Ausgabe 
(27.11.1915) 280. Erstes Blatt
Seite
148
 
Einzelbild herunterladen

8

Ur. 280 Der Sießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Sleßener amilienblätter; ed

latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); imal monatl. Land⸗ wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech⸗Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelleßö! Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher.

Das Amselfeld völlig im Besitz der Verbündeten.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 26. November 1915.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. An vielen Stellen der Front Artillerickampf. Sonst nichts Wesentliches.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg.

Ein Versuch der Russen, die Misse bei Pulbpe zu über⸗ schreiten, wurde vereitelt.

Feindliche Angriffe bei Bersemünde und auf der Westfront von Dünaburg sind abgeschlagen,

Heeresgruppen des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern und des Generals v. Linsingen. Nichts Neues.

Balkan⸗Kriegsschauplaß.

Südwestlich von Sjenica und von Mitrovica wurden feindliche Nachtuten, die sich an diesen Stellen noch vor der Front der Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen hielten, geworfen.

Oberste Heeres leitung. 1***

Die Sprache Griechenlands gegenüber dem feindlichen Vierverband klingt, ganz abgesehen von den positiven Schrit⸗ ten, die daraus abgeleitet werden können und das englisch⸗ französische Heer nicht aufhören zu beunruhigen, ganz im allgemeinen sehr niederdrückend für unsere Feinde. In Athen erklärt man, besonders an die Adresse Frankreichs, mit dem Verbindlichkeiten von früher her noch nachklingen, die griechi⸗ sche Haltung bewahre den gelandeten Truppen gegenüber Wohlwollen. Daraus müssen Engländer und Franzosen, wenn sie dies wörtlich nehmen wollen, folgende Folgerung ableiten: Wie traurig und finster muß es um unsere Kriegsaussichten stehen, wenn ein Staat, der uns ursprüng⸗ lich gewogen war, nur noch so etwas wie Mit leid für uns aufzubringen vermag! Und ist es nurdes Mitleids fromme Stimme, die jetzt aus den Erklärungen und Handlungen der griechischen Regierung spricht? Ein englischer Berichterstatter hat, wie wir schon erwähnten, ausgesprochen, daß die griechi⸗ schen Offiziere sich von dem strammen, entschlossenen Vor⸗ gehen der Deutschen angezogen fühlen. Und heute sind wir in der Lage, die Stimme des Obersten Repington zu zitie⸗ ren, der in derTimes den englisch-französischen Bankerott auf dem Balkan erklärt und offen rät, England möge diesen Kriegsschauplatz ganz aufgeben. Ja, die Stimmen des Pessi⸗ mismus und der Einsicht mehren sich in Großbritannien. Bernhard Shaw, der den Regierenden in London schon so manche bittere Pille zu schlucken gegeben hat, hat am Don⸗ nerstag in London, wie derManchester Guardian be⸗ richtet, einen Vortrag gehalten, in dem er dem verlegenen Kabinett Asquith, mit phantastisch klingenden Worten frei⸗ lich, eine goldene Brücke zur Vernunft zu zeigen sich bemühte. Bekanntlich hat Sir Edward Grey vor Ausbruch des Krieges dem deutschen Botschaftergroßmütig in Aussicht gestellt, er gedenke zur gegebenen Zeit trotz allem Deutschland noch eine Stütze sein zu können. An diese Worte schien Bernhard Shaw anzuknüpfen, als er u. a. sagte:

Ueber Friedensbedingungen sollten eigentlich schon Unterhandlungen im Gange sein, und wer weiß, ob sie es nicht schon seien? Es müsse jeder intelligenten Person klar sein, daß die Friedensbedingungen sehr ernsthaft während mehrerer Monate, vielleicht sogar länger, besprochen werden müssen, bevor der wirk⸗ liche Friede geschlossen würde. Und wenn die Engländer den Krieg nicht für eine sehr lange Zeit weiterführen wollten was sie in eine sehr ernsthafte Lage bringen könnte, ganz gleich, ob sie siegreich wären oder nicht, so müßte man alle Kraft an⸗ wenden, um schon jetzt mit einer unmittelbaren Diskussion der Friedensbedingungen zu rechnen.Haben wir uns über⸗ haupt klar gemacht, warum wir kämpfen? Wünschen wir z. B. nach dem Kriege ein starkes oder ein zerschmettertes Deutschland? Es ist ganz leicht möglich, daß wir ein starkes

Deutschland nach dem Kriege brauchen. Es kann möglich 5

sein, daß wir Deutschland stark haben müssen wegen einer anderen Macht, gegen die sie uns als Bollwerk dienen soll. Wollen wir eine russische Hegemonie nach dem Kriege? Wir sollten,

dies sehr Jorgfältig bedenken, wie stark wir Deutschland zu haben.

Natürlich, Shaw kennt seinen Grey. Diesem aber rinnen über die wächserne Maske der Scheinheiligkeit infolge der durch den Krieg erzeugten Hitze so dicke Tränen, daß er die ihm vorgesagten schönen Worte Shaws doch vielleicht nicht e vermag. Als die Herren Asquith, Grey, Balfour und Lloyd George vor einigen Tagen als Gäste in Fvankreich weilten, hat ihnen derRadical, das Partei⸗ organ der dortigen Radikalen, zum Empfang herzhafte Worte ins Stammbuch geschrieben:

Das Foreign Office hat keine genügend ins Auge sprin⸗

genden Beweise seines Genies gegeben, als daß der Quai d'Orsay

sich von ihm ins Schlepptau nehmen zu lassen hätte Die Langsam⸗ keit unseres Gedankenaustausches ist eine Waffe, die wir unsern Feinden, die nur ein Haupt, einen Befehl, eine Ausführung kennen, umsonst liefern. Bei aller Achtung des persönlichen Spiels der Politik der Verbündeten müßte man sich indes, im allgemeinen Interesse, vor der Gewalt der Dinge beugen und einen diplomatischen Sitz in Paris einrichten, michl das zugleich am meisten heimgesuchte und den Operationen

liegende Vendeszertrum ist. Es wäre vielleicht auch not⸗ wendig, die alte englische Dame einmal gründlich aufzurütteln, sonst möchte sie ernstlich Gefahr laufen, ihr Witwengut zu verlieren. An diesem Gut ist ihr doch gelegen? würden mit ihr denn doch zu sehr die mißlichen Folgen

0 5 3 N 1

Ganz richtig, heute steht England nicht mehr so ganz mur als Schieber im Hintergrunde, als es im Anfang des Krieges der Fall war. Es kann sein Witwengut nicht retten, indem es einfach die Perlenketten und Armspangen seiner Ver⸗ bündeten verschenkt. In der Tat, die alte englische Dame wird gründlich aufgerüttelt, nicht nur durch den gemein⸗ samen Kriegsrat, an dessen Spitze jetzt 8 General Joffre, also nicht ein Engländer, treten soll, sondern auch die Balkangeneräle verderben ihr die Frisur. Kitchener ist zu oft, zu lang und zu weit unterwegs, als daß er einen brauchbaren Kammerdiener abgeben könnte. So wird sich die Dame England, indem sie ihren Strickstrumpf aus der Hand legt, vielleicht doch am Ende mit einem starken und ungebrochenen Deutschland abfinden wollen?

** 85

Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.

Wien, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 26. November 1915.

Russischer Kriegsschauplatz.

Keine besonderen Ereignisse.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Lage im Görzischen hat sich nicht geändert. Die heftigen Kämpfe dauern fort. Wiederholte Angriffe des Feindes gegen den Abschnitt von Oslavißja scheiterten. Am Nordhang des Monte San Michele war das Gefecht nachts noch im Gange. Ein Angriff auf den Gipfel des Berges wurde durch unser Feuer erstickt. Vorstöße gegen den Raum von San Martino wurden abgeschlagen. Je deutlicher die Italiener die Nutzlosigkeit auch ihrer jüngsten Offensive erkennen müssen, desto häufiger fallen schwere Bomben und Brandgranaten in die Stadt Görz, die nun planmäßig in Trümmer geschossen wird. Täglich steigt die

zahl der abgebrannten und zerstärten Häuser und Kirchen. er bisherige Schaden an Baulichkeiten ist mit 25 Millio⸗ nen Kronen zu bewerten, jener an Privateigentum, Kunst⸗ werken und Sammlungen überhaupt nicht abzuschätzen. Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Die an der oberen Drina kämpfenden k. u. k. Truppen drängten den Feind über den Goles und den Kozara⸗Sattel zurück und nahmen Cajnice. Auch auf der Giljaeva Planina südwestlich von Sjenica wurden die Montene⸗ griner von unseren Bataillonen geworfen. Südlich von Novipazar ersteigen unsere Kolonnen die Mokra Pla⸗ nina. Südwestlich von Mitrovica vertrieben wir eine serbische Nachhut. Das Amselfeld ist völlig im Besitze der Verbündeten.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

1***

Der montenegrinische Bericht.

Cetinje, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom 25. Nov.: Am 23. und 24. Nov. nichts Neues. Ein österreichisches Flugzeug belegte San Giovanni di Medua, unsere Verpflegungsbasis, mit Bomben, ohne wesentlichen Schaden anzurichten.

Die serbische Regierung in Skutari.

Berlin, 26. Nov.(Priv.⸗Tel.) Wie dieB. Z. a. M. aus Mailand demCorriere della Sera zufolge meldet, hat die serbische Regierung amtlich ihr Eintreffen in Skutari angezeigt.

2

8

zurückgehen zu lassen und griechisches Gebiet zur . 3[pflegungsbasis und zum Gebiet militärischer Aktionen ma⸗ chen zu lassen, was von unserer Seite eine aktive Teilnahme am Kriege darstellen würde. Ich habe antworten müssen, daß, wennn eine derartige Eventualität sich ereignen würde, die Anwendung der Haager Konvention eintreten könnte, die den Neutralen erlaubt,

S 0 0 . 9

Gu F e

, ine

* n b

See

95 e. g 2* sdb

2.. Surf ue Amsel jan frontline em

24. Novbr.)

Französisch⸗bulgarische Kämpfe. Saloniki, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. Die Franzosen griffen die Bul⸗ garen westlich Krivolac an und bemächtigten sich des Dorfes Bruenik. Sie schlugen einen heftigen nächtlichen Gegenangriff zurück. Auf der übrigen Front herrscht voll⸗

General⸗ Anzeiger für eee

notationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ. Buch⸗ und Steindrnckerei n. Fange. Schriftleitung, Seschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7. Beck, sämtlich in Gießen.

land auszuhungern drohte. i tegischen Punkte, die von unseren Truppen an der Grenze in der

Samstag, 27. November 1015

Bezngsu reis: monatl. 85 Pf., viertel⸗ jährl. Mk. 2.50; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 75 Pf.; durch die Poft Mk. 2.30 viertel⸗ jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf. Haupt- schristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗

richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H.

ständige Ruhe. Erhebliche französische und englische Ver⸗ stärkungen sind hier weiter eingetroffen. Der serbische Kriegsminister ist nach Gewgheli abgereist.

Berlin, 27. Nov. LautBerliner Tagebl. besagt

eine Depesche desPetit Parisien aus Saloniki, daß die französische Heeresleitung am Mittwoch den allgemeinen Rückzug der französischen Truppen von Krivolac über Kawardar und Demirkapu angeordnet habe. Vor ihrem Abzug zerstörten die Franzosen alles, was sie nicht mit⸗ nehmen konnten. König Nikita siedelte nach Skutari über; seine Familie werde in Cetinje bleiben. Die russische Balkanexpedition.

Mailand, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.)Secolo meldet aus Rom: Sonnino hatte gestern vormittag auf der Consulta mit dem russischen Botschafter eine lange Unterredung. Man bringt die Unterredung in Zusammen⸗ hang mit der bevorstehenden russischen Balkanexppe⸗ dition. Es werde bestätigt, daß das Epeditionsheer nun⸗ mehr vollzählig ist und daß die russischen Streitkräfte

binnen kurzem die Türken und Bulgaren angreifen werden.

General Kuropatkin, der Oberbefehlshaber des Expe⸗ ditivonskorps, befinde sich in Taschbunar, zwischen Is⸗ mail und Kilia mit etwa 150000 Mann; andere 100 000 Mann seien bei Odessa konzentriert. Italienische Landungen in Albanien.

Bern, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.)Messaggero beschäftigt sich mit der italienischen Aktion auf dem Balkan und schreibt: Anscheinend werde sich Italien auf

Albanien beschränken, weil die Bulgaren und Griechen

darauf Absichten hätten. Da ein italienisches Expeditions⸗ korps nach Albanien ein Fünffaches an Anstrengungen ver⸗ lange, als ein gleiches Korps an der italienischen Grenze koste, vor allem aber einen e Troß erfordere, so könne der Truppenkörper für Al

sein. In einem anderen Artikel entwickelt der e Abgeordnete Ciraolo den gleichen Gedanken. Italien dürfe seine Kräfte nicht verzetteln. Es dürfe zwar nicht aus dem Orient wegbleiben, müsse aber die Ausdehnung seiner

Orientexpedition auf Grund seiner Bedürfnisse an der

Wen bestimmen.

ern. 26. Nov.(W TB. Nichtamtlich) In einem Be⸗ richt des MailänderSecolo aus Paris wird erklärt, daß

die Franzosen und Engländer gut tun werden, sich

bei der erdrückenden Uebermacht der Gegner wieder einzu⸗

schiffen, falls Italien nicht bald auf dem Balkan eingreifen wolle. Dann werde jedoch auch Italien begreifen, daß es sich nicht mehr lange in Valona werde halten können.

die Haltung Griechenlands.

Paris, 26. Nov.(WTB. Nicktamtlich.)Petit Parisien

bringt eine Unterredung seines Athener Korrespondenten

mit dem griechischen Ministerpräsidenten Skuludis. Danach ermächtigte Skuludis den Korrespondenten zu folgenden Mittei⸗ lungen:

Die griechische Regierung wird alles daran setzen, um das. Mißverständnis, das zwischen den Alliierten und Griechenland entstanden ist, zu zerstreuen. Unter größter Wunsch ist, die Beziehungen des freundschastlichen Vertrauens aufrecktzuerhalten, die die Erinnerung an die Vergangenheit und die Sorgen um aktuelle Interessen uns auferlegen. Griechenland ist neutral und wird neutral bleiben, was auch kommen mag.

Wir werden fortfahren, alle Vorschläge, daß wir uns aktiv am Kriege beteiligen sollten, von wo sie auch herkommen, zurückzu⸗ weisen, weil diese Politik die einzige zu sein scheint, die den Wün⸗ schen des Landes, das nach zwei Kriegen friedensdurstig ist, sentspricht. Unsere freundschaftliche und wohlwollende Hal⸗

tung gegen die Alliierten nach der Landung ihrer Truppen in Salonik hat sich darin gezeigt, daß wir ihnen freien Durch⸗ gang durch unser Gebiet gesichert haben, was bereits eine Ab⸗ weichung von den strikten Regeln der Neutralität in sich schloß!

Heute wollte man von uns die Verpflichtung erlangen, die alli⸗ ierten Armeen, die in Serbien operieren, über die griechische Grenze er⸗

durch Entwaffnung der kriegführenden Armeen, die auf ihrem

Gebiet operieren, der Tatsache entgegenzutreten, daß ihr Land zum Kriegsschauplatz werde. Ich fügte hinzu, daß ich diese Be⸗

merkung nur in theoretischer Form aufgestellt habe, um der Rechtslage willen und ohne tatsächlich der Zukunft voraus⸗ greifen zu wollen, da die Umstände oft zwingender als Rechts⸗ prinzipien sind. Die Bemerkung, die ich machen mußte, hat bei den Alliierten ungerechtfertigte Mißstimmung hervorgerufen. Man hat darauf durch eine Blockade geantwortet, die Griechen⸗ Man hat vorgeschützt, daß die stra⸗

Nähe des Landungskorps besetzt sind, für dieses eine wirkliche Ge⸗ fahr darstellen. Ich meinerseits würde dazu bemerken, daß die Kanonen Eurer Kreuzer auf der Reede von Saloniki sehr viel drohender für unsere Truppen sind, als unsere Feldgeschütze für die Eurigen sein können. Aber ich will alle diese Umstände ver⸗ gessen. Da Sie mich um genaue Angaben drängen, so autorisiere ich Sie, in folgende Worte unsere Unterredung zufammenzufassen:

Erstens: Griechenland ist neutral und wird neutral bleiben, trotz aller Pressionen, woher sie auch kommen mögen.

Zweitens: Diese Neutralität wird gegenüber den Alli⸗ ierten und im besonderen gegenüber Frankreich wohlwollen⸗ den Charakter bewahren. Trotz der gerechtfertigten Bemerkung, die zu machen ich verpflichtet gewesen bin, wird niemals in Griechenland ein Finger gegen die alliierten Truppen erhoben werden.

London, 26. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) DerDaily Telegraph schreibt in einem Leitartikel: Das amtliche Dementi der

anien nicht sehr ae 5

malige