Ausgabe 
6.7.1805
 
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Die Frugalität.

(Verfolg.)

Gesetzt, wir wüsten also in dem Aensserlichen des gesellschaftlichen Lebens noch Sclaven des unfrugalen Geschmacks unserer Zeit bleiben, und den Tyrannen, die man Etikette, Mode, Gewohnheit, Lebensart, nennen, frohnen; wer ver­bietet uns denn, in unendlich vielen an­dern Dingen, die nicht unter so barba­rischen Gesetzen, sondern in unserer freien Willkühr stehen, in die Grenzen der Na­tur und Vernunft zurück zu kehren?

Unter die unnatürlichen Bedürfnisse des Lebens, welche die Frugalität ver­bannet wissen will, rechne ich mit Recht zwei Arten, die nicht anders, als durch den Gebrauch des stärksten Giftes gestil- let werden können, welches von der Na­tur ist, daß es diejenigen, die es genie- sen, einige Augenblicke sehr lustig macht und aufwecket, hernach geschwind tddter. Diese Bedürfnisse mit ihren traurigen Ge­genmitteln herrschen in Städten häufiger, als auf dem Lande. Sie heissen Spiel und Zeitvertreib.' Man kann in Städten schwerlich einen Tag ohne die­selben hinbringen. Man bereitet sich, sobald man des Morgens das Bette ver- läst, dazu vor, und schlaft des Abends mit den Gedanken ein, wie man ihrer des andern Tages wteder geniesen möge.

Ich hasse eine übertriebene Sitten­lehre, die sich immer bestrebt, das Re­gister der Sünden zu vermehren, und zu verbieten, wo Gott und die Natur nicht verbieten. Ich tadele alle Moralisten, die dasjenige, was der menschlichen Na­tur angemessen, was ihrer Wohlfahrt ge- mäS, folglich leicht und angenehm ist, zu schweren abschreckenden Pflichten ma­chen , und durch ihre zu hoch gespannte Foderungen mehr Lust und Neigung zum

Laster, als zur Tugend machen. Ich tadele also an sich weder Spiel noch Zeit­vertreibe, und sehe beiden oft gerne mit heitrer Stirne zu. Wenn ich demnach davon behaupte, daß sie unnatürliche Be­dürfnisse voraussetzen, und ein schädli­ches Gift sind; so sehe ich blos,' theils auf ihre Art, theils auf ihren Mis- brauch. Unsere frugale Vorwelt spielte auch. Aber ihre Spiele waren edel, un­schuldig und nützlich. Sie bestunden in Leibesübungen, welche die menschliche Maschine vollkommener, harter, geschwin­der machen konnten, in Dingen, welche den Geist schärften, und die Neigungen vom Müsiggange, von Weichlichkeit ab­ziehen, und zum Muth, zur Arbeitsam­keit, zur Tapferkeit anfeuern konnten. Die Turniere, die Ritterspiele, die Wett­laufe, die Kämpfe, das Ringen, das Jagen und Verfolgen wilder Thiere, das Schachspiel, gehörten unter diese edle Arten der Spiele und Zeitvertreibe.

Man betrachte hingegen unsere Kar­ten- und Würfel- und sogenannte Ha- zardspiele, dabei es blos darauf ankömitif, den Mitbruder ärmer, und sich selbst rei­cher zu machen, dabei den Gewinn nicht das geringste Verdienst krönet, weil er aufeinem blosen Giücksfalle beruhet, der dem Düinsten so leicht, als dem Klügsten sich znneiget; dabei unmenschliche Gesin­nungen vorausgesezt werden, denn es ist unmenschlich, sich über den Schadendes Nächsten zu freuen, und das zu wünschen, was jenem schmerzlich und nachtheilig ist; man erwäge, wie niederträchtig alle solche Spiele sind, indem dabei alles aufs Geld, nichts auf Ehre, Ruhm und wahre Ver­gnügung ankömmt; wie wird man da­bei wohl einen Helden, einen Patrioten, einen Menschenfreund, einen Gerechten, der jedem das Seinige gönnt, und keines fremden Guts begehret, erkennen, wenn

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