Ausgabe 
5.7.1806
 
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Vom Wohlthun, wozu der Stand verbindet.

( Verfolg.)

Gesetzt auch, daß einer oder der an­dere unter ihnen, sich einem tragen und Unwürksamen Leben ergiebt, alsdann ist er noch weit geplagter als ihr. Seine langweiligen "Stunden fallen ihm selbst zur Last: und er sinnt, seinen Unmuth zu hemmen , und seine Zeit zu verkürzen, auf Thorheiten, die ihm schlasiose Nachte und ein früheres Grab bereiten. Wenn ihr eurem Stande ein Genüge thnt; wenn ihr die Kräfte eures Leibes anwen­det, dem menschlichen Geschlechte nach euerem Vermögen zu dienen; so ist euer Dienst dem Herrn, der euch sowohl als die Hohen erschaffen hat , eben so ange- nehm ; und ihr seyd als Untertanen eben so unentbehrliche Mitglieder des Staats, wie sie.

Suchet euch nur durch eure Arbeit» famkeit und Treue in eurem Berufe nach eurer Art nützlich zn machen: und er­freuet euch dabei auf die frohe Stunde, die Hohe und Niedrige wieder in ihre na­türliche Gleichheit zurückbringen wird; wann manchem, Der zwar den Pflug führte, aber doch feine Kinder wohl er­zog und nach seinem Vermögen mehr Gu­tes that, ein erhabnerer Rang kann an­gewiesen werden, als andern, die jezt von ihrer Höhe mit stolzen Augen auf ihn herabsehen. Nur vergeßt es nicht, ihr Niedrigen, daß einem jeden unter euch seine Geschäfte bestimmt sind. Gleichwie ihr durch die Arbeit euren Un­terhalt erwerben könnt; also würdet ihr durch euren Müßiggang nicht allein den fleißigern zur Last fallen, sondern es würde auch ein Brod seyn , dessen ihr euch im Grunde schämen müßtet, wenn Uw­es euch, so lange eure Hande und Füße gesund find, nicht anders, als durch

träges Betteln, oder gar durch noch straf­bareres Stehlen verschaffen wolltet. Hin­gegen die Betrachtung, daß ihr im Gan­zen eben so unentbehrllche, eben so nütz­liche Mitglieder des Staats seyd, als diejenigen, die zu eurem eignen Besten über euch herrschen, muß euren Fleiß er­muntern. Durch euren ^le$, dem der Segen versprochen ist, können sich nach und nach eure Umstände bessern. Ihr könnt nach und nach zu einigem Vorrath gelangen: und da ihr gewohnt seyd, bei einer mäsigen Kost eben so zufrieden und gemeiniglich weit vergnügter zu leben, als die Reichen, so ist es euch möglich, mit einem Thaler, den ihr von Zeit zu Zeit erspart, nach eurem Vermögen, wenn ihr den guten Willen dazu habt, eben so viel gutes, als jene mit vielen tausenden, anSzurichten; eben so vielen Elenden zu helfen und nach eurer Art eben so große Wohlthaken auszuüben, als jene. Ja ihr übt dergleichen große Wohlthaken oft aus, ob ihr euch gleich in eurer Demuth fein Verdienst daraus macht. Die Elenden und Nothleidende» sind euch naher: ihr erfahrt ihre Um­stande leichter: und wie mancher Kran­ker wird von eurem Stande verpflegt; wie manches vaterlose Kind wird von nie­drigen Leuten liebreich ausgenommen, er­zogen und versorgt; wie mancher Hung­riger wird von andern Geringen gespeist; und wie manche sinkende Familie hilft sich durch den kleinen Beitrag, den sie von ihres gleichen empfangt, wieder auf! Denn ob ihr gleich niedrig seyd, so gönnt euch doch derjenige, den ihr euren Va­ter nennt, öftere Gelegenheiten Gutes zu thun , und Wohlthatcr an euren Brü­dern zu werden. Das schlechte Kleid, das harte Brod, der Trunk kalten Was­sers , welchen ihr den Dürftigen mit ei­nem guten Herzen reicht, ist vor ihm eine eben so rühmliche That, als das

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