- )
Der Tempel des Glücks. Ein Traum.
(Verfolg.)
Unterweges vernahm ich, daß der Tempel des Glücks hundert Thüren hatte, und daß die Ankommenden, wel- cbe nicht die rechte wählten, sehr Gefahr liefen, ausgeschlossen zu werden, oder daß auch viele, welche hiueingekom- men waren, plötzlich wieder herausgestossen würden. Ferner sagte man mir, daß verschiedene von denen, die von dem Tempel waren ausgeschlossen oder her- ausgeworfen worden, demohngeachtet sich stets bei dem Tempel aufhielten , und sich unaufhörlich alle ersinnliche Mühe gäben, hinein zu kommen; wie auch, daß nur zwei Aufenthalte für die andern waren, wovon sie nothwendig einen wählen mästen : der Wohnplaz der Zufriedenheit und ein Gebäude, welches das Glücks- lazareth hieß, welches ich gleich oben in dem Moraste liegen sähe. „Diejenigen, (so erzählte man mir, ) welche die Hof- uung aufgaben, in den Tempel des Glücks zu kommen, giengen grvstentheils zum Lazareth des Glücks, das ihnen, so wenig angenehm auch sein Anblick war, doch mehr Bequemlichkeit zu versprechen schien, als sie in den armseligen Hütten der Zufriedenheit finden können. Sie leben daselbst arm und verachtet, aber sie verachten auch alles wieder, und sie verschonen sich selbst und ihre Wahl mir ihrem Spotte nicht. Leichtsinn und Trägheit sind die zwei Haupreigenschaften, wodurch sie in verschiedene Klassen eingetheilt werden. Die Gemütbsart der Träqen besteht in einer Art Stoicismus. Sie sind gegen das Nebel verhärtet, und sie schreiben ihrem Unglücke eine Nvthwendigkeit zu, der sie nicht entgehen könnten. Nach ihrer Meinung ist nichts vernünftiger, als die Hande in den Schoos zu legen, und
17° ( —
alles aufs Schicksal ankommen zu lassen. Die andern sind eine Art Epikuräer, die keine andere Gottheit verehren, als Ba- chus und Venus, und wechselsweise bald in Völlerei und Ueberfluß , bald in Mangel leben, nachdem es den Kindern des Glücks gefällt, mildrhätig oder karg gegen sie zu seyn. Sie verfluchen ihren Zustand und spotten darüber, je nachdem ihnen zu Muthe ist. Aber nie stellen sie ernsthafte Betrachtungen darüber an. " Kaum hatte ich diesen Unterricht bekommen, als ein ganzer Trupp, der von dec Thür des Tempels des Glücks weggegan- gen war, und zu seinem Lazarerhe gieng, uns entgegen kam. Ihr Bezeigen war vollkommen dem Begriffe gemäs, welchen man mir davon gemacht hatte. Einige schienen gleichsam fühllos, andere lärmten, liefen umher und geberdeten sich halb unsinnig. Die Neugier bewog mich, einige von diesen Wanderern zu befragen, wer sie wären, und warum sie diesen Weg nähmen. 3
Ich heisse Ruhegern, antwortete mir der erste, indem er mit ausgestrecktem Arme und aufgesperrtem Munde seine Schläfrigkeit zu erkennen gab. „Ich bin vor manchen Thüren des Tempels gewesen, aber die wenigen, welche mir an- standen, waren so voll Leute, daß ich gewiß nicht mit unzerbrochenen Gliedern hindurch gekommen wäre. Ich gieng daher gutwillig zurück. Unterweges traf ich den guten Freund an, (setzte er hinzu , und zeigte auf einen , der ihm zur Seite taumelte,) und diefer benachrichtigte mich , daß dieser Weg der beste wäre, und daß meistentheils alle ihn nähmen.
„Ja, sprach sein Reisegefährte mit stammelnder Zunge, wir wollen wie zwei vornehme Herren leben. Ich denke, so viel vernünftige Leute, gehen nicht zu jenem


