3 Die deulsche Eisenfaust, die jetzt mit wuchtigem Schlage as eiserne Tor gespreugt und über den serbischen Vasallen und Torwächter hinaus eine breite Bahn nach dem Osten geschaffen hat, diese eiserne Faust holt zu neuen Schlägen aus, wenn unsere Feinde es durchaus haben wollen.(Stürm. Beifall.) Die Verant⸗ wortung allerdings für das Blut, das dann weiterhin fließt für all die Not, die weiter über die Welt kommt, für die schwere Ge⸗ fahr, die der ganzen europäischen Kultur droht, diese Verantwor⸗ tung fällt nicht auf Deutschland, sie fällt auf die Gegner, die sich nicht entschließen können, aus unseren Waffenerfolgen, die uns keine Welt wieder streitig machen kann, die Folgerung zu ziehen, uns das Recht auf die Sicherung unserer Zukunft zuzugestehen. 8(Lebhafter Beifall) Sie fällt auf jene, die in törichtem und ver⸗ 5 brecherischem Wahn heute noch von unserer Zerschmetterung und ZBerrstückelung reden, bon dem Erschöpfungskrieg, der sie ans Ziel * bringen soll Wir stehen fest in der heimischen Erde, an den
goldenen Pfeilern des britischen Weltreiches aber leuchtet in
Flammenschrift wie an Belsazars Palast, das Mene tekell uqharsim!(Stürm. anhaltender Beifall.)
Abg. Scheidemann(Soz.):.
Wir behalten uns die endgültige Entscheidung bis zur dritten Lesung vor. Eine gründliche Aussprache allgemein politischer und 5 finanzpolitischer Dinge auch im Anschluß an diese Vorlage erfolgt . zunächst am zweckmäßigsten im Haushaltsausschuß. Wir sind deshalb mit der Ueberweisung an ihn einverstanden.
Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen.
Abg. Dr. Liebknecht:
Nach meiner Kenntnis der Rednerliste stand ich als erster Redner bor dem Abg. Scheidemann auf dem Verzeichnis, zu dem agusgesprochenen Zwecke zu protestieren.(Glocke des Präsidenten. N Redner will weitersprechen, wird aber durch allgemeines Gelächter 1 daran verhindert.) 8
Die Vorlage geht auf Antrag des Abg. Bassermann Matl.) an den Haushaltsausschuß. 5
5 Abg. Ledebour(Soz.): 8
1 Ich muß Verwahrung dagegen einlegen, daß das Haus, ohne
5 abzuwarten, 0b der Präsident es für nötig hält, einem zur Ge⸗ schäftsordnung sprechenden Redner das Wort zu entziehen, seiner⸗ eits durch fortwährendes Schreien am Weitersprechen gehindert hat.(Lebhafter Widerspruch.)
i Abg. Dr. Neumann⸗Hofer:
Ich stelle fest, daß das gange Haus den Abg. Dr. Liebknecht so lange angehört hat, bis der Präsident die Glocke schwang. Erst 5 11 hat das Haus durchaus richtig den Abg. Dr. Liebknecht ver⸗
0 indert, weiterzureden.(Zustimmung.)
5 Die Vorlage über die weitere Zulassung von 5 Hilfsmitgliedern im Patentamt wird in erster Lesung bHhne Aussprache erledigt.
Nächste Sitzung: Montag, den 20. Dezember, 11 uhr: Kriegsgewinnvorlagen, Bericht des Ausschusses über die Er⸗ nährungsfragen. 5
Schluß 384 Uhr.
Organisationen.
Heute schon während des Krieges haben sich sogenannte Schlagwörter herausgebildet, deren häufige Anwendung, in rift und Rede, die Ueberzeugung von der Unbesiegbarkeit Deutsch⸗ ands klarlegen soll. Zu diesen Schlagwörtern gehört auch das der Deutschen Organisation“. Zweifellos ist aber auch, daß ohne en Weltkrieg dieser Begriff niemals zu solch hohem Ansehen gelangt wäre. Dieser stieg jedoch zu einer derartigen Höhe, daß es zurzeit nicht leicht ist, etwas gegen die„Organisation“ zu sagen, ohne befürchten zu müssen, den Widerspruch vieler zu er⸗ wecken. Und wenn ich es trotzdem unternehme, etwas zu den Organisationen“ zu sagen, so geschieht es lediglich, darzutun, daß nicht alles durch die Organisationen erlangt werden kann. Zur Erreichung des Organisationszweckes gehört nicht nur die Aufstellung eines Organisationsplanes,— nach welchem eine
5 chte ie Unterst Au des Organisationsplanes wungen sein, au allen Fehlern und Schwächen des Menschen 0 5 5 855 der Mehrheit der Fälle geschieht dieses jedoch gewöhnlich nicht in dem Maße, wie es notwendig erschiene. Einer Organisation liegt 5 ein wirtschaftlicher Zweck zugrunde, in der Mehrzahl der e
ich; und aus diesem Grunde müßte man bei
die direkte Erreichung eines wirtschaftlichen Zieles. Weil aber Mensch— willkürlich oder unwillkürlich— versucht, sich 1 große Vorteile— hier wirtschaftliche Vorteile— zu sichern, so versagt dort der Organisationszweck bezw. die durch Organisation gewollte Zweckerreichung, je mehr die„Organi⸗ n“ der Unterstützung eben der einzelnen Menschen entbehrt. aktischen Beispielen können wir in beliebiger Zahl diesen gssatz herunterzählen. Treffendere Beispiele aber, ung verschiedener Bundesratsverordnungen, zur Regu⸗
des Lebensmittelmarktes sind hierfür kaum zu finden.
alb sah man sich von staatswegen genötigt, die Brotkarten, in verschiedenen Städten Milch⸗, Fleisch⸗ und Fettkarten ein⸗ ren! Ein Organisationsplan kann wohl nach mathematischen in aufgestellt werden; der Wirtschaftszweck wird aber durch rganisationsplan allein nicht erreicht. Die Erfahrung lehrt immer wieder, daß nur die Ausübung des Zwanges auf
Giesßzener Stadttheater.
. Arthur⸗Schnitzler⸗Abend. astspiel des neuen Theaters Frankfurt a. M. Komödie der Worte. Mit diesem Sammeltitel der Ein⸗ ersolge„Stunde des Erkennens“,„Große Szene“ as Bacchus fest“ nimmt Schnitzle jeder Kritik die „ 8 5 3 ktierung un e von en aufgebauten logi⸗ schem Gefüge der drei Einakter die innere Schwäche. be. Da Schnitzler selbst, statt der Psychologie der Beteiligten, die Pfgchologie des Dialoges in den Vordergrund rückt und damit seine Stärke— und auch seine Schwäche— freimütig eingesteht, o könnte man sich mit der erneuten Feststellung begnügen, daß er ie Dialogführung wie kaum ein zweiter meistert und mit halben Vorten und verschleierten Andeutungen über die zugrunde liegen⸗ den Probleme hinwegzugleiten versteht, ohne daß aber auch nur en Augenblick lang das Unausgesprochene— ungesagt bliebe. itzler ist aber ein so feiner Kenner der verwickelsten seelischen
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5 erklügelt sind, verlieren damit an allgemeiner symptomatischer Bedeutung.. Tae drei Einakter sind nicht gleichwertig. Am stärksten ist„Die
Stunde des Erkennens“, dramatisch am wirkungsvollsten die„Große Szene“ Das„Bacchusfest“ fällt in jeder Beziehung stark ab. Dreimal bildet der Austrag eines ehelichen Treubruches, der Kampf egen Lüge und Betrug, den dramatischen Vorwurf.
In der„Stunde des Erkennens hat der betrogene Gatte jahrelan, Wissen verborgen, um die gemeinsame Pflicht der Kinder llen zu können. Da dies geschehen ist,
den Aussprache. Sein Verdacht trifft enschen, dem alles mühelos zufiel,
aber begibt sie sich zu dem schuldlosen ert hatte, um den Frieden ihres Heims
2 Dritten, dem sie sich zu wahren.
die Gesamtheit— und damit auf den einzelnen Menschar— zum Ziele führen kann. Von der Einsicht des Menschen selbst ist daher nicht alles zu erhoffen, weil eben mit wenigen Ausn die menschliche Natur durch den Eigennutz im Menschen heherrscht wird. Daraus ergibt sich, daß bei um so größerer Zurückdrängung diese⸗ Eigennutzes die Aufgabe einer Organisation umso näher ihr Ziel erreicht. Der Organisationserfolg hängt daher mit in erster Linie von der Erziehung und der sittlichen Kraft der Einzelperson ab. Und weil diese bei uns Deutschen am ausgeprägtesten unter allen Nationen hervortritt, deshalb wird der Erfolg der deutschen Organisation auch in aller Welt bewundert.
Und so wirft sich die Frage auf, bis zu welchem Grade der Vollkommenheit die vielseitigen Organisationsvorschläge— einerlei ob auf rein wirtschaftlichem oder auf rein sozialpolitischem Ge⸗ biete— durchgeführt werden können. Eine bestimmte Antwort läßt sich nur mit Bezug auf den Vordersatz geben. Anders ist dagegen die Wirkung der Organisationen, die lediglich privat⸗ wirtschaftlicher Natur sind. un in der Privatwirtschaft ist nur ein Wille vorhanden, dem sich die Einzelwillen unterzuordnen haben; dadurch wird in hohem Maße das sittliche und erziehe⸗ rische Moment ausgeschaltet. Die„Einsicht“, welche man vom einzelnen Menschen bei den öffentlichen Organisationen mitunter so sehr vermißt, spielt hier in der Privatwirtschaft eine nicht so bedeutende Rolle. 8 1 1
Man kann behaupten, daß wir noch niemals in einer Zeit lebten, die so von Organisationsvorschlägen förmlich durchschwirrt wurde wie heute, und man kann sagen: Wir leben in einer„Ueber⸗ organisationszeit“. Es gibt kaum ein Gebiet, das nicht in Beziehung zum Kriege gebracht wurde und für das man nicht Vorschläge zur Neuorganisierung oder zur Umorganisierung ersann.
Neben der Anzahl der Organisationsvorschläge ist— abgesehen von ihrer Art— auffällig, woher diese Vorschläge überall kommen. Gewiß ist das Wirtschaftsgebiet bis zu einem gewissen Grade All⸗ gemeingut geworden; dieses läßt aber noch nicht den Schluß zu, daß jeder, der sich zu Vorschlägen berufen fühlt, auch glaubt, diese müßten angenommen werden. Wir verfügen gerade auf sozialem Gebiete über eine solche Unsumme von Organisationsvorschlägen, die vielfach dem Berufenen das Gefühl der Beängstigung aufnßtigen.
Wenn ich oben schon andeutete, daß das Wirtschaftsgebiet sich nicht in mathematische Regeln zwängen läßt, so erfordert doch gerade die Beherrschung dieses Gebietes eine umso größere Er⸗ fahrung, neben gründlichen theoretischen Kenntnissen. Und nur der⸗ jenige sollte sich zu Vorschlägen wirklich berufen fühlen, der auch imstande ist, die volkswirtschaftlichen Ursachen und Wirkungen übersehen zu können. Mit Recht schrieb kürzlich eine große Zeitung in den letzten Tagen zum Beispiel in Fragen der Kriegerheim⸗ stätten:„Es kann wirklich nicht schaden, wenn in der reichlich dilettantenhaften Erörterung des guten Gedanbens der Förderung der Siedlungstätigkeit sich auch kritische Stimmen hören lassen. Denn die Art, wie jetzt in Wort und Schrift von einseitigen Richtungen für Kriegerheimstätten Propaganda gemacht wird, fängt an, ge⸗ radezu gefährlich zu werden. Es ist jedenfalls für die Förderung der Arbeit unerwünscht, daß sich vielfach Laien die Führung an⸗ maßen und ganz kritiklos niegelernte Gemeinplätze vertreten, wo⸗ bei sie alle tatsächlichen Schwierigkeiten dadurch zu beheben glauben, daß sie diese ihren Hörern oder Lesern einfach verschweigen.“ Und was hier zum Ausdruck gebracht wurde, ließe sich auch reich⸗ lich auf viele andere Gebiete anwenden.
Was kann nun die Folge der heute so ausgedehnten, in Wort und Schrift geführten Werbetätigkeit einzelner Organisations⸗ pläne sein? Hierzu kann ganz allgemein bemerkt werden, daß das gewollte volkswirtschaftlich Gute in seinen späteren, jetzt noch nicht zu messenden Wirkungen sich ganz anders als beabsichtigt darstellen kann. Man suggeriert z. B. in steigendem Maße Per⸗ sonen, denen man helfen möchte, in den Gedanken hinein, daß ihnen unbedingt Hilfe zukommen soll, zukommen wird und mu Die Folge davon ist, daß man sich in den Gedanken hineinlebt, daß die Hilfe auch für wirklich unbedingt notwendig erachtet wird. Gewiß ist man in gewissem Rahmen verpflichtet,— ganz allgemein gesprochen— dem wirtschaftlich Schwächeren Hilfe zu gewähren, sollte sich dabei aber immer ein k sein, daß ber zunehmender Hilse unter Umständen die Selbständigkeit einer Person im wirt⸗ schaftlichen Leben abnehmen kann. Dadurch, daß die Hilfe für tat⸗ sächlich notwendig angesehen wird, zögert man selbst, sich aus eigenem Können die Hilse zu verschaffen, deren man bedarf. Vom Kampf zum Sieg im kriegerischen sowie im friedlichen Existenz⸗ kampfe. Und gleiches Recht für alle. So begehen selbst viele meist mehr theoretisch arbeitenden Sozialpolitiker den Fehler, allen und jeden helfen zu wollen, ohne Erwägung der Folgen— die für andere Berufsklassen ausgelöst werden— alles in rein wirt⸗ schaftlicher Betrachtung. Man will mitunter durch ins Leben zu rufende Organisationen Menschen eine Hilfe aufdrängen, welche dies gar nicht notwendig haben und überhaupt gar nicht nach einer solchen Verlangen tragen. Die von einer Seite zufällig er⸗ kannte Notlage einzelner, in wirtschaftlicher Hinsicht, wird bis⸗ weilen dazu benutzt, eine Organisationstätigkeit zu entfalten, deren man gar nicht bedürfte.
Jede einseitige Hilfstätigkeit in den Organisationen ist bei dem Versagen eines wirklichen Bedürfnisses von Uebel. Die per⸗ sönliche Ueberzeugung des Einzelnen, sich aus eigener Kraft weiter helfen zu können, sollte unter allen Umständen wach erhalten wer⸗ den. Ob wir es mit einem Kaufmann, einem Handwerker, einem Arbeiter oder einem sonstigen Berufsangehörigen zu tun haben, ist hierbei ganz ohne Einfluß. Gerade unsere Zeit braucht ganze Arbeit, und nur dort ist eine organisierte Hilfe am Platze, wo die unbedingte Notwendigkeit hierzu auch wirklich vorliegt. Nicht überorganisieren soll man, sondern da organisieren, wo es not⸗
In der„Großen Szene“ hat die Frau eines genialen Schauspielers sich von diesem wegen seines Umganges mit der Ver⸗ lobten seines Freundes getrennt. Sie ist auf dem Wege, zu ihm zurückzukehren, als sie eine Unterredung ihres Gatten mit dem betrogenen Bräutigam belauscht, in der sich der Verführer, aller⸗ dings ziemlich plump, mit Hilfe eines im Datum gefälschten Briefes herauslügt. Angesichts dieser selbstsicheren Lügenhaftigkeit ihres Gatten will sie ihn zum zweiten Male verlassen, wird aber doch— auf wie lange?— zurückgehalten, da sie sehen muß, wie der geniale Künstler ohne sie zum hilflosen Kinde wird. Im„Bacchus fest“ gewinnt der Gatte, schon im Wartesaale, kurz vor Abfahrt des Zuges, seine 1 150 zurück, indem er vor ihr und dem geistig zu beschränkt gezeichneten Liebhaber, aus seinem, 05 vollendeten Drama„Das Bacchusfest“, die Nutzanwendung zieht. 5
In allen drei Stücken lag die Hauptrolle, die des betrogenen, oder betrügenden Ehemammes in der Hand von Bruno Harprecht vom Hoftheater in Darmstadt. Die vielseitigen Aufgaben des drei⸗ fachen Rollenwechsels löste der Künstler mit einem so sicher ab⸗ gewogenen Können, daß man nichts, auch nicht die kleinste Göeste, sich hätte anders denken können. Gerade auf der scheinbaren Neben⸗ sächlichkeit von tausenderlei Kleinigkeiten, dem Abziehen der Brille, einer Handbewegung, einer sekundenlangen Pause, beruhte die zwingende Ueberzeugungskraft seines Charakterisierungsvermögens und in dem feinen Takt, wie er von diesen kleinen Mitteln Gebrauch machte, erwies sich seine hohe, künstlerische Kultur. Das wohltuend Gebändigte seines Spieles unterstrich jeden Durchbruch der ver⸗ haltenen Leidenschaft umso nachdrücklicher und bedeutsamer. Marija Leike war ihm in der„Stunde des Erkennens“ in dem Spiel unter der Oberfläche vollkommen ebenbürtig. Ihr Spiel wirkte nicht wie Bühnendarstellung, sondern wie ein ursprüngliches, persönliches Erlebnis. Lebhafter und farbiger gab sich Poldi Sangora als Ehegattin in den beiden nächsten Einaktern, die auch einer solchen Behandlung weit mehr entgegenkamen. Die ungebundene Frische ihres Temperamentes trug wesentlich zur Wirksamkeit der dramatischen Aufgipfelung in der„Großen Szene“ bei. Paul Ge⸗ winner als Freund in der„Stunde des Erkennens“ und als Theaterdircktor in der„Großen Szene“ bot zwei sehr von ein⸗ ander abweichende, aber in ihrer jeweiligen Auffassung künstlerisch geschlossene Leistungen. Kurt v. Möllendorf hätte seiner
unglücklichen Rolle im„Bacchusfeste“ dadurch nachhelfen können, daß er ihr einen etwas weniger trottelhaften Anstrich gegeben (hätte. Die übrigen Kräfte, die nur in äußerliche Beziehung
wendig ist, und Hilfe dort bringen, wo ein tatsächliche Bedürfn! nach Hilfe vorliegt. Die Hilfstätigfeit sollte nur soweit ausgedehnt werden, als hiernach ein Mangel an Selbständigkeit nicht auf⸗ tritt. Die Hilfe sollte aber auch in vielen Fällen von vielen Personen nicht als etwas absolut Notwendiges, nicht als etwas absolut Selbstverständliches erwartet werden. 1 5
Es ist aber gerade der Mangel vieler und gewisser Organi⸗ sationen, besonders jener, welche nur aus dem persönlichen Be⸗ dürfnisse heraus entstanden sind, anderen ohne zwingende Not⸗ wendigkeit helfen zu wollen. Dieses an und für sich löbliche Vor⸗ haben sollte man aber im volkswirtschaftlichen Interesse besser unterlassen und seine Kräfte zweckmäßigerweife da einsetzen, wo eine Bedürfnisfrage besteht.——
Dipl.⸗Ing. Dr. Gustav Stöckle.
Rumänien soll marschieren.
Aus Bukarest ist die Nachricht eingetroffen, daß der Führer der konservativen Partei Rumäniens, Marghilo⸗ man, vom König Ferdinand in besonderer Audienz emp⸗ fangen worden sei und ihm ein Massengesuch in Denkschrift⸗ sorm überreicht habe, worin der sofortige Los marsch Ru⸗ mäniens an der Seite der Zentralmächte und die Besetzung Bessarabiens verlangt wird. Diese Nachricht erregt große Ueberraschung in den politischen und diplomatischen Kreisen Deutschlands, die mit einiger Sorge auf die sog. zweite rumänische Spannung blicken, die der⸗ zeit noch herrschen soll. Gleichzeitig treffen auch Mittei⸗ lungen über außerordentliche Maßnahmen Rußlands zum Angriff oder zur Verteidigung gegen Rumänien ein. Wir haben über diese auffallenden Nachrichten eine in Ber⸗ lin lebende Persönlichkeit befragt, deren Beurteilung maß⸗ gebend und aufklärend sein dürfte. Unser Gewährsmann äußert: Das Memorandum Marghilomans ist die unmittel⸗ bare Folge der Rede, die Ministerpräsident Graf Tisz a kürzlich im ungarischen Abgeordnetenhaus gehalten hat und worin Rumänien ernsthaft gemahnt wurde, daß es die Bürg⸗ schaften seiner Sicherheit nun endlich im Bündnis mit der 9* Donaumonarchie und Deutschland suchen müsse, Tisza hat den Geist König Carols heraufbeschworen und nicht vergeb⸗ lich. Seine Mahnung hat in dem Teil der rumänischen Presse, der nicht an Rußland rettungslos verraten und ver⸗ kauft ist, ein starkes Echo gefunden.
Es ist schade, daß man in deutschen Blättern so wenig rumänische Preßstimmen zu lesen bekommt. Mau könnte sich auf allgemeinpolitischem Gebiete noch schneller verstän⸗ digen, als dies auf dem des Getreidehandels nun geschehen ist. Man gestatte also eine journalistische Probe. Das offi⸗ zielle Paxteiorgan der rumänischen Politiker, die sich mit Marghiloman zusammengefunden haben, ist der„Stea⸗
ul“. In diesem Blatte hat neulich Prinz Georges Stir⸗ ey, der Enkel des letzten Wallachenfürsten, ein Federduell mit Clemenceau ausgefochten und den Pariser„Tiger“ brillant abgestochen. Clemenceau hatte an die„Lateiner des Balkans“ appelliert und vom„Orientalismus“ Rumä⸗ niens gesprochen. Darauf erwidert Prinz Stirbey:„Wir lennen schon seit langer Zeit diesen verächtlichen Ton, den Ihr gegen uns anschlagt. Lateinische Schwestern sind wir nur dann und solange, wie Ihr uns braucht, aber Orien⸗ talen, sobald wir Euch nicht zuwillen sind. Bei uns herrscht
5. eine Ansicht vor, die viel verbreiteter ist, als Ihr glauben
möchtet, und zwar ist es die Ansicht von Staatsmännern, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Wir betrachten nämlich unsere Aufgabe als Lateiner, die sich auf dem Bal⸗ kan niedergelassen haben, wesentlich darin, uns der slawi⸗ schen Flutentgegenzustemmen, welche gegen Kon⸗ stantinopel anstürmt und die Ufer der Donau bedroht. An diese Aufgabe hätte wohl Napoleon III. gedacht. Ihr dürft uns daher aus unserem lateinischen Blut, das durch orienta⸗ lische Probleme so stark beeinflußt wird, keine verletzenden Vorwürfe machen. Nach unserer Auffassung haben wir eben⸗ falls unser Elsaß-Lothringen wiederzugewinnen, und dieses heißt Bessarabien. Wir haben ebenfalls eine Revanche zu nehmen, und es wäre daher, wie ich be⸗ kennen muß, natürlicher, daß wir uns für unsere Revanche opfern, als für die Eurige.“ 2 5
Das ist nicht die Ansicht eines Einzelnen, sondern hinter solchen Erklärungen stehen Kreise, die den vornehmsten und einflußreichsten Typus des rumänischen Volkes darstellen. Hinzu kommen die neuen Anhänger des alten Peter Carp, von dem die Russenfreunde immer noch zu spötteln suchen, er schreibe nur für sich und habe nur einen Abonnenten, den toten König Carol. In Wahrheit ist die seit Frühjahr 1915 erscheinende neue Zeitung Peter Carps„Moldava“ ein führendes Blatt geworden, dessen Leser in die Zehn⸗ tausende gehen und das im Straßenverkauf Bukarests neuer⸗ dings bessere Geschäfte macht wie alle anderen Druck⸗ schriften. Eine Probe daraus:„Rumänien hat mit allen Balkanvölkern ein gemeinsames Interesse an der Erhaltung
zur Handlung traten, zeigten sich unter der Regieleitung Arthur Hellmers gut eingespielt..
Alles in allem war der gestrige Abend ein Bühnenereignis, für dessen Zustandekommen man der Direktion des Stadttheaters
nicht genug danken kann.. 25. *
— Ein Weihnachtsgedicht Friedrichs des Gro⸗ ßen. Spärliche Kunde ist uns über die Feier des Weihnachts⸗ festes in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhalten und jede 3 daher interessant, zumal wenn sie mit dem über⸗ ragenden Verbindung steht. Ist doch die uns heute so liebvertraute Stim⸗ mung dieses„Festes der Feste“ mit dem Tannenbaum und den Christgeschenken im Lichterglanz erst gegen Ende des Jahrhunderts rein ausgebildet und verbreitet ihren gemütvollen Glanz in dem Heim Schillers und Jean Pauls. Von den Fürstenhöfen war die lieblich stille Verklärung der„heiligen Nacht“ noch lange von der kalten Pracht des Zeremoniells verbannt; Karl August hat sie in Weimar eingeführt; die Königin Luise am preußischen Hof den schönen Brauch eifrig gepflegt. Geschenke wurden freilich schon viel früher am Christfest im Berliner Schloß verteilt und Fried⸗ rich der Große, dessen teure vorbildliche Heldengestalt uns gerade
Helden jener Zeit, mit Friedrich dem Großen, in
„
in diesen Kriegsweihnachten so nahe ist, vergaß nie an allerlei
Aufmerksamkeiten und Uleberraschungen für seine Lieben. Be⸗ sonders seine Mutter hat er zu Weihnachten immer reich beschenkt und sogar den Pegasus bestiegen, um seine Gefühle in der ihm so vertrauten Form des französischen Verses zum Ausdruck zu
bringen. In der bei Reimar Hobbing in Berlin erschienenen zehn⸗
bändigen Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen findet sich in der Uebersetzung des Herausgebers Prof. Gustav Volz ein schönes Gedicht des Königs zum Christfest, Weihnachten 1744 als Erläuterung seiner Geschenke seiner Mutter gewidmet. Es lautet: „Drei Könige brachten einst, o Königin, Dem Christuskind mit andachtsvollem Sinn Als Gaben Weihrauch, Myrthe, lautres Gold. O, daß Ihr gnädig mir gestatten wollt, Wenn ich Euch ebenso zum gleichen Tage „Die gleichen Gaben darzubieten wage. Die Myrthe stellt die zarte Liebe dar, Die Ehrfurcht, die ich allzeit Euch bewahr'g Der Weihrauch ist mein inniges Gebet, Der Ener Leben zu verlängern fleht. And dient Euch das Metall in diesem Schrein Zum Zeitvertreib, wird's überglücklich sein.“


