Ausgabe 
(6.11.1915) 262. Zweites Blatt
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f Ar. 202 AJqpeites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieFicßener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ regen erscheinen monatlich zweimal.

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Ein französischer Weltverteilungsplan.

Unsere Feinde sind im Verteilen der Welt nicht blöde. Ohne die dazu nötigen Siege abzuwarten, haben nicht nur . sondern auch Minister in Frankreich und Eng⸗

and seit Kriegsbeginn Bedingungen für den Friedensschluß

aufgestellt, die uns das Gruseln lehren könnten, wenn wir irgendwie dazu neigten. Die inneren Verhältnisse des Deut⸗ schen Reiches wollten sie von Grund aus umgestalten und bei der Verteilung deutschen wie östereichisch-ungarischen, Gebietes nahmen sie nicht die mindeste Rücksicht auf die Na⸗ tionalität der Bewohner. Das ist auch das hervorstechendste Kennzeichen eines neuen Weltverteilungsplanes, der in Ge⸗ stalt einer Karte von Europa mit ausführlichen Rand⸗ bemerkungen kürzlich zu Paris herausgegeben ist.L'Europe future de demain lautet die Ueberschrift und als Heraus⸗ geber zeichnet F. Pigeon, Libraire, 57, Rue de Richelieu, Paris.

Da reicht das arg verstümmelte Deutschland im Osten nur bis zum Riesengebirge und zur unteren Oder, im Westen bis zu einer Linie 100 Kilometer östlich vom Rhein; das linke Rheinufer ist zwischen Frankreich und Belgien auf⸗ 5 85 Auf dem rechten Rheinufer liegt eine 100 Kilometer

eite neutrale Zone, deren Verwaltung unter französischer Aufsicht steht. Es sind also im Osten wie im Westen viele Millionen rein deutscher Bewohner unter fremde Herrschaft gebracht. Schleswig⸗Holstein fällt an Dänemark, der Kaiser⸗ Wilhelm⸗Kanal ist neutralisiert, Deutsch⸗Tirol wird der Schweiz geschenkt, anderen neutralen Staaten werden andere Lockspeisen hingeworfen. Besonders gut sollen die Balkan⸗ staaten, vor allem das edle Serbien, bedacht werden, nämlich nicht nur mit Bosnien und der Herzegowina, soweit dadurch nicht der Herr der 2 Berge erfreut wird, sondern auch mit dem größten Teil von Albanien und einigen der illyrischen Inseln und der ganzen dalmatinischen Küste.

Wie der Bundesgenosse Italien sich zu diesem Vertei⸗ lungsplan und zu der vorgeschlagenen Ueberlassung Süd⸗ albaniens mit Valona an Griechenland stellen würde, kann man sich leicht denken; jedenfalls zeigt es sich, welches Maß von Hochachtung das Apenninenreich bei seinen franzö⸗ sischen Vettern genießt.

Auch Rußland, dem doch der Besitz Konstantinopels das eigentliche Ziel dieses Krieges ist, muß es zu denken geben, daß man ihm zwar deutsche Provinzen bis zur Oder und Galizien zuerkennt also Gebiete, die es sich alle erst er⸗ obern müßte daß aber Konstantinopel und die Darda⸗ nellen, die die Franzosen und Engländer zu erobern ge⸗ dachten, neutrales Gebiet werden sollen. Es fehlte nur noch an der betreffenden Stelle der Randbemerkungen der Zu⸗ sath, daß dieses neutrale Gebietsera administré sous le con- tröle du gouvernement anglais, wie das neutrale rechte Rheinufer durch Frankreich, um die russische Freude ganz voll zu machen. Die von Rußland erstrebte Bukowina soll den Rumänen überlassen werden.

Daß die Niederlande, wie die Karte zeigt, der Schelde⸗ mündung und des ganzen Gebietes östlich des Rheins ver⸗

lustig gehen sollen, ist ganz verständlich; Strafe muß sein! Warum haben die Holländer auch nicht von vornherein die Durchfahrt der englischen Flotte bei Vlissingen und die Be⸗ setzung Antwerpens durch die schon jahrelang vorher für die Landung in Belgien bestimmten 150 000 Engländer ge⸗ stattet?

Wenn auf dieser erst im Sommer 1915 herausgegebenen Karte nicht mehr davon die Rede ist, daß Mazedonien auch nur teilweise an Bulgarien abgetreten werden solle, so kann das für die Regierung in Sofia ein ingerödie sein, was es mit den Versprechungen der Entente über die Ueber gabe Mazedoniens nach dem Kriege für eine Bewandtnis ge⸗ habt hat.

Ein Deutsches Reich gibt es nach der Karte nicht mehr, sondern sechs selbständige deutsche Staaten, von denen Preußen einer der kleinsten ist, während Hannover und Sachsen mit stattlichen Gebieten an der Spitze marschieren. Die kindische Spekulation auf die deutsche Stammeseifersucht hat sich hiernach von den grimmigen Bayern ab- und anderen Stämmen zugewandt, die sich allerdings solche dummen Verdächtigungen ebenso nachdrücklich verbitten könnten, wenn sie es nicht vorzögen, darüber zu lachen. Oesterreich und Ungarn sind natürlich getrennt und stark verkleinert, Böhmen ist ein selbständiger Staat geworden. Dagegen ist Polen, das auf der Karte bis zur Odermündung und zu den Karpathen reicht, bei Rußland geblieben. Ebensowenig ist selbverständlich von einer Befreiung der Ukrainer, der

Finnen oder gar der Iren die Rede. Erwähnt sei noch, daß!

al- Anzeiger für Oberhessen

Samstag, 6. November 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch⸗ und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten. Anzeiger Gießen.

Deutschland und Oesterreich-Ungarn 100 Milliarden Kriegs- entschädigung zahlen sollen.

Eine derartige Kriegsziel-Karte, im Sommer 1915 herausgegeben, will uns zunächst nur als eine komische Falstaffiade erscheinen. Doch hat sie auch eine ernstere Seite. Sie zeigt uns und dem Auslande, daß es bei unseren Feinden zum mindesten einzelne Kreise gibt, die auch vor den äußer⸗ sten Vergewaltigungen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns nicht zurückschrecken würden. Ihre Parole ist: vae vietis! Vielleicht ist ihnen inzwischen schon die Erkenntnis aufgedäm⸗ mert, wie gefährlich für sie selber diese Parole werden könnte.

Aus der Kammerrede des französischen Ministerpräfidenten.

Paris, 5. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Dem Amtsblatt zufolge hat der zweite Teil der Rede Briands folgenden Wortlaut:

Das Land richtete sich auf, packte den Angreifer fest und hält ihn. Wer würde zu ihm sagen, daß es aussieht, wie eine Nation von Räubern? Wo ist sie, die Beutenation? Sie kennen sie. Solange sie ihre Krallen, ihren Schnabel und ihre mörderischen Absichten behalten kann, ist es unmöglich, von Frieden zu sprechen. (Lebhafter Beifall.) Erst wenn sie daran denkt, ihren Rang unter den Nationen wieder einzunehmen, in dem sie ihr Genie wahrt, aber auch dasjenige der anderen achdet, erst wenn wir sie in die Unmöglichkeit versetzen, die Völker während langer Jahre zu beunruhigen, erst dann werden wir von Frieden sprechen. Es wird ein, französischer Friede, ein ruhmreicher Friede sein, der für die ganze Welt das Recht wieder aufrichten wird.(Lebhafter Beifall.) Dies sind die Gedanken der Re⸗ gierung über diesen Punkt. Die Regierung hat die Pflicht, ihre Gesichtspunkte gegenüber dem Probleme des Friedens feierlichst zu proklamieren. Ja, es wird geschehen, daß wir in einem, leider noch fernen Augenblicke, und man muß den Mut haben, es zu sagen, mit diesem Lande einen Frieden unter⸗ zeichnen werden. Aber an diesem Tage werden unsere Soldaten. siegreich gewesen sein, wird unser Boden befreit, die dem Schoße Frankreichs so schmerzlich entrissenen Provinzen ihm wieder ge⸗ eben sein.(Einstimmiger Beifall.) Völker, wie das heldenhafte Belgien, das sich für uns martern ließ, werden dann in die Gesamtheit ihrer Freiheiten und Rechte wieder eingesetzt und Serbien wird befreit sein. Erst dann wird von einem Frieden die Rede sein können.(Beifall.) Welches wird dieser Friede sein? Ein egoistischer Friede? Nein, ich will nicht daran glauben, daß unser Land, das so schön war, sich zu so kleinen und niedrigen persönlichen Ambitionen herablassen könnte. Frankreich, und dies ist seine Ehre und wird sein Ruhm sein, ist ein Vorkämpfer des Rechtes.(Einstimmiger Beifall. Die Deputierten erheben sich.) Aufrecht, das Schwert in der Hand, kämpft Frankreich für die Zivilisation und Freiheit der Völker. Wenn es sein Schwert senken wird, wird der Welt ein dauerhafter und starker Friede geschenkt werden können, wird jeder Ehrgeiz nach tyrannischer Herrschaft dem Fortschritte in der Zivilisation durch die Frei⸗ heit der ihre volle Autonomie genießenden Nationen Platz gemacht haben.(Lebhafter Beifall.) Dies ist der Friede, dem die Sol⸗ daten Frankreichs entgegensehen.(Beifall.) Der einzige, unser würdiger Friede, der einzige, von dem die Rede sein kann.(Leb⸗ hafter Beifall.) Niemals wird jemand unserem Lande das Antlitz einer Nation von Räubern geben können. Mit einer Wunde in seiner Seite wartete das Land über 40 Jahre lang auf den Triumph des Rechtes, die Sühne für das Leid, das man ihm angetan, und plötzlich stürzt man sich auf das Land und versucht, es zu zerschmettern. Man will es in seinen Freiheiten vernichten, in ihm einen der größten Träger der Zivilisation der ganzen Welt töten. Man will ihm und den anderen Nationen ich weiß nicht welche Hegemonie und welche Tyrannis aufzwingen, die keine eines solchen Namens würdige Nation annehmen könnte.

Märkte. Gießen, 6. Noͤov. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter das Pid 2,00 2,10, Hühnereier das Stück 1720 Pfg., Käse das Stück 79 Pfg., Käsematte 1 Stück 30 Pig. 2.002,00 Mk., Hahnen 1550 2,50 Mk., Gänse d. d.201,30 Mt., Ochsenfleisch das Pfund Mk. 1,201,24, Kuhfleisch 11000 Pfg. das Pfund, Rindfleisch das Pfund 1,20 1,24 Mk., Schweinefleisch das Pfund 1,900,00 Mk., Kalbfleisch das Pfd. 1,20 1,24 Mk., Hammelfleisch das Pfund 100116 Pfg.; Kartoffeln 1 3tr. 3,75 bis 0,0 Mark, Milch das Liter 26 Pfg.: Aepfel der Zentner 6 bis 8 Mk., bessere 0000 Pfg. Spinat 2025 Pfg. das Pfund; Wirsing 0-15 Pfg. das Stück, Gelberüben 1012 Pfennig das Pfund, otkraut 1525 Pfg. das St., Rosenkohl 20 25 Pfg. das Pfd., Kohlrabi 68 Pfg. das Stück, Weiße raut 1525 Pfg. das Stück, Birnen 7 bis 15 Pfg., bessere 0000 Pfennig das Pfund, rote Rüben 78 Pfg., römisch Kohl 68 Pfennig. Zwiebeln der Zentner 2728 Mt. Nüsse 100 Stück 4050 Pig. Blumenkohl 20-50 fg Tomaten d. Pid. 25-30 Pfg. Sellerie 610 Pfg. d. St. Endivien 1012 Pfg. Marktzeit von 8 bis 2 Uhr. Fleischpreise auf dem Markte von aus wärtigen Händlern: Rindfleisch das Pfund 1,101,15 Nik., Rindfleisch⸗ Bratenstück das Pfund 1,101,15 Mk., Schweinefleisch das Pfund 1,70 Mk., Nierenfett das Pfund 1 Mk. Leberpreßkopf Mk. 1,40 das Pfund, Fleischwurst Mk. 1,40 das Pfund.

Tauben das Paar 1,400,00 Mk., Hühner das Stück;

Best.:

Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde.

Sonntag, den 7. November, 23. nach Trinitatis.

Kollekte für die evangelische Gemeinde zu Mühlheim.

Gottesdienst. In der Stadtkirche. Vormittags 9⅛ Uhr: Professor D. Schian. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Abends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 8 Uher: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. Montag, den 8. November, abends 8 Uhr: Verscanmlung des Frauenvereins der Markusgemeinde. Dienstag, den 9. November, nachmittags 4 Uhr, im Matthäus⸗ saal: Frauenmissionsverein. Dienstag, den 9. November, abends 8 Uhr: Verelnigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. 5 Mittwoch, den 10. November, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. Vormittags Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: Pfarrassistent Hoffmann. 7 Abends ½8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde im Lukassaal und der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. Im Konsirmandensaal(Liebigstraße 56). Nachmittags 2 Uhr: Taubstummen-Gottesdienst. Pfarrer Bechtols heimer.

Wartburg, evangel. Jünglings⸗ und männer⸗verein. Diezstraße 15.) Sonntag, den 7. November: Vortrag. Dienstag, den 9. November, abends 8½¼ Uhr: Bibelstunde. Donnerstag, den 11. November, abends 834 Uhr: Leseabend. Samstag, den 13. November, abends Uhr: Aeltere Abteilung. Gäste stets willkommen. a Bibelkränzchen für schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Abteilung jeden Mittwoch von 6 e Uör, ür die ältere Abteilung jeden Samstag von 67 Uhr im Johannessaal, Bibelkränzchen für Mädchen aus der Johannesgemeinde. Jeden Vieustag von 6-7 Uhr im Johannes sade Sonntags⸗berein für Mädchen.(Diezstraße 15 p.) Jeden Sonntag nachmittag Zusammenkunft.

Evangelischer Gottesdsenst. Kirchberg: Sonntag, den 7. November, vormittags 10 Uhr. (Heil- Abendmahl für Lollar.) Mainzlar: Sonntag, den 7. November, nachmittags 5 Uhr. (Leiliges Abendmahl.) Daubringen: Mittwoch, den 10. November, abends 8 Uhr: Kriegs- betstunde. Dekan Guß mann.

Aatholische Gemeinde.

Gottesdienst. Samstag, den 6. November:

Nachmittags 5 Uhr und abends 8 Uhr Gelegenhelt zur hell. Beichte. f Sonntag, den 7. Nov., 24. Sonnig nach Pfingsten: Vormittags 6 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.

7 Uhr: Heil. Messe. 1 8 Uhr: Austeilung der hl. Kommunion.

9 Uhr: Hochamt mit Predigt. 7 11 Uhr: Hl. Messe mit Predigt. Nachmittags um 47 Ubr: Jungfrauen- Heaation. 8 Nachmittags 6 Uhr: Christenlehre; darauf t für die

Abgestorbenen. Dienstag und Freitag, abends 8 Uhr, ist Kriegsbittandacht.

Diaspora⸗Gottesdienst. Sonntag, den 7. November: In Laubach 10 Uhr. In Lich Uhr.

Für Rheumatiker u. Neuralgieleidende.

In einem Tage von 1 entsetzlichen Schmersen

esreit. Herr Josef Wilhelm, München, schreibt:Seit 2 Monaten litt ich derart an Ischias, daß ich nicht gehen und nicht stehen und das Bett nicht verlassen konnte. Ich hätte aufschreien mögen vor Schmerzen. Kein Mensch glaubt, was ich gelitten habe. Nichts balf mir. Da brachte mir meine Frau aus der Apotheke Togal mit. Die Wirkung war geradezu wunderbar. Nachdem ich nur wenige Tabletten genommen hatte, war ich vollkommen wieder bergestellt. Ich gebe daher jedem Leidenden den Rat sich sofort aus der nächsten Apotheke das überaus billige und unfehlbar wirkende Togal zu besorgen. Niemand wird diese Ausgabe be⸗ dauern. Aehnlich berichten viele andere, welche Togal gegen Rheumatismus, Hexenschuß, Schmerzen in den Gliedern und Ge⸗ lenken sowie bei Influenza und Kopfschmerzen gebrauchten. Es gibt nicht besseres. Alle Apotheken führen Togal⸗Tabletten. Aeld. acet. salie. Chinin Mg. LI. 869488

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Gießener Stadttheater.

Ein Fallissement. Schauspiel von Björnstjerne Björnson.

Daß unsere Bühme diesen Abend bot, und vor allem wie ste ihn bot, das ist geeignet, versöhnlich und befreiend auf die eine oder andere Empfindung zu wirken, die hin und wieder statt des bisher im Spielplan vorherrschenden Tändelschritts ein ernsteres Zeitmaß herbeiwünschte. Einen Befähigungsnachweis war man bisher an der Südanlage nicht schuldig geblieben; deren hat man bereits mehrere erbracht. Aber es galt noch darzutun, daß auch diejenige Sendung, die über das rein Unterhaltende, Zerstreuende, Ab⸗ lenkende hinausgeht, nicht als nachgeordnet angesehen werden soll; dieser Beweis wurde gestern abend angetreten und zwar mit einer darstellerischen Bedeutsamkeit, die gleichzeitig noch etwas anderes war, nämlich die beruhigende Versicherung, daß die ersehnte lite⸗ rarische Kunst sich wirklich nicht zu scheuen braucht, ihr Banner froh und vertrauend im Stadttheater auch in dieser doppelt schweren Spielzeit zu entfalten. Das mochten gestern abend auch unsere Künstler fühlen, daß ihnen aus der Mitte der Zuschauer heraus ein Verstehenwollen und ernstes Anteilnehmen entgegenkam, auf dessen arbeiterleichternde Wirkung jeder reife Erfolg gegründet sein muß; wenigstens waren die Leistungen, die man zu sehen bekam, ohne eine Ausnahme auf das zuversichtliche und bewußte Verlangen zugeschnitten und ausgearbeitet, mit kritischem und nicht nur mit wohlwollendem Maße gemessen zu werden.

Es ist noch nicht gar so lange her, da glaubte man unsere f kite rarische Selbständigkeit gegen die nordische Literatur in Schutz nehmen zu sollen; e es vielfach als eine schwächliche

Schwärmerei, wenn man die Kraft eines Ibsen, einer Lagerlöf, Strindberg und eines Björnson als etwas Unübersteigbares

bewunderte, und es waren Namen von gutem Klang unter denen, die vor dernordischen Literaturinvasion warnen zu müssen glaubten. Man sprach demNorden die Sonne und damit die innerliche Kraft ab. Es hat sich gezeigt, daß die Genannten dem deutschen Wesen nicht haben entfremdet werden können, weil sie ihm zu nahe verwandt sind. In ihren Werken lebt das, was unser Stärkstes und Eigenstes ausmacht, nämlich die magische An⸗ ziehungskraft des Grüblerischen, derIdee. Das wird einem so recht klar, wenn man Selma Lagerlöfs neuestes Buch vom Heim⸗ weh als frischen Eindruck übersinnt und sich unter diesem über die Frage Rechenschaft zu geben sucht, was uns die Skandinavier so wert macht. Das ist nicht nur der unerbittliche Künstlerwille, die dichterische Persönlichkeit, die tiefste Lebenswahrheit, sondern vor allem die germanische Seele, die aus dem Schaffen dieser Leute spricht. Da läßt die Lagerlöf ein Körnchen von Stoff, 000 dazu eines zwischen Traum und Wirklichkeit schwankenden Stoffs, zu einem literarischen Erlebnis ohnegleichen anschwellen, aber dies Erlebnis bedeutet nur einem Germanen ein solches. Dem Ro⸗ manen wäre es Hekuba. Wir wollen nicht abschweifen; die paar Worte sollen nur andeuten, welches Band zwischen uns und den Skandinaviern besteht, und warum wir's so von Herzen be⸗ grüßen, wenn einer von zu uns sprechen durfte. Zu seinem Jugendwerk, das wir gestern hörten, steht das Gesagte freilich in keiner direkten Beziehung, aber zu seiner Person, jenem präch⸗ tigen, scharfäugigen, klaren Charakterkopf mit dem deutschen Wil⸗ bt 155 in Björnsons Sohne als einem aufrechten Vorkämpfer ortlebt. 0

Wie man dem Dichter gerecht würde, ist im ganzen schon gesagt worden. Walter Dworkowskies Spielleitung folgte mit voller Konsequenz und einem in alle Winkel gehenden Eifer der unge⸗ schminkten, überquellenden Lebensfülle des reich angelegten Stückes. Ihm wird die feste Einheitlichkeit der Aufführung, die sich an keiner⸗ lei Krücken weiterzutasten hatte, ganz besonders zu danken sein.

Ebenso glücklich war er in der Wahl der Mittel für seinen Advo⸗ katen Berent. Die rückhaltlose Verzichtleistung auf die äußeren Möglichkeiten der Aufgabe und die stete Betonung der allerein⸗ fachsten Linie brachten etwas zuwege, was Seelenvollständigkeit genannt werden könnte. Wilhelm Hellmuth 89 viel Farben auf seine Palette gesetzt, um der Hauptrolle, dem Kaufherrn Tjälde, gerecht 1 werden. Das breit und sicher angelegte Bild gelang ihm vollkommen. Das zerquälte Sein des Bankerottierers, dessen Gedankenwelt keine einheitliche Reihe mehr bildet, sondern von blitz⸗ artig huschenden Wendungen unruhevoll beleuchtet wird, machte er ebenso klar, wie die reiche Gefühlsskala vom verbissenen Ringen ums Leben und vom verzweifelten Vernichtenwollen bis herunter zur er⸗ lösenden Träne packte und nachempfunden werden konnte. Auguste Frenzel trug das Leid seiner Frau mit ergreifender, durch alle be⸗ herrschte Haltung scheinender Wahrheit. Innerlich warm werden konnte man weiter von dem Sannäs des Herrn. Theiling, der ebenfalls mit schlichtesten Mitteln diesem grundbraven Manne einen echten Gehalt gab. Die Walburg von Anna Rubens sprach in warmen 5 und konnte namentlich durch ein bunstvoll belich⸗ tetes Spiel erfreuen; ihrem Schwesterchen Signe, das viel zu weit aus Sonnenländern herkommt, um soviel Jammer zu tra⸗ gen, lieh Else Burghoff herzliches Leben. Alle anderen Auf⸗ gaben, so namentlich der Waschlappen von Leutnant bei Walter Strom, der biedere, rotnasige Braumeister bei Rudolf Goll und der Konsul Lind bei Arthur Eugens waren gut unter⸗ gebracht. Die ganze Vorstellung hielt sich von Anfang bis zu Ende auf der gleichen, soliden Höhe. All diesen Menschen gönnte man von Herzen die Sonne des letzten Aktes.

Demgegenüber sparte das Publikum mit seiner Anerkennung nicht. Der Eindruck ist berechtigt, als ob man dieser Marsch⸗ musik und diesem Tempo mindestens ebenso gern wie dem beispielsweise des Filmzaubers folgt.

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