Ausgabe 
18.12.1770
 
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4«4 Giesiische wöchentliche gemenmStzige Anzeigen

als die übrigen. Welch einen wunderlichen Contrast machen nicht oft die Grundsätze eines Menschen mit feiner Aufführung! Ich gestehe ihnen, ich habe allemal meine besondere Betrachtungen wenn ich ihn sehe. Er kommt mir vor wie der für fromm gehaltene Doecor Dmrs, welcher auf die Ei- telkrttn der Welt schmälet, und eben darinnen felbsten eitel ist , indem er sich freuet daß er dieses thun köune, oder wie der geizige Rmcsrr , der auf Tänze und Balle als weltliche Dmge schimpfet, womit man sich in dieser flüchtigen Zeit nicht atzaeben sollte, aber dennoch ganze Tage in Ue- berreblung ferner Tbaler verdirbt, wo er nur das Vergnügen des An- scha'uens zur Absicht hat. Alle diese Moralisten haben in ihren Meynun. gen recht, warum machen sie aber eine Ausnahme, so oft es ihee Lieblings- Neigung betvift?

Es bestätiget sich daher sehr ost bey mir die Wahrheit, daß die Tugend gar nicht in der Enthaltsamkeit von einem oder dem ans dern Fehler bestehe / sondern in einer festen und ununterbroehe- nen Steigung allezeit durch alle unsere Handlungen auf untere Ter* bindlichkeit loszuarbeiten, um uns und dem Nebenmenfiheir nützlich zu fevn; alles aber was hierzu nichts beyträgt zu ver­dammen und w fliehen. Megalinc sollte dieses merken. Sie gibt keinem Armen ein Stück Brod, glaubt aber doch daß sie von Herzen fromm feoe. Warum? Sie spielet nicht, auch wann sie einen ganzen hal­ben Tag eine Spielgesellschaft aushält. Was tbut sie dann ? Sie mora- lisirt und beseufzt die Welt, die es nicht höret, uno wann sie es hörete, sich nicht daran kehren, sondern von Megaline fodern würde, daß sie sich selbst befleißigen sollte andern nützlich zu feyn. Megalinc ist aber v,ocd fromm. Warum ? sie spielt nicht. Weber das übrige welches man sonst nebst diesem zu nennen pflegt, sezt sie ihr Alter weit hinaus.

Dorant trägt seine Blumenstöcke den lieben ganzen Tag zurecht. Sagen sie ihm, dieses Vergnügen seye sündlich : Er wird sich höchstens beschweren , und alsobald entschuldigen , es seye besser als wenn er spiele. Zeigen sie ihm daß sein Vergnügen zwar an und für sich recht gut und an­ständig seye, aber doch das Maas übcrtrette, indem er wichtigere Geschäfte auf Seite setze, und längere Zeit darauf verwende, als einem Vergnü­gen gehöre: Er wird nicht überzeugt werden, indem er nur das Objekt fernes Vergnügens vor Augen hat, und gar nicht auf die Sittstchkeil sie-