Ausgabe 
23.11.1805
 
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) J86 (

Der Tempel des Glücks. Ein Traum.

(Verfolg.)

Der folgende Eingang war für Schriftsteller. Es war über dieser Thür ein Monn vorgestellt, der saß und un­aufhörlich schrieb, und immer etwas Ge­schriebenes weg gab, wornach einige an­dere auf einmal griffen, indem sie Geld auf den Tisch legten. Jur Seite sah man Popensund Voltaircns Bildsäulen. Ich kam dieser Thür sehr nahe, und wqrd gewahr, daß ein junger Mensch mit einer 1011^11^1^6 auf einmal ei- ' nige hundert zurück trieb , die älter schien uen, als-er. Ich sprang eiligst zur Seite, und fragte einen von denen, welche die meisten Schläge bekommen hatten, was dies für ein verwegener jun­ger Mensch wäre? Ach, gab er weinend zur Antwort: Er heißt der neue Ge­schmack. Er maßt sich einer allgemei­nen Herrschaft, selbst über diese Thür an. Die Vorrathskammer- und Archi- varienschreiber, Scholiasten, Anagram- matisten, allezeit fertige Gelegenheits­dichter u. d. gl. kann er gar nicht ans- stehen. Die müssen alle zurück. Bonden übrigen vertreibt er alle die, welche nach seinem Dünkel einen verderbten Geschmack haben. Dieser Schriftsteller vertraute mir zugleich, daß er der Verfasser eines Heldengedichts in daktylischen Versen wäre, wie auch von einigen hundert sehr künstlichen Akrostichis und Chronostichis, und einer Menge Logogyphen, die so sinnreich wären, als irgend einige im Mercure de Francois. Er führte bit- ' Ire Klagen über die Unvernunft unsrer Zeiten, und schmeichelte sich, daß die Nachwelt bessere Einsichten haben würde. Ich bemerkte übrigens noch au denen, die durch diese Thür giengem, einen gro- sen Unterschied in ihrer Kleidung und in

ihrem Betragen. Einige waren ganz mit Schmutz und Sraub bedeckt, andre hin­gegen sehr sauber gekleidet. Einige gien- gen auf so hohen Stelzen, daß man schwindeligt ward, wenn man sie ansah; andere giengen auf Socken; einige be­deckten ihre kahlen Häupter mit grosen Perücken, daß sie langen lebendigen Pe­rückenstöcken ähnlich waren; andere zeig-

* ten sich so kahl, wie sie waren. Da« t Frauenzimmer, welches in diese Thüre Stetig, hatte Mannskleider an.

Ueber der siebenten Thüre war ein Harlekin vorgestellt, der auf den Schul­tern des Glücks saß. Auf der einen Seite sah man des Brutus, auf der an­dern des Claudius Bildnis. Die Thür war.weit und gemächlich. Einige tau- ssend verstellte und wirkliche Narren und Gecken stürmten herein, und selten ge­schah es, daß einer wieder zurück kam. Keiner von ihnen ließ sich mit einer Nar­renkappe sehen. Selbst die Hofnarren erkannte man allein an ihrem Betragen.

Ueber der achten Thüre stand ei» sogenannter Petitmaitre, der einen lee­ren Geldbeutel in Händen hatte. Die Ueberschrift war folgende: Eine reiche Braut bringt alles wieder. Auf beiden Seiten waren eine Menge Bildnisse von den ansehnlichsten Leuten, die ihr Glück durch Heirathen gemacht hatten, aber sie waren alle so klein, daß ich keinen Namen darunter lesen konnte. Diejeni­gen, welche durch diese Thur eingiengen, drängten sich mit der grösten Zuversicht auf ihre Verdienste hinein, aber die mei­sten kamen mit Körben beladen zurück.

Der nennte Eingang war allein fürs Frauenzimmer. Hier stand eine Menge von sorgfältig geschmückten Schönen, und wünschte sehnsuchtsvoll hinein zu kommen.