) J86 (
Der Tempel des Glücks. Ein Traum.
(Verfolg.)
Der folgende Eingang war für Schriftsteller. Es war über dieser Thür ein Monn vorgestellt, der saß und unaufhörlich schrieb, und immer etwas Geschriebenes weg gab, wornach einige andere auf einmal griffen, indem sie Geld auf den Tisch legten. Jur Seite sah man Popensund Voltaircns Bildsäulen. Ich kam dieser Thür sehr nahe, und wqrd gewahr, daß ein junger Mensch mit einer 1011^11^1^6 auf einmal ei- ' nige hundert zurück trieb , die älter schien uen, als-er. Ich sprang eiligst zur Seite, und fragte einen von denen, welche die meisten Schläge bekommen • hatten, was dies für ein verwegener junger Mensch wäre? Ach, gab er weinend zur Antwort: Er heißt der neue Geschmack. Er maßt sich einer allgemeinen Herrschaft, selbst über diese Thür an. Die Vorrathskammer- und Archi- varienschreiber, Scholiasten, Anagram- matisten, allezeit fertige Gelegenheitsdichter u. d. gl. kann er gar nicht ans- stehen. Die müssen alle zurück. Bonden übrigen vertreibt er alle die, welche nach seinem Dünkel einen verderbten Geschmack haben. Dieser Schriftsteller vertraute mir zugleich, daß er der Verfasser eines Heldengedichts in daktylischen Versen wäre, wie auch von einigen hundert sehr künstlichen Akrostichis und Chronostichis, und einer Menge Logogyphen, die so sinnreich wären, als irgend einige im Mercure de Francois. Er führte bit- ' Ire Klagen über die Unvernunft unsrer Zeiten, und schmeichelte sich, daß die Nachwelt bessere Einsichten haben würde. Ich bemerkte übrigens noch au denen, die durch diese Thür giengem, einen gro- sen Unterschied in ihrer Kleidung und in
ihrem Betragen. Einige waren ganz mit Schmutz und Sraub bedeckt, andre hingegen sehr sauber gekleidet. Einige gien- gen auf so hohen Stelzen, daß man schwindeligt ward, wenn man sie ansah; andere giengen auf Socken; einige bedeckten ihre kahlen Häupter mit grosen Perücken, daß sie langen lebendigen Perückenstöcken ähnlich waren; andere zeig-
* ten sich so kahl, wie sie waren. Da« t Frauenzimmer, welches in diese Thüre Stetig, hatte Mannskleider an.
Ueber der siebenten Thüre war ein Harlekin vorgestellt, der auf den Schultern des Glücks saß. Auf der einen Seite sah man des Brutus, auf der andern des Claudius Bildnis. Die Thür war.weit und gemächlich. Einige tau- ssend verstellte und wirkliche Narren und Gecken stürmten herein, und selten geschah es, daß einer wieder zurück kam. Keiner von ihnen ließ sich mit einer Narrenkappe sehen. Selbst die Hofnarren erkannte man allein an ihrem Betragen.
Ueber der achten Thüre stand ei» sogenannter Petitmaitre, der einen leeren Geldbeutel in Händen hatte. Die Ueberschrift war folgende: Eine reiche Braut bringt alles wieder. Auf beiden Seiten waren eine Menge Bildnisse von den ansehnlichsten Leuten, die ihr Glück durch Heirathen gemacht hatten, aber sie waren alle so klein, daß ich keinen Namen darunter lesen konnte. Diejenigen, welche durch diese Thur eingiengen, drängten sich mit der grösten Zuversicht auf ihre Verdienste hinein, aber die meisten kamen mit Körben beladen zurück.
Der nennte Eingang war allein fürs Frauenzimmer. Hier stand eine Menge von sorgfältig geschmückten Schönen, und wünschte sehnsuchtsvoll hinein zu kommen.


