Ausgabe 
21.9.1805
 
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/) I

Die Ursache von der allgemeinen Bestürzung über einen plözlrchen Lod.

( Beschlus. )

Eben so wenig ist es eine beunru­higende Theilnehmung an den betrübten Umstanden, darin etwa die Hinterblie­benen eines geschwinde Verstorbenen ge­setzt worden sind. Man wird dies ohne SSewejd zugeben. Ein nach einer vier- zehntägigen Krankheit erfolgter Tod wacht die Hausumfiande der Nachge­bliebenen in ihrem Wesen, nicht im ge­ringsten schlechter, als ein schleuniger Hintritt. Soll demnach die erschreckende Empfindung, die ein geschwinder Tod bei allen, die ihn hören, erregt, ihren Grund in einer bedauerten und verlasse­nen Familie haben : so muß sie, diese Empfindung bei einem langsam erfolg­ten Tode eben so stark, als bei einer ge­schwinden Verewigung seyn. Eine Be­hauptung , dafür uns gleichwohl eine beständige Erfahrung ihren Beifall ver­sagt. Laßt uns also die Ursache von diesem allgemeinen Schrecken ganz an­derswo suchen. Und wir finden sie, wo ich nicht irre, in uns selbst, in unserer eignen zu einem seligen Abschiede noch gar sehr unbereiteten Seele.

Wer kann es läugnen , daß die mei­sten Menschen, auch die nicht ausge­nommen, deren Gottseligkeit keine Heu­chelei zu seyn scheint, noch einen gro- sen Theil ihrer Bekehrung, ihrer An­schickung zum Eingänge in die Ewigkeit, bis aus das Sterbelager aussetzen? Ich berufe mich in dieser Behauptung auf das Gefühl aller derer, die etwa diese Gedanke» durchlaufen werden. Sterben muß ich, das ist wahr ! Aber ich bin noch lange nicht fertig zu dieser grosen

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Reise; dies ist auch wahr! Erst noch die­sen Prozeß gewonnen ; erst noch diesen Feind gedemüthiget; erst noch das Glück dieses Kindes auf sichern Gründen ge­baut. Gott wird mir die Gnade gön­nen, und so lange leben lassen, bis ich diese Absichten glücklich verrichtet habe. Und sodann mache ich noch auf eine neue Gnade alle meine Rechnung. Eine lange Krankheit erwarte ich von dem Gott, der so voller Erbarmuug ist. Diese will ich redlich brauchen. Wenn der König der Schrecken erst alle meine Glieder zur Verwesung fertig gemacht haben wird, und ich nun sehe, daß mich der Wirbel der menschlichen Dinge bald mit sich forlreiffeu werdez denn will ich alles nachholen, was ich wegen eines seligen'' Todes bisher versäumet habe. Ja, mein Gott, diese Gnade, auf meinem Kran­kenlager noch erst herzlich fromm, noch erst dein Kind, noch erst wegen eines künftigen seligen Erbkheils recht gewiß zu werden, dise Gnade, mein Gott, die erwarte ich ganz gewiß von dir. Dies ist die Denkungsart fast aller Sterbli­chen. Ich frage noch einmal meine Le­ser , ob sie nicht aller Orten wirkliche Originale von diesem jezt entworfenen Bilde kennen , vielleicht in sich selbst ken­nen ? Kein Wunder demnach, wenn uns bei einer solchen schlechten Verfassung die Nachricht von dem schleunigen Tod unserer Brüder in die äusserste Bestür­zung, in Zittern und in Schrecken setzt. Sv wenig kann man seinem Leben trauen. So unsicher ist es, wenn mau seine Zu- bereituug zum Tode, bis auf das Kran­kenlager aufschiebt. Vielleicht hat mein so geschwind in die Ewigkeit gerückter Freund eben solchen Plan von seiner Au- schickung zum Tode gemacht, als ich mir gemacht habe? Und so ist er wohl gar unbereitet, wohl gar äusser der Ge- Mtinschgft lstjs Gbtt, und folglich höchst unselig