Ausgabe 
21.3.1807
 
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Erklärung des Unterschieds der Weis­heit und Gelehrsamkeit.

(Verfolg.)

Im entgegengesetzte» Falle ist es ebenfalls richtig , daß die Erreichung un- ferer desondern Absichren nicht immer von unserer Bemühung abhange. Hundert Entwürfe sind oft mit der reifsten Beur- theilung gemacht, die Mittel, um sie auszuführen , der feinsten menschlichen Klugheit gemas erwählt, und angewen­det, und dennoch ist der Erfolg, welches sehr wenig zu furchten war, unglücklich. Ein offenbarer Beweis, daß unsere Ver­änderungen , unser Glück und die Erfül­lung unserer Wünsche unter einer höhern, als menschlichen Direktion stehen. Bei dem allen aber ist nicht zu leugnen, daß ebenfalls oft die Ursache dazu ein Man­gel von Weisheit und Klugheit sey. Man unterscheidet zwar diese beiden Eigenschaf­ten von einander, und der angegebene Un­terschied ist gegründet, wenn man ihn so festfttzt, daß jene auf die Festsetzung der Endzwecke und diese die Klugheit, auf die Wahl und auf den Gebrauch der zu ihnen tauglichen Mittel gehe; allein wo jene, wo die Weisheit in ihrer Vollstän­digkeit und wo sie zugleich praktisch, nicht blos eine Eigenschaft des Verstan­des ist, sondern sich auch thätig durch Handlungen an den Tag legt, da be­greift sie nothwendig die Klugheit mit in fich, sa, daß zur Weisheit inihrerVoll- ständigkeit etwas, welches mehr Theorie ist, aber auch Praxis und Anwendung gehört, und dies lezte ist die eigentliche Klugheit.

Muß nun die vorzüglichste Echt des Gelehrten seine eigne und die Glück- ftligkeit anderer seyn, und kann diese

nicht ohne mannigfaltige Kenntnisse und Geschicklichkeiten erreicht werden, welche Kräfte und Fähigkeiten voraussetzen; so ist allerdings vieles bei der Weisheit wie bei der Gelehrsamkeit ein Geschenk der Ratur, und in der That ein noch gröse» res, weil es bei Weisheit und Klugheit mehr auf Geschwindigkeit und Entschlos­senheit, als auf mühsames Nachsinnen und Meditation ankommt, welches bei der Gelehrsamkeit gerade umgekehrt ist. Und hieraus ergiebt sich, daß mancher selbst seiner Bestimmung und Natur nach so praktisch und so brauchbar nicht seyn und nie werden könne, als ein anderer, der doch in Rücksicht auf Wissenschaft vielleicht weit unter ihm ist. Weisheit und alles, waS zu ihr gehöret, Beur- rheilung, Vorsicht, Behutsamkeit und Klugheit wird erst erlangt, oder doch un­gemein befördert .durch Erfahrung und durch Bekanntschaft mit der Welt, und diese wird nur gemeiniglich gar zu sehr in den Jahren, da die Erlernung der Anfangsgründe der Wissenschaften die vorzüglichste Beschäftigung eines jungen Menschen seyn muß, vernachlässigt. Ist man aber einmal mit vieler Mühseligkeit durch die rauhen Wege der Disciplinen gegangen ; so fängt man oft erst alsdenn, mithin zu spat an einzufehen , daß, man bisher abgesondert von der Welt und un­bekümmert um das, was sich in ihr und bei dem Menschen täglich ereignet, die Welt mit ganz andern Augen angesehen, und daß der Weg, den man bisher zum Glücke und zu Verdiensten zu gelangen, betreten, keineswegs derjenige sey, auf welchem das, was man sucht, gefunden werden könne. Dieser begangene Feh­ler ist oft unheilbar, oder es müssen, wenn er gehoben werden soll, vorher viele und nicht geringe Schwierigkeiten überwunden werden.

(.Der Verfolg künftig.)