Ausgabe 
25.10.1806
 
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Gedanken

Von der Geneigtheit, das Böse eher als das Gute von andern zu glauben.

Böses und Gutes' ist in der Wett mit einander vermischt, und es ist kein Mensch, der lauter Gutes, und auch keiner, der nichts, was besser seyn könnte, an sich habe. Dieses Böse sowvhl als Las Gute ist nun so beschaffen, daß es andern Gelegenheit giebt, davon gewisse Urtheile zu fallen, wenn es ihnen be­kannt wird. Ob nun gleich ein jeglicher Mensch, der sich selbst kennt, so viel Dinge an sich findet, über deren Recht- rnaßigkeir ober Unrechtmäßigkeit er ur- rheilen sollte, so lehrt doch die Erfah­rung, daß die meisten nicht ihr eignes, sondern anderer Verhalten ihrem Urtheile unterwerfen.

Indem ich aber diese Urtheile mek- iter Mitbürger untersucht, so habe° ich gefunden, daß sie immer mehr Böses Dyn andern gesagt als Gutes, und zwar deswegen, weil sie das Bose, das andre an sich haben sollen, immer mehr ge­glaubt, als das Gute. Ich habe dar­aus den Schluß gemacht, daß sich bei gar vielen eine grösere Leichtgläubigkeit in Ansehung des'Bösen, als des Guten befinden müsse. Ich habe dieses Ver­halten untersucht, und diese Leichtglau- Ligkeit als eine solche Sache gefunden, dir alles Abscheues würdig, man möge sie nun nach ihren Gründen, oder nach ihren Folgen sich vorstellen. Sollte je­manden diese Sache allzubekannt Vor­kommen , den versichern w'r, daß wir guch jetzo von nichts anderm, als von einer bekannten Sache haben handeln wol­len- . ,. ...

Es ist gut, daß ich es hrer mir ker­net einzeln Person r oder einem, öewissew

Stande zu thun habe, denn ich befürchte, daß es ein jeglicher für eine Beschim­pfung ansehn würde , wenn man von ihm eine Fertigkeit behaupten wollte, einer Sache oder Erzählung Beifall zu geben, ohne daß er vorher die Wahrheit oder Falschheit derselben aus ihren Gründen geprüft hätte. Es liegt in uns ein ge­wisser Abscheu gegen den Zunahmen ei­nes Leichtgläubigen, man verlangt ein starker Geist zu seyn, nur dieses ist zu bedauern, daß diejenigen oft am meisten dadurch ihre Leichtgläubigkeit beweisen, d' sie sich für starke Geister halten. Am allerwenigsten will man die Leicht­gläubigkeit in Ansehung der bösen Ge­rüchte nicht an sich kouimen lass«, weil man wohl sieht, daß eine solche Fertig­keit in die Gesellschaft des geriugsten Pö­bels versetze.

Indessen ist es bekannt, daß die Menschen oft sehr schmeichelhafte Ge­danken von sich haben, und etwas was sie an andern für ein groses Verbreche» an sehn , an sich selbst dafür nicht wol­len gelten lassen.

Doch wenn die Leichtgläubigkeit in Ansehung des Bösen sich blos in diesen Schranken hielte, so würde der Schade, der daraus erwächst, kaum anmerkuugs- würdig seyn. Stelle ich mir aber den Leichtgläubigen in seinen anderweitigen Beschäftigungen vor, als einen Men, sehen, der eine Fertigkeit hat, immer das schlimmste von andern zu glauben, ohne daß er dazu Grund hat, so erblicke ich an ihm einen solchen, der die Tugend und deren Belohnung hindert, und so­wohl in der Religion als in dem Staate groftn Schaden anrichten kann.

(Die Fortsetzung.folgt.).

Be-