannigfaltigkeit, Kräfte und Endzweck zu ihrer Betrachtung; sie erforsche ganze Geschlechter in ihren Verbindungen, oder wähle sich ein Thier, eine Pflanze,, oder einen Stein zu ihrer Untersuchung ; ihr Denken beschäftige sich mit der Erde, oder erhebe sich zum Himmel, sie wird, wo sie sich mit. ihren Spekulationen auch hin begeben mag, immer zum Erstaunen, immer aber auch, ohne das Ende zu erreichen', stille zu stehn sich gezwungen finden. Mit einem jeden Grade, den sich ihre Untersuchung tiefer wagt, nimmt ihr Erstaunen aber auch die Finsternis zu, die sie umgiebt. Ein jedes Blatt am verachteten Ge
sträuche, ein jeder Ksesek am Bache legt dem Philosophen unauflösliche Aufgaben vor. Nicht allein die Triebfedern einer jeden Bewegung, die wirkende Ursache einer jeden Kraft, sind seinen forschenden Blicken verschlossen; sondern sogar in Ansehung der Große befindet er sich auf einem Meere, das für ihn keine Ufer hat.
Der Mensch dem es ein leichtes ist, fws der Ferne zu messen, wie viel Ellen jener Thurm hoch ist, dem ist es nun ög- lich die eigentliche Große Einer Elle zu bestimmen; der kann von keiner einzigen Sache die sein Auge in der Nähe beschauen, und feine Hand betasten kann, die wahre Größe erforschen; denn die Vorstellung welche wir Menschen von der Größe einer Sache haben, wird durch die Größe des Bildes , welches von einem Gegenstände durch die cristalliue Feuchtigkeit auf dem Boden des Auges dargestellt wird, hervörgeöracht. Dieser Custall wirft, nachdem er in den Äugendes einen Menschen mehr oder weniger als in den Augen des andern erhaben ist, ein kleineres oder gröseres Bild auf den Boden desselben, und nach der Größe dieses Bildes, faßt die Seele das Urkheil von der Größe der Dinge selbst ab. Wenn dieser Mensch von seiner Jugend an, ein Glas das sehr vergrösert, und jener ein Glas das sehr verkleinert, vors Auge gehabt hätte, so würden dennoch beide glauben, sie sahen die Gegenstände in ihrer wahren Größe. Ihre Urkheile würden auch mit einander übereintreffen. Der Stab der diesem einen Zoll gros ist, würde auch jenem einen Zoll gros seyn , nur die Vorstellung von der Größe eines Zolles wäre bei beiden unterschieden, keiner würde dem andern deutlich machen können, wie gros er eigentlich einen Zoll finde; denn der Maasstab wodurch er dieses bestimmen wollte, würde ebenfalls durchs Glas des


